Zur Natur zurück

Können Tiere aus der Massentierhaltung je wieder ein normales Leben in Freiheit führen? Ein Experiment mit fünf Schweinen.


1. Juni

Die Sau liegt in einem Gitterverschlag, die Ohren über die Augen geklappt, ein müder Fleischberg von 200 Kilo. Ein Lichtstrahl schimmert durch eine milchige Glasluke auf das Tier. Für eine Schweinezucht- und Mastanlage mit mehr als 800 Tieren ist es in diesem Raum erstaunlich leise. Hier warten die ausgesonderten Zuchtsauen auf ihre letzte Reise zum Schlachter. So wie Svenja heute.

Svenja ist zweieinhalb Jahre alt, eine »Large Black«, so nennt man ihre britische Rasse; sie heißt eigentlich nicht Svenja, kein Schwein in dieser Anlage nördlich von München trägt einen Namen, ich habe sie nur so getauft. Svenja lebte hier, um zu gebären, einen Wurf nach dem andern: Drei Monate, drei Wochen und drei Tage trägt eine Sau, dann wirft sie zwölf bis 14 Ferkel. 28 Tage liegt sie mit ihnen in ihrem Käfig, einem »Kastenstand«, in dem sie sich nicht drehen und nicht laufen kann, damit sie keines aus Versehen zertritt.

Dann kommen die Ferkel mit vielen anderen in eine Mastanlage, wo sie aus computergesteuerten Fressautomaten ihr Hochleistungsfutter bekommen, um in sieben Monaten auf 110 Kilo Schlachtreife zu wachsen. Die Zuchtsau wird fünf bis sechs Tage nach dem Absetzen der Ferkel »rauschig« und wieder künstlich besamt. Zwei- bis dreimal wirft eine Sau im Jahr. 99,3 Prozent des Schweinefleisches in Deutschland entsteht auf diese Art.

Mit Svenjas Hilfe aber nicht mehr: Zweimal hat sie nicht »aufgenommen«, wie es heißt, sie ist also nicht mehr schwanger geworden trotz künstlicher Befruchtung. Und welchen Zweck sollte eine Zuchtsau, die nicht mehr gebiert, für Menschen haben, als in der Wurst zu landen? Heute wäre Svenjas Todestag. Doch es wird ihr Glückstag. Denn ab heute soll sie resozialisiert werden.


Zu einer längeren Version dieses Artikels mit vielen Videos gelangen Sie hier.

Vor 15 Jahren hat das SZ-Magazin schon einmal eine Tier-Resozialisierung unternommen: Damals schenkten wir drei Hühnern aus der Legebatterie auf einem Biobauernhof ein neues Leben (sz.de/magazin/endlichfrei). Jetzt wollen wir wissen, wie sich Schweine nach der Intensivhaltung auf einem Bauernhof im Freigehege verhalten, bei Licht, Luft, Gras, Erde und Wasser – und was sie für Auffälligkeiten zeigen.

»Aber Vorsicht: Schweine sind kreislaufsensible Tiere mit schwachen Herzen. Wir sollten nicht nur eins aus der Mastanlage holen«, hatte Hans Hinrich Sambraus, 80, vorweg schon gewarnt. Sambraus ist Professor Doktor Doktor, doppelt promoviert in Tiermedizin und Zoologie; die Tierverhaltensforschung hat er noch bei Konrad Lorenz gelernt. In Deutschland gilt Sambraus als Koryphäe für Nutztierrassen, und er wird wie schon damals bei den Hühnern den Versuch begleiten. »Früher, als der Hauptgewinn bei einer Landlotterie oft ein Ferkel mit roter Schleife um den Bauch war, musste dem Gewinner manchmal ein totes Tier übergeben werden, so sehr regen sich manche Schweine auf«, erklärt er. »Wegen ihrer schwachen Herzen werden Schweine auch besonders reizarm gehalten.« Sind sie allein, regen sie sich noch mehr auf. Also werden wir neben unserer Zuchtsau noch ein paar Mastschweine befreien, damit alle sich sicherer fühlen.

Öffnet man die Stahltüren zu den Mastanlagen, bewegen sich Hunderte von Schweinen wie eine Welle weg von den Eindringlingen, zur Wand hin, übereinander, untereinander, ein Schwein gewordener Schreck. Schweine in der Intensivhaltung haben wenig Kontakt zu Menschen. Es geht darum, unerhört große Mengen von Fleisch auf wenig Raum mit geringem Personalaufwand in kürzester Zeit zur Schlachtreife zu bringen. Die Pfleger, die in solchen Anlagen arbeiten, klopfen manchmal sogar höflich an, bevor sie eine der Schweinemasthallen betreten: damit der Schreck nicht zu groß ist. In Deutschland sollen Pfleger mindestens einmal am Tag bei den Schweinen vorbeischauen. In China existieren dagegen bereits Mastanlagen, in denen für 100 000 Schweine nur ein Pfleger zuständig ist: in Mastanlagen, groß wie Städte.

