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aus Heft 44/2011 Essen & Trinken

Schaum vorm Mund

Andreas Bernard  Foto: Fabian Zapatka

Vor genau 15 Jahren kam ein harmloses italienisches Getränk nach Deutschland. Warum haben sich alle so darauf eingeschossen?


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Wer ist diese Frau? Eine typische Latte-macchiato-Mutter, die es sich gut gehen lässt? Eine Zugezogene, die die einst fairen Mieten im Viertel hochgetrieben hat? Wer einen Latte macchiato trinkt, muss immer auch etwas anderes verkörpern als eine bloßen Kaffeehausbesucher.


Das Datum lässt sich nicht mit letzter historischer Genauigkeit bestimmen. Aber eine Reihe von Indizien spricht dafür, dass jenes Getränk, das wie kein zweites zu einem allgemeinen Feindbild geworden ist, in diesen Wochen ein Jubiläum feiert: Der Latte macchiato in Deutschland wird 15! Bis Mitte der Neunzigerjahre gab es in München – der Stadt, in der die deutsche Erfolgsgeschichte des Getränks begann – nur eine Handvoll italienischer Espressobars: das »Segafredo« in der Residenzstraße, 1991 als erstes Lokal dieser Art eröffnet, später dann zwei kleine, schlauchartige Bars in einer Passage der Fußgängerzone und an der Münchner Freiheit. Dort wurden aber nur Espresso und Cappuccino serviert, und es galt schon als Ereignis, dass der Cappuccino mit einer Haube aus Milchschaum kam und nicht aus Schlagsahne, wie es in den Tchibo-Filialen und Konditoreien oft noch üblich war. Im Jahr 1996 dann machten in München fast zeitgleich zwei neue Espressobars auf, eine »Segafredo«-Filiale am Rindermarkt im Sommer und das winzige »Café Bussone« an der Großmarkthalle im November. Dort bot man, wie sich die damaligen Geschäftsführer erinnern, von Anfang an auch ein Getränk namens Latte macchiato an, das in den ersten Monaten keiner bestellen wollte, danach aber wurde es rasch zum Verkaufsschlager.

Ein hohes, schmales Glas, gefüllt mit drei Schichten aus Milch, Espresso und Milchschaum, die sich wegen ihres unterschiedlichen Gewichts nicht vermischen: Wie konnte es geschehen, dass auf dieses zunächst völlig unschuldige Heißgetränk, in Italien vorwiegend für Kinder gedacht, im Lauf der Jahre eine solche Masse an Zuschreibungen eingeprasselt ist? Heute gilt der Latte macchiato unter anderem als Metapher für die Gentrifizierung von Stadtteilen, für den Lebensstil freiberuflicher Akademiker, für die Struktur moderner Familien und für einen grundsätzlichen Hang zu Phlegma und Substanzlosigkeit. Als gäbe es eine natürliche Verbindung zwischen einem Kaffee-Milch-Gemisch und komplexen städtebaulichen und soziologischen Theorien, wird sein Name in Essays, Theaterstücken oder Songtexten inzwischen fast reflexhaft eingesetzt. So erklärt sich auch die Fülle neuer Wortkompositionen, die gerade im Umlauf sind: Die Latte-macchiato-Mütter. Die Latte-macchiato-Familien. Das Latte-macchiato-Milieu. Die Latte-macchiato-Generation. Die Latte-macchiato-Bourgeoisie. Die Latte-macchiato-Linke. Die Latte-macchiato-Kultur. Die Latte-macchiato-Moderne. Mehr muss man nicht sagen, die Assoziationen sind jedem vertraut.

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Wie genau ist es zu dieser Stigmatisierung gekommen? Der Cappuccino etwa, der lange Zeit die italienische Lebensart in Deutschland verkörperte, war immer nur ein Cappuccino: allenfalls ein Sehnsuchtsbild, ein Vehikel mediterraner Verführungskunst, wie es vor zwanzig Jahren der berühmte Werbespot für den Cappuccino von Nescafé mit Herrn Angelo nahelegte (»Isch abe gar kein Auto«). Aber die Bedeutungen und Images des Cappuccinos haben seinen Status als bloßes Getränk nie überlagert. Ähnliches gilt für den »Milchkaffee« in großen Tassen und Schalen, der seit Anfang der Achtzigerjahre in den Cafés der Großstädte und in den WG-Küchen getrunken wurde. Natürlich war er häufig Gegenstand des Spottes, über die ewig frühstückenden Langzeitstudenten etwa, aber dieser Spott hat es nie von der Ebene des rein Privaten zu einer politischen Diagnose gebracht.

Ganz anders dann das Schicksal des Latte macchiato – obwohl die öffentliche Resonanz auf die neue Kaffeevariante im Rückblick erstaunlich lang auf sich warten ließ. Es bedurfte erheblicher Anlaufzeit, bevor das Getränk überhaupt zu einer gängigen Option in den Cafés wurde; noch im Jahr 1999 ist in den Gastro-Rubriken der Stadtzeitungen von »modischem Firlefanz wie Latte macchiato« die Rede oder von »neuartigem Schnickschnack«. Judith Hermanns Erzählband Sommerhaus, später von 1998, der heute als paradigmatisches Buch über die Desorientierung junger Berlin-Bewohner um die Jahrtausendwende gilt, spielt noch in einer völlig Latte-macchiato-losen Zeit, auch wenn die Leute in den Geschichten einander Espressomaschinen schenken und ständig Sätze fallen wie: »Wir sitzen einen Nachmittag lang im Café« oder »Ich saß nutzlos in Cafés herum«.
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Andreas Bernard

, 42, fragt sich, warum es im goldenen Zeitalter der Kaffeehausliteratur vor hundert Jahren so wenig Aggressionen gegen Leute gab, die stundenlang vor einer Melange saßen und schrieben. Die analoge Boheme hatte es offenbar leichter als die digitale heute.

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