Die Zeit und die Wunde

Als die beste Freundin unserer Autorin stirbt, sind sie beide Kinder. Seitdem trägt sie eine Lücke durch ihr Leben. Der Versuch eines Abschieds.

Die Autorin heute, drei Jahrzehnte nach dem Unfall am Teich.

»Meine beste Freundin ist vor meinen Augen ertrunken.« Mit diesem Satz habe ich gelegentlich beschrieben, was im Mai 1987 passiert war. Es war die schnellste Möglichkeit, das Erlebte zu erzählen. Einfach, klar und wuchtig. Dann wussten die anderen wenigstens Bescheid. Seit mehr als dreißig Jahren sage ich das so. Hinter der Wuchtigkeit habe ich mich eingerichtet. Meistens kommen dann keine Nachfragen mehr. Aber nach und nach merkte ich, die Geschehnisse des Nachmittags lassen mich nicht los, das, was passierte, kommt

»Meine beste Freundin ist vor meinen Augen ertrunken.« An diesem Satz stimmt fast gar nichts. Das weiß ich jetzt, nachdem ich mich aufgemacht hatte, um mich endlich zu verabschieden.

Wir spielten zu fünft am Ufer des Seerosenteichs, drei Mädchen im Vorschulalter und zwei kleine Brüder, drei und vier Jahre alt. Am Ufer war ein Stück Wiese abgebrochen, in der Mulde schwammen Kaulquappen. Susanne fand das spannend und versuchte, mit ihren Händen welche zu fangen. Es gelang ihr nicht.

Bis hierhin ist meine Erinnerung an den Tag so scharf, als wäre es ein Film, den ich schon viel zu oft gesehen habe. Ich muss nur auf Play drücken und sehe alles wieder, die Wiese, die Kaulquappen, das trübe Wasser, die hellblaue Folie. Doch nach dem Bild, wie Susanne

Susanne ist nicht an diesem Tag gestorben und vielleicht nicht einmal an diesem Unfall. Doch für mich endete die Geschichte hier. Ich habe meine Freundin nie wiedergesehen, sie nicht im Krankenhaus besucht, ich war nicht auf ihrer Be­erdigung und nie an ihrem Grab. Mich von all dem Schrecklichen fernzuhalten

Richtig daran ist nur, dass ich größer wurde. Eine neue Freundin fand ich nicht, Spielkameradinnen ja, aber das für viele Mädchen so bedeutende Etikett der »besten Freundin« schien nicht mehr verwendbar. Für Susannes Familie, ihre Eltern, ihren Bruder, muss ihr Tod um ein Vielfaches schlimmer gewesen sein als für

Christian ist Susannes großer Bruder, er war derjenige, mit dem wir Schule gespielt haben, wenn uns unser Lieblingsspiel – Vormalen und Nachmalen – langweilig wurde. Vier Jahre älter als wir, gab er natürlich den Lehrer. »Du warst eine brave Schülerin«, sagt er heute, seine Schwester aber sei immer

Heute arbeitet Christian als Pastoralreferent, was keine Überraschung ist, in meiner Erinnerung wollte er schon immer entweder Pfarrer oder Winzer werden. Vor und hinter seinem Murnauer Reihenmittelhaus stehen Weinstöcke, und wir trinken Sommerwein vom Weingut seines Onkels. Vom Tag des Unfalls weiß er noch weniger als ich, er

Es regnet heftig und ist schon fast dunkel, als wir auf dem Hotelgelände ankommen, aber ich erkenne alles sofort wieder. Hier die Rezeption, dort der Wintergarten, in dem die Erwachsenen noch fertig aßen, Kaffee tranken und zahlten, während uns Kindern längst langweilig war und wir das Gelände erkundeten.

Die Frau an der Rezeption weiß nichts von einem See­rosenteich, auf dem Lageplan des Hotels ist er noch ein­gezeichnet. Ich rufe in den nächsten Tagen mehrmals dort an, um herauszufinden, wann und warum der Weiher zu­geschüttet wurde, und bekomme darauf verschiedene Antworten. Weil öfter mal Kinder reingefallen sind.

