»Dauerhafte Müdigkeit ist ein SOS-Signal des Körpers«

Sind Sie auch immer so erschöpft? Dann warten Sie kurz, bevor Sie die nächste Tasse Kaffee trinken – denn die kann Sie sogar noch müder machen. Die Ärztin Anne Fleck erklärt, welche Nahrungsmittel oder Krankheiten uns schlapp machen, und warum seelischer Stress unser Energielevel beeinflusst.

Dr. med. Anne Fleck ist Fachärztin für Innere Medizin und Rheumatologie und eine Expertin für Präventiv- und Ernährungsmedizin. Sie gilt als Pionierin der Ganzheitsmedizin. Kürzlich ist ihr Buch Energy! (DTV) erschienen. Anne Fleck lebt und arbeitet in Hamburg.

Foto: Asja Caspari

SZ-Magazin: Sehr viele Menschen sind ständig müde, fühlen sich erschöpft, haben den Eindruck, sie müssten mit viel Kaffee dagegenhalten. Aber Sie, Frau Fleck, sagen in Ihrem neuen Buch Energy!, dass die Müdigkeit sehr oft Symptom für tieferliegende Beschwerden sein kann. Wie kommt man diesen Beschwerden auf die Spur?
Anne Fleck: Zunächst müssen wir klar trennen: Es gibt natürlich die Müdigkeit nach dem Sport, nach Bewegung, nach Anstrengung, die ist ganz normal, das ist unsere Natur. Aber wenn Menschen schon morgens kaputt aufstehen und sich eine anhaltende Müdigkeit breitmacht, ist das ein Alarmzeichen. Ich habe oft mit Patienten zu tun, die schon durch alle Mühlen der Diagnostik durch sind, die klassischen Blutwerte scheinen in Ordnung zu sein – aber es ist eben oft nicht alles in Ordnung.     

Was denn zum Beispiel?
Das Häufigste ist eine Störung in der Verdauung. Da haben sehr viele Menschen ein Problem, ohne es zu merken. Dann kommen die sogenannten niedriggradigen Entzündungen, die weit verbreitet sind, aber oft unerkannt bleiben. Anzeichen sind da neben Müdigkeit etwa häufiges Niesen, tränende und juckende Augen, Kopfschmerzen. So etwas kann sich über Jahrzehnte auswachsen, ohne dass man es so richtig merkt. Schlimmstenfalls führt eine stumme Entzündung zu Herzinfarkt, Schlaganfall, Diabetes, Demenz oder Krebs.     

Und da kann die ständige Müdigkeit ein frühes Signal sein?
Auf jeden Fall! Das gilt auch für die chronisch ausgebrannte Nebenniere. Da sind die Menschen morgens oft sehr schlapp. Sie haben ständig Heißhunger auf Süßes – und ich rede jetzt nicht nur von ein bisschen Lust auf Naschen, sondern richtig dramatische Gier –, sind nachmittags extrem müde, abends wieder fitter, es geht auf und ab.   

Das erste, das vielen Menschen gegen die Müdigkeit einfällt, ist eine Tasse Kaffee.
Die kann leider das Gegenteil bewirken. Wer Milcheiweiß nicht verträgt, wird durch einen Milchkaffee vielleicht erst recht müde. Da kann der Kaffee sogar Migräne verursachen. Und der Kaffee selbst hat einen Effekt auf die Nebenniere. Ich habe mal zwei Wochen lang auf Kaffee und Milch verzichtet. Es fiel mir nicht leicht. Aber es hat etwas verändert. Ich würde keinen harten Entzug empfehlen, aber ruhig mal schrittweise auf Kaffee verzichten. Dann stellt man fest, wie der Körper reagiert und sich regeneriert. Heute trinke ich nur einen Kaffee am Morgen, aber auch das nicht jeden Tag. Etwa 30 bis 40 Prozent der Menschen sind sogenannte genetische Entgiftungsschwächlinge, diese Gruppe hat potenziell langfristig ein Problem mit übermäßig viel Kaffee.     

