Tipps für eine glückliche Fernbeziehung

Berit Brockhausen berät Paare, die eine räumliche Distanz überbrücken müssen. Im Gespräch verrät die Therapeutin, wie man sich körperlich und emotional nahe bleibt, den Übergang vom Zusammensein zum Alleinsein meistert und die begrenzte Zeit miteinander bestmöglich genießen kann.

Fotos: iStock/Hirurg

SZ-Magazin: Frau Brockhausen, Sie hatten als junge Frau selbst eine Fernbeziehung. Woran erinnern Sie sich besonders gut?
Berit Brockhausen: Verbindung zu halten war damals noch schwieriger als heute. Ich hatte nicht mal ein Festnetztelefon und musste mich mit meinem Freund, der in einer anderen Stadt studierte, zum Gespräch von Telefonzelle zu Telefonzelle verabreden. Heute kenne ich Paare, die morgens beim Frühstück das Skype-Fenster aufmachen und es den ganzen Tag über offenlassen.

Auch wenn es heute viel leichter ist, in Verbindung zu sein, bleibt das ein Thema, bei dem es in Fernbeziehungen oft zu Konflikten kommen kann.
Ja, weil man erstmal gemeinsam herausfinden muss: Welches ist das richtige Medium für uns? Passen unsere Bedürfnisse zusammen? Ich hatte schon mehrere Paare in meiner Beratung, bei denen das schwierig war, weil der eine zum Beispiel gerne abends die Stimme des anderen am Ohr hatte, auf der anderen Seite aber jemand war, der ungern telefoniert hat.

Was haben Sie diesen Paaren geraten?
Als Erstes muss sich die eine Person entscheiden, ob sie das mit dem Telefonieren trotzdem versuchen will, weil es ihrem Lieblingsmenschen so wichtig ist. Wenn ja, muss sie herausfinden, unter welchen Bedingungen sie es nicht ganz so schlimm findet. Vielleicht geht abends für sie gar nicht, aber es ist okay, das Telefon morgens lautgeschaltet neben die Kaffeetasse zu legen. Andererseits sollte das Gegenüber auch akzeptieren, dass der oder die andere nicht so ist, wie er oder sie ihn gern hätte. Diese Akzeptanz ist übrigens schon ein Riesenschritt – und zwar in allen Beziehungen. Es ist leichter zu streiten, als der Tatsache ins Auge zu schauen, dass ich diesen tollen Menschen nur haben kann, wenn ich ertrage, dass er Telefonieren hasst, beziehungsweise dass diese Person etwas braucht, was ich ihr nicht oder nur unter Mühen geben kann.

Was ist mit der fehlenden körperlichen Nähe und Sexualität? Die kann man auch mithilfe von Technik nicht ersetzen.
Zu dem Thema kursieren viele Ratschläge, die findet man online, oder Freunde kommen damit an: Vielleicht wäre es ja was für euch, erotische Nachrichten zu schreiben?, oder: Probiert doch mal, im Videotelefonat voreinander zu masturbieren. Ja, klar kann das cool sein! Aber man sollte auf keinen Fall irgendwelche Lösungen übernehmen und denken, so muss es sein. Stattdessen sollte man bereit sein, etwas auszuprobieren, und es ernst nehmen, wenn man merkt: Das ist nichts für mich. Also eigentlich genau wie bei der Sexualität in der gemeinsamen Zeit.

Manche Fernbeziehungspaare sehen sich jedes Wochenende, andere wochenlang oder sogar monatelang nicht. Gibt es eine Obergrenze, wie lange ein Paar eine getrennte Zeit erträgt, ohne daran zu zerbrechen?
Das ist individuell – aber nicht nur von Paar zu Paar, sondern von Person zu Person. Auch das kann also zu Konflikten in der Beziehung führen, für die man gemeinsam eine Lösung finden muss. Vielleicht kann man sich doch früher wiedersehen als geplant. Oder es gibt eine Möglichkeit, wie der Mensch, der den anderen besonders vermisst, wieder auftanken kann.

Zum Beispiel?
Ein Mann aus meiner Beratung hat mal sein getragenes T-Shirt an seine Freundin geschickt, von Süddeutschland nach Berlin. Damit sie wenigstens seinen Geruch mal wieder einsaugen konnte.

Viele Paare in Fernbeziehungen freuen sich unendlich aufs Wiedersehen, aber wenn es dann soweit ist, fremdeln sie. Was kann man da tun?
Es gibt Paare, die ohne Probleme wieder gut in die gemeinsame Zeit rutschen. Bei anderen gibt es eine Art Wiederbegegnungsknirschen, weil in der Zwischenzeit beide in ihrem eigenen Rhythmus gelebt haben und sich erst mal wieder aneinander gewöhnen müssen. Wie genau, muss jedes Paar selbst herausfinden. Das zeigen auch zwei Beispiele aus meiner Praxis, die völlig unterschiedlich sind: Einem Paar hat es geholfen, erstmal gemeinsam ins Lieblingscafé zu gehen, um dort in Ruhe zu sitzen, sich anzuschauen, ein bisschen zu erzählen. Ein anderes ist immer sofort nach Hause gefahren, hat sich ausgezogen und einfach drei Stunden miteinander im Bett gelegen, weil sie beide diese körperliche Nähe brauchten, um beieinander anzukommen.