Die Ställe nördlich von München sind vollklimatisiert, von der Decke strahlt künstliches Licht. Ein Chip im Ohr steuert, welches und wie viel Futter die computergesteuerten Futterautomaten einem Schwein geben. Kot und Harn laufen über den »Vollspaltenboden« ab, Beton- oder Metallboden mit Spalten. Dadurch bleibt der Stall ohne großen Aufwand sauber. Aber: Laut einer neuen Studie der tierärztlichen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München haben 90 Prozent aller Mastschweine Gelenkentzündungen, die durch Dauerreizungen von den harten Böden entstehen, zum Teil blutend und begleitet von schweren Hautveränderungen. Außerdem verbringen die Schweine ihr Leben über ihren Exkrementen. Sonne kennen auf diese Weise gehaltene Mastschweine nicht, auch keinen Himmel, keinen Erdboden, kein Gras, kein Badewasser, keinen Regen, keinen Wind, kein Stroh.

Schweine in der Intensivhaltung tragen nicht selten Bisse, blutige Kratzer oder Fleischwunden am Körper: Weil Schweine soziale Tiere sind und Rangkämpfe austragen, verletzen sie sich gegenseitig, wenn sie nicht genug Platz haben. »Sie können dem Rivalen nicht ausweichen«, erklärt Hans Hinrich Sambraus. Einem Mastschwein von fünfzig bis 110 Kilo steht in der Intensivhaltung ein Platz von 0,75 Quadratmetern zu. Außerdem trägt kein Mastschwein mehr seinen Ringelschwanz: Der wird gleich nach der Geburt ohne Betäubung abgeschnitten, damit ihn die Artgenossen in der Enge nicht abbeißen – es könnte dann zu Infektionen kommen. Viele der Schweine leiden so sehr unter dem Platzmangel und der Langeweile, dass sie Verhaltensstörungen entwickeln, Hospitalismus, der sich zum Beispiel in Kannibalismus ausdrückt.

Die Pfleger haben für unser Experiment drei der etwa drei Monate alten Mastschweine ausgesucht und sie von der Masse getrennt. Eng aneinandergedrängt kauern die Schweinchen am Ende eines Ganges. Alt werden Mastschweine in solchen Anlagen nicht, maximal sieben Monate, dann haben sie ihre 100 bis 110 Kilo erreicht. Diese drei wären also fast an der Hälfte ihres Lebens angelangt, würden wir sie nicht holen.

Unsere Mastschweine gehören zu keiner Rasse, es sind Hochleistungs-Hybriden, die pro Tag mit nur zwei Kilo Kraftfutter bis zu 900 Gramm zulegen können. Man kreuzt sie aus verschiedenen Rassen. Ihre Haut ist dünn und hell, weil Menschen lieber dünne und helle Haut auf ihrem Schweinebraten sehen (sowie helle Borsten, falls an der Schweinshaxe doch mal eine dran ist). Weiße Haut lässt sich außerdem besser zu farbigem Leder verarbeiten. Hybriden wachsen rasant, leben kurz und brauchen wenig Futter: Das heißt, ihr Fleisch ist billig, nur 1,50 Euro bekommen Schweinebauern pro Kilo, man wird es später im Supermarkt in einer Plastikschale mit Folie darüber finden. Die dunkelhäutige Svenja dagegen ist eine spezielle Rasse und wertvoller, ihr Nachwuchs steht für hochwertiges Fleisch, besonders die Schinken – ähnlich wie der jamón de pata negra des iberischen Schweins.

»Was haben wir denn da, Männchen, Weibchen?«, will Sambraus wissen. »Nur Weibchen«, sagt der Pfleger. »Einen der Kastraten sollten wir schon auch mitnehmen, sonst machen wir ja einen rein weiblichen Versuch«, sagt Sambraus. Eber werden in der Intensivhaltung ein paar Tage nach der Geburt oft ohne Betäubung kastriert, was in vielen europäischen Ländern verboten ist, in Deutschland erst ab 2019. »Dann wählen Sie von den Weibchen eins aus, das wieder zurückkommt«, sagt der Pfleger. Doch das bringen wir nicht übers Herz. Am Ende nehmen wir vier von den Mastschweinen mit. Wir taufen sie Stella, Saskia, Sweetie und Sebastian, den wir aber von Anfang an nur Schweini nennen.

