Reizfigur

Kaum eine Autor*in zog im vergangenen Jahr so viel Solidarität und Empörung auf sich wie ­Hengameh Yaghoobifarah. Selbst der ­Bundesinnenminister Horst ­Seehofer wollte sie* ­wegen einer Kolumne ­anzeigen. Eine Annäherung an einen ­Menschen, der das Glück und das Pech hat, für viel mehr zu stehen als sich selbst.

Es kommt immer auf das Framing an – im Museum wie im Leben: die Kolumnist*in Hengameh Yaghoobifarah in der Gemäldegalerie in Berlin.

Fotos: Jelka von Langen/Soothing Shade.
Herzlichen Dank an die Gemäldegalerie der Staatlichen Museen zu Berlin

Anmerkung: Hengameh Yaghoobifarah identifiziert sich als non-binär. Da es im Deutschen bisher kein geschlechtsneutrales Pronomen gibt, signalisiert dies hier im Text der Genderstern hinter sie*/ihr*.

An einem Nachmittag kurz vor Weihnachten 2020 verabschiedet sich Hengameh Yaghoobifarah, um den letzten Termin des Jahres wahrzunehmen. Sie* muss zu ihrem* Anwalt. Es sind weitere Drohbriefe gekommen, sechs davon sollen archiviert werden. In den weißen Umschlägen finden sich Vergewaltigungsfantasien, Morddrohungen an ihre* Eltern, auf Fotos von ihr* hat jemand mit einem Edding Hakenkreuze

Bedächtig, und diesen Eindruck macht sie* fast immer, schiebt sich Yaghoobifarah, 29 Jahre alt, in einem bis zu den Knöcheln reichenden Daunenmantel aus der Tür des Carsharing-Autos und schwingt sich den kleinen Rucksack über die Schulter, in dem sie* stets bei sich trägt, was sie* im Alltag so braucht: Zigaretten, Wasserflasche, manchmal eine Sturmhaube

Im Sommer 2020 wirkte es fast so, als wäre die taz-Kolumnist*in Hengameh Yaghoobifarah die Staatsfeind*in Nr. 1. In diesen Wochen nannte der Generalsekretär der CSU, Markus Blume, sie* auf Twitter die »hässliche Fratze der hasserfüllten Linken«, auch wenn der Tweet später gelöscht wurde, der Polizeigewerkschafter Rainer Wendt bezeichnete sie* als »degeneriert und voller Gewaltbereitschaft«, die grüne Bundestagsabgeordnete und Polizistin Irene Mihalic attestierte eine »Menschenverachtung«, die sie sonst nur bei Nazis finde.

Anlass für diese Worte war eine Kolumne in der taz mit dem Titel »All cops are berufsunfähig«, in der sich Yaghoobifarah vor dem Hintergrund der Diskussion um rassistische Polizeigewalt in den USA und Deutschland in einem Gedankenspiel fragt, welche Jobs Polizistinnen und Polizisten übernehmen könnten, wenn die Polizei abgeschafft wäre, der Kapitalismus aber nicht.

Sie* kommt in der Kolumne zu folgendem Schluss: »Spontan fällt mir nur eine geeignete Option ein: die Mülldeponie. Nicht als Müllmenschen mit Schlüsseln zu Häusern, sondern auf der Halde, wo sie wirklich nur von Abfall umgeben sind. Unter ihresgleichen fühlen sie sich bestimmt auch selber am wohlsten.«

Innerhalb von einer Woche eskalierte die

Um all das soll es in diesem Artikel noch gehen, um die Kolumne, Seehofer, die Polizei, die Konsequenzen des Textes und den Begriff »Identitätspolitik«, auch um Yaghoobifarahs ersten Roman Ministerium der Träume und darum, warum sie* in ihren* Texten von »Almans« und »Kanaken« schreibt und wer diese Person eigentlich ist, die solchen Aufruhr erregt und von der sich so viele Menschen bis in die Bundespolitik so provoziert fühlen.

Aber zunächst einmal sollte festgehalten werden,

»Ich musste für meine Aussagen, politisch

Sie* sitzt, ganz in Schwarz, Bomberjacke,

Konkreter werden die Ortsangaben in diesem

Der persische Vorname Hengameh hat drei Bedeutungen: Aufruhr, Phänomen, Freudentränen. Das passt natürlich alles gut zu einer Person, die mit ihren* Texten in taz und Missy, dem feministischen Magazin, für das sie* als Redakteur*in arbeitet, für Aufruhr sorgt und unter ihren* Fans sicherlich für Freudentränen. Yaghoobifarah hat sich mit ihren* Kolumnen in den vergangenen Jahren zu einer der profiliertesten Stimmen des linken Spektrums hoch­geschrieben und ist so zur Ikone einer Szene geworden, die Ikonen eigentlich nicht mag. In der taz gilt sie* als »die Avantgarde des linksidentitären Antirassismus«, wie es ein taz-Redakteur am Telefon formuliert. Namenstechnisch hat sie* einfach Glück gehabt, der Name ihrer* Schwester beschreibt eine persische Maßeinheit.

