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aus Heft 24/2012 Gesellschaft/Leben

Dem Amateur ist nichts zu schwör

Andreas Bernard und Till Krause 

Nicht nur die Piraten erregen Aufmerksamkeit mit unbeschwerter Euphorie und Mut zum Experiment, auch in Wirtschaft und Wissenschaft gewinnen die Quereinsteiger an Einfluss - und zwingen uns zu neuem Denken: Willkommen im Zeitalter der Dilettanten!

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Johannes Ponader, der politische Geschäftsführer der Piraten, hat vor ein paar Wochen Fernsehgeschichte geschrieben. Sonntagabend bei Jauch saß er mit Trekking-Sandalen und Smartphone inmitten der politischen Prominenz und irritierte die Runde so massiv, dass es in der ersten Viertelstunde kaum ein anderes Gesprächsthema gab. Ein bloßes Handy als Störfaktor reichte aus, um das erstarrte Ritual der politischen Debatte sichtbar zu machen. Die Aufregung der Teilnehmer, erzählt Ponader auf einem Landesparteitag der Piraten kurze Zeit später, sei nach dem Ende der Sendung erst richtig in Gang gekommen: Röttgen, Wowereit und Künast hätten nach dem Abspann »ihre Masken fallen lassen«, wie er sagt, und den Moderator in scharfem Tonfall angegangen, warum die Talkshow so stark auf den Piraten-Vertreter zugeschnitten gewesen sei. »Genau dieses Spiel«, sagt Ponader, »möchte ich nicht mitmachen, diese verschiedenen Gesichter vor und hinter der Kamera, diese Scheinwelt der Politik. Wir müssen unsere Authentizität bewahren, die wir als politische Laien besitzen.«

Die Piraten, die »Dilettanten«, wie es in den vergangenen Monaten oft abschätzig hieß, sind die jüngste und wirkungsvollste Ausprägung einer Tendenz, die in unterschiedlichen Bereichen an Bedeutung gewinnt - die Konjunktur der Amateure. Die Demokratisierung der Produktions- und Vertriebsmittel im Netz hat durch Youtube oder die Gattung der Blogs zunächst die Musikindustrie und den Journalismus erfasst, und nun beginnt sie auch, die Welt der Politik, Naturwissenschaft und Ökonomie zu verändern. Vorbei die Notwendigkeit der hierarchisch organisierten Filter, der Verlage und Managements, die über den kleinen Kreis derer entscheiden, die sich in der Öffentlichkeit präsentieren dürfen. Parallel zu dieser Entwicklung haben sich die Profis in den letzten Jahren in verschiedener Hinsicht selbst diskreditiert und Unheil über die Menschen gebracht: Bankenkrise und Kernschmelze sind - auch wenn es so wirken mag – nicht das Produkt von Laien, sondern von hoch bezahlten Spezialisten.

In der Stadthalle von Montabaur, wo er den Parteitag der rheinland-pfälzischen Piraten leitet, wird Johannes Ponader alle paar Meter angeredet, gelobt, kritisiert von Menschen, die er noch nie gesehen hat. Er weiß nicht, wie er mit seiner neuen Rolle als Prominenter umgehen soll: »Manche meinen, ich sei jetzt Freiwild. Das hat sicher mit der Distanzlosigkeit zu tun, die ich ausstrahle und die ich ja auch weiterhin ausstrahlen will.« Die Piratenpartei stößt nach den jüngsten Wahlerfolgen an eine Grenze: Es geht um die Frage, ob ein politisches Konzept, das ganz auf die unvermittelte, »distanzlose« Kraft des Laien vertraut, das zwischen privater und öffentlicher Person nicht trennen will, einen bestimmten Grad an Etablierung erträgt.

Untrennbar verbunden mit dem Siegeszug der Amateure ist eine bestimmte Ästhetik der Echtheit und Aufrichtigkeit. Es scheint ein Zusammenhang zu bestehen zwischen den improvisierten, manchmal unbeholfenen und linkischen Handlungsweisen der Laien und einem Maß an Authentizität, das den Professionellen abhanden gekommen ist. Und dieser Siegeszug findet inzwischen sogar in einem der hermetischsten Bereiche überhaupt statt: den Naturwissenschaften. Ohne jahrelange Ausbildung und teures Equipment schien dort jede Anstrengung aussichtslos. Doch auch das ändert sich gerade. In einem ausrangierten Lagerhaus in der Flatbush Avenue im New Yorker Stadtteil Brooklyn gibt es seit Ende 2010 ein Labor, in dem Laien mit Gentechnik experimentieren.

»Genspace« heißt das Labor, im siebten Stock der Hausnummer 33, zwischen Möbelhalle und »Dunkin’ Donuts«. Es besteht aus zwei abstellkammergroßen Räumen, die bis unters Dach mit Brutschränken und Petrischalen vollgestellt sind. Auch eine Bibliothek gibt es, wo neben Büchern wie Principles of Biochemistry der Science-Fiction-Roman Blade Runner steht. Gegründet wurde das Labor von einer Gruppe aus Künstlern, Programmierern und Biologen, die von der professionellen Forschung enttäuscht waren und beschlossen haben: Die Zukunft ihres Fachs wollen sie nicht den blickdichten Laboren der Unternehmen überlassen.

Ellen Jorgensen, eine der Gründerinnen, hat an der New York University promoviert. Ihre Erfahrung in der professionellen Forschung beschreibt sie so: »Geforscht wird nur an Dingen, von denen Firmen sich schnellen Gewinn erhoffen.« Ellen Jorgensen, die gern T-Shirts mit Totenkopfmotiven und Badeschlappen trägt, ist eine gefragte Rednerin. Erst im Januar war sie in München und hat vor 800 Zuhörern bei einer Konferenz gesprochen. »Wir haben uns zusammengeschlossen, damit Menschen sehen: Wissenschaft braucht Nerds und Spinner, die sich viele Fragen ganz anders stellen.«

An einem Sonntag im Mai sind zehn angehende Forscher in das Genspace gekommen, zur ersten Sitzung eines Einführungskurses über Gentechnik. Alle sind zwischen Mitte zwanzig und Mitte dreißig, neun Männer, eine Frau, fast alles Programmierer, die seit der Schulzeit nichts mehr mit Biologie zu tun hatten. Mit ihren Karohemden und Bärten sehen sie aus wie Folksänger oder Internet-unternehmer. Warum sie hier sind? »Ich will verstehen, wie Zellen aufgebaut sind«, sagt einer, »um sie dann so zu verändern, dass sie tun, was ich ihnen befehle.«

Weil jeder im Genspace-Labor mit genetisch veränderten Zellen hantieren darf, forschen Menschen dort an Dingen, die auf den ersten Blick sinnlos erscheinen: Wie man Bakterien unter ultraviolettem Licht bunt leuchten lässt. Oder wie man Pflanzen züchten müsste, damit sie auf dem Mars überleben könnten. »Vielleicht entsteht hier die Zukunft der Menschheit - oder ein monatelanges Experiment taugt am Ende nur für eine Anekdote beim Feierabendbier«, sagt Jorgensen. Noch ist die Laienforschung recht überschaubar, aber es zeigen sich erste Erfolge: Vor zwei Jahren wurde ein Artikel in Nature, dem wichtigsten Wissenschaftsmagazin der Welt, veröffentlicht, dessen Ergebnisse teilweise von Amateuren stammten, die in einer Art Computerspiel die Struktur von Proteinsträngen analysiert hatten. Eine Gruppe im Genspace erforscht gerade, wie sich mit genetisch veränderten Bakterien verseuchte Seen in Trinkwasser verwandeln ließen.

Fotos aus dem Buch "There, I fixed it! No, you didn´t", erschienen bei Cheeseburger Inc.
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Andreas Bernard und Till Krause sind sich nach diesem Artikel endlich sicher, wie man das Wort »Dilettant« schreibt. Davor wussten sie nie genau, ob nicht doch die sogenannte Gewürzschreibweise stimmt, mit Doppel-l am Anfang, wie »Dill«. Für diese Unsicherheit sind vermutlich die »Genialen Dilletanten« verantwortlich, eine Gruppe aus Berliner Musikern und Künstlern, deren Motto seit dreißig Jahren lautet: »Fehler gehören zum Konzept.«

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