»Für mich war die Susanne schon immer tot«, sagt mein Bruder Georg. An sie als lebendigen Menschen hat er keine Erinnerungen. An den Tag des Unfalls schon. Der damals Dreijährige weiß noch, wie unser Papa den Teich unterschätzte, einfach reinwatete und genau wie Susanne sofort ausrutschte. Die

Was weiter passierte, weiß ich von Christian, von Susannes Mutter, ihrem Vater Zany, von Otto und von meinem Vater: Der Rettungswagen kam und brachte Susanne ins Garmischer Krankenhaus. Von dort aus wurde sie noch am selben Tag nach München verlegt. Eine Woche lang lag sie im

Susanne lag eine Weile auf der Intensivstation, dann auf der normalen Kinderstation. Es ging ihr gut, sie sprach und spielte, fragte und malte. Einmal schaffte sie es bis zum Münztelefon im Erdgeschoss, um ihrer Oma zum Geburtstag zu gratulieren. »Ich komm bald nach Hause«, sagte sie.

Mit mir telefonierte sie nicht, ich besuchte sie auch nicht. Ich habe mir das immer damit erklärt, dass mich die Erwachsenen vor einem weiteren verstörenden Erlebnis schützen, mir den Anblick einer Susanne an Geräten und Schläuchen ersparen wollten. Als ich jetzt erfahre, wie gut es ihr

Was die Entzündung auslöste, wird man nie wissen. Die Ärzte vermuteten, dass Keime im Teichwasser waren. Möglich wäre aber auch, dass jemand sie im Krankenhaus angesteckt hat. Im Laufe der Gespräche wird klar, alle Beteiligten suchen nach einer Version der Ereignisse, mit der sie irgendwie

Die Polizei ermittelte damals, Standard bei Unfällen mit Todesfolge. »Bei dem Gespräch mit den Polizisten bin ich zusammengeklappt«, sagt Susannes Mutter. Die Polizisten erkundigten sich im Kindergarten nach der Familie, sprachen mit dem Vater Zany und fragten ihn auch, ob er seine Frau wegen Verletzung

Viele Paare, die ein Kind verlieren, trennen sich später. Nur wenigen gelingt es, gemeinsam zu trauern. Oft überziehen Eltern einander mit Schuldzuweisungen, manchmal mit Klagen. Zany tat das nicht. »Das hätte die Susanne nix mehr lebendig gemacht«, sagt er in seinem weichen Deutsch, dem man

Hätte jemand die Aufsichtspflicht verletzt, dann nicht nur Susannes Mutter. Auch zwei weitere Elternpaare hatten ihre Kinder allein auf dem Gelände herumlaufen lassen. Meine Mutter schämte sich lange für den Gedanken »Gott sei Dank war es nicht mein Kind«.

Alle Beteiligten – und, sofern man das heute noch nachvollziehen kann, auch alle Unbeteiligten, – waren damals der Meinung, dass Susannes Tod ein Unfall war. Den Angehörigen gebührte jedes Mitgefühl, die Frage nach Schuld und Verantwortung verbot sich. Ich frage mich, ob das heute noch so wäre. In den USA bekommen Mütter, die ihre Kinder kurz im Auto warten lassen, Sozialstunden wegen Gefährdung Minderjähriger aufgebrummt. Der Imbissangestellten Debra Harrell wurde die Tochter weggenommen, weil sie der Neunjährigen erlaubt hatte, allein im Park zu spielen. Die US-Autorin Kim Brooks schrieb in einem vielbeachteten Essay in der New York Times über »Muttersein in Zeiten der Angst«: »Wenn es um die Sicherheit von Kindern geht, werden Gefühle zu Fakten.« Und passieren – passieren kann ja immer was.

Deutschland ist

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Susannes

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