Yaghoobifarah wurde in Kiel geboren und

Fragt man sie* nach ihrer* Kindheit,

Von sich selbst zeichnet sie* das

In ihrem* Essay Blicke, erschienen im von ihr* und der taz-Redakteurin und Schriftstellerin Fatma Aydemir herausgegebenen Sammelband Eure Heimat ist unser Albtraum, beschreibt sie* diese Erfahrung als Konsequenz des »white gaze«, des Blicks weißer Menschen in einer weißen Mehrheitsgesellschaft auf People of Color, also auf Menschen wie sie* und ihre* Familie.

Sie* schreibt in jenem Essay: »Dieser

Vielleicht zeigt dieser »white gaze« sich

»Der weiße Blick wird als neutral

Wobei es bei Yaghoobifarah noch komplizierter

In der Mittelstufe begann Yaghoobifarah, sich

Während sie* all das erzählt, muss

Schon damals hätten ihr* Vater und

Denn Yaghoobifarah denkt gar nicht daran

Seit fünf Jahren schreibt sie* für die taz die Kolumne Habibitus, über rechte Gewalt, Homophobie und manchmal einfach über Vokuhilas. Dass sie* mit der Kolumne Konservative oder Rechte gegen sich aufbringt, störe sie* nicht, »besser so«, sagt sie*. Aber auch in linken Kreisen stoßen die Texte auf Kritik, das tue mehr weh. Denn Yaghoobifarah schreibt, anders als zum Beispiel die Spiegel-Kolumnistin Margarete Stokowksi, auch gegen das eigene linke Milieu an, bezeichnet Weiße mit Dreadlocks als »kulturrassistisch« oder das unter Linksalternativen beliebte Elektro-Festival Fusion als »Schauplatz der White Supremacy«. Am häufigsten kriegen es in den Kolumnen aber die Deutschen ab, die sie* als »Lauchs« und »Kartoffeln« beschimpft, als »geschichtsverdrossen und besserwisserisch«, oder schlicht auffordert: »Deutsche, schafft euch ab!«

Katrin Gottschalk, heute stellvertretende Chefredakteurin der taz, früher Yaghoobifarahs Chefin bei Missy, sagt: »In ihren* Kolumnen spiegelt sie* Ressentiments, denen Minderheiten ausgesetzt sind, zurück auf die Mehrheitsgesellschaft. Sie* beleidigt absichtsvoll so, dass klar wird, welche Beleidigungen Minderheiten erdulden müssen.«

Yaghoobifarah arbeitet in ihren* Kolumnen mit

Diesen Figuren überlässt sie* in ihren*

Besonders die Beobachtung weißer Frauen ist

Als weißer Mensch sieht man in Yaghoobifarahs Kolumnen ziemlich oft ziemlich schlecht aus. Das kann einen natürlich ärgern, vielleicht verletzen, so wie einen taz-Leser, der seine Abkehr von der Zeitung auch mit Yaghoobifarahs Kolumne begründete: »Ich war es leid, mich immer wieder als alter, weißer Mann (der ich bin) oder als Kartoffel anmachen zu lassen. Für keine der Eigenschaften alt, weiß, Mann kann ich etwas – warum werde ich dann nahezu rassistisch angemacht von einer Kolumnistin, die sich ständig über Diskriminierung beschwert?«

