Die Eltern gehen weg

Weil er unheilbar krank ist, beschließt ein Mann zu sterben. Ohne ihn will auch seine Frau nicht leben. Unser Autor hat die letzten Monate des Paares dokumentiert – er ist ein guter Freund des Sohnes.

Als seine Eltern ihre Trauerfeier besprechen wollen, flieht der Sohn irgendwann zum Rauchen auf die Dachterrasse. Er kann diese Abgeklärtheit manchmal nicht ertragen.

Illustration: Isabel Seliger

Eine 70-jährige Dame, die sich in fünf Wochen das Leben nehmen will, stellt man sich anders vor. Vergnügt und etwas aufgekratzt nimmt sie die Stufen zur Wohnung im vierten Stock. »Ich muss jetzt erst mal aus meinen hochhackigen Schuhen raus«, sagt Edith Stäheli im Treppenhaus. Eine kleine, quirlige, elegante Frau. Man würde sie deutlich jünger schätzen. Edith Stäheli wirkt keineswegs lebensmüde, und sie ist es auch nicht. Aber sie hat sich entschieden. Ihr Mann, Peter Stäheli, eben-falls 70, steigt hinter ihr ernst und steif die Treppen hinauf. Sein Parkinson, der Grund für den geplanten gemeinsamen Suizid, sieht man ihm auf den ersten Blick nicht an. Er steht etwas wackelig auf den Beinen. Es ist der 7. März 2015. Unser erstes Treffen. Stähelis haben sich um wenige Minuten verspätet. Sie waren mit Freunden zum Mittagessen verabredet. Die Freunde haben sie nach Hause gebracht, in einen Vorort von Basel.

Von jetzt an, dem 7. März gerechnet, wollen Edith und Peter Stäheli noch fünf Wochen leben. Höchstens. Den genauen Termin weiß das Ehepaar noch nicht. »Es muss einfach vor dem 15. April passieren«, sagt Edith Stäheli. Dann würde sie 71 Jahre alt. Die Vorstellung, an diesem Tag Gratulationen und Geburtstagswünsche entgegen-nehmen zu müssen und doch kurz darauf aus dem Leben zu treten, ist für sie wie für ihren Mann Peter unerträglich. Die Entscheidung steht. Irgendwann zwischen dem 5. April, also Ostersonntag, und dem 15. April. »Wir gehen sicher nicht am Osterwochenende. Wir möchten nicht, dass unser Sohn sein Leben lang Ostern mit dem Tod seiner Eltern verbindet«, sagt Edith Stäheli. Für ihn, Patrick Stäheli, 37, den einzigen Sohn, wollen die Eltern es so erträglich wie möglich machen. »Das ist für uns der wundeste Punkt«, sagt die Mutter. Sie ist kerngesund. Der Sohn ist mein guter Freund. Eltern und Sohn heißen in Wahrheit anders. Sie sehen auch nicht aus wie auf den Bildern zu diesem Text.

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