»Nein. Liebe reicht nicht!«

Der Schriftsteller Thomas Meyer hat das Buch »Trennt euch!« geschrieben, weil er überzeugt ist: Beziehungen lohnen sich nur, wenn sie sich gut anfühlen. Ein Gespräch über Dinge, die niemand akzeptieren sollte – und die Frage, was außer Gefühlen notwendig ist, um sich nahe zu bleiben.

Der Schriftsteller Thomas Meyer wurde durch den Bestseller »Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse« bekannt. Er lebt in Zürich, wo die Autorin ihn in einem Café zum Interview traf. 

Foto: Lukas Lienhard / © Diogenes Verlag

SZ-Magazin: In Ihrem Buch schreiben Sie, die meisten Beziehungen müssten sofort aufgelöst werden. Haben Sie viele zornige Zuschriften erhalten?
Thomas Meyer: Was ich darin sage, ist ja nicht: Wenn’s schwierig wird, lauf davon. Da bin ich wirklich missverstanden worden, auch von vielen Kritikern. Was ich sage, ist: Wenn du dich nicht gut fühlst mit deinem Partner, wenn du lieber allein bist als mit ihm zusammen, wenn ihr euch nicht versteht, wenn du eigentlich nur schlecht redest über deine Beziehung: Dann hör auf. Das heißt nicht, dass ich glaube, es gäbe Beziehungen ohne Konflikte oder Kompromisse. Genau das unterstellen mir aber viele – vermutlich gerade diejenigen, die schon lange in einer unglücklichen Beziehung leben.

Und warum sollte man das tun: in einer unglücklichen Beziehung leben?
Das Problem ist: Es ist oft nicht eindeutig. Es ist ja nicht jeder Tag Horror. Ich glaube, sehr häufig ist es 50:50. Es gibt eine gute Woche, eine neutrale Woche, eine katastrophale Woche. Man ist sich ja grundsätzlich zugetan, das macht das Ganze doch so schwierig. Wenn dich jemand nur noch abstößt, du ihn nicht mehr liebst und er dich nur noch nervt, dann bleibst du nur noch aus ganz pathologischen Gründen bei ihm oder ihr.

Sie plädieren dafür, auch in diesen 50:50-Situationen Schluss zu machen. Dann, wenn man sich noch gut versteht und schöne Zeiten miteinander erlebt.
Das ist jetzt etwas verkürzt, aber: Ja, es läuft darauf hinaus. Was ich meine, ist: Tut dir diese Beziehung gut? Ich bin überzeugt, dass das jeder spontan beantworten kann. Und wenn da kein Ja kommt, dann ist es ein Nein. Und Nein heißt: Lass es bleiben.

So einfach?
Ich weiß, es gibt sehr viele Menschen, die damit gut existieren können, weil es einfach nicht schlimm genug ist. Ich habe mittlerweile auch verstanden, dass meine Schwelle in dieser Frage viel tiefer liegt als bei anderen. Und das tut sie auch, weil ich für mich es für möglich halte, mehr als 50 Prozent Glück haben zu können in einer Beziehung. Weil ich überzeugt bin, dass eine Beziehung sich nur dann empfiehlt, wenn sie einem Geborgenheit vermittelt. Ich will nicht jeden dritten Tag verunsichert sein oder mich missverstanden fühlen! Ich weiß, das ist sehr verbreitet, für viele gilt das auch als normal. Das ist ein dritter Faktor: Man ist überzeugt, dass es gar nicht anders geht.

Warum?
Es wird vorgelebt von Eltern. Von Freunden. Wir glauben, wenn zwei Menschen einander finden und zusammenkommen, dann muss das funktionieren, denn sie lieben sich ja. Und das ist in meinen Augen ein grundsätzlicher Irrtum.

Also: Liebe reicht nicht?
Nein. Liebe reicht nicht! Sie ist eine Notwendigkeit, um einander nahezukommen. Aber um einander nahe zu bleiben, ist noch eine andere Zutat notwendig, nämlich, dass man sich versteht. Dass ein Wohlwollen besteht. Was wir stattdessen bei vielen sehen, ist ein Machtkampf. Und in dem geht es um Leben und Tod. Der andere soll seinen Charakter so weit verändern, dass ich es aushalte mit ihm. Das ist eine Form von Psychoterror.

