Das verborgene Leben der Strandverkäufer

Fliegende Händler gehören zum Strandbesuch in Italien wie die gestreiften Sonnenschirme. Jetzt macht die Regierung Jagd auf sie. Wie kommen sie über die Runden – und wie leben sie abseits der Strände?

Im Hochsommer verkaufen sich am Strand die Hamam­tücher am besten, im Herbst dicke, warme Frotteehandtücher.

Foto: Gabriela Herpell

Er trägt schwer an den Tüchern, die sauber gefaltet und übereinandergelegt um seinen Hals liegen. In der rechten Hand hält er ein schwarz-weißes Hamam­tuch so, dass es im Wind flattert.

Langsam geht er den Strand entlang. Er spricht die Leute nicht an, er beobachtet sie nur. Wenn er Interesse spürt, zögert er, guckt, wenn jemand zurückguckt und vielleicht sogar lächelt, bleibt er stehen und geht in die Hocke, denn seine Kundschaft liegt im Sand. Wenn er das Gefühl hat,

Ich kenne diesen Handtuchmann, seit ich nach Elba fahre, bald zwanzig Jahre sind es. Ich habe alle Handtuchmoden mit ihm mitgemacht. Als mein Sohn klein war, haben wir dicke bunte Frotteetücher bei ihm gekauft, die Erdbeeren darauf waren so groß wie Wassermelonen. Ein paar Jahre später hatte er leichtere

Ich habe mich immer gefreut, wenn der Handtuchmann zum Strand kam. Ich habe mehr Tücher gekauft, als ich brauchen konnte, und habe sie zu Geburtstagen und zu Weihnachten verschenkt. Nie habe ich bei einem anderen gekauft, auch nie gehandelt, weil ich seine zurückhaltende Art mochte, sein Lächeln, weil ich

Der Handtuchmann hat kein angemeldetes Gewerbe, sonst liefe er mit einem kleinen Automaten herum, der Quittungen ausdruckt. In Italien ist der Käufer verpflichtet, einen Beleg für jeden Einkauf, sogar jeden Espresso, entgegenzunehmen und im Umkreis von einhundert Metern um das Geschäft oder Lokal bei sich zu haben. Damit will

Der Handtuchmann könnte eine Wanderhandellizenz beantragen, dann wäre sein Geschäft legal. Allerdings ist der italienische Fiskus einer aktuellen Studie zufolge der bürokratischste der Welt. Ein Mitarbeiter eines italienischen Büros für Steuer- und Wirtschaftsrecht erklärt: Wenn sich der Handtuchmann korrekt aufstellen wollte, müsste er einen komplizierten Prozess durchlaufen, den er

Ich hatte mir, ehrlich gesagt, nie Gedanken darüber gemacht, ob oder wie sehr der Handtuchmann dem italienischen Staat schadet. Klar kann man sagen, das ist naiv. Folklore. Ich dachte aber immer: Wenn er die Möglichkeit hätte, zu Hause bei seiner Familie so viel zu verdienen, dass sie über die

Nun hat der italienische Innenminister Matteo Salvini von der rechtspopulistischen Lega-Partei beschlossen, gegen die Strandverkäufer vorzugehen. »Spiagge Sicure«, sichere Strände, hat er die Kampagne genannt. 2,5 Millionen Euro zahlt der Staat, damit die Polizei in 54 Küstengemeinden mit mehr Personal Jagd auf die Verkäufer machen kann, von denen die

Salvini hat sich mit fremden- und flüchtlingsfeindlicher Politik hervorgetan. Im vorigen Jahr setzte er durch, dass keine Schiffe von Hilfsorganisationen mehr in italienischen Häfen anlegen dürfen. Er setzte durch, dass Asylbewerber in Flüchtlingszentren untergebracht werden, darunter Migranten aus dem kalabrischen Dorf Riace. Riaces Bürgermeis­ter Domenico Lucano hatte Flüchtlinge in

