Auf großen Spuren wandern

Wenn die Mächtigen der Welt sich mal richtig aussprechen wollen, gehen sie wandern. So sollen sogar die Hitzköpfe Strauß und Kohl zusammengefunden haben. Aber bringt’s das wirklich? Eine Nachbegehung.

Die »charakterlichen, geistigen und politischen Voraussetzungen« Helmut Kohls beeindruckten Franz Josef Strauß nicht besonders. Aber immerhin waren die Voraussetzungen für gemeinsame Wanderungen gegeben.

Foto: Richard Schulze-Vorberg/ Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

Hier sollen die zwei sich entlanggehangelt haben, im Ernst? Der Pfad ist dreißig Zentimeter breit, links Felsen, rechts geht’s hundert Meter steil in die Tiefe, zum Festhalten ein kümmerlicher Draht, mit fragwürdigen Schrauben befestigt. Und da sind Franz Josef Strauß und Helmut Kohl mit ihren durchaus kapitalen Bäuchen rumgestiegen und haben währenddessen die Grundpfeiler der deutschen Politik besprochen? Kann ja wohl nicht sein. Oder eben doch: Wenn man Zeitzeugen glauben darf, fanden die beiden das herrlich. Keine Leibwächter, keine Journalisten,

Strauß und Kohl sind in den Achtzigerjahren regelmäßig zusammen im Wald verschwunden, viele Große der Geschichte sind gemeinsam wandern gegangen. Um unter sich zu sein, um zu reden, um gemeinsam Abstand zur Welt zu finden. Die Frage ist: Kommt man tatsächlich auf andere Gedanken, wenn man zusammen wandert? Dis-kutiert man anders, wenn man es auf Bergpfaden versucht? Wir sind keine Großen der Geschichte, nur zwei Redakteure des SZ-Magazins, aber wir haben uns vorgenommen, mal den Lieblingsweg von Strauß und Kohl zu gehen, um das herauszufinden.

Also stehen wir sehr früh sehr müde an einem sehr heißen Sommertag an der südlichen Grenze Deutschlands, noch hinter Rottach-Egern, in der Valepp, einem Gebirgstal auf 878 Meter Höhe. Hinter uns ein Berggasthof, der seit Jahren leer steht. Vor uns ein Fußweg, der zwei Stunden lang durch dichten Wald führt, an steilen Hängen entlang, hinunter in eine Klamm, am Gebirgsbach entlang zur Erzherzog-Johann-Klause, einer Bergwirtschaft auf österreichischem Gebiet – die auch seit Jahren leer steht. Erste ­Erkenntnis: Von Geisterhaus zu

Der Weg beginnt sanft, noch ist es lang hin bis zu den Pfaden, jetzt erst mal breite Forststraßen, der Tau hängt in den Wiesen, wir marschieren vor uns hin und reden. Über den Alltag, über das Leben. Über ­Kinder, Beruf, Träume, Sorgen, Hoffnungen.

Erkenntnis drei: Ja, das geht hier anders als mittags in der Kantine oder abends beim Bier in der Kneipe. Wir wissen, zwei Stunden hin, zwei Stunden zurück, eine Stunde Pause, wir werden viel Zeit miteinander verbringen.

Der Dirigent Wilhelm Furtwängler wanderte gern mit dem Archäologen Ludwig Curtius. Es heißt, als Curtius einmal sagte, dass er Bachs h-Moll-Messe Beethovens Missa Solemnis vorziehe, habe Furtwängler empört erwidert: »Wenn du so denkst, dann können wir nicht weiter zusammen wandern.« So grundsätzlich wird es bei uns nicht. Trotzdem, jeder von uns erfährt Überraschendes über das Leben des anderen. Erkenntnis vier: Wer gemeinsam wandert, wird offener. Ich hab schon immer davon geträumt, von einer Brücke zu pinkeln. Was war der schrecklichste Moment in deinem Leben? Und die Schuhe, ganz im Ernst?

Als der Philosoph Martin Heidegger 1966 nach langer Anbahnung endlich bereit war, den Spiegel-Gründer Rudolf Augstein zum Interview zu empfangen, wurde auch eine gemeinsame Wanderung zu Heideggers Hütte im Schwarzwald anberaumt. Gesagt, getan, es gibt hübsche Fotos von den beiden, wie sie in Sakko und Krawatte weit ausschreiten. Wir dagegen gönnen uns leichte Bergkleidung (nein, jetzt kein Wort mehr zu den Schuhen).

Die Bäume rücken näher, der Weg wird eng und anspruchsvoll. Mit dem gemütlichen Nebeneinander ist es bald vorbei, meistens müssen wir hintereinander hersteigen. Erkenntnis fünf: Wer zum Reden in die Berge geht, unterwirft sich dem Rhythmus

Das wird damals auch den Hitzköpfen Strauß und Kohl geholfen haben. Einmal, so erzählt es ein früherer Strauß-Mitarbeiter, haben sich die zwei vor lauter Palaver verlaufen. Als sie nicht mehr weiterwussten, entdeckte Kohl auf einer Wiese

Die Möglichkeit haben wir nicht, ist ja alles geschlossen. Hat den Vorteil, dass wir stundenlang niemandem begegnen. Gut so – je einsamer der Pfad, umso weniger Ablenkung. Irgendwann erreichen wir zwei zusammen eine fast buddhistische Ruhe,

Der Weg führt hinunter an den Fluss. Schroffe Felsen, unfassbar klares Gebirgswasser, grün leuchtende Stromschnellen, ein magischer Ort. Es würde einen nicht wundern, wenn hier ein Einhorn aus dem Wald träte. Wir setzen uns in den

Erkenntnis sechs: Man wächst zusammen auf so einer Wanderung. Früher waren wir nicht gerade Kollegen, die einander viel zu sagen gehabt hätten. Jetzt, während wir da erhitzt in der Sonne sitzen und auf den gemeinsam gegangenen

Nicht alle Wanderungen führen zur Verbrüderung. Als Gerhard Schröder und Oskar Lafontaine zusammen an der Saarschleife herumstiegen, gab das schöne Bilder, später passten trotzdem ganze Papierfabriken zwischen sie. Guido Westerwelle und Friedrich Merz wanderten vor elf

Wir machen selber den Messner, verlaufen uns kein einziges Mal (na ja gut, so kompliziert ist der Weg nicht) und halten auf dem Rückweg noch mal die Füße ins Wasser. Dann stapfen wir durch den Hochwald