Die große, romantische Idee ist ja: Man sieht sich zum ersten Mal und weiß direkt, das ist mein Partner fürs Leben.
Das gibt’s schon auch. Aber das ist nicht durch optische Reize oder Hormone gesteuert, sondern durch ein seelisches Erkennen. Ich rede überhaupt nicht gegen die Liebe an. Ich finde einfach, wir sollten wirklich aufhören mit diesem idiotisch-kindischen Romantikgehabe. Das funktioniert nicht. Es geht am Schluss immer um Kompatibilität, nicht darum, wer uns die schönsten Schmetterlinge herbeizaubert.

Für viele Menschen ist eine Trennung aber wirklich traumatisch.
Es tut ja auch weh. Es macht einen traurig, man muss es dem Partner beibringen, man muss einen Haushalt auflösen. Danach ist man Single, man hat keinen Sex, man ist vielleicht einsam. Das, was auf einen zukommt, ist unangenehm. Und vielleicht ist schon die Vorstellung so unangenehm, dass man lieber das Leid wählt, das man schon kennt. Aber man muss das größere Bild sehen. Es geht ja nicht um die nächsten drei Monate, es geht um dein ganzes Leben. Die Wahl besteht zwischen kurzfristigem Schmerz und langfristigem Schmerz. Und ich glaube, die Entscheidung für den langfristigen Schmerz richtet den wahren Schaden an. Und dann gibt es Dinge, die sollte niemand akzeptieren.

Zum Beispiel?
Wenn jemand ein Alkoholproblem hat, dann darf er für niemanden ein möglicher Partner sein. Wenn jemand zu Gewalt neigt. Wenn jemand lügt. Es gibt Kompromisse, die für niemanden empfehlenswert sind. Und dann gibt es Kompromisse, mit denen die einen besser leben können als die anderen. Ich könnte nicht mit einer Raucherin zusammen sein.

Haben Sie noch mehr Ausschlusskriterien?
Ich könnte nicht mit einer Nicht-Veganerin zusammen sein. Einfach aus Haltungsnähe. Ich könnte nicht mit jemandem zusammen sein, der dazu neigt, Menschen zu diskriminieren. Nicht mit jemandem, der unfreundlich ist zu Bediensteten. Nicht mit jemandem, der einfach seinen Abfall hinschmeißt und findet: Wird ja ohnehin aufgelesen. Noch zentraler ist: Ich könnte nicht mit jemandem zusammen sein, der nicht redet. Und nicht mit jemandem, der nicht bereit ist, Verantwortung zu übernehmen für sein Verhalten und in der Folge auch bereit ist, zu sagen: Es tut mir leid. Ich kenne Leute, von denen habe ich noch nie diesen Satz gehört, obwohl es mehrere Anlässe gegeben hätte.

Sind Sie auch deshalb Trennungsexperte – weil Sie sich selbst so oft getrennt haben?
Ich würde mich eher als beziehungsinteressierten Menschen positionieren. Ich glaube, dass die Trennung einfach dazugehört. Und so oft habe ich mich jetzt auch nicht getrennt. Ich würde sagen, ich bewege mich da im guten Mittelfeld.

Glauben Sie, es macht eine Beziehung besser, wenn man weiß, der andere ist freiwillig da? Der geht auch, wenn er nicht mehr glücklich ist?
Ich weiß, dass es Menschen gibt, die nie Schluss machen würden, weil sie in diesem Schuldkonzept verhangen sind.

Also: Wer hat die Familie zerstört?
Genau. Zwei lieben sich, und es muss klappen. Wenn es nicht klappt, gibt es einen Schuldigen, wie bei einem Verkehrsunfall.

So war ja auch die Rechtsprechung lange Zeit.
Das hat, glaube ich, kirchlichen Ursprung. Auf jeden Fall gibt es Menschen, die würden nie Schluss machen, sind aber sofort bereit, sich so zu verhalten, dass der andere es dann tut. Und da bin ich schon lieber mit jemandem zusammen, der aufhört, wenn er nicht mehr will, und sich nicht so aufführt, dass ich gehen muss. Das habe ich einige Male erlebt. Ein Benehmen, das es mir unmöglich gemacht hat, länger mit dieser Person zusammen zu sein. Das ist wahnsinnig kindisch. Was auch gerne gemacht wird: Ich fange mit anderen was an und lasse dich spüren, dass du nicht mehr sexy bist für mich. Das hat sowas Erniedrigendes, sowas Gemeines. Statt dass man einfach sagt: Es passt nicht mehr.

