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aus Heft 02/2012 Gesellschaft/Leben

Pionier der Selbstoptimierung

Thomas Steinfeld   Fotos: Werner Krämer; privat

Wie werde ich glücklich? Womit sich heute eine ganze Industrie beschäftigt, hat eigentlich der Münchner Gustav Grossmann erfunden: Im Jahr 1927 entwarf er eine methodische Anleitung zur Selbstverwirklichung, die ihm Tausende (prominenter) Anhänger und jede Menge Geld einbrachte.

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Sah aus wie ein Texaner, dachte wie ein Amerikaner, war aber Deutscher: Gustav Grossmann, den man heute wohl als »Coach« bezeichnen würde.


In den Schnellzügen der Deutschen Reichsbahn soll es in den frühen Dreißigerjahren immer wieder zu folgenden Begegnungen gekommen sein: Ein gut, aber schlicht gekleideter Herr bezog den für ihn reservierten Platz in der ersten, der gelben, oder in der zweiten, der grünen Klasse, richtete sich mit seinen Zeitungen und Mappen ein und zog dann, nachdem er eine Weile aus dem Fenster geschaut hatte, einen Stift und ein kleines Heft mit einem orangefarbenen Ledereinband hervor, das von einer bronzefarbenen Metallspange zusammengehalten wurde. Der Mann gegenüber, nicht minder sorgfältig angezogen, wurde des Heftes gewahr und sprach seinen Reisegenossen an: »Verzeihen Sie, auch Sie sind ein Anhänger Dr. Grossmanns?« Und bald entspann sich ein lebhaftes Gespräch, in dem jeder von den Erfolgen erzählte, die er dem Münchner Schriftsteller Dr. Gustav Grossmann zu verdanken meinte. Das schmale Heft ist der Prototyp all der mehr oder minder voluminösen Ringbücher, die heute in großen Mengen und unter Namen wie »Chronoplan«, »Time/System« oder »Filofax« zum Zweck der Zeitplanung verkauft werden. Und Dr. Gustav Grossmanns Lehre ist der Anfang aller Theorien vom effizienteren Umgang mit sich selbst, wie sie heute eine eigene Branche innerhalb der Management-Schulung bilden.

»Doktor der Philosophie und Magister der Freien Künste, Erfinder, Schriftsteller und Fischermeister« steht über einem Lebenslauf Gustav Grossmanns, den einer seiner späten Kollegen und Bewunderer veröffentlicht hat. Auf den wenigen Bildern, die sich von ihm finden lassen, sieht man einen knorrigen älteren Mann mit einer langen Nase, der skeptisch, aber nicht unfreundlich in die Kamera guckt. Manchmal trägt er einen großen Hut. »Planmäßiges Handeln«, lautete sein Credo: »Erst das Ziel erarbeiten, / dann die Mittel zum Ziel / durch den klug und sorgfältig durchdachten Plan, / der jede Teil-Aufgabe durchführungsreif macht und / das exakte Durchführen des Wieplans mit Hilfe des Glückstagebuchs.« Was dadurch entstehen soll, ist die Generalmobilmachung aller Kräfte eines Menschen, eine Steigerung der Arbeitsfähigkeit und des Lebensglücks, des beruflichen Erfolgs und (nicht zuletzt) der Einkünfte. Erreicht werden soll diese Steigerung durch die systematische, kein Detail übersehende Zergliederung aller Tätigkeiten eines Menschen in einzelne Aufgaben, die nach Art einer effizienten Buchhaltung erfasst werden – »bis der Erledigungsvermerk dasteht«.

