Das ist doch noch gut

Als unser Autor die Vorratsschränke seiner Mutter aufräumt, kommen uralte Lebensmittel zutage. Muss man die jetzt wegschmeißen? Es gibt nur eine Möglichkeit, das herauszufinden: probieren.

Reis von 2002, Nudeln von 2005 – manches wurde in diese Schränke gestellt, als
Angela Merkel noch nicht Kanzlerin war.

Foto: Anne Schwalbe

Staub hat sich auf der Verpackung breitgemacht, aber den Aufdruck kann ich sofort erkennen. Schwarze Zahlen und schwarze Buchstaben auf weißem Untergrund: 16. März 2002. Ich überlege, wie mein Leben damals aussah. Die Abiturprüfungen waren nicht fern, ich ging mit einem älteren Mädchen aus dem Nachbardorf, fuhr einen dunkelroten Opel Astra, dessen Scheiben man per Hand hoch und runter kurbeln musste, trug bunte Kleidung und schmierte mir jeden Morgen eine Tube Gel in die Haare. An mehr erinnere ich mich

Bald gesellen sich dazu: Tee von 2004, Nudeln von 2005, Trockenfrüchte von 2011 und Erdnüsse von 2013. Alles Lebensmittel, die in den Schränken meiner Mutter im Laufe der Zeit nach hinten rutschten, bis sie in Vergessenheit gerieten. Sie hat mir erlaubt, da Ordnung zu schaffen. Sie, eine freundliche, zur Melancholie neigende 61-Jährige mit kastanienbraunen Augen und tiefschwarzen Haaren, galt familienintern lange vor Corona als Hamsterkäuferin. Es gibt wenig, was sie nicht im Überfluss in ihrem Haus lagert. Wenn Mehl fehlt,

Woher diese Neigung kommt, weiß ich nicht. Meine Mutter ist in der DDR groß geworden, aber sie besteht darauf, dass es ihr nie an etwas gefehlt habe. Außer an den bunten Schokoladenpackungen und den schicken, eng geschnittenen Jeans vielleicht, die die Verwandtschaft aus dem Westen bei ihren seltenen Besuchen mitbrachte. Die DDR für ihre Hamsterei verantwortlich zu machen wäre so falsch wie David Hasselhoff den Mauerfall zuzuschreiben. Eher vermute ich dahinter diese mütterliche Neigung, für alle und alles sorgen zu

Ich schaue auf den Korb mit all den alten Lebensmitteln. Meine Mutter wollte sicher nicht, dass sie so lange im Schrank bleiben. Es ist einfach passiert, wie in so vielen anderen deutschen Haushalten. Wir kaufen mehr, als wir essen können. Laut der Verbraucherzentrale landen in Deutschland zwölf Millionen Tonnen Lebensmittel jährlich im Müll. Im Schnitt wirft jeder jährlich 75 Kilo Essen weg. Meistens völlig emotionslos: Rein in die Tonne und auf Nimmerwiedersehen.

Auch ich stehe jetzt vor der Frage, was

Essen war meiner Oma heilig. Trotzdem war diese

Omas Geschmacksnerven waren härter als Metall. Ich bin

Ihre Vehemenz im Kampf gegen die Überflussgesellschaft behielt

Reis, wie ich ihn jetzt in den Händen

Wie ein Forscher, der ein etwas exzentrisches Experiment

Doch der Reis kocht gemütlich vor sich hin,

So nimmt alles seinen Lauf. Am Morgen hatte

Der Drang, ihnen etwas zu sagen, wird mit

Spaßeshalber wetteifern wir beide seit unserer Kindheit um

»Neuer Rekord«, sage ich triumphierend. »Einen Oma-Dora-­Metallmagen für

In den kommenden Wochen trinke ich Tee von

Während meiner Testphase denke ich über Mindesthaltbarkeitsdaten nach.

Meine Tante gehört zur anderen Seite der Familie,

Den Wert von etwas zu vermitteln, was im

Die gepflückten Äpfel lagern wir im Keller meiner

Zwischen alldem entdecke ich eine alte Flasche, eingestaubt