Der Hof von Volker Zahn, 74, eremitierter Professor für Frauenheilkunde, schmiegt sich im oberbayerischen Pfaffenwinkel bei Weilheim nahe der Lechschleife in eine Landschaft, die als Vorlage für ein kitschiges Ölbild dienen könnte: sanft hügelig, waldig und grün, mit Weiden, Feldern und bunt getupften Blumenwiesen. Der fast 300 Jahre alte Hof liegt am Rande des Weilers Kreut bei Peiting, der aus einer Kapelle und einer Handvoll alter Bauernhöfe besteht, vor denen Katzen in der Sonne lungern und Hunde ihr Terrain abkläffen. Bauern kennen diese Gegend, weil hier die bayerische Braunvieh/Fleckvieh-Grenze verläuft – im Allgäu und in Schwaben wird Braunvieh gehalten, in Oberbayern Fleckvieh.

Vor dem Hof der Zahns patrouillieren drei weiße Spitze: Zahn hat sich auf vom Aussterben bedrohte Tierrassen spezialisiert, um Erb- und Kulturgut zu erhalten. Die bayerische Regierung unterstützt solche Höfe. Mehr als hundert Namen stehen in Deutschland auf der Roten Liste der gefährdeten Nutztierrassen.

Zahn hat vor seiner Rente als Arzt die Straubinger Frauenklinik geleitet, in seiner Zeit kamen dort etwa 25 000 Kinder zur Welt. Auf dem Hof lebt er mit seiner Frau Brigitte, 65, und mit Rindern, Hühnern, Pferden, Ziegen, Schafen, Schweinen und den Spitzen – auch sie sind vom Aussterben bedroht. Zahns Rinder der alten Rasse »Murnauer Werdenfelser« leben auf der Weide mit ihrem Stier, der groß und schwer wie ein Panzer ist. Ihre Augen strahlen schwarz aus dem cappuccinofarbenen Fell, sie sehen aus wie geschminkt. Zahns Schweine, »Schwäbisch-Hällische« Landschweine, wurden früher wegen ihrer schwarzen Musterungen auch »Mohrenköpfe« genannt. Sie rennen vergnügt über ein riesiges Gelände mit einem kleinen Wasserloch zum Baden, einer Hütte mit Stroh zum Schlafen, viel Weide zum Grasen. Von den Schwäbisch-Hällischen gab es vor dreißig Jahren nur noch sieben Tiere. Dank engagierter Landwirte ist die Rasse nicht ausgestorben. Sie war nach dem Zweiten Weltkrieg aus der Mode gekommen, weil sie zu viel Fett ansetzt. Fett ist nicht mehr im Sinne des Verbrauchers. Deswegen kreuzt man heute zu den Schwäbisch-Hällischen die alten Rassen Duroc oder Piétrain: um Schlachtschweine mit weniger Fett am Bauch zu bekommen. Zahn nennt alle seine Schweine »Dicki«, so wie er alle seine Thüringer Waldziegen »Ricola«, alle seine Bergschafe »Huberta« und alle seine Rinder »Romy« nennt.

Wir fahren Svenja und die vier Mastschweine in einem Pferdeanhänger an den Weiderand. Damit sich die neuen Schweine und jene, die Zahn sich schon hält, erst langsam kennenlernen, haben wir das Gelände mit Elektrozäunen in zwei Abteilungen unterteilt. Ein doppelter Stromzaun umschließt auch das gesamte Gelände: Das ist bei der Weidehaltung von Schweinen vorgeschrieben. Denn Wildschweine könnten sich mit Hausschweinen kreuzen – und das versuchen sie auch, sobald eine Sau rauschig wird. Aber Hausschweine können Krankheiten übertragen, die für Wildtiere gefährlich sind.

Als Erste wagt sich Svenja die Rampe runter aus dem Wagen, ein, zwei Schritte – bis sie wie angewurzelt stehen bleibt. Sie hat das Wasserloch entdeckt. Es dauert keine zwei Sekunden, dann tastet sie sich an den Wasserrand, patscht mit einer Klaue hinein, der zweiten, der Schnauze – und dann ist sie drin, und alles ist nur noch Schlamm und Schwein und großes Gewälze. Will man Schweineglück beschreiben, dann am besten mit diesem Augenblick. Sie bleibt lange auf der Seite im Schlamm liegen, schnauft tief und lässt sich die Sonne auf den Bauch scheinen. Dann macht sich Svenja auf, das Gelände zu erkunden.

