»Dass mir die Knie zittern, passiert mir gar nicht mehr« - »Mir schon«

Die Ausnahme-­Pianistinnen Martha Argerich und Sophie  ­Pacini über ihre Freundschaft, die Macht des ­Kritikers und die ewige Angst vor der Bühne.

Martha Argerich (rechts) ist das große ­Vorbild von ­Sophie Pacini (links). Erfolgreich sind sie beide.

Die 79-jährige argentinisch-schweizerische Martha Argerich und die 28-jährige Deutsch-Italienerin Sophie Pacini sind Freundinnen. Und sie spielen zusammen Klavier. Denn Argerich, eine der bedeutendsten Pianistinnen unserer Zeit, tritt kaum mehr allein auf, sondern lieber zu zweit, mit Kammermusikorchester oder als Solistin mit großem Orchester. Argerich hat Lampen­fieber, sie ist bekannt dafür, Konzerte und Interviews in letzter Sekunde abzusagen. Am Abend vor diesem Interview gaben die beiden ein gemeinsames Konzert im bayerischen »Schloss­hotel Elmau«. Im November 2020 sollten Argerich und Pacini zusammen Beethoven spielen. Da das Konzert im Münchner Herkulessaal Corona-bedingt ausfällt, plant der Bayerische Rundfunk eine Aufzeichnung. Allerdings ist auch ungewiss, wann sie stattfinden kann.

SZ-Magazin: Hallo, Frau Pacini, wo ist denn Frau Argerich?
Sophie Pacini: Sie war heute Morgen noch ganz fidel. Jetzt ist sie beim Kofferpacken, sie kommt bestimmt gleich.

Gestern haben wir Sie beide mit Mozart und Liszt für zwei Klaviere gehört. Wie lange haben Sie ­geprobt?
Pacini: Wir haben am Abend zuvor das erste Mal geprobt. Das Mozart-Stück hatten wir beide schon gespielt, aber nie zusammen. Wir haben es einmal durchgespielt und hatten wohl die gleiche Art zu atmen und zu konzipieren. Bei Liszt haben wir die Flügel herumgeschoben, damit es nicht so ein Riesenklangbrei wird. Der Saal ist ja groß, aber nicht riesig, dann wird der Klang schnell sehr bombastisch mit der Holzbühne.

Haben sich die Flügel wegen Liszt gegenübergestanden?
Pacini: Ja, bei Liszt ist ja alles synchron, bei Mozart etwas versetzter. Bei Liszt, gerade am Anfang, müssen wir zusammen sein, sonst ist das ein bisschen Lotterie, wenn du dich nur mit den Blicken verständigst. Das hat zwar funktioniert, aber so war es noch besser, auch klanglich.

Weil die Flügel am Rand der Bühne standen?
Pacini: Genau, da hat sich der Klang wie eine Kuppel geschlossen. Wir haben bis halb zwei in der Nacht da gesessen, nicht nur gespielt, sondern auch geredet, wir hatten uns ja länger nicht gesehen. Das Spielen ging relativ schnell.

Zwischendurch haben Sie die Flügel getauscht.
Pacini:
Martha hat immer das erste Klavier bei Don Juan gespielt. Seit 25 Jahren. Ich habe mich angepasst. Und bei Mozart wollte sie unbedingt das zweite Klavier spielen. Der vordere Flügel war etwas brillanter und passte ganz gut zu diesen Mozartläufen, und für Liszt passte das auch ganz gut in der oberen Stimme. Beide Flügel sind sehr unterschiedlich und ergänzen sich wunderbar. Für einen Soloabend hätte ich wahrscheinlich das erste Klavier von gestern ausgewählt.

