Wenn Literatur Lust auf Essen macht

Vom »Radetzkymarsch« bis »Harry Potter«: In manchen Romanen und Gedichten wird Essen so appetitlich beschrieben, dass man sofort alles nachkochen will. Zehn inspirierende Werke samt passenden Rezepten.

Gehaltvolles Mahl für nimmersatte Leseratten.

Foto: David Malan / Getty Images

Es gibt Kochbücher, die sind so gut geschrieben, dass man auf Seite 2 sofort mit dem Kochen anfangen will. Es gibt Rezeptbücher, in denen das Essen so perfekt fotografiert ist, dass man schon beim Blättern am liebsten den Tisch decken würde. Und dann gibt es da noch diesen wunderbaren Umweg: Romane, Gedichte, Erzählungen, in denen Essen so appetitlich beschrieben ist, dass man fast vergisst weiterzulesen, weil man sofort in die Küche will, um das alles nachzukochen. Wir haben zehn solche

Joseph Roth, Radetzkymarsch: Tafelspitz und Nudelsuppe

Tafelspitz gehört zur österreichischen Küche wie der Stephansdom zu Wien. Joseph Roths trauert im »Radetzkymarsch« von 1932 der alten Monarchie hinterher und vergisst dabei nicht, ausschweifend vom traditionellen Rindfleisch zu schwärmen: 

»Ein warmer, goldener Schimmer wallte in den Tellern; es war die Suppe: Nudelsuppe. Durchsichtig, mit goldgelben, kleinen, verschlungenen, zarten Nudeln. Nach der Suppe trug man den garnierten ›Tafelspitz‹ auf, das Sonntagsgericht des Alten seit unzähligen Jahren. Die wohlgefällige Betrachtung, die er dieser Speise widmete, nahm längere Zeit in Anspruch als die halbe Mahlzeit. Das Auge des Bezirkshauptmanns liebkoste zuerst den zarten Speckrand, der das kolossale Stück Fleisch umsäumte, dann die einzelnen Tellerchen, auf denen die Gemüse gebettet waren, die violett schimmernden Rüben, den sattgrünen ernsten Spinat, den fröhlichen hellen Salat, das herbe Weiss des Meerrettichs, das tadellose Oval der jungen Kartoffeln, die in schmelzender Butter schwammen und an zierliche Spielzeuge erinnerten.«

Kerstin Hensel, Im Spinnhaus: Christstollen

In dem 2003 erschienenen Roman bereiten drei alte Frauen in einem Haus im Erzgebirge einen Christstollen zu:

»Barbara besorgte die Zutaten: Rosinen Korinthen Rum Zitronat Mandeln Zitronen Mehl Hefe Zucker Milch Salz und Butter schaffte sie mit der Kiepe heran. Sechs heilige Hände strichen über die länglichen ineinandergeschlagenen Teigstücke, befühlten sie, ließen das Kindlein in jeder Mandel, jeder Rosine entstehen, der nun auf ein Backblech gelegt und für anderthalb Stunden in den Ofen geschoben wurde. Nach dem Backen bestrich Barbara die heißen Stolln mit Butter. Immer und immer wieder, bis alle Butter aufgebraucht war. Streute dick Zucker darüber und bedeckte die Wundergeburt schließlich mit einer Lage Puderzucker.«

Martin Suter, Der Koch: Curry mit glasierten Zwiebeln

Liebe geht durch den Magen. In Suters Buch schafft

»Drei Teller, auf jedem eine kleine Portion Curry, jede auf dem Podest einer anderen Sorte Reise präsentiert und mit einem Schlenker Schaum und einem glasierten Zwieblein geschmückt. Das Curry schmeckte wie etwas aus ihrer Jugend. Dabei hatte sie in ihrer Jugend nie Curry gegessen.«

Max Goldt, Quitten für die Menschen zwischen Emden und Zittau: Quittenkompott

In der Küche spielt die gelbe Frucht oft eine

»Das Aroma der Quitte ist einfach himmlisch, wenn nicht sphärisch, wenn nicht schönen Liedern aus besseren Zeiten gleichend. Ein Löffel Quittenkompott ist wie ein Schaumbad in siebentausend süßen Sünden.«

Tausendundeine Nacht

Und nicht nur Max Goldt, bereits

»Die Quitte bezaubert die Menschen mit ihren Wonnen, und unter den Früchten ist sie durch ihre Köstlichkeit berühmt. Sie schmeckt nach Wein, wie Moschus ist ihr Duft, ihre Schale erinnert an Goldstaub, und ihre Form ist rund wie der Vollmond.«

Joachim Ringelnatz, Abschiedsworte an Pelka: Pellkartoffeln

Wenn ein Nahrungsmittel für Deutschland steht,

»Jetzt schlägt deine schlimmste Stunde,
Du Ungleichrunde,
Du Ausgekochte, du Zeitgeschälte,
Du Vielgequälte,
Du Gipfel meines Entzückens.
Jetzt kommt der Moment des Zerdrückens
Mit der Gabel! -- Sei stark!
Ich will auch Butter und Salz und Quark
Oder Kümmel, auch Leberwurst in dich stampfen.
Musst nicht so ängstlich dampfen.
Ich möchte dich doch noch einmal erfreun.
Soll ich Schnittlauch über dich streun?
Oder ist dir nach Hering zumut?
Du bist so ein rührend junges Blut. --
Deshalb schmeckst du besonders gut.
Wenn das auch egoistisch klingt,
So tröste dich damit, du wundervolle
Pellka, dass du eine Edelknolle
Warst, und dass dich ein Kenner verschlingt.«

Heinrich Heine, Deutschland. Ein Wintermärchen: Altgermanische Küche

Im Winter 1843 reiste Heinrich Heine

»Der Tisch war gedeckt. Hier fand ich ganz
Die altgermanische Küche.
Sei mir gegrüßt, mein Sauerkraut,
Holdselig sind deine Gerüche!

