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aus Heft 10/2011 Die Gewissensfrage

Passt schon?

Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustrationen: Marc Herold

Seltsame Sitten, laute Rasenmäher, fremde Religionen: Ohne Toleranz kommt keine moderne Gesellschaft aus. Aber warum ist es so hart, wirklich tolerant zu sein? Unser Moralkolumnist über die schwierigste aller Tugenden.

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Glaubenskämpfe: Wer meinte, sie seien hierzulande überwunden, reibt sich derzeit verwundert die Augen. Zwar geht es nicht mehr um den Kampf der christlichen Konfessionen untereinander, dafür beherrscht nun plötzlich ein anderes Thema die Debatten: Islam, Islamkritik, Islamkritik-Kritik, Kritik der Islamkritiker an der Islamkritik-Kritik. Mitten in einer aufgeklärten Gesellschaft wird wieder verbissen um Religion gestritten.

Dabei geht es doch eigentlich um Toleranz. Die einen verweisen auf Lessings Nathan der Weise mit der bekannten Ringparabel, die Toleranz unter den Religionen einfordert. Man darf nicht alles tolerieren, sagen die anderen. Und der Streit geht verbissen weiter.

Wieso scheiden sich gerade an der Toleranz der Religionen die Geister so sehr? Auch dem Nahostkonflikt zwischen Israel und seinen Nachbarn liegen ja neben nationalen auch religiöse Konflikte zugrunde, und im ehemaligen Jugoslawien fanden die blutigsten Gefechte und Massaker entlang von Glaubensgrenzen statt. Selbst innerhalb der Europäischen Union, in der viel beschworenen »Wertegemeinschaft« des gemeinsamen Hauses Europa, gab es bis vor wenigen Jahren blutige Gefechte zwischen religiösen Gruppen, sogar zwischen christlichen Konfessionen: den Nordirlandkonflikt mit seinem Kampf zwischen Katholiken und Protestanten.
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Nun könnte man über diese Beobachtungen schnell hinweggehen und sagen: Wenn man von etwas so überzeugt ist wie von seinem Glauben, dann tut man sich schwer mit Toleranz. Und besonders schwer fällt das den eigentlich verwandten drei monotheistischen Religionen. Andere Religionen, die viele Götter haben und nicht das Gebot: »Du sollst keine anderen Götter neben mir haben«, können mit konkurrierenden Glaubensrichtungen leichter umgehen.

Ich behaupte, das Problem wurzelt tiefer. Sicher fällt es in Glaubensdingen vielleicht besonders schwer, Andere und Anderes zu tolerieren, aber bei diesen Konflikten dürfte es um das Wesen der Toleranz als solche gehen. Sie ist schwieriger als andere moralische Forderungen, weniger greifbar – deshalb kann man sie auch so gut beschwören, ohne allzu konkret zu sein in der Umsetzung. Sie ist aber auch in sich problematisch, denn sie muss zum einen Widerstand überwinden und hat zum anderen Grenzen, an denen sie ins Negative kippen kann.

Widerstand gegen die Toleranz
Ein Widerstand gegen eine Tugend scheint im ersten Moment nicht so überraschend: So manche Dinge, die die Moral von uns fordert, macht man zunächst nicht gerne, selbst wenn es sich um die alltäglichen Kleinigkeiten handelt. Wer trennt schon gerne Müll? Aber das ist nicht gemeint. Nein, in die Toleranz ist die Ablehnung sozusagen eingebaut. Man muss sich klarmachen, dass man tolerant nur gegenüber etwas sein kann, das man im Grunde ablehnt. Ein Christ kann dem Christentum gegenüber ebenso wenig tolerant sein wie ein Moslem dem Islam. Anders hingegen zwischen den verschiedenen Religionen oder auch nur Konfessionen: Ein Katholik kann einem Protestanten gegenüber tolerant sein, ihn gewähren lassen und ihn nicht wie im Dreißigjährigen Krieg oder in Nordirland seines Glaubens wegen töten wollen – wie auch umgekehrt.