Die vier kleinen Mastschweine trauen sich nicht aus dem Wagen. Wir müssen sie mit einem Besen hinunterkehren, sie schreien, und als sie unten zum ersten Mal das Gras berühren, bleiben sie eng beieinander zitternd und quiekend sitzen. Vor Angst pinkeln sie und koten sich voll. »Schweine schreien aus Schmerz – besonders aber aus Angst«, sagt Sambraus. Die vier blinzeln in die Sonne. Dann neigt eines seine Schnauze zur Erde, um darin zu wühlen. Als ob sie von einem Magneten in die Tiefe gezwungen würden, machen es die anderen nach. »Sie wollen wühlen, sie müssen wühlen. Dieses Wollen ist bedingt von sehr starken Genen«, sagt Sambraus.

Laufen aber können unsere vier Mastschweine nicht besonders gut: Sie schlängeln eher, manchmal rutscht eines mit den Hinterbeinen weg und plumpst hin. »Eigentlich sind Schweine gute Läufer, mit bis zu dreißig Stundenkilometern können sie Menschen abhängen«, sagt Sambraus. Aber unsere Mastschweine sind bis jetzt kaum gelaufen, sie gehen in ihrem kurzen Leben ja nur ein paar Meter hin und her, bevor sie geschlachtet werden. Außerdem werden diesen Hybriden die Körper länger gezüchtet, mit einer Rippenreihe mehr für die Schlachtschweine und zwei Zitzen mehr für die Zuchtsäue: mehr Koteletts, mehr Ferkel. »Deswegen ist ihr Rücken zu lang, und sie schlängeln so«, sagt Sambraus.

Bei der Schweinezucht geht es um die sogenannten »wertvollen Teilstücke«: Schulter, Rücken, Kotelett, Filet, Schinken. Die Füße sind bei Schweinen nicht wichtig. So kommt es, dass die Rücken lang, die Beine aber kurz gezüchtet werden. Auch unsere vier Mastschweine hoppeln eher über die Wiese, als dass sie gehen. Dann aber entdecken auch sie das Wasser, wälzen sich zum ersten Mal in ihrem Leben im Schlamm und grunzen zufrieden. Schweine seien extrem kreislauflabil, erklärt Sambraus, empfindlich für hohe Temperaturen, und Schweißdrüsen hätten sie keine. Deswegen regulierten sie ihren Wärmehaushalt durch Suhlen, immer darauf bedacht, die empfindlichen Ohren nicht unterzutauchen. »Eine bemerkenswerte Form der Wärmeregulierung im Tierreich«, sagt Sambraus. »Dazu stabilisiert das ständige Wühlen ihren Kreislauf, ein wirklich kluges System.« In der Intensivhaltung aber kommt das Suhlen nicht vor, auch kein Wühlen.

Uns fällt auf, was für eine starke und klare Mimik Schweine zeigen. Mit hängenden Ohren sehen sie niedergeschlagen aus, mit blitzenden Augen und leicht aufgestellten Ohren interessiert. Jetzt sehen sie glücklich aus – sie scheinen ihr neues Leben in der Suhle zu lieben. »Aber Suhlen will gelernt sein: Eigentlich lassen sich Schweine zur Seite fallen und erzeugen dann Wellen, sodass Schlamm entsteht. Unsere vier Jungen hier müssen das noch üben«, sagt Sambraus und lacht über das Gepansche.

Dann ein gellender Schrei: Svenja hat sich im Elektrozaun verfangen. Als wir den Strom abgestellt haben, rast sie wie wahnsinnig über das Feld und reißt alle Zäune nieder. Wir haben Angst, dass sie ausbricht: Wer kann schon eine wütende 200-Kilo-Sau aufhalten? Doch sie beruhigt sich, und wir bauen die Zäune wieder auf. Einige Minuten später hängen die jungen Mastschweine drin – und Svenja zum zweiten Mal. Sie weicht nicht zurück, sondern drückt sich immer weiter in den Zaun hinein. »Sie versteht nicht, dass sie rückwärtsgehen muss«, erklärt Sambraus. »In der Intensivhaltung lernen Schweine das Konzept des Zurückweichens nicht, wenn etwas Stärkeres von vorne kommt.« Svenjas Nase blutet, sie zittert. Der Strom ist wieder abgestellt, und Volker Zahn befreit sie. Missmutig verzieht sie sich in eine Ecke.

Wir beschließen, den Zaun, der die neuen von den alten Schweinen trennen sollte, abzubauen und den doppelten Stromzaun für einige Tage auszuschalten, bis sich die neuen Schweine an das Gelände gewöhnt haben. Zur Sicherheit läuft um das Gehege noch ein Maschendrahtzaun, der die Schweine am Ausreißen hindert.

