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aus Heft 50/2011 Internet

Moment mal!

Sascha Lobo  Illustration: Dirk Schmidt

Um Datenmissbrauch zu bekämpfen, forderte Christian Nürnberger letzte Woche im SZ-Magazin: Facebook verstaatlichen, Google zerschlagen. Aber so einfach ist es nicht.

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Zu viel Gefühl: Die Desinformiertheit vieler Internetkritiker arbeitet den Konzernen in die Hände, klagt unser Autor.


Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist die Welt so komplex geworden, dass der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien ausreicht, um in China einen Sack Reis umfallen zu lassen. Und da ist die überkomplexe Finanzwelt noch gar nicht hineingerechnet oder die hyperkomplexe digitale Welt. Aus diesem Grund ist das Genre der schriftlichen Welterklärung in den vergangenen Jahren geradezu explodiert. In Blogs und Büchern wird wortreich dargelegt, wie die Welt gefälligst zu funktionieren habe, um dem Erklärungsmodell des Autors zu entsprechen. Zum Schaumkrönchen der Welterklärung ist der gefühlige Essay geworden. Schon Kurt Tucholsky hatte für die Essayisten wenig übrig: »Das Maul schäumt ihnen vor dem Geschwätz, und im Grunde besagt es gar nichts. Wer so schreibt, denkt auch so und arbeitet noch schlechter. Es ist eine Maskerade der Seele.«

Aber nicht der Essay an sich ist das Problem, sondern der Irrglaube, in einer komplexen Welt – zum Beispiel der digitalen – würden Anekdoten, Gefühle und Meinungen vollständig ausreichen, um diese Welt zu erklären. Unnötige Fakten, lästige Kausalitäten und der Bezug auf die öffentliche Diskussion zum Thema verwirren die Leser sowieso nur. Für welterklärerische Essays deshalb viel besser geeignet sind die drei Teufel, die den Markt der Welterklärung revolutioniert haben:

• der Teufel anekdotische Evidenz. Dabei wird ein einzelner, am besten selbst erlebter Sachverhalt als Beweis benutzt, und zwar als Beweis für alles.

• der Teufel Großbehauptung. Die Großbehauptung wird – gern als Analogie oder Metapher – derart monolithisch in den Raum gestellt, dass dem Leser kaum der fehlende Bezug zur Realität auffällt. Je größer die Großbehauptung wirkt, desto besser, dann wird sie weniger hinterfragt.

• der Teufel Weltforderung. Die Weltforderung ist genau das, wonach sie sich anhört, also eine Forderung an die Welt. Und sie ist auch genauso nutzlos, nichtssagend und folgenfrei, wie sie sich anhört. Der Unterton der Empörung soll der Weltforderung Substanz verleihen.

Mit diesem Instrumentarium lassen sich aus dem sehr weichen Essayistensessel heraus Vermutungen anstellen, zum Beispiel über das Internet. Und warum auch nicht? Mit Recht empfindet ein Teil der Bevölkerung ein gewisses Misstrauen gegenüber dem Internet, denn täglich berichten die Medien, dass Google krakenartig und Facebook praktisch illegal ist. Und wie könnte man Diffusität besser transportieren als mit einem schwungvollen Essay?

Leider ist alles viel komplizierter. Wenn man anfängt, einen aktuellen Text zum Internet zu lesen, könnte er veraltet sein, bevor man bei der letzten Zeile angelangt ist. Schon 2005 spielte die damals weltgrößte Fotocommunity Flickr alle dreißig Minuten eine neue Softwareversion auf die eigene Seite – aufs Jahr hochgerechnet wären das weit mehr als 15 000 Versionen. Und dieser Takt hat sich seither noch intensiviert. Heutige Plattformen im Netz werden praktisch in Echtzeit weiterentwickelt. Das wiederum macht es selbst Sachkundigen schwer, Funktionen und Wirkungen in den richtigen Kontext zu setzen. Eine digitale Gesellschaft entsteht, und ihre Regeln und Strukturen werden von Programmierern in Algorithmen gegossen, in jeder Minute neu. »Code is law«, nannte der Netzvordenker und Juraprofessor Lawrence Lessig diesen Zusammenhang.

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Lessig sieht im geschriebenen Code das Reglement der digitalen Öffentlichkeit und damit auch der Unterscheidung zwischen öffentlich und privat. In der heutigen Gesetzgebung findet man viele Bausteine, die sich auf private oder öffentliche Daten und deren mediale Vermittlung beziehen: die politische Willensbildung, die Pressefreiheit, die freie Entfaltung der Persönlichkeit. Die digitale Öffentlichkeit aber findet weitgehend auf privaten Servern statt und wird durch privat erstellte Algorithmen gelenkt. Sie wird durch private Datenleitungen geschleust und mit privaten Geräten angesteuert. Zwar gibt es privat-wirtschaftlich organisierte Medien und Kommunikationswege schon lange. Aber eine normale Telefongesellschaft hat keine faktische Macht darüber, welche Worte gesagt werden dürfen und welche nicht. Es mag paradox klingen, aber die digitale Öffentlichkeit ist ein privatwirtschaftlich organisiertes Gut. Und daraus ergeben sich eine Reihe von Fragen. Eine der wichtigsten und spannendsten lautet: Was zählt im Zweifel mehr – das Grundgesetz oder die Allgemeinen Geschäftsbedingungen von Facebook?

Facebook zum Beispiel kontrolliert über detaillierte Algorithmen, welche Inhalte die Nutzer zu sehen bekommen. Laut qualifizierten Schätzungen sind es nur etwa zehn Prozent der von den Kontakten eingestellten Inhalte – sonst wäre es auch zu viel. Aber welche zehn Prozent sind das, und wie genau werden sie ausgewählt? Darüber schweigt Facebook weitgehend. Werden Beiträge mit bestimmten Wörtern – etwa Schimpfwörtern – den Kontakten seltener oder nie angezeigt? Wird zum Beispiel eine Verlobung zweier Männer in Ländern nicht angezeigt, in denen Homophobie verbreitet oder gar Homosexualität verboten ist? Werden Links zu politischen Seiten in ihrer Verbreitung beeinflusst? Dazu kommt, dass es das eine Facebook nicht gibt, sondern sich der Informationsfilter der Person und ihren Interessen anpasst. Wer niemals auf die politischen Links seiner Freunde klickt, sieht weniger Politik. Wer ständig Katzenfotos kommentiert, bekommt mehr Katzenfotos präsentiert. Solche oder ähnliche verborgenen und unklaren, aber gesellschaftsformenden Details existieren bei jedem der großen, marktbeherrschenden Digitalkonzerne – Amazon, Apple, Facebook und Google. Das deutet darauf hin, dass eine Ablehnung von Intransparenz und fehlender Kontrolle durch die Nutzer richtig ist.
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Sascha Lobo

, 36, arbeitet als Autor und Strategieberater in Berlin. Seit Jahren beschäftigt er sich mit der Frage, wie das Internet unsere Gesellschaft verändert, unter anderem in seinem Blog saschalobo.com

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