Manche Ethiker meinen sogar, es müsste etwas sein, was man moralisch ablehnt, also für falsch, unmoralisch hält. So weit muss man vielleicht nicht gehen, aber die Ablehnung scheint ein notwendiger Bestandteil der Toleranz zu sein.

Warum überhaupt Toleranz?
Was aber kann einen Menschen dann dazu bewegen, Toleranz zu üben? Gegen seine Ablehnung? Dafür gibt es einen ganz praktischen Grund und eine ganze Reihe von grundsätzlichen Überlegungen.

Der praktische Grund ist, dass ohne ein Minimum an Toleranz, an Akzeptieren des Andersseins, das Leben zur Hölle würde. Jeder ist auf irgendeine Art anders. Das beginnt mit den Geschlechtern. Selbst wenn man sich traditionell auf zwei Geschlechter festlegt, bedeutet das, dass man mit der Hälfte der Bevölkerung zumindest in einem wichtigen biologischen Aspekt nicht übereinstimmt. Man mag bei noch so vielen Aspekten des Lebens zur Mehrheit gehören, in irgendeinem Punkt tut man es nicht.

Und grundsätzlich kommt man um die Toleranz nicht herum, wenn man jeden Menschen als frei und mit gleichen Rechten versehen betrachtet. Wie soll man einem anderen Menschen die Entscheidung für eine bestimmte Einstellung, Haltung oder Lebensweise verbieten, wenn man für sich selbst in Anspruch nimmt, seine eigene Einstellung, Haltung oder Lebensweise zu haben?

Selbst wenn man sich im Besitz der absoluten Wahrheit wähnt, müsste man seinen Mitmenschen, wenn man sie als frei und gleichberechtigt ansieht, zugestehen, sich irren zu dürfen. Im Endeffekt lässt sich die Notwendigkeit der Toleranz auch auf die zugegebenermaßen etwas strapazierte Menschenwürde zurückführen: Wenn jeder Mensch sein eigener Zweck ist und nicht zum Mittel gemacht werden darf, dann muss er sich auch seinen eigenen Zweck aussuchen können, mit den Worten Kants: sein eigener König im Reich der Zwecke sein. Und er hat ein Recht darauf, dass er als Mensch, und der Zweck, den er sich ausgesucht hat, von den Anderen geachtet wird. Nicht unbedingt geschätzt, aber geachtet.

Und schließlich darf man den möglichen Gewinn aus der Toleranz nicht übersehen. Nur durch die Offenheit, das Gewährenlassen, kann man andere Sichtweisen kennenlernen, prüfen und sich dann entscheiden, ob sie oder Teile davon nicht eine Bereicherung für das eigene Leben darstellen. Man muss nichts übernehmen, aber wenn man es von vornherein nicht gelten lässt, nimmt man sich die Möglichkeit dazu.

Spätestens hier will man wissen, was Toleranz nun genau ist, und wird überrascht sein: Es gibt keine allgemein anerkannte Definition. Das Lexikon der Ethik definiert sie so: »Toleranz meint das Gelten- und Gewährenlassen (passive Toleranz), besser noch: die Achtung, sogar freie Anerkennung (aktive und kreative Toleranz) andersartiger Anschauungen und Handlungsweisen.«

Die Enzyklopädie Philosophie gibt folgende Auskunft: »Toleranz bezeichnet allgemein das Dulden oder Respektieren von Überzeugungen, Handlungen und Praktiken, die einerseits als falsch und normabweichend angesehen werden, andererseits aber nicht vollkommen abgelehnt und nicht eingeschränkt werden.« Und der Brockhaus erläutert: »Toleranz. Duldsamkeit, das Geltenlassen anderer Anschauungen, besonders in religiösen, politischen und ethischen Fragen.«

Tatsächlich kommt das Wort Toleranz aus dem Lateinischen und bedeutet dort eher »dulden« oder »ertragen« als eine positive Einstellung. In diesem Sinne ist auch Goethes berühmter Satz aus seinen Maximen und Reflexionen zu verstehen: »Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: Sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen.«