»Du sollst dein Leben ändern!«, fordern tausend Ratgeber. Geht das eigentlich? Ändern, gewiss. Aber verbessern? Trotzdem ist heute eine ganze Industrie der Vorstellung gewidmet, man könne sich selbst zu einem besseren, erfolgreicheren, schlankeren, wohlhabenderen, glücklicheren und, überhaupt, gelungeneren Menschen bilden. Zu diesem Zweck gibt es eine umfangreiche Literatur, die den methodischen Charakter einer solchen Selbstbildung gern schon im Titel trägt. Sie spricht von den »Säulen des Erfolgs«, vom »Maximum-« oder »Power-Prinzip« oder sagt gleich: »Wecke den Riesen in dir«. Oft werden die angeblich notwendigen Schritte bis zur vollständigen Initiation genannt; es ist also von »zwölf Regeln« oder »zehn Stufen« oder »sieben Geheimnissen« die Rede. Das Esoterische scheinen die meisten dieser Lehren zumindest zu streifen. Doch allein in Deutschland gibt es Tausende, wenn nicht Zehntausende von wandernden Lehrern, die vor allem von Unternehmen engagiert werden, um deren leitende Angestellte zu Menschen höherer Ordnung zu bilden. »Selbstoptimierung« nennt man dieses Vorhaben, nach dem amerikanischen Wort »self-improvement«. Und aus den Vereinigten Staaten scheint diese Idee tatsächlich zu stammen. Wenn da nicht Gustav Grossmann wäre – und die Geschichte, wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Deutschland eine Schule geschaffen wurde, die Menschen den Erfolg zu lehren.



In der Öffentlichkeit kommt dieser Name jedoch schon lange nicht mehr vor. Wer ihn trotzdem erwähnt, in einem Artikel in einer Zeitung zum Beispiel, bekommt Post – freundliche, zurechtweisende, vor allem aber bekennende Briefe von älteren Männern, die Gustav Grossmann nicht nur ihre berufliche Laufbahn, sondern oft auch ihr Lebensglück zu verdanken meinen. Ihr Lehrer ist zwar schon im Mai 1973 gestorben, im Alter von achtzig Jahren. Aber die Dankbarkeit hält an. Werner Kieser, der Schweizer Meister der Ertüchtigung des Körpers (und der Seele), gehört zu diesen Anhängern: »Von Gustav Grossmann habe ich gelernt: Wer Nutzen bietet, wird Nutzen erzielen.« Einen »Coach« würde man Gustav Grossmann heute nennen, einen »persönlichen Berater« – nur dass er dem modernen »Coaching« – der hauptsächlich amerikanischen Schule der Selbstoptimierung mithilfe eines Trainers – um zwei Generationen vorausging und dass er viele seiner Schüler ein Leben lang band.

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Das tat er zum Beispiel mit dem orangefarbenen Heft, das jeder von ihm betreute Schüler der Selbstoptimierung empfing und sorgfältig zu führen gehalten war. Wenn sich seine bezahlenden Anhänger an dieser kleinen Mappe gegenseitig erkannten, dann offenbarte sich daran nicht nur die Mitgliedschaft in einer strengen Schule nur für Erwachsene, sondern auch die Bereitschaft, sich in einem hohen Maße selbst zu disziplinieren. »Das Glückstagebuch der Grossmann-Methode« steht auf der bronzefarbenen Spange, tief in das Metall geprägt. Dabei geht es in diesem Heft gar nicht ausdrücklich um »Glück«, und ein »Tagebuch« ist es nur insofern, als es darin für jeden Tag eine Seite gibt – und eine Art Devise, die dem Schüler für jeden Tag eine Aufgabe stellt: »Ich werde ___, den 13. ___ 19 __ dadurch zu einem wertvollen Tag gestalten, dass ich den Ideenordner durcharbeite, um frühere Ideen aufzugreifen und neue Einfälle einzutragen«, steht beispielsweise darin. Oder dadurch, »dass ich heute die Erfüllung eines Wunsches genieße«. So verschieden diese Aufgaben ausfallen mögen – zweierlei ist ihnen gemein: Sie werden nicht begründet, und sie verlangen die Selbstbeobachtung. Sie dienten nun nicht mehr der Gewissenserforschung, nicht einem allmächtigen Gott, sie dienten vielmehr »einer gewaltigen Erfindung«, der radikalen Lebensplanung, die »den Menschen verwandelt, die es ihm ermöglicht, jeden seiner Vorsätze zu verwirklichen«.
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Thomas Steinfeld

57, saß auf einem Kutter in der Lagune von Venedig, als er Werner Kieser kennenlernte, den Gründer der in Deutschland bekanntesten Kette von Fitnessstudios. Bei diesem Gespräch hörte er zum ersten Mal von Gustav Grossmann, von der Bedeutung, die dieser Mann für die deutsche Wirtschaft besaß, vor allem in den Fünfziger- und Sechzigerjahren, und von seinem Einfluss auf die Lehre Werner Kiesers. Aus diesem Gespräch entstand die Recherche, die hier dokumentiert ist.