»Mick Jagger fragte, was wollt ihr denn hier?«

Mit ihm fing alles an: Rock-Pionier Achim Reichel im Interview über seine wilden Anfangsjahre mit den Rattles, Verrat an der Künstlerseele und die Frage, warum sein erfolgreichster Song fast in einer Kiste vergammelt wäre.

Achim Reichels erste Single mit den Rattles erschien 1963, das bisher letzte Album 2019 – kein anderer deutscher Rockmusiker blickt auf eine derart lange Karriere zurück.

Foto: Robin Hinsch

SZ-Magazin: Ihre Autobio­grafie, die gerade erschienen ist, trägt den Titel: Ich hab das Paradies gesehen. Wo liegt es denn, das Paradies?
Achim Reichel: Das trage ich mit mir herum.

Was ist das für ein Ort?
Ein bestimmter Ort ist es gar nicht. Gemeint sind die vielen Glücksmomente, die ich erleben durfte. Mein Leben hat mir die Möglichkeit geboten, etwas aus meinem Talent zu machen und mich auf recht vielfältige Weise musikalisch auszutoben. Oft haben sich die Dinge auf fast schon wundersame Weise gefügt, und ich habe auch für ungewöhnliche Projekte, bei denen anfangs alle skeptisch waren, ein Publikum gefunden. Das empfinde ich im Rückblick in der Tat als paradiesisch. Die Gefahr ist allerdings, dass man sich, wenn man viel Glück hat, irgendwann für den tollen Hecht hält, dem alles gelingt.

Verfasst haben Sie Ihr Buch größtenteils als Passagier auf einem Frachtschiff, das von Hamburg nach Namibia fuhr. Wieso ausgerechnet dort?
Ich habe anfangs versucht, das Buch nebenher zu schreiben. Bis ich nach ein paar Jahren merkte, dass ich viel zu langsam vorankam und irgendwo in Klausur gehen musste. Auf so einem Schiff stört dich keiner, und du kannst auch nicht weglaufen. Hinzu kam, dass ich mich dort auf besondere Weise meinen Vorfahren verbunden fühlte – mein Vater, mein Großvater und der Bruder meiner Mutter waren alle einst zur See gefahren.

Wie hat das Seefahrer-Milieu auf Sie als kleinen Jungen gewirkt, der nach dem Krieg in Hamburg-St. Pauli aufwuchs?
Mein Elternhaus steht in der Hafenstraße, von unserer Wohnung hatten wir den vollen Elbblick. Als Schuljunge saß ich oft mit meinem Flaggenlexikon am Fens­ter, habe die auslaufenden Schiffe beobachtet und gedacht, Wahnsinn, der fährt jetzt hier die Elbe hoch, durch die Nordsee, den Ärmelkanal und übern Atlantik nach Brasilien! Und dann die Postkarten, die wir bekamen: Großvater schrieb aus Australien, Vater aus Ägypten, und Onkel Oskar war vielleicht gerade in Amiland. Bei einem kleinen Jungen sind dadurch ständig Lichter im Kopf angegangen. Manchmal kam es mir vor, als würde ich selbst auf diesen Schiffen mitfahren.

Ihr Vater starb, als Sie acht waren. Was für Erinnerungen haben Sie an ihn?
Leider nur ganz wenige. Ich habe ihn nur ein paarmal ge­sehen – er ist der große Unbekannte in meinem Leben. Als er starb, mit nicht mal fünfzig Jahren, war ich in erster Linie erschüttert darüber, dass meine Mutter so verzweifelt war. Ich habe versucht, sie zu trösten, und nicht umgekehrt.

Haben Sie das Gefühl, dass er Ihnen trotzdem etwas mitgegeben hat?
Sicherlich das Herz, den Sinn für die Seefahrt und eine gewisse Abenteuerlust. Aber vielleicht hätte er auch gesagt: Was willst du machen? Musik? So ein Blödsinn! Letzten Endes bin ich es doch selbst gewesen, der die Chancen ergriffen hat, die sich boten.

Wie sah Hamburg in den Fünfzigerjahren aus?
Viele Ruinen. Vor allem auch im Hafen. Da sah man zerbombte Lagerschuppen, ausgebrannte Güterwaggons, versunkene Schiffe, von denen nur der Schornstein und ein paar Masten aus dem Wasser ragten. Auch das hat meine Fantasie enorm an­geregt.

