Das Beste aus meinem Leben

Neuerdings liest man überall von der neuen Bürgerlichkeit. Von einem Trend dorthin. Dass die Leute sich wieder benehmen können wollen. Nicht mehr Proleten sein möchten, die auf der Straße mit vollem Mund Menschen anderen Geschlechts ansprechen und im Kino vor sich hin telefonieren, während in Brokeback Mountain Ennis del Mar sich, in Leidenschaft entbrannt, über Jack Twist wirft. Oder war es umgekehrt?Man hört sogar wieder von Vernunftehen.Das sei natürlich Journalisten-Quatsch, dachte ich. Wenn Journalisten sich nicht immerzu neue Trends ausdenken dürfen, sind sie sehr unglücklich. Sie weinen in die Tastaturen ihrer Computer, zünden Kerzen in den Redaktionskapellen an, sitzen in der Fußgängerzone hinter ihren Hüten und bitten um eine klitzekleine Trendspende.Mir ist nun aber Folgendes passiert: Ich gehe die Straße entlang, in der ich wohne, als ich plötzlich neben mir einen jungen Mann mehr gehen spüre als gehen sehe. Er will mich wohl überholen, bleibt aber eine Weile neben mir, hat dabei etwas Tänzelndes und scheint mich im Profil zu betrachten, was mich, da ich in Gedanken bin und dort zu bleiben wünsche, zu einer geradezu austernhaften Reaktion treibt, indem ich mich nämlich gegen den Mann verschließe, ihn zu ignorieren suche und aufs Trottoir starre.Der Mann überholt mich, so dass ich ihn nun anzusehen geradezu gezwungen bin. Ein junger Mann. Streichholzlange blonde Haare, kaum irgendwie frisiert, leicht abwesender Gesichtsausdruck. Er trägt einen Dufflecoat, es ist ein kalter Tag, aber der Mantel ist offen, darunter Pullover und offenes Hemd, Jeans, alles nicht sehr teuer und ein bisschen ungepflegt, so geht er jetzt rückwärts schräg vor mir, immer noch tänzelnd, meinen Hals betrachtend, den Hemdkragen, dem er jetzt seine Hand entgegenstreckt – was soll ich machen? Die Hand wegschlagen? Ihn fortschubsen?Doch geht alles sehr schnell, schon zieht er die Hand wieder zurück und sagt: »Ach so, ach so, du trägst ja gar keine Krawatte, ja, danke, Entschuldigung…« Und er schwebt an mir vorbei wieder nach hinten, ich drehe mich kurz um, er wendet mir schon den Rücken zu und geht. Tänzelt weg.So merkwürdige Begegnungen hat man ja manchmal in der großen Stadt, man achtet viel zu wenig darauf. Der Mann, der oft morgens um halb sieben mitten auf der Straßenkreuzung steht und mit affektierter Geste eine Zigarette raucht. Die Frau, die Paola neulich aus unserem Auto zu zerren versuchte, um den Wagen wegzufahren – sie war der Meinung, Paola blockiere die Straße zu Unrecht, dabei konnte sie doch an einem wartenden Taxi nicht vorbei. Der Mann am Nachbartisch im Restaurant, von dessen Tisch ich mir die Speisekarte nahm, und der, als ich sie genau dorthin wieder zurücklegte, mich anbelferte, ich solle seinen Tisch nicht als Ablage nutzen. Und sofort das Lokal verlassen, er dulde solche Übergriffe nicht.Wir sind alle ein bisschen wauwau in der großen Stadt, nicht wahr?Aber der hier, tänzelnd nach meiner imaginierten Krawatte greifend, der hier war doch ein klarer Beleg dafür, dass es die neue Bürgerlichkeit wirklich gibt. Ein Mann auf der Suche nach ihr und nach korrekt gebundenen Krawatten, ein angehender neuer Bürger. Er hätte meinen Schlips gerne gehabt. Er wusste noch nicht, dass es Geschäfte dafür gibt. Er dachte vielleicht, man nimmt sie anderen Männern einfach weg – das muss er noch lernen, dass man das nicht tut, das Land ist ziemlich herabgekommen in seinen Sitten, aber das wird schon, der Trend ist ja jetzt klar erkennbar, auch in meinem Viertel, auch für mich.

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