Wie sind die Unterschiede?
Pacini:
Mir gefällt es sehr, wenn es brillant und diskant ist und der Flügel schnell und flexibel reagiert, ich brauche nicht so einen schweren Bass, der extrem monumental ist. Und der andere hat einen sehr warmen, aber auch schweren Bass, und in der Mittellage ist er langsamer, dafür aber im Diskant extrem hell. Martha spielt relativ wenig Mozart, leider, sie spielt ihn wundervoll. Da ist sie ja!

Martha Argerich: Ça va?
Pacini: Va bene. E tu?
Argerich: Ganz okay. Was sind das für Ohrringe, die habe ich noch nie an dir gesehen? Sind die aus Holz?
Pacini: Nein, Samt. Ganz leicht. Ich kann sie nicht tragen, wenn ich spiele, sie sind zu groß.
Argerich: Schön.
Pacini: Hast du Löcher in den Ohren?
Argerich: Ja, schon als Baby. Mit zehn dachte ich, das will ich nicht, Ohrringe sind für Sklaven. Mit 16 hatte ich dann doch welche, aber heute trage ich keine mehr.
Pacini: Ringe an den Fingern hast du nie getragen?
Argerich: Nein. Doch. Ich habe mit Ring geheiratet. Ich habe ihn mal aus Wut in den Garten geschmissen und nie wiedergefunden.

Kann man mit Ringen überhaupt Klavier spielen?
Argerich:
Das geht. Ich glaube, es gibt Pianisten, die spielen mit Ring. Cellisten und Geiger können das nicht.
Pacini: Mich stört ein Ring beim Spreizen, er zwängt den Finger so ein.

Als Sie, Frau Pacini, damals Frau Argerich vorspielten, hatten Sie da Angst?
Argerich:
Leidest du unter Lampenfieber?
Pacini: Klar. Als ich Martha vorspielen sollte, habe ich lange in einem Hotel gewartet.
Argerich: In Pietrasanta, in dem Hotel, in dem man für das Festival geübt hat, ich erinnere mich. Das war vor vielen Jahren.
Pacini: Ich war 18. Dieses Jahr ist es zehn Jahre her.
Argerich: Das ist gar nicht so viel. Und du hast die Liszt-Klaviersonate gespielt, sehr, sehr gut. Daran erinnere ich mich genau. Pacini: Bevor Martha kam, hatte ich furchtbare Angst, ihr wahrhaftig zu begegnen.
Argerich: Wieso?
Pacini: Weil du mein Vorbild bist.
Argerich: Wie meinst du das?

Pacini: Na, dass du vielleicht sagen könntest, was machst du da, um Gottes willen, das ist ja furchtbar! Hätte ja sein können. Als du dann den Raum betreten hast und ich am Klavier saß, spürte ich von dir eine un-glaubliche Wärme.
Argerich: War ich am Klavier?
Pacini: Nee, auf der Couch. Mit Daniel.
Argerich: Rivera?
Pacini: Ja. Ich saß am Klavier. Und als sie dann aufstand, nach vier Minuten, hat sie den Flügel aufgemacht, das weiß ich noch. Und mich sehr lieblich angeschaut.

Warum macht man den Flügel auf?
Pacini: Sie wollte besser hören, denke ich. Oder? Es lagen irgendwelche Decken drauf.
Argerich: Oh ja, für mich, denn ich mag es nicht, mit vollem Klang zu üben, beim Vorspielen schon. Aber, Sophie, hast du Lampenfieber vor Publikum?
Pacini: Ja. Schon. Aber nicht mehr, wenn ich auf der Bühne bin. Als Kind spielte ich im Münchner Herkulessaal einen Wettbewerb. Ich saß da, wartete, baumelte mit den Füßen, dann spielte ich einfach los. Dieses Gefühl von Wärme auf der Bühne hat sich mir eingebrannt, das Gefühl, Musik zu teilen, dieses Miteinander. Ich kann das jederzeit abrufen.