Yaghoobifarah hält das für »Rumgeopfer«: »Ich

Frage: Hilft es dem sozialen Frieden,

Gegenfrage: Wann war eine Zeitungskolumne je

Nun sind Kolumnen oft dazu da, zu polarisieren. Wer erfolgreich Kolumnen schreibt, wird gehasst oder geliebt. Egal ist, wer dazwischen liegt. Diese Extreme kann man politisch gefährlich finden, aber in den meisten Fällen sind die Texte von der Meinungsfreiheit gedeckt. Politische Kolumnen sind häufig die Stinkbomben des Journalismus. Das haben die Texte von Martenstein oder Fleischhauer und Yaghoobifarah vielleicht gemein. Der wichtigste Unterschied zwischen ihnen ist jedoch: Fleischhauer und Martenstein werfen die Stinkbomben meistens nach unten, in Richtung der Schwächeren, Yaghoobifarah wirft nach oben. Und vielleicht gelten die Gesetze der Physik ja auch für Kolumnistinnen und Kolumnisten: Natürlich braucht es mehr Kraft, um etwas von unten nach oben zu schleudern, als es einfach fallen und somit der Erdanziehung zu überlassen. Yaghoobifarahs Stinkbomben kommen jedenfalls an. Keine Kolumnist*in der taz erreicht eine so breite Öffentlichkeit wie Hengameh Yaghoobifarah. Ihre* Polizei-Kolumne ist der mit Abstand meistgelesene Text auf taz.de der vergangenen fünf Jahre.

Und wo dieser Text erschienen ist, hat sich der Rauch, für manche auch Gestank, längst nicht gelegt. Selten habe ein Text die taz so beschäftigt wie dieser, sagt eine Redakteurin. Tagelang wurde in Konferenzen, im Intranet, in den Mail-Verteilern diskutiert, so erbittert anscheinend, dass zwei Kolleginnen die Konflikte dieser Tage als Mitgrund für ihre Kündigung anführten. Der Streit verlagerte sich bald auf die Meinungsseiten der Zeitung. Die Chefredaktion erklärte sich öffentlich und bat zu Aussprachen, erst per Videokonferenz, später persönlich auf das Dach des Hauses.

Nachdem Seehofer angekündigt hatte, Yaghoobifarah anzuzeigen

Ausgehoben aber waren die Gräben längst. Die Meinungen über Yaghoobifarah und ihre* Kolumne gehen innerhalb der taz so weit auseinander wie außerhalb. Und so lässt sich an dem Streit im Kleinen gut erkennen, warum der Text im Großen so polarisiert.

Einzelne werfen Yaghoobifarah vor, die Kolumne

Einige der investigativen Reporterinnen und Reporter ärgerten sich über die Konsequenzen, die sich für ihre Arbeit aus der Kolumne ­ergeben könnten: Für ihre Texte über rechtsradikale Netzwerke in Polizei und Bundeswehr sind sie auf Quellen aus diesen Institutionen angewiesen. Warum sollten sich ihnen weiter Beamte und Beamtinnen anvertrauen, wenn sie in Kolumnen verhöhnt werden? Das geht aus den Debatten im Intranet der taz hervor.

Dann gab es Kolleginnen und Kollegen, die den Text nicht radikal fanden oder nicht radikal genug, man habe schließlich schon RAF-Sympathisanten für die Zeitung schreiben sehen. Und es gibt natürlich die, die den Text einfach gut fanden, eine Satire, normal, lustig, auf den Punkt, »ein classy Hengameh-Text«, wie ihre* taz-Kollegin und Freundin Fatma Aydemir sagt.

Was in den Gesprächen mit den taz-Leuten aber deutlich wird: Die Debatte wurde auch so vehement geführt, weil sie immer wieder um das Thema Identitätspolitik kreiste und um die Frage, wer sprechen soll. Also auch: Wer soll in Zukunft schweigen?

Yaghoobifarah hat schon viele identitätspolitische Kolumnen

Doch auch Barbara Junge, Chefredakteurin der taz, verkürzt Yaghoobifarahs Polizeikritik auf ihre* Sprecher*innenposition, wenn sie – zur Verteidigung – schreibt: »Autorinnen oder Autoren, die selbst mehrfach zum Ziel rassistischer Beleidigungen und Bedrohungen geworden sind, können gleichwohl ein anderes Verhältnis zu dem Thema haben und das in emotionalere und zugespitztere Worte fassen als Autorinnen oder Autoren ohne entsprechende Erfahrungen.«

Weiter geht der taz-Autor Stefan Reinecke, wenn er schreibt: »Die Hybris, diskursive Regeln ignorieren zu dürfen, gedeiht offenbar auf dem Humus des Bewusstseins, Betroffene zu repräsentieren, recht gut.« Und: »Mit einer Biografie als schwuler, urbaner Migrant lässt sich auf den Aufmerksamkeitsmärkten mehr Kapital generieren als mit einem Dasein als Normalo in Eisenhüttenstadt.«

Bei Junge wird die Betroffenheit als

Mittlerweile ist Identitätspolitik aber kaum mehr

Mehr noch legen Begriffe wie »Opferkultur«

Nun haben erst mal alle Menschen

Warum ist es identitätspolitisch, wenn eine

Warum ist es keine Identitätspolitik, wenn Ulf Poschardt, Chefredakteur von WeltN24 und selbsternannter Liberaler, in seinen Texten gegen Klimaschützerinnen anschreibt, um weiter tempo­limitfrei mit einem Porsche über die Autobahn brettern zu dürfen? Wenn Poschardt sich auf der Basis seiner persönlichen, man könnte sagen: identitätsfundierten Ansichten äußert, ist das eine legitime politische Forderung. Wenn eine schwarze Mutter sich für eine Studie stark macht, ist das Betroffenheitsblabla. Und das ist ein Problem.

