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aus Heft 28/2014 Fußball

Die Tore deines Lebens

Andreas Bernard 

Holland und Lumumba, Papa und Panenka: Die großen Fußballturniere sind nie wirklich vorbei. Denn sie können sehr dabei helfen, Ordnung in die eigene Biografie zu bringen.


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Jetzt ist sie Geschichte, die 20. Fußballweltmeisterschaft in Brasilien. Ein weiteres Turnier ist gespielt, hat seine emblematischen Bilder produziert, wie den waagerecht schwebenden van Persie beim Flugkopfball, die hängenden Köpfe der entzauberten Spanier oder den Biss des uruguayischen Stürmers Luis Suárez. Für die heute Sieben- oder Neunjährigen wird diese WM vielleicht einmal die erste sein, an die sie sich in vereinzelten Bildern und Splittern erinnern können. Denn das ist für jeden Menschen, dem Fußball etwas bedeutet, eine Zäsur: die Schwelle, welche die wirklich erlebten Welt- und Europameisterschaften von den früheren scheidet, die man nur aus nachträglich gesehenen Bildern kennt. »Was ist deine erste WM?« – eine Jahreszahl, die für manche fast so tief im Bewusstsein verankert ist wie das eigene Geburtsdatum.

An den Großereignissen der Welt- und Europameisterschaften entlang lässt sich das eigene Leben erzählen, mit einem Anfang, dessen Verschwommenheit natürlich auf das weit zurückliegende Ereignis weist, vielleicht aber auch auf die Müdigkeit des Kindes, damals vor dem Fernseher zu nachtschlafender Zeit. Das Elfmeterschießen im EM-Finale 1976 zwischen Deutschland und der ČSSR: Es sind nur ganz wenige Augenblicke, die mir davon in Erinnerung geblieben sind. Hoeneß’ Schuss in die Wolken, das schneidende Gefühl der Enttäuschung, doch bevor ich mir über die Folgen dieses Missgeschicks wirklich klar wurde, stand schon der letzte Spieler der Tschechoslowaken am Elfmeterpunkt, der etwas mürrisch aussehende, schnauzbärtige Kapitän, »der Panenka«, wie mein Vater ehrfürchtig sagte. Und dann geschah etwas Seltsames: Der Schütze im roten Trikot lief an, Sepp Maier warf sich in eine Ecke, doch der Ball nahm eine Flugbahn ins Tor, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Lag es an meiner Übermüdung? An meinem Platz auf der Couch etwas schräg zum Fernseher? Ich verstand jedenfalls nicht gleich, was geschehen war. Erst in der Wiederholung löste sich das dreiste Unterfangen auf, diese neue, demütigende Variante des Elfmeterschusses, die seither seinen Namen trägt, der »Panenka-Elfer«, bei dem, nach einem schnellen Anlauf, der Ball einfach ganz leicht in die Mitte des Tores gelupft wird (gechipt, wie man seit ein paar Jahren sagt). Bis heute wird diese riskante Methode erfolgreich kopiert, manchmal auch in entscheidenden Spielen, wie von Andrea Pirlo bei der Europameisterschaft 2012 im Elfmeterschießen gegen England.

Mit dieser fragmentarischen Szene, herausgelöst aus dem restlichen, für mich vollständig getilgten Turnier von 1976, beginnt meine Erinnerung an den Fußball. Die Weltmeisterschaft in Argentinien dann, zwei Jahre später, ist mir schon als durchgängiges Ereignis im Gedächtnis, vom bleiernen, torlosen Eröffnungsspiel der Deutschen gegen Polen bis zum Finale, in dem mich der von weißen Papierfetzen und Konfetti übersäte Rasen des Stadions in Buenos Aires faszinierte, auf dem Mario Kempes die Holländer in der Verlängerung niederrang. Meinen Schreibtisch im Kinderzimmer beklebte ich nach und nach mit Panini-Bildern (warum ich kein Album besaß, weiß ich nicht mehr), und ich erinnere mich vor allem an die Trikots der Peruaner, an den diagonalen roten Streifen auf dem weißen Hemd, der die Spieler wie eine noble Schärpe zierte.

Seither bilden die großen Turniere alle zwei Jahre und die Platzierungen der deutschen Mannschaft einen verlässlichen Hintergrundrhythmus des eigenen Lebens. In schlaflosen Nächten oder auf langen Reisen gehe ich diese Zahlenreihe manchmal durch, eine besonders beruhigende Art des Schäfchenzählens: WM-Zweiter 1966, WM-Dritter 1970, Europameister 1972, Weltmeister 1974, EM-Zweiter 76, Europameister 80, WM-Zweiter 82 und 86, EM-Halbfinalist 88, Weltmeister 90, EM-Zweiter 92, Europameister 96. Zumindest drei Jahrzehnte lang hat der deutsche Fußball eine nahezu lückenlose Erfolgsgeschichte hervorgebracht. Nicht dass das gute Abschneiden der Nationalmannschaft unmittelbare Auswirkungen auf das Glück des einzelnen Zuschauers gehabt hätte; aber in der Regelmäßigkeit der Erfolge formulierte sich zumindest ein Versprechen: dass das eigene Leben erzählbar sei. Jeder weiß, wo er am 11. September 2001 war oder am 22. November 1963 oder am 9. November 1989; für Menschen, die Fußball lieben, ist die kollektive mit der persönlichen Erinnerung auf ähnliche Weise verbunden, wenn sie an die Finals von 1974, 1980, 1990 zurückdenken.

Von 1998 bis 2004 wurde die Erfolgskette der Deutschen bekanntlich brüchig. Ein »Aus in der Vorrunde« ließ sich nicht ohne Weiteres in das große Gefüge integrieren, und der zweite Platz bei der Weltmeisterschaft 2002 wirkte eher wie ein zufälliges, von Losglück begünstig-tes Intermezzo. Seit dem »Sommermärchen« von 2006 scheint die Erzählung des deutschen Fußballs wieder an Stabilität gewonnen zu haben, wobei es ein befremdliches Zeichen gegenwärtiger Eventseligkeit ist, dass dritte Plätze bei Weltmeisterschaften inzwischen mit Empfängen und Volksaufläufen gefeiert werden, wo in den Achtzigerjahren noch eine Finalniederlage für karge Niedergeschlagenheit bei der Rückkehr sorgte.
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Andreas Bernard hatte sich beim Schreiben vorgenommen, die Szenen alter WM-Spiele, die er in vager Erinnerung hat, nicht auf Youtube nachzusehen; denn das, was Recherche heißt, kann den Blick manchmal auch stark trüben. Er hat diesen Vorsatz natürlich nicht durchgehalten.

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