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aus Heft 46/2012 Gesellschaft/Leben Noch keine Kommentare

Neulich im Olivenhain

Martin Suter ist der erfolgreichste Autor der Schweiz, lebt teilweise in Guatemala und baut auf Ibiza Wein und Gemüse an. Wie kommt man bei
so einem Leben überhaupt zum Arbeiten? Ein Besuch zur Olivenernte.

Von Max Fellmann  Fotos: Ricardo Cases



Es ist, natürlich, eine Frage der Leidenschaft. Zehn Romane hat Martin Suter geschrieben, seine Sprache ist immer knapp und präzise, bei jedem Satz prüft er, was man noch kürzen könnte. Aber beim Thema Essen tanzen ihm die Worte davon. Keine seiner Figuren würde einfach einen Teller Nudeln essen, die würfeln Zwiebeln mit schweren Messern, streuen seltene Salze, gießen erlesene Öle in gusseiserne Pfannen. Suter liebt Essen. Er kocht selbst gern. Und rund um sein Haus auf Ibiza baut er so viel wie möglich an, Oliven, Gemüse, Wein. Von dem Mann ein bisschen was über gutes Essen, Landwirtschaft und feines Öl zu lernen, das könnte Spaß machen. Da passt es gut, dass er Ende Oktober Helfer für die Olivenernte sucht. 35 Helfer sind es schließlich. Freunde, Nachbarn, Bauern aus der Gegend. Und ich.

Auf dem Weg zu seinem Haus zeigen Plakatwände an der Landstraße das absurde Ibiza: Werbung für Botox-Kliniken, Dentallabors, Großraumdiscos und Star-DJs. Dann biegt man eine Viertelstunde außerhalb der Hauptstadt rechts ab, lässt sich auf Feldwegen durchschütteln, muss ein paar Mal die richtige Abzweigung erwischen, und plötzlich ist man ganz weit weg von allem, mitten in der Stille. Niedrige Steinmauern, karge Felder, halb vertrocknete Bäume. Morgens um neun, nur der Wind rauscht, ein paar letzte Grillen sirren leise. Der Himmel spannt sich blau und wolkenlos über dem Haus, das hinter einem schweren, metallenen Tor mitten im Nirgendwo auftaucht.

Suter steht schon drüben bei den Bäumen. Er begrüßt mich höflich und drückt mir etwas in die Hand, das aussieht wie ein gelber Spielzeugrechen. Damit kämmt man die Äste wie dicke Haarsträhnen. Geht nicht anders, die Oliven sind gerade erst reif genug, sitzen also noch ziemlich fest. Meine erste Frage entlarvt mich als totalen Laien: Ginge das nicht später leichter? Suter sagt: »Ja, dann muss man den Baum nur noch schütteln. Es gibt dafür sogar Schüttelmaschinen. Viele Bauern glauben, dass die Oliven später mehr Öl ergeben. Dabei wird aber nur ihr Wasseranteil kleiner und dadurch der Ölanteil relativ zum Gesamtgewicht größer. Absolut bleibt er gleich, und das Öl ist eher schlechter.«

Die andere gängige Methode: warten, bis die Oliven von selbst fallen. »Aber einmal am Boden, beginnen sie zu oxidieren, das macht sie sauer. Bei weniger als einem Prozent Säureanteil darf man das Öl virgen extra nennen, das ist die höchste Qualitätsstufe. Wir verarbeiten die Oliven ein paar Stunden nach der Ernte und schaffen weniger als 0,3 Prozent.« Ich merke mir: ab jetzt den Wert immer auf der Flasche nachschauen. Suter ist zufrieden mit seinen Oliven, er lacht vergnügt. Ein Bubenlachen. Man sieht ihm seine 64 Jahre an, aber wenn er von seinem Öl spricht, wird er zwanzig Jahre jünger.

Der Bestseller-Autor im Olivenhain, das klingt natürlich nach Besserverdiener-Romantik. Es gibt ja viele, die an Suter rumnörgeln. Ein Leichtgewicht sei er, ein bloßer Unterhalter. Ein ehemaliger Werber, der auf Ibiza das schöne Leben genießt, was soll der schon für Bücher schreiben? Gehört der nicht in Frauenzeitschriften? Mir ist das egal, ich mag ihn. Ich mag seine Bücher, ich mag seine Sprache, den Witz seiner Kolumnen. Die Romane, vor allem die ersten vier, sind großartig, weil sie eben nie so tun, als müsste alles, ach Gott, höchste Hochliteratur sein. Suhrkamp’sches Gedankenmäandern interessiert ihn nicht. Die Amerikaner, die Engländer, nirgends würden sie über einen wie ihn überhaupt groß streiten. Der Mann schreibt gute Bücher, fertig.

Um uns herum kämmen und rupfen 35 gut gelaunte Helfer. Das hat weniger was von harter Arbeit, eher: ein nettes gemeinsames Projekt. Martin Suter mittendrin, kleiner, als er auf seinen Pressefotos wirkt. Steht da mit etwas hängenden Schultern, und immer wieder gibt es Momente, in denen er plötzlich verharrt. Schweigt. Beobachtet. Man denkt, er sei irgendwie in Gedanken, aber nach einiger Zeit wird klar: Er schaut zu. Vielleicht speichert er Bilder im Kopf. Wie die Nachbarin Maria mit beiden Händen im Baum wühlt. Wie seine kleine Tochter Ana übermütig über die Terrasse tänzelt. Wie Aire, die Köchin, Gemüse schneidet. Vielleicht kann er das irgendwann mal für ein Buch brauchen.

Die Sonne steigt, der Morgen wird zum Vormittag. José kommt vorbei. Ein gemütlicher Mann um die sechzig, sonnengerötetete Haut, runder Weintrinkerbauch, weiße Schiebermütze. Er ist der eigentliche Chef, ein Bauer von nebenan, der für Suter den Hof schmeißt. Suter würde sich nie als Experten bezeichnen. Vor Jahren gab es mal ein TV-Porträt über ihn, in dem fiel der Begriff »Gentleman Farmer«. Darüber ärgert er sich heute noch. »Ich wurde gefragt, ob ich mich als Farmer sehe. Aber ich habe ja keine Ahnung von Landwirtschaft, ich meinte scherzhaft: Bei mir reicht es höchstens zu so einem, der im guten Anzug über seine Felder läuft und schaut, was die echten Landwirte machen.« Zur Olivenernte trägt er keinen Anzug, stattdessen schwere, nicht ganz billige Lederschuhe, eine sandfarbene Leinenhose, eine braune Lederjacke, die er der Hitze wegen bald ablegt. Er könnte gerade einer Fitzgerald-Erzählung entstiegen sein.

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