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Neue Fotografie 26. September 2012

Alle in einem Boot

Mira Kleine (Interview)  Fotos: Bettina Flitner

Wir stellen Ihnen jede Woche neue talentierte Fotografen vor. Diesmal: Bettina Flitner hat Menschen in einer burmesischen Barke auf dem Rhein inszeniert.



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Name:
Bettina Flitner
Geboren: 1961 in Köln
Fotografische Ausbildung: Autodidaktin
Homepage: www.bettinaflitner.de
 
SZ-Magazin: Frau Flitner, Ihre Serie »Boatpeople« haben Sie auf dem Rhein fotografiert, wo man ein solches Boot normalerweise nicht findet. Was genau ist das für ein Boot und woher kommt es?
Bettina Flitner:
Diese Barke kommt aus Burma. Ich bin seit dem Jahr 2000 immer wieder dort gewesen und habe darüber auch gerade ein Buch verfasst: »Reisen in Burma«. Das Boot habe ich auf dem Inle-See entdeckt, auf einem Hochplateau in den Shan-Bergen. Hier leben die Inthas, die Menschen vom See. Ihre Häuser und Pagoden stehen auf Stelzen im Wasser, ihre Gärten schwimmen im Wasser und sie haben sogar einen schwimmenden Markt, auf dem sie von Boot zu Boot verkaufen. Das Boot ist also die Basis ihres ganzen Lebens. Mit Hilfe von burmesischen Freunden habe ich die Barke in die Hauptstadt transportiert und mit einem Containerschiff nach Deutschland verfrachtet.

Passt so ein burmesisches Boot denn zum deutschen Rhein?
Der Rhein ist gar nicht so anders als der Inle-See. Da ist diese Barke, da ist das Wasser und da sind Menschen auf Reisen: von einem Ort zum anderen, von einer Lebensphase in die nächste, vom Leben in den Tod. Ich habe im Frühling, Sommer, Herbst und Winter fotografiert, um ganz unterschiedliche Lichtstimmungen zu bekommen. Mein Assistent Wasja und ich haben die Barke jeden Tag vom Bootshaus an den Rheinstrand geschoben und auf ein kleines Podest aus Stein im Wasser gestellt. Sonst wäre diese Barke in der Rheinströmung abgetrieben. Das hat natürlich Aufsehen erregt. Immer wieder sind Passanten stehen geblieben. Und einige von ihnen habe ich kurzentschlossen ins Boot gebeten, wie zum Beispiel den Ghanaer zusammen mit den Bestattern aus Köln.

Warum haben Sie eine surreale Situation für die Serie gewählt?
So surreal finde ich das gar nicht. Das Boot ist eine Art Bühne, auf der sich verschiedenste Lebenssituationen abspielen. Gleichzeitig sitzen »alle in einem Boot«. Sie reisen allein, sind aber doch Teil einer Prozession im Fluss des Lebens.

Wie haben Sie die Personen ausgewählt?
Ich wollte ganz verschiedene Menschen zeigen – Flüchtlinge, Manager, Karnevalisten. Oft bin ich auch von den Lebensgeschichten der Porträtierten ausgegangen, wie zum Beispiel bei der Frau, die zwischen ganz vielen Kisten sitzt. Die war in einer chaotischen Lebenslage. Ehrlich gesagt dachte ich am Anfang, dass es eine eher melancholische Arbeit wird – Tod, Abschied, solche Dinge. Und dann haben die Fotografien ihr Eigenleben entwickelt, sind oft ironisch oder komisch geworden.

Welches Bild mögen Sie am liebsten?
Wenn ich mich entscheiden müsste, würde ich das Bild der Familie Rautenstrauch mit dem burmesischen Schirm nehmen, das ja auch auf dem Buchcover ist. Damit verbinde ich Abschied und Neuanfang zugleich.

Ist mal jemand ins Wasser gefallen?
Beinahe. Auf dem Rhein sind ja viele Containerschiffe unterwegs. Und ausgerechnet, als wir die vier alten Leute aus dem Altersheim auf dem Boot hatten, kam ein besonders großes und schweres Containerschiff vorbei. Das hatte einen gigantischen Sog, und das Boot wurde von einer großen Welle hochgehoben. Um ein Haar wäre die Barke ins Schwimmen geraten, flussabwärts. Wie hätte ich das den Verwandten erklären sollen?

Am 7. September wurden die Bücher »Boatpeople« und »Reisen in Burma« in der Galerie Zellermayer in Berlin vorgestellt, wo die Fotografien noch bis zum 19. Oktober gezeigt werden.


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