Die neuen und die alten Schweine mustern einander neugierig. Wir versuchen, die Schweine zu füttern, aber die Neuankömmlinge können mit harten Semmeln, Gemüse und gedämpften Kartoffeln nichts anfangen: Sie nehmen die Stücke in den Mund, dann lassen sie sie fallen. »Sie kennen nur mehliges Futter«, sagt Sambraus. Sie wissen nicht, wie das geht: etwas beißen. Auch mit der mechanischen Tränke kommen sie nicht zurecht. Die neuen Schweine beißen auf der Suche nach Wasser in die steinernen Ecken des Futtertrogs: »Sie denken, da kommt Wasser raus. Sie kennen das Konzept Trinken nur von Automaten.«

Wir bemerken, dass sich die Rücken unserer weißen Mastschweine tiefrot gefärbt haben. An den Ohren wirft die Haut von Sweetie und Saskia kleine Blasen: Die Schweine haben Sonnenbrand. »Sie müssen jetzt sehr viel lernen. Dass man sich mit Schlamm einschmieren muss, um die Haut vor Sonne und Insekten zu schützen. Dass man in den Schatten gehen kann, wenn die Sonne auf der Haut brennt. Schweine sind schlau genug. Viele Hunderassen lernen nie, aus der prallen Sonne zu gehen«, sagt Sambraus. Ein Hochleistungsmasthybrid ist ja nicht für das Leben in der Natur gezüchtet worden. »In der Natur gibt es keine weißen Schweine. Weiße Schweine sind eine Erfindung der Menschen.« Diese Nacht wird unseren Schweinen noch mehr Unbekanntes bringen: Ein paar Stunden später fängt es an zu regnen. Das kennen die Schweine nicht. Sichtlich irritiert versuchen sie, dem Wasser auszuweichen, bis sie verstehen, dass das Wasser einen nicht trifft, wenn man sich in den Unterstand stellt.

Schweine gelten als mindestens so klug wie dreijährige Kinder.

3. Juni
Svenja hat mit den vier kleinen Schweinen auf einem Haufen im Unterstand geschlafen. »Ihr Sozialverhalten zwingt sie zueinander«, sagt Sambraus. »Schweine sind Kontakttiere, die enge Berührungen brauchen, keine Distanztiere wie etwa Rinder. Deswegen können Schweine überhaupt in der Intensivhaltung in großen, engen Gruppen gehalten werden. Das würde bei Rindern nicht funktionieren.« Sie schlafen viel und tief, erzählt Volker Zahn. »In der Intensivhaltung geht das Licht morgens elektronisch an«, sagt Sambraus. »Hier können sie ausschlafen. Schweine schlafen gern lang. Da sind sie den Menschen nicht unähnlich.« Svenja verhält sich ruhig, aber den Menschen gegenüber reserviert. Volker Zahn darf sie nicht anfassen, sie verbindet die Stromschläge noch mit ihm. Die kleinen Mastschweine durchpflügen mit ihrem Schlängelgang die Wiese. Die Schweine von Zahn, die er alle »Dicki« nennt, ordnen sich Svenja wegen ihrer Größe unter, stehen aber in der Rangordnung deutlich über den kleinen Mastschweinen und weisen diese auch mal mit Stupsen oder Zwicken zurecht. »Aber ich bin mir sicher, dass sie spätestens in einer Woche alle gemeinsam im Unterstand schlafen«, sagt Zahn.

Aber haben sich unsere Mastschweine erkältet? Im Hochsommer? Sie husten nämlich. »Nein, nein«, sagt Sambraus, »das ist typisch für die Intensivhaltung.« Denn: Schweine müssten mit ihrer Schnauze wühlen. Doch auf den Vollspalten-Böden gebe es nichts zu wühlen. Die Schweine seien trotzdem immer auf der Suche nach Wühlbarem. Zwischen den Spalten atmeten sie die Gase von Kot und Harn ein – und deswegen, erklärt Sambraus, litten viele Schweine aus der Intensivhaltung unter Veränderungen der Lunge oder anderen chronischen Lungenkrankheiten. Bei der Schlachtung würden die Lungen von Schweinen aus Intensivhaltung meistens gleich entfernt und weggeworfen. Tierärzte in Schlachthöfen haben durch Inspektionen herausgefunden, dass etwa 30 bis 50 Prozent aller Schlachtschweine Atemwegsveränderungen zeigen, wie in einer Studie über Intensivtierhaltung und Tiergesundheit der Kassel University Press beschrieben.