Auf 1,9 Milliarden Euro schätzen italienische Behörden den Jahresumsatz der illega­len Straßen- und Strandverkäufer in Italien. Sie bieten gefälschte Markenhandtaschen, Schmuck, Sonnenbrillen, Hüte, Sandspielzeug, eigentlich alles, bis hin zur eisgekühlten Ananas, serviert auf einem Bananenblatt. Salvini geht

Die Tücher meines Handtuchmanns fallen nicht unter gefälschte Ware, aber die Operation Spiagge Sicure betrifft auch ihn. Im September des vergangenen Jahres, die Saison ist fast zu Ende, sieht er kaputt aus. Seine Arbeitstage sind lang. Den

Ich frage ihn, ob er mich auf seine Tour mitnehmen würde. Er sagt, abgesehen davon, dass er mir niemals das Zimmer in Piombino zeigen würde, das wäre ihm unangenehm, möchte er nicht ausführlich mit mir für einen

Ahmed verkauft Handtücher auf Elba, weil seine Mutter in Marokko Diabetes hat und Geld für Insulin braucht. Er ist das einzige von sieben Geschwistern, das nicht in Marokko lebt. Auf die Frage, ob es in Italien schöner

Ahmed ist Mitte dreißig, Single und ein sogenannter Wirtschaftsflüchtling. Er kam 2005 von Libyen übers Mittelmeer nach Lampedusa, wurde von dort nach Kalabrien ins ­Lager Crotone gebracht, riss nach drei Tagen aus, verkaufte an Ampeln in Salerno

Im September sind die Tage nicht mehr so heiß. Ahmed hat gesagt, er komme um vier Uhr zum Strand, dann könne ich ihn beim Verkaufen begleiten. Um vier ist er nicht da, auch nicht um Viertel nach

Ahmed erscheint um fünf und entschuldigt sich vielmals, sein Lieferant aus Piombino sei da gewesen und habe ihm neue Tücher gebracht. Wenn möglich, kaufe er sie in einem Großmarkt in Grosseto. Aber wenn sein Vorrat knapp wird,

Er zeigt mir, wo er seine Ware aufbewahrt: in Booten und Kisten über den Strand verteilt. Wo er wohnt, zeigt er mir nicht, es sei eine Baracke hinterm Strand, sagt er, nichts Besonderes. Ich frage mich, ob

Mittlerweile hat sich der Himmel bewölkt, Wind ist aufgekommen, kein tolles Verkaufswetter. Trotzdem wirft Ahmed sich die Handtücher über die Schulter, nachdem er sie sorgfältig gefaltet hat. Sie sind leichter zu tragen, wenn sie gut gefaltet sind,

Er hinkt voraus und schlägt ein ganz schönes Tempo an, er ist es gewohnt, durch den Sand zu laufen. Das Hinkebein hat er, seit er klein ist. Er erinnert sich daran, dass er krank wurde, er kann

Hat er Schmerzen?
Er sagt, was ihn am meisten schmerze, sei, dass er seine Mutter schon so lange nicht mehr gesehen habe.
Kann er nicht nach Hause?
Seine Mutter brauche auch im Winter Geld, sagt er. Im Winter wohnt er in Piombino und verkauft Schirme, Bettwäsche, Tischtücher, kein so gutes Geschäft wie die Handtücher im Sommer, aber besser als nichts. Lieber würde er auf dem Bau arbeiten, aber das gehe nicht mit seinem Bein. Die Freunde, mit denen er sich die Wohnung in Piombino teile, seien auch aus Marokko. Einer arbeite in einer Fabrik, der andere in der Landwirtschaft. Sie alle hätten seit Jahren das Aufenthaltsrecht in Italien.

Hat sich die Stimmung ihnen gegenüber in den vergangenen Jahren verändert?
Ahmed nickt. Erst vorgestern habe ihn eine Frau am Strand gefragt, warum das Schiff, das ihn hergebracht hat, nicht gesunken sei. Sprüche wie: Was willst du hier?, und: Warum gehst du nicht zurück? höre er jetzt ständig. Früher, sagt er, hätten hier alle ein Auge zugedrückt. Aber jetzt sei es stressig geworden. Immer rechts und links zu ­gucken, ob die Polizei irgendwo lauert. »Wir spüren das alle«, sagt er. »Ich habe Glück, dass mich die Leute hier am Strand schon lange kennen. Sie warnen mich, wenn die Polizei kommt, dann verziehe ich mich.«

