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aus Heft 29/2016 Die Gewissensfrage

Kannste knicken

Von Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Darf man Bücher aufgeschlagen rumliegen lassen? Oder ist das respektlos gegenüber dem Autor und dessen Werk?



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»Mein Schwager wirft mir mangelnden Respekt vor dem geschriebenen Wort vor, wenn ich Bücher aufgeschlagen hinlege und der Buchrücken geknickt wird. Ich bin es so gewohnt, finde nichts Verwerfliches daran, bin vielleicht auch zu faul, bei Unterbrechungen ein Lesezeichen zu suchen, die Seite vergesse ich dann eh. Gibt es dazu einen Ratschlag?« Rudolf T., Bochum


Ob Sie mangelnden Respekt vor dem geschriebenen Wort haben, kann man Ihrem Verhalten nicht entnehmen. Man kann nur feststellen, dass Sie offenbar wenig Respekt vor Büchern, also dem gebundenen, gedruckten Wort haben. Das ist keine Wortklauberei, vielmehr liegt zwischen diesen beiden Formulierungen die Antwort auf Ihre Frage. Der erste Unterschied liegt zwischen »wenig« und »mangelnd«. »Wenig« ist rein feststellend, »mangelnd« hingegen beinhaltet eine Bewertung. Es setzt voraus, dass Mangel herrscht, dass das Ausmaß, hier des Respekts, nicht nur gering, sondern zu gering ist. Und benötigt daher eine Vorgabe, wie viel Respekt man schuldet.
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Das geschriebene Wort kann in vielerlei Formen erscheinen. Eine davon ist gedruckt in einem Buch. Dieses Magazin hier ist eine andere, aber auch jede Form von elektronischer Darstellung, vom Computerbildschirm über das E-Book bis hin zum Smartphone. Ich persönlich schätze das gedruckte Buch sehr, sowohl als schönen Gegenstand als auch, weil es seinen Inhalt nicht nur präsentiert, sondern auch repräsentiert, greifbar und begreifbar macht, materialisiert, bewahrt. Deshalb stört es mich, wenn man mit Büchern achtlos umgeht, mehr als bei sonstigen Dingen, vielleicht am ehesten vergleichbar einem handwerklich aufwendig hergestellten Gegenstand, der die darin steckende Arbeit repräsentiert. Aber das ist meine Meinung, keine verbindliche Vorgabe.

Man könnte sogar sagen, Ihnen geht es mehr um das geschriebene Wort. Denn Sie betrachten das Buch offenbar nur als Mittel, um an dieses geschriebene Wort zu gelangen, das für Sie im Vordergrund steht, statt das Medium Buch zum Fetisch zu erheben. Deshalb: Auch wenn ich persönlich eher die Haltung Ihres Schwagers teile, berechtigt das nicht dazu, Ihnen einen Vorwurf zu machen.

Literatur:
Es ist wissenschaftlich umstritten, ob das Lesen auf Papier oder elektronischen Medien zu Unterschieden beim Verständnis des Textes und wie viel man von ihm behält führt:

Margolin, S. J., Driscoll, C., Toland, M. J. and Kegler, J. L. (2013), E-readers, Computer Screens, or Paper: Does Reading Comprehension Change Across Media Platforms?. Appl. Cognit. Psychol., 27: 512–519. doi:10.1002/acp.2930

Erik Wästlunda, Henrik Reinikkaa, Torsten Norlandera, Trevor Archerb Effects of VDT and paper presentation on consumption and production of information: Psychological and physiological factors Computers in Human Behavior, Volume 21, Issue 2, March 2005, Pages 377–394

Anne Mangena, Bente R. Walgermoa, Kolbjørn Brønnick Reading linear texts on paper versus computer screen: Effects on reading comprehension International Journal of Educational Research, Volume 58, 2013, Pages 61–68

Amanda J. Rockinson- Szapkiw, Jennifer Courduff, Kimberly Carter, David Bennett Electronic versus traditional print textbooks: A comparison study on the influence of university students' learning Computers & Education, Volume 63, April 2013, Pages 259–266

Anne Mangen The Digitization of Literary Reading Contributions from Empirical Research Orbis Litterarum, 71:3 (2016), 240–262


Dr. Dr. Rainer Erlinger

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