Kampf um die Herzchen

Dass TikTok Wahlen entscheiden kann, weiß jetzt auch der letzte Kandidat. Aber wie stellen sich die Spitzen der Parteien dort an? Ein Blick auf einige bemerkenswerte Posts – von Tanzeinlagen bis Katzenrettungs-Aktionen.

Friedrich Merz, CDU

Ein erfolgreicher Post: Als Politiker ist es klug, nicht nur mit der Presse zu sprechen, sondern auch mal exotische Influencer zu treffen, deren verrückte Posts mit Politik nichts am Hut haben. Dieser TikToker heißt zum Beispiel Markus Söder und scheint ein Food-Influencer zu sein. 
Das lernen wir: Mit Currywurst hat schon Gerhard Schröder seine Wahlkämpfe bestritten, das scheint angesichts von 1,7 Millionen Views für dieses Videos immer noch zu klappen. 

Ein typischer Post: Friedrich Merz, wie er wieder und wieder die Zusammenarbeit mit der AfD ausschließt. 
Das lernen wir: Er benutzt das schöne, alte Wort »Popanz« noch. 

Ein erstaunlicher Post: Friedrich Merz tanzt mit seiner Frau.
Das lernen wir: Er ist dabei exakt so locker, elegant und cool wie man es vermutet hat. 

Olaf Scholz, SPD, Bundeskanzler

Ein erfolgreicher Post: Von den stolzen neun Millionen Views verdankt Olaf Scholz gefühlte acht Millionen dem TikToker @brooklyn_oy. Der klagt in seinen Videos oft über gestiegene Preise in Supermärkten und ruft in einem Post sehr lautstark: »OLAF SCHOLZ, senk die Preise!« Der Bundeskanzler antwortet darauf nicht nur in einem Video, er trifft den jungen Mann später auch noch persönlich. So geht Social Media.  
Das lernen wir: Würde @brooklyn_oy der nächste Kanzler, würde er übrigens das Deutschlandticket auf 10 Euro runtersetzen und Dönerpreise über 3,50 Euro gesetzlich verbieten. OLAF SCHOLZ! Hörst du das?

Ein typischer Post: Der Politiker trifft das Volk, in diesem Fall: die Jecken. 
Das lernen wir: Ein Karnevals-Pflichttermin, bei dem Angela Merkels Mimik nie verbergen konnte, wie fremd ihr Funkenmariechen und Dreigestirne sind. Olaf Scholz dagegen freut sich glaubhaft, sagt aber gleich, das Amt als Karnevalsprinz nicht anzustreben. 

Ein erstaunlicher Post: Olaf Scholz schreibt, er habe sein »jüngeres Ich auf einen Kaffee getroffen«.  
Das lernen wir: Der ältere Olaf Scholz schreibt in dem Post, früher habe er noch lange Haare gehabt, nie weiße Hemden angezogen, jede Rede frei gehalten, sich leidenschaftlich mit Arbeitsrecht beschäftigt und gerne schnelle Autos gefahren. Klingt, als ob der junge Olaf Scholz auf TikTok deutlich mehr Wählerpotential hätte als der heutige.

Alice Weidel, AFD

Ein erfolgreicher Post: Alice Weidel sagt, sie habe sich extra einen Herzchen-Pullover angezogen, weil sie auf dem Weg nach Hamburg sei, »wo die Linken angekündigt haben, die halbe Stadt in Schutt und Asche zu legen, weil ich dort auftrete«. Und schließt in dem Video, das 4,9 Millionen Views hat, mit den Worten: »Make love not war.«
Das lernen wir: Die Stadt blieb heil. Wirklich in Schutt und Asche lag Hamburg zuletzt 1945, als Folge der NS-Herrschaft, diesem »Vogelschiss in unserer Geschichte«, wie es Weidels Parteifreund Gauland formuliert hat. 

Ein typischer Post: Ein Aufsager vor neutralem Hintergund mit zentralen Wahlkampfversprechen. Hier: deutliche Steuersenkungen. Wie das finanziert werden soll, lässt die AfD gerne unerwähnt.
Das lernen wir: Während Lindner, Habeck, Scholz und selbst Merz öfter mal die Krawatte weglassen, um jünger zu wirken, setzt Weidel demonstrativ auf das Einstecktuch. Das kam übrigens um das Jahr 1830 auf, in der Biedermeierzeit.

Ein erstaunlicher Post: Ein Animationsfilm im Manga-Stil, der junge Mädchen zeigen soll, die sich freuen, weil die AfD die angeblich unsicheren Freibäder sicherer machen will. 
Das lernen wir: Die vier Mädchen in dem Video sehen nicht nur wie geklont aus, sie machen auch sehr seltsame Geräusche im Freibad, die in etwa so klingen: »brrrbrrwup.« 

Robert Habeck, Die Grünen

Ein erfolgreicher Post: Ist auch sein unverständlichster. Zum Jahreswechsel macht Robert Habeck grinsend eine Art Peace-Zeichen, zu der ein Sänger das Wort »Love« zu sagen scheint. Dafür gab es 1,5 Millionen Views. (Anmerkung: Laut den Grünen soll es sich um den »Busfahrer-Gruß« handeln – der im Original etwas anders aussieht – aber danke für den Hinweis.)
Das lernen wir: Eine post-politische Karriere als sympathischer Ü50-Influencer scheint möglich. 