Gestovte Kastanien im grünen Kohl!
So aß ich sei einst bei der Mutter!
Ihr heimischen Stockfische, seid mir gegrüßt!
Wie schwimmt ihr klug in der Butter!

Jedwedem fühlenden Herzen bleibt
Das Vaterland ewig teuer –
Ich liebe auch recht braun geschmort
Die Bücklinge und Eier.

Wie jauchzten die Würste im spritzenden Fett!
Die Krammetsvögel, die frommen
Gebratenen Englein mit Apfelmus
Sie zwitscherten mir: Willkommen!

Willkommen, Landsmann – zwitscherten sie –,
Bist lange ausgeblieben,
Hast dich mit fremdem Gevögel so lang
In der Fremde herumgetrieben!«

J.K. Rowling, Harry Potter: Magische Speisen

Manchmal kommt der Appetit beim Lesen

»Ron kam nach fünf Minuten mit drei dampfenden Krügen Butterbier zu ihnen. […] Harry trank mit mächtigen Schlucken. Das war das Leckerste, was er je getrunken hatte, und es schien ihn von innen bis in die letzte Pore zu erwärmen. [...] Einen Moment später erschienen die Nachspeisen. Eisblöcke in allen erdenklichen Geschmacksrichtungen, Apfelkuchen, Sirupkuchen, Schokoladen-Eclairs und Marmeladenkrapfen, Trifle, Erdbeeren, Gelee, Milchreis …«

Günter Grass, Der Butt: Hammelschulter und Nagelundstricksuppe

Grass’ 1977 erschienener Roman liest sich stellenweise fast wie ein Kochbuch. Dementsprechend deftig klingt der erste Satz im Butt, der den Plot des Romans mit vollem Mund eröffnet:

»Ich hatte die Hammelschulter mit halben Knoblauchzehen gespickt und die in Butter gedünsteten Birnen zwischen grüne gesottene Brechbohnen gebettet. Das Bohnenkraut nicht vergessen. Mit Salzkartoffeln oder historisch mit Hirse. Wie immer bei Hammelfleisch ist es ratsam, von vorgewärmten Tellern zu essen.«

Später im Roman kommt dann Lenas

»Schafsnacken und dicke Bohnen, geräucherte Schweinerippchen zu gekümmeltem Sauerkraut, Gänseklein und Wruken, sogar vier Stunden lang Kutteln vom Pansen der Kuh, saure Klopse, westpreußische Kartoffelsuppe mit Knoblauchwurst, Spitzbeine, ordinäre Erbsen mit Speck und bei festlichen Anlässen, wobei die Gäste nur gelinde draufzahlen mussten, kochte sie zu Nagel und Strick zarte Kalbszungen, die sie mit Weißwein abschmeckte und mit gekochten Rübchen garnierte. Dazu gab es eine Mayonnaise, aus Sonnenblumenöl und Eidotter geschlagen. Oder sie füllte ein Spanferkel mit Strick, Nagel und Dörrpflaumen.«

Wilhelm Busch, Zu guter Letzt: Pfannkuchen und Salat

In Wilhelm Buschs Gedichtband Zu guter Letzt findet sich eine wunderbare Schritt-für-Schritt-Anleitung für Pfannkuchen und Salat:

»Von Fruchtomletts da mag berichten
Ein Dichter aus den höhern Schichten.

Wir aber, ohne Neid nach oben,
Mit bürgerlicher Zunge loben
Uns Pfannekuchen und Salat.

Wie unsre Liese delikat
So etwas backt und zubereitet,
Sei hier in Worten angedeutet.

Drei Eier, frisch und ohne Fehl,
Und Milch und einen Löffel Mehl,
Die quirlt sie fleißig durcheinand
Zu einem innigen Verband.

Sodann, wenn Tränen auch ein Übel,
Zerstückelt sie und mengt die Zwiebel
Mit Öl und Salz zu einer Brühe,
Daß der Salat sie an sich ziehe.

Um diesen ferner herzustellen,
Hat sie Kartoffeln abzupellen.
Da heißt es, fix die Finger brauchen,
Den Mund zu spitzen und zu hauchen,
Denn heiß geschnitten nur allein
Kann der Salat geschmeidig sein.

Hierauf so geht es wieder heiter
Mit unserem Pfannekuchen weiter.

Nachdem das Feuer leicht geschürt,
Die Pfanne sorgsam auspoliert,
Der Würfelspeck hineingeschüttelt,
So daß es lustig brät und brittelt,
Pisch, kommt darüber mit Gezisch
Das ersterwähnte Kunstgemisch.

Nun zeigt besonders und apart
Sich Lieschens Geistesgegenwart,
Denn nur zu bald, wie allbekannt,
Ist solch ein Kuchen angebrannt.

Sie prickelt ihn, sie stochert ihn.
Sie rüttelt, schüttelt, lockert ihn
Und lüftet ihn, bis augenscheinlich
Die Unterseite eben bräunlich,
Die umgekehrt geschickt und prompt
Jetzt ihrerseits nach oben kommt.

Geduld, es währt nur noch ein bissel,
Dann liegt der Kuchen auf der Schüssel.

Doch späterhin die Einverleibung,
Wie die zu Mund und Herzen spricht,
Das spottet jeglicher Beschreibung,
Und darum endet das Gedicht.«