Und die Vergnügungs­industrie auf St. Pauli?
Die lief längst wieder. Und wir waren mehr oder weniger ein Teil davon. Die Mutter meines besten Freundes arbeitete im »Hippodrom« auf der Großen Freiheit. Und nachdem mein ­Vater gestorben war, hat meine Mutter ein Zimmer unserer Wohnung an Artisten aus dem »Allotria« vermietet, einem Varieté-Theater auf der Reeperbahn. Auf einmal haben Jongleure und Akrobaten bei uns im Flur ihre Nummern geprobt. Da habe ich zum ersten Mal eine Nähe zum Künstlermilieu verspürt und eine Ahnung davon bekommen, dass der Beruf des Kellners, den meine Mutter für mich vorge­sehen hatte – auch Vater war ja Schiffssteward gewesen –, vielleicht doch nicht das Richtige für mich wäre.

Würden Sie sagen, dass der sprichwörtliche Muff der Fünfzigerjahre auf St. Pauli etwas weniger bedrückend über den Dingen lag als im Rest des Landes?
Das denke ich schon. Aber wegen des Hafens war St. Pauli schon immer ein relativ welt­offener Ort. Es war ja auch kein Zufall, dass sich der Rock ’n’ Roll, als er aufs europäische Festland schwappte, ausgerechnet auf St. Pauli festsetzte: Als ich 16 war, gab es quasi vor meiner Haustür schon mehrere Clubs, in denen jeden Abend Rock ’n’  Roll gespielt wurde – den »Kaiserkeller«, das »Top Ten« und das »Indra«. Später kam der »Star-Club« dazu.

Bob Dylan hat mal gesagt, zum ersten Mal Elvis zu hören, sei für ihn gewesen, wie aus dem Gefängnis auszubrechen. War das bei Ihnen auch so?
Bei mir war es Little Richard. Er sang, wie wenn er seinen Dämon ausspucken würde. Das hat mich tief bewegt!

Haben die englischen Bands, die nun in den Clubs von St. Pauli auftraten, Sie und Ihre Freunde auf die Idee gebracht, die Rattles zu gründen?
Ich würde eher sagen: Die haben uns bekräftigt. Wir hatten ja bereits hinter der Reeperbahn in einer Jugendfreizeitstätte einen Übungskeller, wo wir bei null angefangen haben, mit Mutters Tastenradio als Gitarrenverstärker. Als dann die englischen Bands kamen, waren wir schon in der Lage, Vergleiche zu ziehen. Das Tolle war: Man konnte mit denen reden. Man konnte zu Paul McCartney sagen, sag mal, wie geht bei dieser Nummer das Gitarren-Intro, kannst du mir das mal ganz langsam vorspielen?

Wie oft haben Sie damals die Beatles live gesehen?
Das weiß ich nicht mehr. Das war ja nichts Besonderes, wir waren ständig in diesen Clubs, bestimmt mehrmals pro Woche. Die Beatles waren zu der Zeit eine Band von vielen, aber doch einen Tick besser als die anderen.

Der Durchbruch der Rattles kam im Februar 1963, als Sie im »Star-Club« einen Wettbewerb für deutsche Nachwuchsbands gewannen. Hofften Sie da schon, dass dies der Beginn einer Musikkarriere sein könnte?
Nein, überhaupt nicht. Wir waren wilde Minderjährige, die auf der Bühne Gas gegeben haben. Die Musik war ein Hobby, für das wir sogar noch ein bisschen Geld bekamen. Dass sich daraus irgendetwas Längerfristiges ergeben könnte, kam uns nicht in den Sinn. Man war damals ja auch bei den Plattenfirmen überzeugt, dass der Hype um den Rock ’n’ Roll im nächsten Jahr wieder vorbei sein würde.

Was war Ihr schönstes Erlebnis mit den Rattles?
Im gelobten Land der Popmusik angenommen zu werden.

Sie meinen die England-Tour der Band 1964.
Ja, dreißig Doppelkonzerte an dreißig Tagen, mit Little Richard, Bo Diddley und den Everly Brothers. Alle echte Götter für uns. Und die Rolling Stones waren auch noch dabei. Mick Jagger fragte, was wollt ihr denn hier? Als deutsche Band waren wir natürlich das letzte Rad am Wagen. Mit den Stones haben wir uns gestritten, weil wir, genau wie die, Chuck-Berry-Nummern im Programm hatten. Das gefiel denen gar nicht. Aber wir haben uns behauptet und uns einen Platz unter all diesen Weltstars erkämpft.