Ein typischer Post: Robert Habeck liest aus seinem Buch Den Bach rauf das Kapitel »Lass dich nicht verhärten« vor. 
Das lernen wir: Habeck zitiert darin den jüdischen Autoren Ludwig Fulda, der sich 1939 das Leben nahm, mit folgendem Gedicht: »Den Streitgesprächen bleib' ich fern, die um den Biertisch wandern: Ein jeder hört sich selber gern und überhört den andern. Und hat man sich den Kopf beschwert mit zorniger Verneinung, geht man nach Hause, neu bekehrt – zu seiner alten Meinung.« 

Ein erstaunlicher Post: Robert Habeck besucht die Freiwillige Freuerwehr in Kehl. 
Das lernen wir: Im Einsatz kommt plötzlich ein Notruf, Habeck sagt ernst, man könne jetzt natürlich sofort abbrechen, wenn es nötig sei. Dann die Auflösung: eine Katze muss von einem Baum gerettet werden. 

Heidi Reichinnek, Die Linke

Ein erfolgreicher Post: Ihre 6,6 Millionen mal angesehene Rede nach der Migrationsabstimmung der CDU mit Stimmen der AfD.  
Das lernen wir: Wut funktioniert natürlich auf TikTok. Kann aber ab und an auch sinnvoll sein. 

Ein typischer Post: Reichinnek redet gerne sehr emotional und wütend über »Leute, die mich nerven«, oft meint sie, »die reichsten zehn Prozent im Land«.
Das lernen wir: Die Partei für »die kleinen Leute« steht aktuell bei rund sechs Prozent in der Prognosen, die Besserverdienenden-FDP bei etwa vier Prozent.

Ein erstaunlicher Post: Heidi Reichinnek wird in einem TV-Beitrag mit Ines Schwerdtner verwechselt. 
Das lernen wir: Das wird Reichinnek, dem neuen Social-Media-Star der deutschen Politik, nicht mehr oft passieren.

Christian Lindner, FDP 

Ein erfolgreicher Post: Zwei Millionen Views sammelt Lindner mit diesem Beitrag, in dem er Robert Habeck für dessen unausgegorenen Vorschlag für Sozialabgaben auf Kapitalerträge kritisiert. (Das Video, wie ihm eine Torte ins Gesicht geworfen wird, schaffte übrigens  rekordverdächtige 38 Millionen Views.)
Das lernen wir: Lindner sagt im Video: »Glaubt ihm nichts. Der Robert lügt zwar nicht, hat aber trotzdem keine Ahnung.« Wie man halt so über Ex-Partner spricht nach dem dramatischen Beziehungsende.

Ein typischer Post: Lindner kritisiert Habeck. 
Das lernen wir: Was beim ersten Date gilt, gilt auch bei Bundestagswahlen: Wenn der andere immer nur über den Ex lästert, sucht man besser das Weite. 

Ein erstaunlicher Post: Christian Lindners Gesicht wurde auf Döner-Verpackungen gedruckt. 
Das lernen wir: Das Ganze war Teil einer PR-Aktion von FDP-Lokalpolitikern, die 300 Gratis-Döner verteilt haben. »Mehr Döner vom Brutto«, schreibt Lindner. OLAF SCHOLZ! Hörst du das?

Sahra Wagenknecht, BSW

Ein erfolgreicher Post: Sahra Wagenknecht empört sich, dass Gesundheitsminister Karl Lauterbach seinen Parteikollegen Olaf Scholz »den besten Bundeskanzler, den wir je gehabt haben« nannte. Dann geht sie einmal querbeet durch ihr Wahlprogramm und redet über Elfjährige, die Messer tragen, über Wärmepumpen, Nuklearwaffen und den E-Porsche. 
Das lernen wir: Man kann auch mit einer Bundestagsrede acht Millionen Views bekommen. 

Ein typischer Post: Wie andere Spitzenpolitiker auch nimmt Sahra Wagenknecht ihre TikTok-Videos gerne auf dem Autorücksitz zwischen zwei Terminen auf. 
Das lernen wir: Sie wird mit der Aussage eines Zuschauers konfrontiert, der gefragt habe, wie Wagenknecht immer so souverän und gelassen bleiben könne in Diskussionen. Klingt wie eine dieser TV-Werbungen im Vorabendprogramm, wo »Passanten« auf der Straße sagen, dass sie wirklich total begeistert von der neuen Zahncreme sind, die sie zufällig auch benutzen. 

Ein erstaunlicher Post: Sahra Wagenknecht (und Parteifreunde) als animierte Zeichentrickfiguren in einer Art Videospiel. Als Gegner tauchen dann Robert Habeck (mit Gewehr in der Hand), Alice Weidel (in einer apokalyptisch zerstörten Landschaft) und Boris Pistorius (im Panzer) auf. Dazu schreibt Wagenknecht: Entscheide dich für ein Team.  
Das lernen wir: Wagenknecht kennt sich in der Videospielszene wohl nicht so gut aus. Echte Gamer würde sofort das Team mit den Panzern wählen.