Wie ist es denn, mit jemandem zusammen zu sein, der »Trennt euch!« schreibt?
Meine Freundin und ich haben uns kennengelernt, weil sie das Buch gelesen hat und es gut fand und mir geschrieben hat. Da sind wir uns sehr ähnlich. Ich weiß auch ungefähr, was ich tun müsste, damit sie mit mir Schluss machen würde. Aber es ist nicht so, dass sie sich bei mir unter Daueranalyse fühlt.

Es gibt wohl kaum etwas, das man nach einer Trennung so gut lesen kann wie Ihr Buch. Man fühlt sich geradezu großartig damit, dass man nicht mehr zusammen ist.
Ich glaube auch, dass das Buch diesen Effekt hat. Weil es mit falschen Konzepten aufräumt. Und das falscheste aller Konzepte ist das der Schuld: Ich bin ein schlechter Mensch, wenn ich gehe. Oder, noch krasser: Ich bin ein schlechter Vater, wenn ich gehe. Das stimmt einfach nicht. Ich bin ein schlechter Vater, wenn ich ein schlechter Vater bin. Tatsächlich kann ich sogar besser anständig sein in zwei Wohnungen.

Was halten Sie vom Eheversprechen? In guten wie in schlechten Tagen?
Der operative Aspekt ist: Bis dass der Tod euch scheidet. Was heißt das? Wenn man ihm zuvorkommt, ist man ein Mörder. Man hat das getan, was nur der Tod darf. Ich finde, ein Eheversprechen sollte eher lauten: So lange ihr euch wohlfühlt miteinander. Und wenn das nicht mehr gegeben ist, versprecht ihr jetzt, dass ihr aufhört. Diese ganze Romantik-Scheiße ist ja 300 Jahre alt. Und inzwischen sehen wir deutlich: Ein Menschenleben ist halt doch länger als eine Liebe. Und nicht umgekehrt.

Eine schmerzhafte Erkenntnis.
Ja, aber das ist eine Tatsache. Und wenn man darüber nachdenkt, auch gar nicht so eine schlimme: Deine früheren Beziehungen sind nicht mehr da. Aber du bist noch da! Und das ist gut so.

Es gibt aber auch die Paare, die sich als junge Menschen treffen und für immer miteinander glücklich sind.
Ich kenne auch ein solches Paar. Eins. Die beiden sind großartig. Aber wenn alle diesem Ideal nachlaufen, dann scheitern eben neun von zehn Paaren.

Was ist Ihr wichtigster Beziehungstipp?
Sei ehrlich! Mach dir nichts vor! Man redet sich dauernd was schön. Ich habe das auch selber gemacht. Ich kam aus einer toxischen Beziehung heraus und wollte sie unbedingt zurück. Ein Freund hat mir gesagt: Ich kann dich so nicht mehr ertragen, hast du gar keinen Respekt vor dir?

Wie haben Sie reagiert?
Ich habe gedacht: Ich hasse dich, und du hast Recht. Es ist ja auch frustrierend. Jetzt sitzt du da, hast dich schon x-mal mit dem Thema Selbstrespekt beschäftigt, bist über 40 – und dann sowas.

Warum sind Sie so überzeugt davon, dass das, was nach einer Trennung kommt, besser ist?
Weil man hoffentlich ein bisschen etwas gelernt hat. Und vielleicht auch weiß, wann man Dinge von Anfang an sein lassen sollte. Das ist besonders für manche Frauen wichtig. Da gibt es einige, die eine Neigung dazu haben, Männer reparieren zu wollen, und sich immer wieder auf Problemfälle einlassen. Das muss man sich aktiv verbieten und es dann auch sein lassen. Verzicht ist eine der wichtigsten Fähigkeiten in der Liebe – und ganz generell im Leben.