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aus Heft 12/2012 Frauen Noch keine Kommentare

Mama ist im Krieg

Dass Soldatinnen der Bundeswehr in Afghanistan dienen, ist selbstverständlich - kompliziert wird es, wenn sie Kinder haben.

Von Kerstin Greiner, Mitarbeit: Jasna Zajcek  Fotos: Astrid Piethan, Getty (1)

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In ihrer zweiten Woche im Feldlager lernt Maren Schulz*(*Namen aller Soldatinnen im Einsatz geändert), was ein »Search Girl« machen muss. Sie stellt sich an eine Wand, und Hauptfeldwebel Nadine Luter erklärt ihr, wie sie Menschen nach Sprengstoff abtastet: »Mach vorher ein Codewort aus«, sagt sie. »Wenn du ein Kabel spürst, sag ›Erbsensuppe‹ – dann weiß deine Kameradin, hier ist was los.« Search Girls sind Soldatinnen, die an den Eingängen des Feldlagers afghanische Mitarbeiterinnen des Camps, Übersetzerinnen oder Putzhilfen, nach Waffen durchsuchen. Codeworte wie ›Erbsensuppe‹ sind üblich für den Fall, dass doch jemand Deutsch versteht. Würde Hauptfeldwebel Nadine Luter das Codewort hören, liefe alles ab wie im Film: Nicht bewegen! Hände hinter den Kopf!

»Und was, wenn die Frau eine Burka trägt?«, fragt Maren Schulz. »Die muss vor dem Durchsuchen runter«, sagt Nadine Luter. »Vergiss nicht: Viele afghanische Frauen tragen eine große Glasscherbe in der Mitte ihres BHs, um sich vor sexuellen Übergriffen zu schützen. Die müssen sie auch abgeben.« Jede Soldatin in Camp Marmal ist einmal pro Woche mit dem Search-Girl-Dienst dran, auch wenn sie wie Maren Schulz, 35, eigentlich bei den Sanitätern arbeitet: Nur Frauen dürfen Frauen abtasten, aber unter den deutschen Soldaten in Afghanistan gibt es zu wenige, 206 von 4799.

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Camp Marmal nahe Masar-i-Scharif, am Fuß des Hindukusch, ist das größte Feldlager der NATO-Verbündetentruppe ISAF im nördlichen Afghanistan, 430 Kilometer von Kabul entfernt. Das Lager: eine kleine Stadt aus Baracken, Containern, Zelten, Stacheldraht, Mauern aus Sandsäcken, über fünf Kilometer lang, zwei Kilometer breit. 8500 Soldaten sind in Camp Marmal stationiert, aus den USA, Kroatien, Albanien und anderen NATO-Staaten, darunter 3500 der 4799 Soldaten, die Deutschland nach Afghanistan geschickt hat. 153 von ihnen sind weiblich; Maren Schulz’ Kompanie besteht aus 42 Sanitätern, 40 Männer, zwei Frauen. Panzer rollen, F-16-Kampfflugzeuge ziehen über den Himmel.

Nach der Search-Girl-Einweisung hastet Maren Schulz zu ihrem eigentlichen Arbeitsplatz, den Hallen der Sanitäter: Ein Luftwaffenairbus mit Medikamenten ist gelandet, sie muss Kisten voller Schmerzmittel und Antibiotika katalogisieren und an die anderen ISAF-Lager im Land verschicken. Auf großen Tischen ordnen die Sanitätssoldaten Berge von Tablettenpackungen. Maren Schulz ist pharmazeutisch-technische Assistentin, seit 13 Jahren Soldatin, geboren in Hamburg, ausgebildet bei der Marine auf Sylt, jetzt wohnt sie in München, arbeitet normalerweise in der Kaserne in der Dachauer Straße, kümmert sich dort um medizinisches Gerät. In Afghanistan ist sie zum ersten Mal.

Am Abend ruft sie von ihrem Büro in den Baracken der Sanitäter zu Hause an – dort ist Nachmittag: Marie, 6, die jüngere Tochter, fragt: »Mama, wann kommst du heim?« – »Du musst noch ganz oft Barbie Club angucken«, antwortet die Mutter.

Diese kleine Begebenheit ließe sich auch so erzählen: Hauptbootsmann Schulz, Einsatzverwendung Feldapotheke im Februar und März in Afghanistan, spricht am Telefon mit Tochter in München über Sendungen auf Super RTL. Kurz: Die Bundeswehr ist im Jahr 2012 angekommen. Sie ermöglicht Männern wie Frauen, Vätern wie Müttern, alleinerziehend oder in Partnerschaften aller Art lebend, eine Laufbahn beim Bund und schickt sie in den Kriegseinsatz nach Afghanistan. Seit 2001 kommen dafür auch Soldatinnen infrage. Davor waren sie lediglich für einige medizinische Berufe im Sanitätsdienst oder bei der Militärmusik zugelassen. Jetzt sind zehn Prozent aller deutschen Soldaten Frauen, 40 Prozent von ihnen in Sanitätsberufen, der Rest beim Heer, der Marine, der Luftwaffe und der Streitkräftebasis. Sie haben, sagt man, die gleichen Aufstiegsmöglichkeiten wie Männer, gehen auch in Auslandseinsätze. Wie viele der 18 000 Soldatinnen Mütter sind, wird nicht gezählt, wie viele Väter unter den Soldaten sind, ja auch nicht.

Seit die Wehrpflicht im Juli 2011 aufgehoben wurde, muss die Bundeswehr versuchen, ein attraktiver Arbeitgeber zu werden – für Männer wie für Frauen. Und sie strengt sich ziemlich an: Teilzeit- und Telearbeitsplätze wurden eingerichtet, in 36 deutschen Kasernen gibt es schon Eltern-Kind-Zimmer, 200 sollen es werden: Kinder können dort spielen oder Hausaufgaben machen, während die Mutter oder der Vater arbeiten. Sogar die ersten Abpumpräume für stillende Mütter sind eingerichtet worden und Uniformen für Schwangere inzwischen Alltag.

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