So blau, dass sie sich kaum auf den Beinen halten konnten

Im Jahr 1991 spielte der Westen Fußball gegen den Osten – ein großer Tag der Völkerverständigung. Spielentscheidend waren am Ende ein paar Flaschen Budweiser.

Foto: Maurizio Di Iorio

Wer denkt, dass in Bayern viel Bier getrunken wird, war nie in Tschechien. Im Durchschnitt trinkt jeder Tscheche – Frauen, Kinder und Abstinenzler mitgerechnet – 141 Liter im Jahr, jeder Deutsche nur 102 Liter, dazu gibt es meistens Fleisch oder Fleisch mit einer Beilage. Besonders viel Bier wurde in Tschechien an einem heißen Julitag 1991 getrunken: Ich war 15 und spielte in unserer Fußball-Schulmannschaft, rechter Verteidiger, Ersatzspieler, aber immerhin. In der Tschechoslowakei war nach dem Zusammenbruch der UdSSR und der

In den Jahren zuvor war nur ein paar Kilometer von unserer Schule entfernt das Ende der Welt gewesen: Grenzzäune, Wachtürme, Soldaten, Schäferhunde. Und nun also diese politisch aufgeladene Reise in das Städtchen Budweis, in dem wir uns von Beginn an so vorkamen, als wären wir auf einem anderen Planeten gelandet: Alles war so herunter­gekommen, gleichförmig, freudlos. Die meisten von uns sahen zum ersten Mal Plattenbauten. Wir wurden in die Schulkantine eingeladen, es gab rotes, faseriges Fleisch und geschmackloses Sauerkraut. Links

Zum Verhängnis wurden uns dann die zwei Stunden zur freien Verfügung vor dem Spiel, in denen wir uns wie ganz normale 16-Jährige verhielten: Wir rannten in die hübsche Innenstadt, hockten uns in die erste Kneipe und tranken so viel Budweiser wie möglich, ein extrem süffiges, goldgelbes Bier mit einer minimalen Honignote, das jedem zu empfehlen ist, dem Beck’s oder Jever zu herb schmecken. In Tschechien gibt es einen Zweikampf zwischen Pilsner-Urquell- und Budweiser-Fans. Die ersten sagen: Budweiser ist zu süß.

Wir verloren 10:3. Keine Ahnung, wie wir drei Tore ­zustande gebracht hatten. Die meisten von uns waren so blau, dass sie sich kaum auf den Beinen halten konnten. Ich döste fast auf der Ersatzbank ein, wurde aber fünf Minuten vor dem Spielende eingewechselt und durfte auch noch ein bisschen herumstolpern. Unser Trainer schämte sich an der Seitenlinie zu Tode. Nach dem Spiel gaben sich alle die Hand, ich kann mich nicht erinnern, dass an unserer Schule jemals ein Wort darüber