Welche Lebensmittel machen noch müde?
Es gibt die Histamin-Intoleranz, das heißt, der Körper hat Probleme, den Botenstoff Histamin abzubauen. Beim Verzehr von histaminhaltigen Lebensmitteln wie Zitrusfrüchten, Tomaten, Schokolade, reifen Käsesorten, Räucherfisch oder Salami kann es dann zu einer anfallsartigen Müdigkeit kommen. In diesem Fall sind auch aufgewärmte Speisen aus Fisch oder Fleisch ein potenzielles Problem.   

Es heißt oft, lieber viele kleine Mahlzeiten über den Tag verteilt als wenige große. Hilft das gegen Müdigkeit?
Dieser Ansatz ist bis auf wenige Ausnahmen überholt. Man weiß jetzt: Viele Menschen essen zu oft. Wer sich pausenlos durch den Tag snackt, kommt nie in den wichtigen Prozess der Autophagie, in der der Körper Zellschrott recycelt. Wer dauernd isst, fordert Leber und Magen-Darm-Trakt zur ständigen Arbeit heraus. Der Körper kriegt keine Ruhe, es fehlt die Zeit der Regeneration. Besser ist eine niedrige Mahlzeitenfrequenz. Und es empfiehlt sich eine Nahrungspause von etwa 13 Stunden über Nacht. So kann sich der Körper langsam resetten. Ideal ist nährstoffreiches Gemüse, dazu Salate und zuckerarmes Obst. Und immer die Kohlenhydrate im Auge behalten! Die sollten nur flexibel nach Bewegung auf dem Teller landen. Sonst bewirken sie oft Müdigkeitsattacken. Wer sich mittags eine große Pizza reinhaut, darf sich nicht wundern, wenn er oder sie danach platt ist.     

Auf welche weiteren Probleme kann Müdigkeit hinweisen?
Eine dauerhaft anhaltende Müdigkeit ist ein SOS-Signal des Körpers. Nicht selten stottert zum Beispiel die Arbeit der Mitochondrien. Das sind die Haupterzeuger unserer Körperenergie in den Körperzellen. Die sekundären Mitochondriopathien sind gar nicht so selten, sie entstehen mitunter sogar durch Bagatellen wie ein Trauma der Halswirbelsäule, nach einem Sturz beim Skifahren etwa, aber auch durch psychischen oder körperlichen Stress.     

Wie reagiert man auf ständige Müdigkeit am besten?
Man sollte zunächst mit einer unhysterischen Selbstbeobachtung anfangen. Ich nenne das gern: die Lupe auspacken. Was für Symptome beobachte ich an mir neben der Müdigkeit? Wenn jemand müde ist und während des Essens öfter aufstößt, kann das etwa ein Zeichen für eine Verdauungsschwäche sein. Wenn man unter klassischen Entzündungen leidet, ist das oft erkennbar an roten Augen, Hüsteln, Heiserkeit, Blähungen oder Gelenkschmerzen. Das sind alles entzündliche Zeichen, die verraten: Die chronische Müdigkeit ist mehr als nur Müdigkeit.

Aber wie soll man als Laie diese Symptome einordnen?
Sie können zum Beispiel als erstes eine Zeitschiene aufmalen. Wann ging es mir gut, wann nicht mehr, welche biografischen Ereignisse sehe ich da im Zusammenhang? Gab es einen Jobwechsel, einen Umzug, Unfall, Todesfälle? Also Ereignisse, auf die der Körper reagiert. So erschließen sich manchmal erste Zusammenhänge. Zweitens: Finden Sie den Rhythmus, der zu Ihnen passt. Viele Patienten erzählen mir, sie beginnen den Tag mit einem Kaffee – und dann kommt erst mal ewig nichts. Dabei sehnt sich der Körper am Morgen nach Wasser, um das Flüssigkeitsdefizit über Nacht auszugleichen und die von Leber und Niere abgebauten Giftstoffe aus dem Körper zu spülen. Ich empfehle dringend zwei große Gläser Wasser direkt nach dem Aufstehen, das bringt die Verdauung in Schwung und räumt mit den Giftstoffen auf.     