Wie ist es beim immer wiederkehrenden Abschied? Braucht der Rituale?
Manchen Paaren, die den Abschied sehr hassen, hilft eine Absprache: Die machen sich noch einen schönen gemeinsamen Tag – und der, der gehen muss, haut dann ganz früh morgens ab, während der andere noch schläft. Aber egal, wie man es macht, man muss realistisch bleiben: Wehtun wird es.

Anschließend muss man zurück ins Alleinsein finden. Das ist auch nicht leicht.
Ja. Ich finde auch wichtig, das als etwas zu würdigen, das man in die Beziehung investiert: Jedes Mal, wenn wir zusammen waren, mache ich mir die Arbeit, zurück in den Alltag zu finden. Das ist anstrengend, und ich könnte es auch leichter haben. Aber ich tue es für uns.

Kann es nicht auch gesund für eine Beziehung sein, immer wieder auf sich allein gestellt zu sein und Freude aus Aktivitäten zu ziehen, die nichts mit dem Partner oder der Partnerin zu tun haben?
Natürlich hat eine Fernbeziehung auch Vorteile, weil sich das Paar nicht selbst darum kümmern muss, Nähe und Abstand zu regulieren, sondern diese Struktur von außen vorgegeben ist. Immer wieder ganz klar einen eigenen Bereich zu haben, macht das Leben leichter. Das Problem sind vielmehr die Übergänge von den Alleine-Phasen zu den Zusammen-Phasen und zurück.

Das Soziologen-Ehepaar Elisabeth Beck-Gernsheim und Ulrich Beck schrieb im Buch »Fernliebe«, Fernbeziehungen seien besonders romantisch. Aber braucht eine Beziehung nicht auch gemeinsamen Alltag und Routine, um zu halten?
Bei Paaren, die lange in einer Fernbeziehung waren, habe ich zumindest gesehen, dass sie irgendwann das Gefühl nicht mehr mochten, permanent zu Besuch zu sein. Denn wenn ich zu meinem Lieblingsmenschen komme, möchte ich auch ein Stück weit nach Hause kommen. Manche Paare haben darum die Wohnungen gemeinsam umgestaltet. Die andere Person hat ein eigenes Zimmer bekommen oder, wenn das nicht möglich war, zumindest einen eigenen Sessel, als Rückzugsraum. Doch auch der Wechsel von »meine Wohnung und mein Alltag« zu »Wir teilen befristet den Alltag und seine Pflichten« ist ein Übergang, der manchmal knirscht und dazu führt, dass jemand den Partner oder die Partnerin gleichzeitig herbeisehnt und als Eindringling empfindet.

Streiten ist in Fernbeziehungen ein besonders heikles Thema, weil er die begrenzte gemeinsame Zeit belastet. Wie sollte man das handhaben? Feste Zeiträume dafür einplanen?
Das wäre gar nicht so schlecht! Man sollte große Konflikte auf jeden Fall nicht vermeiden, denn das wird nach hinten losgehen. Meine Empfehlung ist: Nicht alles ausdiskutieren, denn es gibt nichts Schrecklicheres, als die gemeinsamen 48 Stunden mit einem ätzenden Streit zu verbringen. Aber wenn jemand merkt, dass ihn oder sie eine Sache auch beim dritten Besuch noch beschäftigt, muss man da ran. Im besten Falle klärt man das Ganze dann schnell und effektiv.

Und wie schafft man das?
Meistens empfehle ich, sich klar zu machen, dass ich dieses Gespräch führe, weil ich es mit meinem Lieblingsmenschen guthaben will – und dieses Ziel immer im Auge zu behalten. Das sollte man auch ruhig immer wieder zwischendurch sagen: »Ich will dir nichts aufzwingen, wir sind keine Gegner, sondern Verbündete.« Aber das ist natürlich leicht zu raten. Es wirklich zu schaffen ist sehr anspruchsvoll und schwierig.

Sollte man sich denn nur streiten, wenn man sich persönlich sieht?
Erst mal muss man wissen, was passiert, wenn ein Paar über schwierige Themen redet. Für manche funktioniert es gut, wenn sie sich beim Austragen eines Konflikts an den Händen halten, denn das sendet die Botschaft: »Ich will mit dir zusammen sein, aber wir müssen leider über diese hässlichen Sachen reden, weil wir es guthaben wollen.« Wenn aber ein Paar sehr schnell eskaliert oder es schnell zu Kränkungen kommt, kann es auch mal ausprobieren, ob es besser auf Distanz und in Schriftform geht. Dann können beide ihre Gedanken durchgängig formulieren, die des anderen in Ruhe lesen, sich zwischendurch alleine drüber aufregen und dann entscheiden, worauf sie eingehen wollen.