Wie hat das britische Publikum auf Sie reagiert?
Die fanden unseren Akzent irgendwie schnuckelig, und uns auch, glaube ich. Aber wir waren schon auch eine gute Band. Viel Energie, von der kantigen, eher unbehauenen Sorte.

Im Sommer 1966 mussten Sie zur Bundeswehr.
Und ich war fest davon überzeugt, dass sich keiner mehr an mich erinnert, wenn ich nach 18 Monaten wieder rauskomme. Deshalb habe ich zugestimmt, als meine Plattenfirma mir nahelegte, einen Song zu singen, den ich eigentlich furchtbar fand: Trag es wie ein Mann, die deutsche Version eines Gene-Pitney-Titels. Passt doch wie Arsch auf Eimer, hieß es! So fand ich mich unter Kopfhörern in einem Studio in Berlin wieder, Klaus Doldinger hatte ein Mörder-Playback mit Streichern und Bläsern arrangiert, und ich dachte nur, es hätte mich ja auch mal jemand nach der Tonart fragen können.

Es gibt dazu sogar einen Werbefilm, der Sie in Uniform zeigt. Der Song wurde trotzdem ein Flop.
Zum Glück! Sonst wäre ich vielleicht Schlagersänger geworden, wer weiß. Im Nachhinein muss ich auch sagen, dass die Zwangspause bei der Bundeswehr für mich ganz gut war, weil ich Zeit hatte, mal über einige Dinge nachzudenken.

Worüber denn?
Bis dahin hatte ich alles unterschrieben, was man mir vorlegte, ohne es überhaupt zu lesen. Nun wurde mir langsam klar, wie die Musikbranche funktioniert und dass es viele Möglichkeiten gibt, mit Musik sein Geld zu verdienen. Es macht nämlich einen großen Unterschied aus, ob du nur der Interpret bist oder auch der Komponist und Texter. Und vielleicht sogar der Produzent, der Labelchef oder der Besitzer des Musikverlags. Die andere Sache, die mir nicht aus dem Kopf ging, war ein Kompliment, das mal jemand den Rattles gemacht hatte: Wenn man nicht wüsste, dass ihr aus Hamburg kommt, könnte man denken, ihr seid aus England. Zuerst hatte ich mich darüber gefreut, aber mit der Zeit kamen mir diese Worte doch ein bisschen schal und zweischneidig vor, denn es bedeutete letzten Endes, dass wir perfekte Imitatoren waren. Ab da habe ich mich gefragt, ob es für die Rockmusik vielleicht Anknüpfungspunkte zur hiesigen Kultur geben könnte und wie es möglich sein könnte, die deutsche Sprache in die ganze Sache einzubringen.

Über solche Fragen haben sich ab Ende der Sechzigerjahre auch Bands wie Kraftwerk, Can und Tangerine Dream Gedanken gemacht, die sich von der angloamerikanischen Rockmusik abwendeten. Unter dem Namen A.R. & Machines brachten Sie nun ebenfalls Platten mit experimenteller Gitarrenmusik heraus, die Songs hießen Cosmic Vibration oder Im Zauberwald der 7 Sinne. Fühlten Sie sich als Teil dieser Bewegung, die später »Krautrock« genannt wurde?
Eigentlich nicht. Man gab mir zu verstehen, dass ich nicht dazugehören könne, als früherer Beat-Musiker sei ich irgendwie zu altmodisch für die neue Zeit.

Obwohl Sie erst 26, 27 waren, galten Sie als Mann von gestern?
Komisch, nicht? Dabei waren die Bandmitglieder von Can teilweise deutlich älter als ich. Aber das hat mich nicht besonders gestört. Wichtig war, dass ich mich mit A.R. & Machines zum ersten Mal getraut habe, Musik zu veröffentlichen, die überhaupt nicht auf den Markt schielte. Ich habe diese Platten für mein Musikerherz gemacht, mir von niemandem reinreden lassen und nur meiner Intuition vertraut. Das klingt heute nicht weiter bemerkenswert, war damals, wo noch allmächtige Plattenbosse und Produzenten den Ton an­gaben, aber eher ungewöhnlich.

