Was man von Gin über die Heimat lernen kann

Jeder Ort, der etwas gelten will, brennt seinen eigenen Gin. Aber schmecken die Gins dann auch nach diesen Orten? Eine Deutschlandreise.

Foto: Maurizio Di Iorio

Deutschland ist föderal, aber Gin ist noch föderaler. Jeder Ort, der was auf sich hält, brennt seinen Gin. Aber hat man es dort dann wirklich mit einem Regionalprodukt zu tun, das Besonderheiten der Gegend schmeckbar in sich trägt, oder ist das ein Marketinggag, um Gin in hübschen Flaschen mit Heimat-Etikett in den örtlichen Bahnhofsshop zu bringen? Geradewegs ins Mitbringselregal neben die Fotobüchlein in Polaroid-Optik über örtliche Wahrzeichen, blinkende Kugelschreiber mit Stadtwappen, Feuerzeuge mit Flamme in Form des Fernsehturms und Magneten

Ruft man eine Deutschlandkarte der Gin-Produktionen auf, dann ist das Bundesgebiet eine ziemlich eifrige Destillerie-Nation. Hoch wie runter, rechts wie links, viele verschiedene Gins – und das, obwohl die EU-Verordnung eigentlich nur zwei Inhalte vorgibt: Gin, das ist Ethylalkohol landwirtschaftlichen Ursprungs, aromatisiert mit Wacholderbeeren. Warum sollte das jedes Dorf immer ­wieder neu erfinden? Was soll da groß variiert werden? Und schmeckt nicht auch Gin Tonic immer gleich? Herb und frisch und vor allem dominant nach Schweppes, und ist die wichtigste

Wer eine informierte Gin-Bestellung aufgeben will, kann nicht seine gesunkenen Ansprüche aus der Bar-Nacht zum Maß nehmen. Man stellt schnell fest, in Gin kann alles rein: Der »Stauffenberg Gin« aus Jettingen in Baden-Württemberg verspricht einen Haufen Aromen über die Wacholderbeere hinaus: Orange, Zitrone, Ingwer, Koriander, Nelke und Kardamom, »vermählt mit den floralen Aromen von Lavendel und Zitronenmelisse«. Okay. Der Erfurter »Brick Gin« verspricht eine Zitrusnote und Kubebenpfeffergeschmack. Der »Gin de Cologne« mit Severinstorburg auf dem Etikett wird mit Lavendel- und

Testzeit. Leichter Stress, die vielen Zutaten, mit denen die Gins aromatisiert sein sollen, auch rauszuschmecken. Wie schmeckt bitte Hibiskus? Der Gin aus dem Bayerischen Wald riecht schon beim Entkorken wie Birnenschnaps und schmeckt trotz Tonic Water süßlich, gar nicht nach Waldbad oder Kräuterwickel, sondern nach Kopfweh. Weg. Der Kölner Gin schmeckt fruchtig, nicht würzig, mehr nach Sommerdrink denn nach Gin. Jetzt der Jettinger: herb, gurkig, ganz weich, riecht gar nicht alkoholisch. Gut. Noch besser nur der Erfurter: Riecht kurz vorm

Was daran nun besonders erfurtig ist, konnte nicht erschmeckt werden. Na gut, von Aspirin verlangt ja auch keiner, dass es nach Leverkusen schmeckt. Das Etikett in Backsteinoptik aber sieht sehr so aus wie die Häuserrückseiten, die man sieht, wenn man mit der Bahn in die Stadt einfährt. Insofern läge dieser Gin im Bahnhofsshop sehr passend.