Obwohl der Mensch in langer Hochzucht das Schwein zu seinem heutigen Aussehen geformt hat, haben Schweine ihr ursprüngliches Verhalten behalten. Zwischen 1978 und 1981 machte der Schweizer Verhaltensforscher Alex Stolba von der Edinburgh School of Agriculture in Schottland berühmte Untersuchungen zum Verhalten von Hausschweinen. In einem Naturgehege mit Bach, Gras, Sumpf, Wald, dem »Pig Park«, wie er es nannte, fand Stolba heraus, dass domestizierte Hausschweine – sogar die, die in Intensivhaltung aufwuchsen – alle Verhaltensmuster ihrer Vorfahren zeigen, der Wildschweine. Stolba unterschied 103 Verhaltenselemente: So leben auch Hausschweine mit engen Bindungen in einer Art Familienkreis, sie pflegen sogar feste Freundschaften. Meistens führt eine alte Sau die Gruppe, es gibt mehrere Untergruppen. Hausschweine begrüßen einander wie Wildschweine mit »Kontaktgrunzen« und »Naso-Nasalkontakt«, einer Art Schweinekuss. Sie halten gemeinsam Siesta und bauen komplizierte Nester, wenn die Ferkelgeburt naht.

Mit diesen Erkenntnissen hat Stolba den »möblierten Familienstall« für Schweine entworfen und getestet: einen Gemeinschafts-Schweinestall mit verschiedenen Spiel-, Ruhe-, Fress- und Abferkelbuchten. Stolba hat sich in der Schweinehaltung nicht durchgesetzt: zu teuer, zu wenig effizient. Über die Schweine aus der Intensivhaltung, die Stolba eingesetzt hatte, schrieb er, dass ihre Verhaltensänderungen nicht genetisch bedingt seien, sondern durch schlechte Haltung. »In reicher Umwelt scheinen sie weitgehend regeneriert zu werden«, schrieb Stolba.

Auch wir sehen zu, wie sich unsere Schweine aus der Massentierhaltung langsam regenerieren: Wirft man ihnen eine harte Semmel hin, bekommen sie keinen so großen Schreck mehr und zerbeißen die Semmel geräuschvoll. Sie lieben jetzt auch gequollene Weizenkleie und Salat, und auch das Wasser saufen sie so gut wie die Schwäbisch-Hällischen. »Unter bestimmten Umständen genügt eine einzige Erfahrung, um zu lernen«, sagt Sambraus. Nur Svenja hat noch Probleme mit dem Essen. Ihre Ohren sind zu groß und fallen ihr über die Augen, sodass sie das Fressen auf dem riesigen Gelände nicht sehen kann, sondern riechen muss.

Der Bauer vom Nachbarhof kommt mit klappernden Eiseneimern an das Schweinegelände und schüttet Molke in den Trog, die von seinen Kühen übrig ist. Die »Dicki«-Schweine von Volker Zahn stehen schon bereit und saufen den Nachtisch in Sekunden aus. Die neuen Schweine kennen Molke nicht. »Und sie haben die Fressenszeiten noch nicht verinnerlicht: wann was kommt«, sagt Zahn.

10. Juni
Die Sonne scheint, die Schweine liegen im Schlamm, alles wirkt friedlich. Nur die Rinder schreien auf der Weide nebenan. »Wir mussten ihnen die weiblichen Kälbchen wegnehmen«, erklärt Zahn. »Weil sie mit dem Stier leben, würden wir ein Inzuchtproblem kriegen.« Drei bis vier Tage trauern die Kühe um ihre Kälber: Es sind lange, klagende, verzweifelte Laute.

Svenja erkennt inzwischen ihren Namen und richtet die Ohren ein wenig auf, wenn man sie ruft. »Und ich bin nicht mehr der Strom-Mann«, sagt Volker Zahn und freut sich, dass ihm Svenja verziehen hat. Vorerst hat er den Strom nicht wieder angestellt. Die weißen Schweine haben immer noch starken Sonnenbrand und blutige Ohren. Aber sie kauen und fressen, was das Zeug hält. Die Kleinen müssen allerdings noch in zweiter Reihe hinter den »Dickis« warten, bis sie an den Futterplatz dürfen. Anfassen lassen sich die neuen noch nicht, die »Dickis« gern.

Svenja sind viele Menschen auf einem Haufen nicht geheuer, sie zieht sich zurück. Zahn sagt: »Sie ist eine große Schweinepersönlichkeit.« Die neuen Schweine haben angefangen zu grasen. Heute gibt es neben Getreide auch Radieschen und Brokkoli, aber wie schon in den vergangenen Tagen lassen die neuen Schweine das, was sie nicht kennen, erst mal liegen. »Auch da sind sie so wie wir«, sagt Sambraus. Plötzlich sind alle Schweine weg vom Fressplatz. Zahn lacht. »Die warten schon auf den Bauer mit seinen Molke-Eimern. Das haben sie sehr schnell gelernt.« Und dann hört man das Klappern der Eimer und das Schmatzen der Schweine.