Im Lauf der Jahre entwickelte sich ein regelrechter Kult um diese anfangs nicht sonderlich erfolgreichen Platten.
Ja, zum ersten Mal merkte ich auf, als Brian Eno in einem Interview erwähnte, wie begeistert er von der Grünen Reise sei, dem ersten Album von A.R. & Machines. Seit Mitte der Neunziger erreichten mich übers Internet viele Anfragen zu dieser von mir eigentlich totgeglaubten Musik, selbst im Freundeskreis unserer Tochter, damals Mitte zwanzig, hieß es auf einmal, die Grüne Reise sei »das Größte«. So kam es, dass ich diese Musik nach über vierzig Jahren noch mal auf die Bühne bringen konnte: Am 15. September 2017 spielten wir ein ausverkauftes Konzert in der Elbphilharmonie, für das sogar Fans aus den USA, England und Holland angereist sind. Da wurde meinem verschmähten Geniestreich eine späte Ehre zuteil.

Auch Ihr nächstes Projekt nach A.R. & Machines klang erst mal ungewöhnlich und unkommerziell: 1976 erschien ein Album mit Rock-Versionen von alten Seemannsliedern.
Mit der Idee bin ich anfangs bei allen Plattenfirmen abgeblitzt. Dabei war Folkrock in England längst ein etabliertes Genre. Den Mut, das selbst mal zu probieren, habe ich mir dort geholt.

Was hat Sie an Seemanns­liedern interessiert?
Das Besondere an Shantys ist, dass sie Volksmusik sind, aber nicht nur aus einem Land stammen, sondern aus ganz vielen Regionen, weil die Schiffe ja in allen möglichen Häfen anlegten. Früher wurde beim Be- und Entladen noch gesungen, und die Matrosen haben hier eine Phrase aufgeschnappt und da eine Melodie und das dann zusammengesetzt und dem Rhythmus ihrer Arbeitsvorgänge angepasst. Dieser multikulturelle Aspekt hat mich unglaublich fasziniert, dazu habe ich im Vorfeld der Platte viel recherchiert.

Haben Sie auch an die Seefahrer in Ihrer Familie gedacht?
Das kam obendrauf. Der Gedanke an meinen Vater und Groß­vater hat die Magie, die diese Lieder für mich hatten, noch verstärkt. Als mein Vater längst gestorben war, hatte meine Mutter mal einen Freund, der nur Plattdeutsch gesprochen hat. Ich dachte immer, das ist ja ein ganz netter Kerl – aber was redet der da? So war mir dieser typische Singsang vertraut, und ich habe auf der Shanty-Platte auch ein bisschen Plattdeutsch gesungen. Die ungewöhnliche Sprachlichkeit der Shantys, dieser Mischmasch verschiedener Sprachen und Dialekte, war für mich der erste Schritt in die Richtung, mich auf Umwegen der eigenen Kultur anzunähern.

Hat der Erfolg der Platte Sie darin bestärkt, nun noch konsequenter Ihrer Intuition zu folgen?
Am Anfang war dieses, ich sag mal, Eigenbrötlertum eher eine Folge der Umstände, denn es gab für das, was ich gemacht habe, keine Autoritäten, die ich um Rat hätte fragen können. Ich gehöre zur ersten Generation deutscher Rockmusiker, es waren also einfach keine älteren Kollegen da! Und in den erlauchten Kreisen des Feuilletons oder Rundfunks hat sich auch niemand für mich interessiert. Ich konnte also entweder tun, was der Trend diktierte und was die Plattenfirmen wollten – oder ich musste mich auf mein eigenes Werteraster verlassen.

Das Konzept Ihres Albums Regenballade von 1978 war erneut ungewöhnlich: Sie haben Balladen von Dichtern wie Goethe, Fontane und Liliencron vertont, darunter Klassiker wie den Zauberlehrling und Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.
Was in den alten Balladen steckt, wurde mir nach dem Shanty-Album klar, als ich Gedichte wie Pidder Lüng und Trutz, Blanke Hans von Detlev von Liliencron zum ersten Mal genauer gelesen habe. Die waren mir in der Schule vielleicht schon mal begegnet, mehr aber auch nicht. Das ist keine verschnörkelte Dichtersprache, merkte ich jetzt, sondern eher wie eine Reportage! Die sprachliche Kraft dieser Werke, zum Beispiel bei den Naturbeschreibungen, fand ich plötzlich ganz toll.

Nun gab es zu diesen Gedichten aber noch keine Melodien. Wie haben Sie die gefunden?
Wir waren im Urlaub in Dänemark, meine Frau, unsere kleine Tochter und ich. Oben am Skagerrak bin ich mit der Akustik­gitarre endlos über menschenleere Dünen gewandert. Und plötzlich waren die Melodien da. Ich musste nicht mühsam überlegen, Moment mal, Ribbeck, wie könnte man denn, wie mache ich das? Nein, die Musik ist mir wirklich zugeflogen. Wenn ich die Platte nicht gemacht hätte, wäre das Verrat an meiner Künstlerseele gewesen. Die Platte hat dann auch weite Kreise gezogen und war sehr erfolgreich – bloß nicht bei den Kritikern. Darf man unseren Dichtern so eine Musik antun, schrieb einer.