Und ein schriftlicher Streit per Messenger? Den kennen ja nicht nur viele Fernbeziehungspaare allzu gut.
Chat-Nachrichten haben eine viel zu hohe Beschleunigung. Messenger sind darum ein besonders guter Ort, um zu eskalieren und hinterher dem anderen unter die Nase zu halten, was er alles Ätzendes geschrieben hat.

Was ist Ihrer Meinung nach die größere Herausforderung: die Wochenendbeziehung oder die Fernbeziehung, in der man sich lange nicht sieht und dann zwei Wochen am Stück?
Was die Wochenend-Variante wirklich schwierig macht, ist die Frage, was während der Paarzeit mit Freundschaften oder Freizeitaktivitäten passiert: Entweder man macht alles zusammen oder man macht Sachen getrennt, was aber von der sowieso schon begrenzten Paarzeit abgeht. Diese Schwierigkeit gibt es in der anderen Variante nicht. Da ist das Wiedersehen eher wie ein gemeinsamer Urlaub, bei dem es auch nicht so schlimm ist, wenn der eine mal einen Tag allein angeln geht.

Was wäre eine gute Lösung für ein Wochenendpaar?
Ich empfehle immer, nicht zu sehr gegen den eigenen Flow zu handeln. Es nicht zum Dogma zu machen, alles gemeinsam zu unternehmen. Für manche Menschen bedeutet es ja auch echt Stress, 48 Stunden ununterbrochen mit jemandem zusammen zu sein. Die gehen dann innerlich auf Abstand, weil sie es sonst nicht aushalten. Das finde ich eher bedenklich.

Vielleicht möchte man auch mal ein Wochenende lang etwas anderes unternehmen und den Partner oder die Partnerin gar nicht sehen. Wie kommuniziert man das am besten?
Dann muss ich sagen: »Ich liebe dich, du bist mir wichtig, aber an dem Wochenende ist mir was anderes wichtig.« Und ich muss es aushalten, dass der andere vielleicht enttäuscht ist oder das sogar persönlich nimmt. Darauf habe ich ja keinen Einfluss. Die große Kunst besteht daran, sich selbst zu beruhigen und dennoch dem anderen liebevoll zugewandt zu bleiben, während ich zu meiner Entscheidung stehe und mein Lieblingsmensch das doof findet.

Welche Eigenschaften haben Menschen, die Fernbeziehungen gut meistern?
Es ist wichtig, dass ich mir sicher bin, ein liebenswerter Mensch zu sein. Dass ich darauf vertraue, dass der andere ganz schön blöd wäre, mich in den Wind zu schreiben, nur weil ich nicht die ganze Zeit da bin. Ich sehe in meiner Arbeit auch, dass es Menschen sind, die bestimmte Werte haben. Sie haben für sich festgelegt: Jeder von uns soll sich verwirklichen können. Ich halte es aus, dass wir an verschiedenen Orten leben, weil ich meinem Partner ermöglichen will, was ich auch für mich selbst in Anspruch nehme.

Was, wenn man nicht so gelassen ist? Kann man das lernen?
Schwierig. Natürlich kann es sich lohnen, eine Fernbeziehung auszuprobieren, obwohl man eigentlich nicht der Typ dafür ist. Ich kann dann üben, entspannt zu bleiben, und wenn ich Ängste habe, dass der andere gerade tollere Menschen um sich hat als mich, kann ich mich fragen, was für ein Bild ich von mir habe, und daran arbeiten. Aber ich sollte es eben auch ernst nehmen, wenn ich an eine Grenze komme. Sich zu trennen ist besser, als dass sich Menschen in einer Beziehung quälen.

Wegen der Reisebeschränkungen während der Corona-Pandemie können sich manche Fernbeziehungspaare über Monate hinweg nicht sehen, ohne zu wissen, wann es wieder möglich sein wird. Was würden Sie den Betroffenen raten?
Ich würde sie ermutigen, erfinderisch zu sein. Sie können verschiedene Sachen ausprobieren, um diese Zeit als Paar zu überstehen: Wenn man bisher überwiegend Whatsapp und Skype nutzt, könnte man auch mal einen analogen Weg gehen und ein Paket schicken oder einen Blumenstrauß liefern lassen. Aber sie sollten auch ehrlich zueinander sein und es sich eingestehen, was ihnen schwerfällt. Es hilft, das nicht als persönliches Versagen zu werten. Und manchmal hilft es zu sehen, dass nicht nur etwas fehlt. Sondern sich bewusst zu machen: Ich leiste gerade etwas Besonderes. Es tut weh, aber ich mache es trotzdem, mein Lieblingsmensch macht es auch – und eigentlich sind wir ziemlich toll.