Gibt es Rituale, mit denen man über den Tag hinweg etwas gegen Dauermüdigkeit tun kann?
Oh ja, da ist sehr viel möglich. Angefangen bei den schon erwähnten zwei Gläsern Wasser. Dann: auf den Atem achten. Immer wieder Momente des bewussten Atmens einlegen, tief in den Bauch. Das hat unmittelbar Einfluss auf unser autonomes Nervensystem und entlastet dadurch auch die Nebenniere. Falsches Atmen kann uns völlig erschöpfen – und übrigens auch Leiden hervorrufen bis hin zum Bandscheibenvorfall.   

Was kann man sich noch angewöhnen?
Gegen hektische Momente im Alltag empfehle ich einen Kniff aus der traditionellen chinesischen Medizin: das Ohr durchkneten. Das Ohr gilt da als Abbildung des ganzen Körpers, man tut sich also insgesamt Gutes, man gewinnt Energie. Beide Ohren mit der Hand durchkneten, keine Stelle vergessen, Ohrläppchen, Ohrmuschel, eine Minute. Danach haben Sie feuerrote Ohren, aber sie werden sich unmittelbar aktiviert fühlen. Und abends habe ich ein kleines Ritual, das auch gegen Erschöpfung hilft: Ich trage mir täglich fünf Minuten im Kalender ein, in denen ich nur mit mir selbst verabredet bin. Einen friedlichen Moment schaffen. Ruhe.     

In Ihrem Buch geht es auch um die Entgiftung des Körpers. Welche Schadstoffe machen denn besonders müde?
Ich schmiere mir nicht jeden Tag schlechte Kosmetik ins Gesicht und esse möglichst wenig aus Plastikverpackungen. Wenn ich mir eine Bratpfanne kaufe, ist die aus Edelmetall besser als die aus Aluminium. Bei Kleidungskäufen beachten: Kann ich das selbst waschen oder muss man es chemisch reinigen? In all diesen Alltagsmomenten kommen wir mit Giftstoffen in Kontakt, die unseren Körper erschöpfen und uns müde machen können. Aber nochmal – bitte keine Panik! Wir sind jetzt nicht automatisch alle halbtot. Helmut Schmidt hat uns als extremer Raucher gezeigt, dass man sehr alt werden kann, wenn man unter einer täglichen Glocke aus Gift sitzt.     

Und was ist mit den, sagen wir, nicht-stofflichen Schadstoffen?
Ja, die gibt es in der Tat: die emotionalen Gifte, denen wir ausgesetzt sind. Man muss beileibe kein Esoteriker sein, um zu verstehen, dass negative Empfindungen uns belasten, also auch erschöpfen. Das gilt natürlich zurzeit besonders für die Ängste und Sorgen, die viele während der Pandemie empfinden. Aber auch so etwas Unnötiges und Zerstörerisches wie Neid oder Missgunst belastet die Menschen. »Des Glückes Tod ist der Vergleich«, heißt es ja. Und da ist unbedingt was dran. Manche Menschen sind zu kritisch, argwöhnisch. Ich empfehle Gedankenfasten. Einfach mal Dinge stehen lassen, nicht weiter hadern. Auseinandersetzungen beenden. Ist dieser und jener Streit wirklich sinnvoll?  

Man kann tatsächlich vom Streiten körperlich müde werden?
Ja, Sie glauben gar nicht, wie oft Müdigkeit auf negative, aggressive Empfindungen zurückführbar ist. Es gibt auch soziale Kontakte, die Energieräuber sind. Menschen, die einem nicht wohlgesonnen sind, von denen wenig zurückkommt. Man sollte sich immer hinterfragen: Tut mir das, der oder die gut? Wie geht es mir damit? Vielleicht bin ich ständig so kaputt, weil mich der Kontakt zu dieser Kollegin oder jenem Bekannten im wörtlichen Sinne ermüdet. Müdigkeit ist auch ein diskretes Signal des Widerstands gegen eine Situation.