Yaghoobifarah führt diese Diskussion seit Jahren. Mantraartig sagt sie*, dass sie* natürlich niemandem das Sprechen oder Schreiben verbieten wolle, ganz davon abgesehen, dass sie* das sowieso nicht könne. »Ich schreibe alle zwei Wochen eine Kolumne, für die ich 80 Euro kriege, und die tun so, als würde ich täglich die Tagesschau mit meinen eigenen Topics einsprechen.«

In Bezug auf ihre* Polizei-Kolumne verweist

Polizistinnen und Polizisten sind also kein

Sie* könnte auf diese Frage

Als sie* das sagt, trägt sie*

Thilo Cablitz, Mitbegründer des Netzwerks für

Yaghoobifarah steht zu dem, was sie*

Folgt man Yaghoobifarahs Argumentation, haben sich CSU, AfD, Rainer Wendt und Horst Seehofer medial auf sie* gestürzt, um von sich selbst abzulenken. Interessant ist hierbei, wer die Empörungswelle rund um ihre* Person in den sozialen Medien in Gang gebracht hat: Die taz sah anhand der Auswertungen ihrer Social-Media-Plattformen, dass Yaghoobifarah ab dem Erscheinungstag der Kolumne fast einen Monat lang Ziel einer »organisierten Hetzkampagne« war, wie es Katrin Gottschalk nennt – ausgehend vor allem von Accounts der AfD und von rechten Multiplikatoren.

Für Yaghoobifarah ist das nichts Neues.

Im Februar erscheint ihr* Debütroman Ministerium der Träume. Der Titel entstand, als sie* mit dem Essayband Eure Heimat ist unser Albtraum unterwegs war. Schon damals musste sie* ständig über Horst Seehofer reden, der ein Jahr zuvor den Namen des Innenministeriums um das Wort Heimat ergänzt hatte. Auf die Frage, was Heimat für sie* bedeute, antwortete sie* dann schon mal mit dem Wort: »Abfall«. Um danach zu analysieren, wie der Begriff seit Jahren von Rechtsextremen missbraucht wird und eh viel zu abstrakt sei, um ein Ministerium zu beschreiben, da könne man ja gleich ein »Ministerium der Träume« eröffnen. In solchen Momenten kommen die zwei Ichs zum Vorschein, die sie* mit den Jahren für sich kultiviert hat: das harte Kolumnen-Ich, das erst mal »Abfall« sagt, einfach, um zu provozieren. Und das nachdenkliche, abwägende, politische Ich, dem man im persönlichen Gespräch begegnet.

Ihr* Buch erzählt nun von den

Yaghoobifarahs Buch ist ein oft verstörender

Hat man das Buch gelesen, erscheint

Die Einzigen, auf die sich ihre*

An einem Freitag im Dezember steht Hengameh Yaghoobifarah in einem Fotostudio in Berlin. Sie* wird auf dem Cover der Missy sein. Wenn sie* sich für die Kamera auf einem rosafarbenen Fell fläzt oder die Arme vor der Brust verschränkt, weil sie* sich in dieser ablehnenden Pose am besten gefällt, wirkt sie* wie der »social-media-affine Millennial, der 1000 Selfies ballert und seinen Style flext, wie alle anderen in meinem Alter«, um sie* mit ihren* Worten zu beschreiben.

Aber es gibt auch andere Momente.

Zwischendurch gibt ihre* vier Jahre jüngere

Eine von Hengameh Yaghoobifarahs Lieblingsgeschichten stammt von Tove Jansson, der Erfinderin der Mumins. Die Geschichte heißt Das unsichtbare Kind. Darin bekommt die Muminfamilie Besuch von der kleinen Ninni. Die kleine Ninni ist unsichtbar. Sie wurde von ihrer Tante so lange mit eiskalter Ironie gestraft, bis sie ihre Sichtbarkeit verlor.

Die Mumins wollen Ninni wieder sichtbar