Moderne Auffassungen von Toleranz haben sich davon gelöst und fordern mehr als ein Erdulden. Der Frankfurter Philosoph Rainer Forst stellt in seinem Standardwerk Toleranz im Konflikt ihre Komponenten dar. Ihm zufolge beinhaltet die Toleranz eine Ablehnungs-Komponente: Man muss das, was man toleriert, im Grunde ablehnen, verurteilen, also gerade nicht mögen. Dazu tritt dann die Akzeptanz-Komponente: Man findet es zwar falsch, aber nicht so falsch oder schlecht, dass nicht andere, positive Gründe für die Tolerierung sprächen. Dies wirft die wichtige Frage auf, wie es richtig oder moralisch geboten sein kann, etwas, was man für falsch oder schlecht hält, zu tolerieren. Daneben sieht Forst natürliche Grenzen der Toleranz, die das Tolerierbare vom Nichttolerierbaren trennen und sich in einer Zurückweisungs-Komponente niederschlagen. Und schließlich muss Toleranz aus freien Stücken geübt werden: Wer keine Möglichkeit hat, seine Ablehnung zu äußern oder etwas zu unternehmen, ist deshalb noch lange nicht tolerant, sondern machtlos.


Die Stufen der Toleranz

Ausgehend von diesen Komponenten unterscheidet Forst vier verschiedene Konzeptionen, man könnte auch sagen Formen oder sogar Stufen der Toleranz. Die einfachste ist die Erlaubnis-Konzeption. Die Mehrheit gestattet der Minderheit das Verhalten, die Einstellungen, die Wertvorstellungen, die von denen der Mehrheit abweichen. Dies entspricht am ehesten dem wörtlichen »dulden«, das hinter dem Wort »Toleranz« steckt. Die Erlaubnis-Konzeption ist typisch für den Umgang mit religiösen Minderheiten, wie man ihn aus der Geschichte kennt, wenn eine Minderheitsreligion in einem Land zugelassen wurde, aber nie als gleichwertig anerkannt. Davon kann man eine Koexistenz-Konzeption abgrenzen, bei der etwa gleich starke Gruppen sich geeinigt haben, um den Konflikt zu vermeiden, in einer Art Waffenstillstand nebeneinander zu leben. Auch hier steht das Dulden oder Ertragen des Anderen und seiner Einstellung im Vordergrund. So etwa gestaltete sich das Verhältnis von Katholiken und Protestanten in Deutschland nach dem Westfälischen Frieden von 1648: Die beiden großen Konfessionen sollten vor allem aus pragmatischen Gründen gleichberechtigt nebeneinander bestehen dürfen, ohne dass das eine inhaltliche Annäherung bedeutete.

Einen wirklichen Unterschied dazu bietet erst die Respekt-Konzeption. Bei ihr geht es nicht nur um ein Ertragen des Anderen, sondern um ein Anerkennen und Achten als gleichberechtigt. »Respektiert wird die Person des Anderen, toleriert werden seine Überzeugungen und Handlungen«, formuliert Forst. Das entspricht dem Umgang, den Parteien und Abgeordnete in einer funktionierenden parlamentarischen Demokratie miteinander pflegen – oder zumindest pflegen sollten. Noch weiter geht die Wertschätzungs-Konzeption, bei der die Andersdenkenden nicht nur als gleichberechtigt respektiert werden, sondern ihre Überzeugungen als wertvoll geschätzt. Diese Form der Toleranz müsste man eigentlich im Verhältnis verschiedener Religionen zueinander erwarten, die zwar unterschiedliche Glaubensformen pflegen, aber den Glauben des Anderen nicht nur respektieren, sondern als Ausdruck einer – wenn auch anderen Form von – Spiritualität aufrichtig wertschätzen müssten.
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Dr. Dr. Rainer Erlinger

hat ein neues Buch geschrieben: »Moral. Wie man richtig gut lebt« ist im S. Fischer-Verlag erschienen. Am 21. März stellt der Autor sein Buch im Münchner Literaturhaus vor.

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