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aus Heft 16/2009 Grüne Themen/Ökologie

»Die Ökoarchitektur kann viel vom Bauhaus lernen«

Thomas Bärnthaler (Interview) 

Hausbau und Umweltbewusstsein – das müsste längst völlig selbstverständlich zusammengehören. Aber von wegen. Der Wissenschaftshistoriker Peder Anker könnte glatt verzweifeln, doch zum Glück weiß er um den Vorbildcharakter der Bauhaus-Architektur.


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(Im Bild: Der Gebäudekomplex "Biosphäre" in Arizona simulierte ein geschlossenes Ökosystem und hatte bedeutenden Einfluss auf die Ökoarchitektur)


SZ-Magazin: Herr Anker, in Ihrem neuen Buch behaupten Sie, das Bauhaus sei der Ursprung ökologischen Bauens. Das hätten wir so jetzt nicht erwartet.
Peder Anker: Das Bauhaus wollte Kunst und Wissenschaft vereinen. Alle Bauhaus-Meister ließen sich bei ihren architektonischen Projekten von Mathematik und Physik inspirieren, aber eben auch von Biologie, Ökologie und Psychologie. Als das Bauhaus 1935 nach London umzog, trafen Walter Gropius und László Moholy-Nagy dort auf führende Biologen und Ökologen ihrer Zeit wie Julian Huxley, H. D. Wells, Max Nicholson. Das blieb nicht ohne Folgen.
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Was war das Ökologische an der Bauhaus-Architektur?
Die kompakte Bauweise, die wenig raumgreifend war und so kaum in die Landschaft eingriff. Die Ökologen von damals bewunderten das Luftige, das Helle, das Saubere der Bauhaus-Architektur, weil es für sie ein gesundes Ambiente darstellte, das dem Wohl der Bewohner zugutekam. London hatte mit Smog zu kämpfen, mit Krankheiten wie Tbc, Asthma, es gab Slums, es stand noch das Überleben der Spezies Mensch auf dem Spiel. Das gilt heute zwar umso mehr, doch nur wenige, die sich Sorgen machen wegen der Erderwärmung, haben dabei unbedingt den Menschen im Sinn. Da hat sich was verändert zu damals.

Gerade Linien, weiße Wände, standardisierte Möbel – man kann diese Ästhetik auch funktionalistisch, ja kühl nennen.
Das ist eben nur die eine Seite der Wahrheit. Das Bauhaus war auch sehr humanistisch, ja geradezu romantisch. Es hatte immer den ganzen Menschen im Blick. Die Bauhaus-Meister interessierten sich nicht nur für die Technik der industriellen Fertigung, sondern eben auch für Sigmund Freud, für Bio-logie. Moholy-Nagy machte einen Film über Hummer, dessen Schalenpanzer er als architektonisches Vorbild empfahl. Außerdem war er besessen von den Ideen des Biologen Raoul H. France und dessen Buch Die Pflanze als Erfinder aus dem Jahre 1920.

Gibt es Beispiele, wo das zur Anwendung kam?
Moholy-Nagy war ja selbst kein Architekt, aber nehmen Sie den Pinguin-Pool im Londoner Zoo mit seinen geschwungenen Rampen oder den runden Balkon, ein Markenzeichen des späteren Bauhauses – sehen sie nicht ein wenig aus wie die Entsprechung von Blättern in der Architektur?

Wann kam das Umweltbewusstsein ins Spiel?
Es lässt sich in der Architektur bis in die Antike zurückverfolgen. Der Gedanke aber, dass Bauten dem Wohl von Mensch und Natur dienen sollten, wurde im späten Bauhaus zum ersten Mal zum Prinzip erhoben. Als Gropius 1937 in Harvard lehrte, galt sein Hauptaugenmerk der Zersiedelung, die er geißelte. Auch Moholy-Nagy wandelte sich später in Chicago zum Umweltaktivisten, der von grünen Großstädten träumte.

Es führt also eine Linie vom Bauhaus zur Ökoarchitektur von heute?

In gewisser Weise ja. Verloren ging allerdings der humanistische Ansatz des Bauhauses, der immer von der Würde des Menschen ausging. Die heutige Ökoarchitektur verfolgt einen sehr engstirnigen technologischen Standpunkt: Wie viel CO2 kann das Haus sparen? Kann es selbst Energie erzeugen? Die Frage aber, wie sich ein solches Gebäude in die Umgebung, in die Gemeinde einfügt, ob es schön ist, oder Menschen sich darin wohlfühlen, wird kaum gestellt. Nehmen Sie zum Beispiel den Potsdamer Platz, den Renzo Piano nach ökologischen Maßstäben entworfen hat.

Er gilt als ökologisch korrektes Vorzeigeobjekt.
Eben. Da gibt es den Piano-See für das Mikroklima, einen kleinen Platz für Vögel, Rasenflächen, umweltgerechte Baustoffe, begrünte Dachflächen, um das Regenwasser aufzufangen. All das geschah in guter Absicht, doch der Potsdamer Platz hat ein Ziel verfehlt – er ist kein kommunikativer Ort. Bei all der Sorge ums Habitat, das Mikroklima und den CO2-Ausstoß hat man vergessen, dass Architektur auch dem Menschen dienen muss. Man kann den Fluss nicht überqueren, man kann sich nirgends hinsetzen, der Platz bleibt abweisend.

Lesen Sie auf der nächsten Seite wie die Idee des autonomen Hauses geboren wurde.
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