7. Juli
Die Schweine haben abgenommen. Das steht Svenja gut, sie war nach ihrer un-beweglichen Zeit im Kastenstand arg verfettet. Die kleinen Schweine dagegen sehen klapprig aus, obwohl Volker Zahn sie ordentlich füttert. Trotzdem wirkt die ganze Gruppe ausgeglichen und fidel. »Sie verstehen sich jetzt prima«, meint Volker Zahn. Auch Sambraus sagt: »Ja, es scheint keine Ausweichdistanzen in der Gruppe zu geben. Wenn alle Bedürfnisse befriedigt sind, läuft das Zusammenleben der Schweine äußerst harmonisch ab. So wie beim Menschen auch.« Svenja lässt sich jetzt streicheln. Um vorzuführen, was für eine sensible Haut Schweine haben, zeigt Zahn uns eine Bürste mit harten Borsten, wie man sie für verdreckte Pferde benutzt, sowie eine weiche Naturborstenbürste. Sobald er sich mit der harten Bürste nähert, läuft Svenja weg. Mit der weichen Bürste lässt sie sich gern bürsten und grunzt wohlig dabei. Zwei Schweinebauern aus der Nähe sind heute gekommen, sie begutachten Svenja und sagen: »Die wird wieder rauschig. Und wenn es ihr so gut geht, wird die auch wieder tragend.«

Um die kleinen Schweine sorgen wir uns. »Ihr Haarkleid ist so lang und weiß, das könnte ein Zeichen für Parasiten sein«, sagt Sambraus. Wir bitten Brigitte Zahn um zwei ausgewaschene Marmeladengläser und nehmen zwei frische Kotproben. Vielleicht sind die Schweine krank.

8. Juli
Wir schicken die Marmeladengläser an das Institut für Vergleichende Tropenmedizin und Parasitologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

10. Juli
Sammelprobe 1, Auftragsnummer 00070085: Kokzidien-Oozysten: zahlreich. Sammelprobe 2, Auftragsnummer 00070086: Kokzidien-Oozysten: zahlreich.

Sambraus wundert das nicht: »Auch das ist ein Nebeneffekt der Intensivhaltung«, sagt er. »Dort werden die Tiere so sauber wie möglich gehalten, weil Krankheiten und Seuchen bei der Enge ein großes Problem sind.« Die Ställe werden chemisch behandelt und desinfiziert, in manchen werden den Tieren auch missbräuchlich Antibiotika und andere Medikamente verabreicht, was zu gefährlichen Resistenzen führen kann. »Aber so bauen die Tiere auch nie einen natürlichen Abwehrschutz auf«, so Sambraus. Zum Glück sind Kokzidien für ältere Schweine und auch für Menschen nicht besonders gefährlich, die Symptome verschwinden schnell, besonders in einer kleinen Schweinegruppe. Trotzdem holen wir den Tierarzt Georg Scheidle aus Schongau, damit er die Schweine mit einem Medikament von den Parasiten befreit.

28. Juli
Der Tierarzt hat die Schweine behandelt, sie sehen gesünder aus. Richtig gewachsen sind sie immer noch nicht, wenn man bedenkt, dass sie in der Intensivhaltung jetzt, mit sechs Monaten, dem Schlachter nahe wären: Normalerweise müssten sie um die 80, 90 Kilo wiegen. Unsere wiegen nur 30 Kilo. »Das liegt vermutlich an ihren Genen«, sagt Sambraus. Die Schweine sind für wenig, aber sehr stark eiweißhaltiges Futter wie Soja gezüchtet, mit dem sie rasant wachsen. Nicht selten gibt es dazu Wachstumsförderer. Mit dem normalen, kohlehydrathaltigen Futter von Volker Zahn wachsen sie deutlich langsamer als etwa die Schwäbisch-Hällischen. »Alte Rassen sind viel bessere Futterverwerter als diese neuen Eiweißmaschinen«, sagt Sambraus.

Bis etwa zum Jahr 1850 brauchte ein Schwein drei Jahre, um 50 Kilo zu wiegen. Bis 1900 nur noch zwei Jahre, um auf 70 Kilo zu kommen. Nach 1900 wuchsen Schweine innerhalb eines Jahres auf 100 Kilo. Heute brauchen sie dafür sechseinhalb Monate – natürlich auch, weil sie sich kaum noch bewegen.

Schweine werden erst seit etwa 200 Jahren gezielt gezüchtet, trotzdem sind die Zuchtfortschritte enorm – was an der Fruchtbarkeit der Tiere liegt und der sehr kurzen Generationenfolge. Schon 90 Prozent aller Schweine sind heute Hybridschweine. Deswegen sind viele alte Rassen vom Aussterben bedroht. In den vergangenen Jahrzehnten hieß das wichtigste Zuchtziel: viel Fleisch, und das schnell. Doch so wuchs auch die Stressanfälligkeit der Tiere. Jetzt versucht man, neue, stressresistente Linien zu züchten: Stressempfindliche Schweine tragen ein bestimmtes Gen in sich, das MHS-Gen. Mithilfe eines MHS-Gentests sollen diese Schweine nun von der Zucht ausgeschlossen werden.