Einmal, erzählt Ahmed, habe der Dorf­polizist ihn fast erwischt. Da habe er sich seinen Tücherstapel auf den Kopf getürmt und sei ins Wasser gegangen, bis zum Hals. Drei Stunden hätten sie sich so gegenüber gestanden, der Dorfpolizist

Ein paar Tage später sei eine Polizisten­kollegin an den Strand gekommen. Ahmed habe gerade Pause gemacht. Sie habe eines seiner Depots entdeckt und die Tücher konfisziert. Er wisse nicht, ob sie ihn beobachtet hat und wusste, wo

Wie viele Handtücher verkauft er über den Sommer, so ungefähr?
Er schüttelt den Kopf, überrascht über die Frage. Er hat keine Ahnung, sagt er, auch noch nie darüber nachgedacht.
Was verdient er so?
Er schüttelt wieder den Kopf und läuft weiter, vermeidet die Antwort, grüßt Leute, kennt fast jeden am Strand. Manche zeigen auf die Tücher, auf denen sie liegen, um zu signalisieren, die haben wir bei dir gekauft. Er streckt eine Hand aus, Daumen rauf. Eine Frau lacht ihn an und zeigt mit den Händen an, dass sie einen ganzen Stapel Tücher bei ihm gekauft hat. Daumen rauf. Von der anderen Seite des Strands kommt uns ein Handtuchmann entgegen. Er sieht Ahmed und dreht wieder um.

Sind eigentlich alle Handtuchverkäufer Marokkaner?
»So ziemlich, ja.«
Warum?
»Wahrscheinlich war es so: Ein Marok­kaner hat damit angefangen, ist nach Hause gefahren, hat zu seinem Bruder gesagt, komm mit nach Italien, ich zeige dir, wie du Geld verdienen kannst, der hat es seinem besten Freund erzählt und so weiter.« Ahmed sagt, alle Waren seien irgendwie nach Volksstämmen aufgeteilt: Die Pakistani würden Armbänder verkaufen, die gefälschte Ware vor allem Senegalesen … Und wie teilen die Marokkaner ihre Reviere untereinander auf?
»Jeder Verkäufer hat seinen Strand oder seine Strände, das respektiert man. An manchen Stränden wechseln sich auch zwei oder drei oder vier ab, aber sie gehören zu einer Gruppe hier, denn sie sind aus einer Gegend in Marokko.«

Gibt es jemanden, der sie kontrolliert? Dem sie Geld geben für ihr Revier?
Er sagt, nein.
Keine Mafia?
Nein.

Am Ende seiner Tour verkauft Ahmed ein Tuch, eins für zwei Personen. 25 Euro. Der Vormittag sei auch nicht toll

Er wirkt vordergründig fröhlich, wenn er so mit den Leuten quatscht, den Schirm seiner schwarzen Baseballkappe keck auf­gestellt. Aber seine

Mein Handtuchmann hat es einmal ähnlich formuliert: »Ich versuche, die Leute nicht anzusprechen. Aber manchmal bringt es nichts, den Strand

Am Abend trifft Ahmed Freunde in einer Dorfbar. Einer von ihnen sagt, dass den Handtuchmännern, die am Strand verkaufen, nach

Ein anderer am Tisch ist auch Handtuchmann, aber er hat einen Stand auf dem Markt, der jeden Tag in einem

Machen ihm die Handtuchmänner vom Strand sein Geschäft nicht kaputt?
Nein, sagt er, es kommen so viele Touristen, und sie kaufen so viel, davon können alle gut leben.

Die Männer am Tisch bestätigen

Telefonate mit italienischen Ämtern ergeben

Der freundliche Mitarbeiter des italienischen Steuerbüros sagt, wenn man die Handtuchmänner machen lasse, gehe Italien nicht bankrott. Italien gehe bankrott am Süden, wo die Mafia allgegenwärtig sei und sich die Polizei in manche Städte gar nicht erst reintraue.
Aber das ist eine andere Geschichte.