Also haben Sie Ihr Lampenfieber seitdem im Griff?
Pacini: Nein, es wird eigentlich mehr, je mehr du zu verlieren hast. Ich habe dann bei Karl-Heinz Kämmerling angefangen zu studieren, und da waren die Wettbewerbe nicht dazu da, teilzunehmen, sondern zu gewinnen. Du bist da hingefahren und wusstest, du musst gewinnen, ansonsten kannst du dich aus der Klasse verabschieden. Da ist der Druck anders, und auch das Lampenfieber. Damals habe ich angefangen, Wege zu finden, die Musik in Bilder umzusetzen, in Farben, um eine Geschichte zu erzählen auf der Bühne. Vor jedem Konzert spürst du ein, zwei Tage vorher diesen Tunnel. So eine Routine gibt dir Sicherheit, du machst immer alles gleich an den Tagen.

Die Geschichte, die Sie sich zurechtlegen, ist das immer eine andere?
Pacini: Wenn ich die Waldsteinsonate spiele, sind das Gefühlszustände, die Beethoven beschreibt: Am Anfang des Stücks sehe ich einen dunkelgrünen Raum, beim vierten Beet-hoven-Klavierkonzert ein lindgrünes Feld vor mir. Sobald das Orchester mit H-Dur einsteigt, öffnet sich eine Tür zum Horizont. Ich bin in einer anderen Welt, und es geht ja letztlich um Emotionen.

Das nimmt Ihnen die Angst?
Pacini: Ja. Eine halbe Stunde vor dem Konzert grummelt es noch im Bauch, ab da werde ich ruhig. Weil ich weiß, das Einspielen ist vorbei, jetzt geht es darum, die Musik zu teilen. Und wenn ich auf der Bühne sitze, ist das Lampenfieber weg. Beim Hinaufgehen ist es noch da.

Wovor haben Sie Angst? Vor dem Urteil der anderen? Oder dem eigenen? Angst, sich zu verspielen?
Pacini: An gewissen Stellen denkt man das schon, aber hauptsächlich befürchte ich, nicht in den Modus zu kommen, in den Flow. Dass man es nicht schafft, Gefühle zu teilen, sondern hinter einer Mauer bleibt. Dass man das Eis nicht bricht.

Das Eis zwischen Ihnen und dem Publikum?
Pacini:
Ja. Deswegen sage ich auch meistens etwas über die Werke, die ich spiele. Als Kind hat es mir Angst gemacht, wenn ein Künstler auf die Bühne ging, und es war so eisig, denn eigentlich wollen wir ja alle dasselbe, wir wollen diese Musik und diesen Moment gemeinsam erleben.
Argerich: Hast du in der Schule Theater gespielt?
Pacini: Nein. Aber mein Plan B wäre Schauspielerin oder Anwältin gewesen.
Argerich: Ich hatte keine gute Stimme. Mit 16 war ich mal am Konservatorium in Genf. Ich wollte ein bisschen schauspielern versuchen. Da hieß es, ah, mit deiner Stimme, das geht nicht. Sie trägt nicht. Das ist wahr. Wenn ich in einem Restaurant nach dem Ober rufe, kommt niemand.

Können Sie Ihr Lampenfieber beschreiben, Frau Argerich?Argerich: Das sind so Tage, da fühlt man sich nicht gut, schon den ganzen Tag, wenn man abends spielen muss. Man fühlt sich nicht normal. Früher hat sich Lampenfieber auch körperlich gezeigt, meine Nase ist ge­laufen, meine Füße haben gezittert. Ich habe heute weniger körperliche Symptome. Ich weiß nicht, warum. Die Nase läuft kaum noch. Dass mir die Knie zittern, passiert mir gar nicht mehr.
Pacini: Mir schon, wenn ich das Pedal längere Zeit benutzen muss. Mit dem linken Fuß. Da kommt es ganz plötzlich. Als ich mal das vierte Beethoven-Klavierkonzert gespielt habe, fühlte ich mich eigentlich gut, weil ich nicht auf das Orchester warten musste. Im zweiten Satz fingen meine Knie an zu zittern. Irgendein Geräusch im Saal, irgendwas hat mich irritiert, vielleicht war es auch nur der zweite Satz, der so widersprüchlich ist. Im dritten Satz war es wieder besser.
Argerich: Dann muss etwas Emotionales in der Musik der Grund gewesen sein. Aber das ist etwas anderes als bei mir. Das Zittern der Knie kam ja nicht durch das Pedal, sondern schon davor. Es ist seltsam mit den Gefühlen beim Spielen. Einige Male habe ich mir ernsthafte Sorgen um Freunde gemacht, dann ging ich auf die Bühne, spielte, und es hörte sich sehr glücklich und lebendig an. Ich habe mich manchmal gefragt, ob ich eine Maschine bin. Ich hatte ja selbst auch schon große Probleme, die sich beim Spielen nicht zeigten.

Sie meinen, die Musik hat mehr Kraft als die eigenen Gefühle?Argerich: Musik wirkt emotional, kann sehr begeistern und ist nicht beeinflussbar. Das ist anders als während eines Gesprächs, denn in der Musik selbst stecken ja Gefühle. Deswegen gibt es diese Momente, in denen man beim Spielen alles vergisst. Auch die Zeit ist anders, wenn man spielt.
Pacini: Vor Kurzem erkrankte meine Mutter schwer. Zwei Tage nachdem ich davon erfahren hatte, sollte ich spielen. Ein Konzert mit Waldsteinsonate und Tannhäuser, sehr emotionale Musik. Die Waldsteinsonate ist so positiv, doch ich habe plötzlich die dunklen Seiten dieses Stücks erkannt. Nach dem Konzert merkte ich, dass die Leute auch etwas anderes gespürt hatten, beim Signieren sagten welche: Danke für die Emotionen. Oder man denkt, was spielst du da für eine lätscherte Nummer, und die Leute kommen unter Tränen und bedanken sich. Du hast offenkundig noch eine zweite Seite in dir. Bisschen geisterhaft.
Argerich: Ich glaube an Magie: Wenn ich etwas sehr gut mache, wird eine Sache gut werden, die ich mir wünsche. Als meine Mutter sehr krank war, habe ich ein besonders schwieriges Stück in ganz kurzer Zeit eingeübt, weil ich hoffte, es würde ihr dann besser gehen.
Pacini: Das sind Schwingungen. An die glaube ich auch.

Fürchten Sie sich vor einigen Stücken oder Komponisten mehr als vor anderen?
Argerich:
Früher war es immer Mozart. Chopin auch. Jetzt ist es viel besser.

Hatten Sie gestern Lampenfieber?
Pacini:
Bisschen.
Argerich: Ja, aber kein richtiges Lampenfieber. Es ist viel schlimmer, wenn ich allein spiele.

Spielen Sie deswegen nicht mehr allein?
Argerich:
Ja, sehr wenig, meistens nur mit Orchester. Das ist noch mal anders. Einmal habe ich das als sehr beängstigend erlebt, bei Ravel, da kam dieses Tutti, das ganze Orchester spielte, und ich dachte, was kommt bloß danach? Was muss ich spielen, wenn das Orchester aufhört? Ich wusste es nicht.

Ein Blackout?
Argerich:
Ich bekam Panik, dachte, was mache ich dann? Aber als das Orchester fertig war, wusste ich gleich, wie es weiterging. Es war alles da.
Pacini: Das kenne ich auch.
Argerich: Du musst dich der Musik überlassen, musst im Fluss sein, dir und der Musik vertrauen. Denn darum geht es. Nicht darum, perfekt zu sein.

Wann haben Sie zuletzt ein Konzert wegen Lampenfieber abgesagt?
Argerich:
Einmal war ich mit meinem damaligen Mann unterwegs, Charlie Dutoit, nach Bonn oder zum Rolandseck. Er fuhr einen Porsche, sehr schnell natürlich. Wir kamen von Genf, und ich war die ganze Fahrt über in einer Art Panikzustand wegen des Konzerts am Abend. Wir kamen an, und ich wollte nicht aussteigen. Ich wollte nicht spielen. Es war nur noch eine Stunde bis zum Konzertbeginn. Mein damaliger Mann sagte, du musst ihnen Bescheid geben. Der Konzertveranstalter war ein Freund. Dem sagte ich: Ich kann nicht. Er sagte, macht nichts, wir lieben dich und werden warten, bis du dir das zutraust. Ich versprach ihm, in ein paar Tagen spielen zu können. Das habe ich getan.

Fühlten Sie sich nicht gut genug vorbereitet?
Argerich: Ich weiß nicht. Das ist genau die Art Panik, die man nicht erklären kann. Ich war damals 30. Die gleiche Panik habe ich vor dem Zahnarzt. Früher habe ich immer Charlie gebeten, für mich abzusagen. Bis er eines Tages an einer Telefonzelle anhielt und sagte, sag selber ab. Ich habe mich nicht getraut. Dann hat doch er abgesagt. Es ist leicht, für einen anderen Nein zu sagen. Das kann ich auch.

Frau Pacini, haben Sie je ein Konzert kurzfristig abgesagt?
Pacini: Ich hatte eine Blinddarmentzündung und musste ins Krankenhaus. Eine Woche später war ein Konzert, und ich dachte, das spiele ich natürlich. Am Tag nach der OP wachte ich auf und dachte, ich muss üben. Aber ich konnte mich kaum bewegen, solche Schmerzen. Ich musste absagen. Dabei habe ich schon mit einem gebrochenen Bein gespielt. Also nein, aus Angst habe ich noch nie abgesagt. Obwohl ich das Gefühl kenne, dass man denkt, heute werde ich sie nicht erreichen können. Ich zwinge mich dann, und danach geht es mir immer viel besser.
Argerich: Das Schlimmste, aber vielleicht auch Typischste für mich ist mir in Italien passiert. Ich war 17. Ich war immer allein unterwegs damals, ich hatte schon den Busoni-Preis gewonnen und sollte in Empoli bei Florenz spielen, Ferruccio Busonis Geburtsort. Das Hotel war komisch, ich hatte Panik, fühlte mich schlecht vorbereitet. Also habe ich ein Telegramm aufgegeben, dass ich nicht spielen kann. Dann bekam ich Angst, dass die Leute ins Hotel kommen und nachgucken könnten, wie es mir geht. Ich habe eine Rasierklinge genommen und mir in den Finger geschnitten. Das Telegramm ist nie angekommen, also sind die Leute vom Konzert tatsächlich zum Hotel, um nach mir zu schauen. Und ich war wirklich verletzt. Allerdings konnte ich dann ein Konzert in Bozen, das ich sehr gern gespielt hätte, nicht spielen.

Frau Argerich, können wir noch mal über Mozart sprechen? Was ist das Problem mit ihm?
Argerich: Ich liebe Mozart zu sehr. Ich denke manchmal, es ist nicht gut genug, was ich aus ihm mache.

Aber Sie sind sehr erfolgreich.
Argerich:
Es heißt überhaupt nichts, erfolgreich zu sein. Wenn ich nicht mag, was ich spiele … Damals, als ich bei Friedrich Gulda studierte, klappte es sehr gut mit Mozart. Dann bekam ich eine schlechte Kritik nach einem Mozart-Konzert. Ich war 18, 19 Jahre alt. Davon musste ich mich erst mal erholen. Dann habe ich mich wieder getraut, bekam eine fantastische Kritik von Joachim Kaiser. Aber zwei, drei Jahre später bekam ich von Herrn Kaiser eine vernichtende Kritik. So wurde Mozart für mich zum Problem.

Joachim Kaiser hat Ihnen Mozart ausgetrieben?
Argerich:
Er konnte einem Angst machen. Er hat vielen Pianisten Angst gemacht. Manche haben Konzerte in München seinet-wegen abgesagt. Murray Perahia. Krystian Zimerman.
Pacini: Man kann sagen, Joachim Kaiser hat manchen Pianisten auf dem Gewissen.
Argerich: Es gibt aber auch tolle Interviews, zwischen Kaiser und Gulda, sie hatten sich sehr gern.

Konnten Sie Kaisers Kritik nachvollziehen?
Argerich:
Ja. Er hat oft den wunden Punkt getroffen. Einmal habe ich mit Gidon Kremer gespielt. Eigentlich weigerte Gidon sich, Kritiken zu lesen, aber Kaiser hat er gelesen. Das nächste Mal wollte Gidon, dass wir anders spielen, und es war sehr gelungen. Kaiser konnte also etwas verändern, das können nur sehr wenige.

Frau Argerich, Sie waren bekannt für Ihr starkes Rauchen. Hatten Sie auch wegen des Lampenfiebers damit angefangen?
Argerich:
Nein, wegen Zahnschmerzen. Eine Freundin meinte, es hilft. Zigaretten haben mich aber immer schon fasziniert. Mittwochs kam eine Tante, von der ich welche stehlen konnte. Sonst habe ich mir welche aus Toilettenpapier und Tee gerollt.

Haben Sie später während des Spielens geraucht?
Argerich:
Natürlich. Mit einem Aschenbecher auf dem Flügel. Es gab Zeiten, da haben die Musiker im Orchester geraucht. Die Violinisten.
Pacini: In Bayern sollen Orchestermusiker früher Bier auf der Bühne getrunken haben.
Argerich: In Sizilien durften die Zuschauer rauchen. Rauchen Sie?

Eigentlich haben wir beide aufgehört.
Argerich:
Ich habe ungefähr 18 oder 19 Mal aufgehört.

Haben Sie jetzt für immer aufgehört?
Argerich:
Nein. Aber ich habe ernsthaft aufgehört. Nur manchmal rauche ich eine.
Pacini: Wie gestern, nach dem Konzert. Wir sind in die »Smokers Lounge« gegangen.
Argerich: Und dann zum Essen.

Sprechen Sie nach so einem Abend über das Konzert?
Argerich:
Manchmal. Gestern nicht.
Pacini: Wenn man kein gutes Gefühl hat, spricht man.
Argerich: Auch wenn man nur einen Moment lang kein gutes Gefühl hatte.
Pacini: Dann möchte man die Meinung anderer hören.

Frau Argerich, als Sophie Pacini Ihnen damals vorspielte: Hat sie Sie an sich als 18-Jährige erinnert?
Argerich:
Ich glaube nicht. Ich habe diese h-Moll-Sonate nicht so früh gespielt. Ist es eigentlich wahr, dass Brahms eingeschlafen ist, als Liszt ihm vorgespielt hat?
Pacini: So sagt man. Aber es heißt auch, ein Liszt-Gegner habe das verbreitet. Clara Schumann hat ja eine andere Fassung der h-Moll-Sonate gespielt. Sie hat den Schluss weggelassen und selber einen virtuosen Schluss drangebastelt mit der Begründung: Diese ganze Arbeit, und dann der langsame Schluss ohne Bravo, das ist doch doof.
Argerich: Vielleicht war Brahms auch nur sehr müde.

Sie sind beide keine Brahms-Fans, oder?
Pacini:
Fans sehr, aber mit dem Spielen hat sich das bisher noch nicht so oft ergeben.

Von Frau Argerich war zu lesen: Seine Stücke haben den Anschein großer Tiefe, aber haben sie die wirklich?
Pacini:
Brahms ist zum Greifen sehr schwer, viel verwobener als Liszt, der bequemer liegt. Und beim Spielen ist die Dichte nicht mehr so hörbar. Bei Brahms bleibt vieles in der Klaviatur. Ich habe von Anfang an mehr Liszt gespielt, vielleicht auch, weil ich Liszt als Menschen enorm interessant finde: diese Großzügigkeit, dass er viele Komponisten aus der Klassikepoche übersetzt hat und auch spielen konnte. Er war der Erste, der Beethoven spielen konnte. Und sehr, sehr bescheiden als Mensch. In seinen Briefen.

Das wussten Sie alles schon als Kind?
Pacini:
Ich bin ja in der Meisterklasse von Karl-Heinz Kämmerling aufgewachsen. Ich war die Jüngste, kam mit acht zu ihm. Wir waren an verlassenen Orten, wie Bernburg in Sachsen-Anhalt, da sagen sich Katz und Maus um sechs Uhr Gute Nacht. Aber wir waren wie eine Familie, 30, 40 Leute.

Wechseln in den Meisterklassen die Leute nicht ständig?
Pacini:
Kaum. Kämmerling hatte eine feste Klasse und galt als Königsmacher unter den Klavierprofessoren, sodass es wichtig war, so lange wie möglich bei ihm zu studieren. Meine Eltern haben aber nie für mich gesprochen, wie andere Eltern es taten.

Sie sprechen von den Eislaufmamis?
Pacini: Ja. Eltern haben die Konkurrenz ihrer Kinder ausgetragen. Auf Abschlusskonzerten wurde mit der Stoppuhr gemessen, wer das längste Stück hat. Man muss auch sagen, dass manche Kinder sich verletzt haben – einer etwa, der hat sich die Hand gebrochen beim Hinfallen – und gar nicht böse drüber waren, weil sie einen Grund hatten, nicht weiter­zuspielen.

Frau Argerich, wie war es bei Ihnen als junge Meisterschülerin?Argerich: Ich habe die Stücke teilweise nur einmal geprobt. Ich hatte irgendwie immer ein Problem mit der Zeit. Es war lächerlich, aber ich war noch so jung.
Pacini: Es macht auch wenig Spaß, die Stücke unmittelbar vor einem Konzert durchzuspielen. Ich habe es früher gehasst. Heute zwinge ich mich dazu.
Argerich: Ich zwinge mich heute auch dazu.
Pacini: Diese h-Moll-Sonate von Liszt habe ich zum ersten Mal in einer Kämmerling-Abschlussklasse gehört. Ich habe sie als grau mit viel Pedal und langweilig in Erinnerung. Und dann fahre ich mit meinem Vater im Auto nach Salzburg, dämmere so vor mich hin, irgendwann höre ich ein Stück und denke, Wahnsinn, ist das toll. Die h-Moll-Sonate, gespielt von Martha Argerich. Ich wollte sie dann unbedingt spielen. Kämmerling sagte Nein, ich habe sie heimlich gelernt. Da war ich 14, das kam durch dich.
Argerich: Oho.

Frau Argerich, warum mögen Sie keine Komplimente?
Argerich: Woher wissen Sie das?

Eine Ihrer Töchter soll es gesagt haben.
Argerich: Das ist dann lange her. Ich verändere mich ja ständig. Ich mag keine inhaltsleeren Komplimente, das ist wahr. Kein Lob, dieses ganze Gerede über Werk und Lebensleistung. Wenn sich eine Bemerkung auf einen Moment bezieht, mag ich es schon.
Pacini: Martha mag es, wenn man sie zum Lachen bringt. Aber wenn jemand über eine Bemerkung von ihr lacht, schaut sie ihm tief in die Augen, um zu sehen, ob das Lachen echt ist.
Argerich: Findest du mich misstrauisch?
Pacini: Nicht misstrauisch. Aber interessiert an Ehrlichkeit. Und du durchschaust ja auch, wenn was nicht stimmt.