Bei der Bundeswehr waren Sie überzeugt, dass Ihre Karriere vorüber sei. Gab es auch den entgegengesetzten Moment? Erkannten Sie irgendwann, dass Sie Ihr Leben lang Musik machen und dauerhaft Erfolg haben werden?
Endgültige Gewissheiten sind selten im Musikgeschäft. Ich habe mich lange von einem Deal zum nächsten gehangelt – da hatte ich nie das Gefühl, ich sitze fest im Sattel, und es bekommt mich keiner runter. Aber ich werde nie ein Bankgespräch vergessen, in dem ich ganz vorsichtig gesagt habe, mit dem Geld dürfe man doch nicht waghalsig werden. Der Bankberater guckte mich verwundert an und sagte: Herr Reichel, Sie brauchen sich doch gar keine Sorgen mehr zu machen! Da wurde mir zum ersten Mal klar: Wenn nicht der große Crash kommt, ist mein Auskommen gesichert, und ich kann im Grunde genommen befreit aufspielen.

Wann war das?
In den späten Achtzigerjahren, kurz nach meiner Zeit mit Jörg Fauser. Bis dahin war ich immer Klinkenputzen gegangen. Jetzt riefen die Plattenfirmen auf einmal von selbst an.

Jörg Fauser war ein deutscher Kult-Autor, der als Wegbereiter der Pop-Literatur gilt. In den Achtzigerjahren hat er etliche Songtexte für Sie verfasst.
Mir war aufgefallen, dass US-Dichter wie Allen Ginsberg oder Shel Silverstein auch Texte für Rockmusiker gemacht haben. Da gab es eine Verbindung, die in Deutschland nicht vorhanden war. Warum? Wo waren die Dichter meiner Generation? Als ich darüber einmal mit einem Bekannten beim Rowohlt-Verlag sprach, drückte der mir bald darauf einen Stapel Lyrikbände in die Hand. Darin entdeckte ich Gedichte von Jörg Fauser.

Was hat Ihnen daran gefallen?
Seinen Ton, seine Sprache fand ich unglaublich. Wie Kino! Sehr bildhaft, nicht angestrengt poetisch, dazu mit hohen Blues-Anteilen. Als ich ihn angerufen und gefragt habe, ob wir mal ver­suchen sollten, zusammen einen Song zu schreiben, war er auf Anhieb begeistert. Ihm gefiel der Gedanke, dass Texte von ihm vielleicht im Radio zu hören sein könnten. Kein Mensch geht doch in den Buchladen und schaut unter »Deutsche Lyrik der Gegenwart«, schimpfte er.

Wie haben Sie Jörg Fauser erlebt?
Er sah unscheinbar aus, war aber von einer enormen Tiefgründigkeit. Wir saßen oft zusammen, haben über alles Mögliche ge­redet, und plötzlich sagte er, du, ich seil mich mal für einen ­Augenblick ab. Nach einer halben Stunde tauchte er wieder auf und legte ein DIN-A4-Blatt mit einem fertigen Gedicht auf den Tisch, das sich – oft nur ganz am Rande – auf irgendetwas bezog, über das wir gerade gesprochen hatten. Bis dahin hatte ich gedacht, große Dichter hat es früher mal gegeben, aber inzwischen sind die alle tot. Fauser war der erste solche Mensch, der in Fleisch und Blut vor mir saß.

Allerdings nahm Ihre Zusammenarbeit ein jähes Ende, als Fauser 1987 starb: An seinem 43. Geburtstag wurde er auf der A 94 bei München von einem Lkw überfahren.
Ich weiß noch, wie ich am Grab stand und Erde auf seinen Sarg warf. Sein Tod ist für mich bis heute unfassbar und unerklärlich.

Haben Sie etwas von Jörg Fauser gelernt?
Unheimlich viel. Ein Schlüsselmoment für mich war die Arbeit am Song Boxer Kutte. Wir saßen ja oft zusammen, ich mit meiner Gitarre, er mit einem Blatt Papier. Ich war immer der Meinung gewesen, keine richtig guten Texte schreiben zu können. Aber jetzt fehlte Fauser ein Reim. »Boxer gehen oft in die Knie / Aber Kutte steht wieder auf …« Wie sollte es weiter­gehen? Ich hatte eine Idee: »Vielleicht: ›Blaue Augen zahlen drauf‹?« Mensch Achim, rief er, du kannst es auch, super! Von ihm nicht nur als Musiker, sondern auch als Texter akzeptiert zu werden, hat mein Selbstwertgefühl enorm beflügelt.