Stress empfinden unsere Schweine jetzt offenbar nicht mehr. Sie schlafen auch nachts alle zusammen in einem großen engen Knäuel. Beim Schlafen seien oft bis zu 80 Prozent der Körperoberfläche mit einem anderen Schwein bedeckt, sagt Sambraus. Und obwohl die Sonne tagsüber mit über 30 Grad brennt, haben die weißen Schweine keinen Sonnenbrand mehr. Sie laufen auch schon viel besser über die Wiese. Stella hat sogar »Sitz!« gelernt, wenn Volker Zahn ihr einen Apfel bringt. »Man kann Schweinen Tricks beibringen wie Hunden. Sie lernen sogar schneller«, sagt Sambraus. Die Tiertrainerin für den Film Ein Schweinchen namens Babe, Joanne Kostiuk, sagte: »Ein Schwein lernt in zwanzig Minuten, wofür ich mit einem Hund eine Woche üben muss.« Schweine gelten als mindestens so klug wie dreijährige Kinder, wie der amerikanische Verhaltensforscher Stanley Curtis herausgefunden hat: Sie haben Schimpansen und Kinder bei Computerspielen geschlagen. Sie können sich im Spiegel erkennen, behalten Gelerntes über Jahre, können im Team arbeiten und empfinden Mitgefühl.

13. August

Svenja, die Schweinepersönlichkeit. Unsere vier quirligen, viel zu kleinen Mastschweine. Die vier Schwäbisch-Hällischen mit ihren schwarzen Köpfen: Die Tiere haben sich in den vergangenen Monaten zu einer Schweinefamilie zusammengetan, in der jeder seinen Platz gefunden hat. Wenn Schweine genug Freiraum und Futter bekommen, verhalten sie sich friedlich und sozial, so wie Menschen.

Auch biologisch steht das Schwein dem Menschen nahe. Es ist unser nächster Verwandte nach dem Affen. Wegen dieser Nähe können dem Menschen Schweinehaut oder Schweineherzen transplantiert und Insulin aus Schweinebauchspeicheldrüsen gespritzt werden. Auch ihre Gehirne sehen ähnlich aus wie unsere. Trotzdem verachtet der Mensch das Schwein, benutzt seinen Namen als Schimpfwort und als Synonym für Schmutz und Dreck – obwohl ein Schwein nie auf die Idee käme, in seinen Schlaf- und Ruhebereich zu koten. Schweine sind die sensibelsten und pfiffigsten aller wirtschaftlichen Nutztiere.

Mehr als 60 Millionen Schweine werden in Deutschland jährlich geschlachtet, damit ist Deutschland der größte Schweinefleischproduzent Europas. Wie die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen FAO schätzt, ist die weltweite Fleischproduktion ist seit den Sechzigerjahren um mehr als 350 Prozent gestiegen. Die Weide- und Futteranbauflächen haben sich hingegen nur um 30 Prozent ausgedehnt. Die Enge in der modernen Tierhaltung wird sichtbar als blutende Wunden auf dünner Schweinehaut. Wenn der Mensch bereit wäre, mehr für Schweinefleisch zu bezahlen, hätten die Tiere mehr Platz, mehr Zeit bis zur Schlachtung, ein besseres Leben. Der Gesetzgeber könnte ebenfalls mehr gegen die Qualen der Schweinemast tun. Und sowieso isst der Mensch zu viel Fleisch, 60 Kilo pro Jahr in Deutschland.

Svenja hat der Sommer gut getan. Durch das viele Laufen hat sie abgenommen und Muskeln aufgebaut. Wenn Zahn sie ruft, kommt sie wie alle anderen zu ihm – im gemächlichen Svenja-Tempo, aber sie kommt. Wir haben einen Plan gefasst: Wir wollen Svenja mit einem Eber zusammenbringen. Wir wollen sehen, ob das Leben in Freiheit, bei Licht und Luft und Sonne, einer Sau so gut tun kann, dass sie noch einmal Ferkel bekommt, obwohl sie mit künstlicher Befruchtung nicht mehr trächtig wurde. Ihr Zukünftiger heißt Ivan und wohnt ein paar Dörfer weiter. Noch im Herbst wollen wir Svenja zu ihm bringen. Das wird Svenjas erstes Zusammentreffen mit einem leibhaftigen Eber – obwohl sie schon so viele Nachkommen zur Welt gebracht hat.

Fotos: Tanja Kernweiss und Ulrike Merzyk

Artikel teilen: