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aus Heft 34/2012 Außenpolitik

Viva La Revolu$ion

John Arlidge  Fotos: Mark Read

Der freie Handel war auf Kuba jahrzehntelang verboten. Jetzt haben die Castros neue Gesetze erlassen – und die Kubaner geben Vollgas: Sie eröffnen Geschäfte, gründen Firmen, verdienen Geld. Eine Reise durch den karibischen Kapitalismus.

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Warnung – hier kommt die ödeste Einleitung, die Sie je gelesen haben: Guillermo Portero kauft sich eine Wohnung. Der Friseur Gilberto Valladares stellt einen Lehrling ein. Luis Pelaez belegt einen BWL-Kurs. Ernesto Lopez fährt von Haus zu Haus und verkauft Brokkoli, Kräuter und Tomaten. Rachel Carvajal hat ein Café eröffnet.

Banal? Aber was wäre, wenn diese Leute all die alltäglichen Dinge zum ersten Mal in ihrem Leben täten? Wenn jedes dieser kleinen Ereignisse in sich schon eine Revolution wäre? Eine Revolution in einem der letzten kommunistisch regierten Länder?

Es ist neun Uhr morgens, einer dieser Vormittage in der Karibik, an denen es so heiß ist, dass sich das Gehirn anfühlt wie frittierte Calamares. Guillermo Portero ist das egal. Er ist kurz davor, sich den Traum zu verwirklichen, den er schon sein ganzes Leben lang hat: eine eigene Wohnung. Der 48-Jährige steht im Garten einer Vierzimmerwohnung an der Calle Paseo in Havanna. Knapp über 100 000 Dollar hat Portero dafür geboten, »alles, was ich habe«. Bekommt er den Zuschlag, will er die vorderen Zimmer als Wohnraum nutzen und die hinteren in ein Atelier und Büro umwandeln. »Ich möchte Kleidung entwerfen und sie verkaufen.«

Das wäre vor nicht mal einem Jahr noch völlig undenkbar gewesen. Genauer gesagt: illegal. Auf Kuba durfte man Wohnungen und Häuser nur tauschen, aber nicht kaufen oder verkaufen. Gemäß den Vorgaben der marxistischen Hardliner an der Staatsspitze war Besitz Diebstahl. Und der unabhängige Einzelhandel war gleich mit verboten.

Aber Kuba verändert sich. Drastisch. Zum ersten Mal seit der glorreichen Revolution / dem kommunistischen Staatsstreich* (*bitte je nach politischer Orientierung eine Variante streichen) vor 53 Jahren flirtet das Land mit dem Kapitalismus. Präsident Raúl Castro, der 2008 offiziell seinem Bruder Fidel ins Spitzenamt folgte, hat neue Gesetze erlassen, die es Unternehmern gestatten, Firmen zu gründen und Handel zu treiben, sei es mit Kohlköpfen oder mit Eigentumswohnungen. Actualización – Aktualisierung nennt das die kommunistische Partei. Der Begriff erfasst nicht mal ansatzweise die Bedeutung der Reformen.

Joel Begué fasst es in große Worte: »Sex! Was hier passiert, ist so aufregend wie Sex!« Er lacht herzhaft über seinen Vergleich, Schweiß perlt in seinen schwarzen Schnurrbart. Begué, 43, ist der geborene Unternehmer. Jahrelang setzte er den Gästen in den staatseigenen Restaurants auf Kuba vor, was die Kommunisten unter Essen verstanden: zähes, graues Schweinefleisch. Begué war stets überzeugt, dass er es besser konnte. Als dann die Regierung im vergangenen Jahr Gewerbelizenzen an Kleinunternehmer vergab, eröffnete er das Restaurant »Habana Chef« im eleganten Hauptstadtviertel Vedado.

Gute Kritiken haben Begué so viele Gäste ins Haus getrieben, dass er bereits die Hälfte der 25 000 Dollar, die er sich für die Eröffnung geliehen hat, zurückzahlen konnte. Jetzt plant er ein zweites Restaurant in der Innenstadt von Havanna. Nur mit großen Werbekampagnen muss er noch warten. Die Plakatwände sind auf Kuba den Wandgemälden und Postern vorbehalten, die die Einwohner daran erinnern sollen, wie menschenunwürdig der Kapitalismus ist, dem Begue frönt – und den das Kabinett inzwischen fördert.

Diese Tafeln wirken längst nicht mehr wie ein drolliger Anachronismus, eher wie Mahnmale eines fehlgeschlagenen Wirtschaftsexperiments. Wo man in Havanna auch hinsieht, tasten sich Unternehmer in kleinen Schritten an den Kapitalismus heran. Auf öffentlichen Parkplätzen tauschen Autohändler Papiere und Nummernschilder gegen Bargeld. Auf Handzetteln an den Bäumen entlang des Prado bieten Leute ihre Dienste als Parkwächter oder Clowns für Kindergeburtstage an. Kaum zu glauben, aber bis letztes Jahr war es verboten, als freiberuflicher Clown unterwegs zu sein.

Und die Unternehmen? Manche wachsen so schnell, dass schon erste Konflikte entstehen. Die Englischlehrerin Rachel Carvajal, 27, führt das beliebte »Café Punto G« (Café G-Punkt) im Hinterhof ihres Hauses nahe der Calle G. Vor einigen Monaten stattete ihr ein gewisser Armando Puentes einen Besuch ab, der Mann hat um die Ecke ein Café mit dem gleichen Namen eröffnet. Carvajal erzählt: »Er schrie herum, dass er ein Recht auf den Namen hätte, weil er in der Calle G wohnt. Ich würde mir jetzt gern die Marke registrieren lassen, nur gibt es noch kein Markenrecht auf Kuba. Aber es war meine Idee und ich behalte den Namen auch. Schließlich geht es ums Geschäft.« Das hätte Donald Trump nicht schöner sagen können.

Vielleicht bringt Kuba ja bald einen eigenen Donald Trump hervor: An die 200 Studenten lernen zurzeit an der Universität, wie man sich Kapital beschafft, Geschäftspläne erstellt und Güter auf den Markt bringt. Der geistige Vater des Studiengangs ist der 37-jährige Pater Yosvany Carvajal, katholischer Priester aus Havanna. Er erklärt, dass seine Kirche – die die Kommunisten einst bekämpften – die Wirtschaftsreformen der Regierung unterstützt: »Gott möchte, dass die Menschen erfolgreich und unabhängig sind. Vor ein paar Jahren noch wurde ein Unternehmer als kriminell erachtet, als Straftäter. Heute nimmt man Geschäftsleute als Förderer der Gesellschaft wahr. Aber sie haben kein Rüstzeug. Also wollen wir ihnen beibringen, wie man ein Geschäft führt.«

Zugegeben, auch zwei Jahrzehnte nach dem Fall der Berliner Mauer existiert das alte Kuba noch. Die Regierung kontrolliert die großen Geschäfte: Öl und Bergbau, die Banken und die Telekommunikation, die medizinische Versorgung und den Tabakanbau. Allerdings können Kubaner nun einen kleinen, rosafarbenen Ausweis beantragen, die »Autorización Para Ejercer el Trabajo por Cuenta Propia« (Erlaubnis, auf eigene Rechnung zu arbeiten). Damit dürfen sie ein Geschäft gründen und nach Belieben Leute einstellen.

Geblieben ist eine Tradition: Auch die neuen Gesetze, die steuern, wer wo und wie einen Laden eröffnen darf, sind elend lang, höllisch kompliziert – und gelegentlich bizarr. Die Schönen und Kreativen in Havanna dürfen zum Beispiel jetzt als »kostümierte Berufstänzer« ihren Lebensunterhalt verdienen, aber nur, wenn sich ihr Kostüm an Benny Moré orientiert, einem kubanischen Schnulzensänger der Vierzigerjahre.

Schrille Outfits hin oder her, Raúl Castros Botschaft ist deutlich: Plan A, der nackte Sozialismus, ist fehlgeschlagen. Es wird Zeit für Plan B. Und der lockt auch Gäste ins Land. Der Brite Andrew Macdonald marschiert durch Havanna, eine halbe Milliarde Dollar in der Hosentasche. Er forscht nach Investitionsmöglichkeiten für seine anglo-kubanische Firma Esencia. Esencia restauriert Hotels und baut gerade auf 220 Hektar die erste Riesen-Golfanlage mit 900 Wohnungen in Carbonera, 100 Kilometer vor den Toren der Hauptstadt. Dank der Reformen könnten Ausländer vielleicht schon bald Villen kaufen – zum ersten Mal seit der Revolution. Macdonald hat ein paar berühmte Namen ins Boot geholt, die Hotelgruppe Aman Resorts, den Designer Terence Conran, er sagt: »Kuba ist mit Abstand der größte Wachstumsmarkt für die Touristikbranche in der Karibik. Weltweit zählt das Land zu den fünf wichtigsten Wachstumsmärkten. Es dauert zwar ewig und drei Tage, bis hier was passiert, aber das Potenzial ist riesig.«
 
Die Frage ist: Warum macht Kubas Führung plötzlich gemeinsame Sache mit Kapitalisten wie Macdonald? Weil Kuba nicht funktioniert. Nach dem Untergang des Zahlmeisters Sowjetunion im Jahr 1991 musste das Land den Gürtel drastisch enger schnallen. Damals brachen die jährlichen Nettosubventionen von zwei Milliarden US-Dollar weg, ebenso wie die Exporteinnahmen, was die Wirtschaft Kubas um ein Drittel schrumpfen ließ. Die Kubaner sind heute so arm wie seit Jahren nicht mehr. Das Lohnniveau liegt bei 50 Prozent von dem des Jahres 1989. Es gibt einen staatlichen Grundlohn von 20 Dollar im Monat, aber der reicht natürlich kaum zum Leben. Die Angler am Malecón, der Meerespromenade in Havanna, fangen ihre Fische nicht zum Zeitvertreib. Es fehlen 1,6 Millionen neue Wohnungen, was dazu führt, dass die jahrhundertealten Häuser in Havannas Altstadt zu überfüllten Slums verkommen. Vor ein paar Monaten sind dort vier Jugendliche bei einem Hauseinsturz gestorben.

Das Problem ist, dass der Staatssektor, der mehr als 80 Prozent der Wirtschaft und fast alle Dienstleistungen kontrolliert, chronisch ineffizient und völlig unrentabel arbeitet. Korruption und Amtsmissbrauch grassieren. Die Landwirtschaft funktioniert auch nicht, Kuba muss mehr als die Hälfte seiner Lebensmittel importieren. Und wenn eine Bananenrepublik nicht mal mehr Bananen produziert, ist klar, dass sich etwas ändern muss.

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Der englische Journalist John Arlidge schreibt unter anderem für die Sunday Times. Er erlebte Kuba als nervenzehrend bürokratisch, als endlos langsam, korrupt und nach wie vor ausgesprochen repressiv gegenüber jeder Form von Opposition. Trotzdem sieht er die Veränderungen auf der Insel auch mit einer gewissen Melancholie – denn bis jetzt ist Kuba einer der letzten Orte, an denen Geschäfte, Werbung und Markenwahn kaum eine Rolle spielten. Arlidge empfiehlt: Jetzt noch einmal hinfahren, bevor die Zukunft endgültig beginnt.

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