In den Neunzigerjahrenveröffentlichten Sie mehrere Erfolgsalben mit selbst geschriebenen Songs. Dennoch wagten Sie sich 2006 – nach Shantys, klassischen Balladen und zeitgenössischer Lyrik – noch mal an ein anderes Genre: traditionelles deutsches Liedgut wie Am Brunnen vor dem Tore oder Der Mond ist aufgegangen, das Sie für Ihr Album Volxlieder im Rocksound arrangierten.
Treib’s nicht zu doll, dachte ich, daran kannst du dir ganz schön die Finger verbrennen. Volkslieder sind für viele bekanntlich ein rotes Tuch. Aber je tiefer ich da einstieg, desto klarer wurde mir, dass ich das machen musste! Weil etliche deutsche Volkslieder inhaltlich und musikalisch einfach wunderschön sind.

Können Sie ein Beispiel geben?
(singt) »Du, du liegst mir im Herzen, du, du liegst mir im Sinn …« – Das sind schon fast Beatles-Akkorde! Das ist super! Auch textlich haben diese Lieder oft viel Gemüt und eine enorme Tiefe. Aber nach zwei Weltkriegen und dem Holocaust fehlt uns im Umgang mit diesem Teil unseres kulturellen Erbes einfach die Unbeschwertheit. Das ist einerseits verständlich, andererseits seufzt man da schon ein bisschen und denkt, wie schade. Denn diese Lieder können ja nichts dafür.

Auch eines Ihrer Lieder kann man inzwischen wohl als Volkslied bezeichnen. Ihr Titel Aloha Heja He, 1991 erschienen, hat seitdem vor allem in Norddeutschland ein bemerkenswertes Eigenleben entwickelt: Es ist unzählige Male gecovert worden, wird am Lagerfeuer, in Bierzelten und auf Feiern gesungen und dient in Diskotheken im ländlichen Raum als Soundtrack für ein Partyspiel, in dem sich die Gäste auf den Boden setzen und gemeinsam Ruderbewegungen ausführen.
Der Erfolg dieses Liedes ist ein Phänomen, über das ich mich freue, für das ich aber keinerlei Erklärung habe. Da sitzen erwachsene Menschen auf der Tanzfläche, und dann fangen alle an zu rudern! Als ich zum ersten Mal ein Video davon sah, konnte ich es kaum glauben. Dass ein kleines Lied, das fast gar nicht zur Welt gekommen wäre, so etwas auslösen kann, finde ich höchst faszinierend.

Wieso wäre Aloha Heja He beinahe nicht auf die Welt gekommen?
Weil ich die kleine Tonbandspule, auf der ich Anfang der Siebzigerjahre die Musik eingespielt hatte, fast in einer Kiste vergessen hätte. Es war damals so, dass mein Partner Frank Dos­tal und ich eine Single für eine von uns erfundene Gruppe ­namens Hamburger Blues-Gesangsverein produzieren wollten. Für diese Aufnahme-Session komponierte ich mehrere Lieder, allerdings ohne Text, der bestand noch aus »Lalala«. Den Song, der später zu Aloha Heja He wurde, haben wir dann aber gar nicht verwendet. Etliche Jahre später fand ich das Band durch Zufall wieder und dachte, schöne Akkordfolge, mach schnell einen Text drauf und fertig. Dass der Song Hitpotenzial hat, war mir auch da noch nicht klar. Sonst hätte ich wahrscheinlich darauf verzichtet, im Text von »Matrosen am Mast« zu sprechen – das ist nämlich Seemännisch für »Filzläuse«.

Aus diesem Lied stammt die Zeile »Ich hab das Paradies gesehen«, die nun der Titel Ihres Buches ist. Dass ein Lied derartige Kreise zieht und so viele Menschen erreicht – ist das einer der Glücksmomente, über die Sie am Anfang sprachen?
Das war ein Geschenk des Himmels. Irgendjemand wollte das so. Mit meiner Intuition hatte es diesmal allerdings nichts zu tun. Wenn ich geahnt hätte, was das für eine Nummer ist, hätte ich die schließlich nicht über 15 Jahre in der Kiste liegen lassen.