Zum Greifen nah

Dass die Falknerei als eine besondere Kunst gilt, war unserer Autorin klar. Dass es so kompliziert und hart und wunderschön sein würde, einen Wüstenbussard zu zähmen – das musste sie einfach selbst erleben.

Die Autorin mit Nikita bei einem der frühen Freiflüge im Revier.

1. August 2020

Als ich ihr zum ersten Mal die Haube abnehme, ist sie eine Sekunde lang wie erstarrt. Bäume, Sträucher, Himmel, Menschen – ­alles rast wie ein Tsunami auf sie ein. Dann springt sie ab. Und wieder, und wieder. Als sie endlich begreift, dass sie hier nicht wegkommt, weil ihre Langfessel an der ­Sitzstange befestigt ist, bleibt sie mit geweiteten Augen und eng angelegtem Gefieder auf unserem Rasen stehen. Aus der Haselnuss schimpfen zwei Amseln und fünf Kohlmeisen

Ich setze mich zu meiner Familie auf die Terrasse und betrachte sie durchs Fernglas.

Karamellfarbene Augen, etwa viermal schärfer als unsere. Ein gelber, grimmig ­geschwungener Schnabel, der in eine schiefergraue Spitze mündet. Rotbraune Flügeldecken. Ihr Bauchgefieder hat die Farbe von altem Pergament, auf das mit breiten Pinselstrichen ein tiefes Mokka aufgetragen wurde; die langen, nahezu schwarzen Schwanz­federn mit weißer Endbinde sehen genauso aus wie die, die mir als Kind zu meinem ­Indianer-Kopfschmuck noch gefehlt haben.

Sie ist perfekt.

Sie ist ein vier Monate alter Harris Hawk, ein Wüstenbussard, ich habe sie Nikita genannt. Wie die androgyne Killerin im Film von Luc Besson. In den kommenden Wochen soll sie lernen, freiwillig auf meine Faust zu steigen, erst an einer Schnur und dann frei zu fliegen und schließlich gemeinsam mit mir zu jagen. Es ist für uns beide

Am Morgen haben wir Nikita beim Züchter abgeholt. Er hat sie mit einem Netz aus der Zuchtkammer herausgefangen, in der sie ihr ganzes bisheriges Leben verbracht hat mit ihren Eltern und ihren drei Schwes­tern, ohne jeglichen Kontakt zu Menschen. Der Züchter hat sie gewogen (965 Gramm) und ihr die Klammer an die mittlere Schwanzfeder montiert. Daran wird später

Und so sind wir zurück nach München gefahren: Mein Freund am Steuer, unser zwölfjähriger Sohn auf dem Beifahrersitz und ich hinten, die aufgeschühte und verhaubte Nikita auf der linken Faust, Lang­fessel um den ledernen Falknerhandschuh gewickelt, ein wildes Glücksgefühl im Bauch. Sie kam mir so ruhig und so gelassen vor.

An diesem Abend mache ich Nikita im

Zwei Uhr morgens, draußen einsetzender Regen. Auf

Eine meiner frühen Kindheitserinnerungen: Wie ich am

Von Falknerei wusste und verstand ich die längste Zeit meines Lebens nichts. Bis mein Freund vor fünf Jahren auf der Bestsellerliste der New York Times das Buch H is for Hawk entdeckte (H wie Habicht, Ullstein Verlag). Die Britin Helen Macdonald beschreibt darin, wie sie den Tod ihres Vaters zu bewältigen versuchte, indem sie einen Habicht zähmte und mit ihm auf die Jagd ging. Das Buch ist noch viel mehr als das, große, vielfach preisgekrönte Literatur, und es fuhr durch mich hindurch wie ein Blitz. Das war es, das sagte mir etwas, genau das wollte ich machen!

Mein ganzes Leben lang habe ich Greifvögel

Gleichzeitig traute ich diesem Gefühl nicht über

2. August

Als ich Nikita am

Es ist ein Geduldsspiel,

Einen Greifvogel auszubilden, heißt

Harris Hawks, in den

Der Prototyp des deutschen

Als berufstätige Mutter, die

Erster Eintrag im Falkner-Logbuch:

Man muss täglich Buch

Ich trage sie im

Für einen jungen Harris Hawk, der unter seinesgleichen aufwuchs, ist die Nähe zum Menschen anfangs ein Schock. Man muss ihn behutsam an seine neue Umgebung und sein künftiges Menschenrudel gewöhnen und ihm all das beibringen, was er in der freien Natur von seinen Eltern lernen würde: wo er landen kann, wie seine Beute aussieht, wie er sie am besten erjagt. Wenn man es gut macht, begreift der Vogel, dass der Mensch kein Feind ist, sondern sein partner in crime. Das Wesen, an das er sich halten muss, weil es ihm Beute verschafft.

All das bete ich

3. August

Am

Vor

Drei

Ich

Daran

4. August

14

5. August

20

Übermorgen

Wild

Auf

Bin

Als

Der

»Habt

In

Im

Der

Und

Aber

Ich

In

6. August

25

Bin

16.30

»Du

Ich

In

Ich

»Hurra

Zwei

8. August

Ich

Wir

Zack.

Blick

11. August

In

Ich

Meine

Steffi

12. August

Wir

Es

Eine

Bezüglich

Ich

13. August

Am Morgen, als ich sie auf die Waage stelle, greift sie nach meiner rechten Hand und hinterlässt einen tiefen Schnitt am Daumen. Ich rufe Paul Klima an. Er betreibt den Falkenhof in Dietramszell und fliegt einen Stein­adler namens Fritzie. (Wer den wunderbaren Naturfilm Wie Brüder im Wind gesehen hat mit Tobias Moretti und Jean Reno: Fritzie war einer der Kamera-Adler.) Eine Viertelstunde lang heule ich Paul die Ohren voll. Er hört zu, ab und zu lacht er. Ah so, der Vogel hat tagelang nicht gefressen? Ist feindselig, hat der Jungfalknerin ins Gesicht geschlagen, landet manchmal auf ihrem Kopf? Total normal.

»Tja,

Den

14. August

Ich

Steffi

Wir

23. August

Freund

Am Abend setze ich mich mit Nikita vor den Fernseher. Wir sehen uns einen Film auf Netflix an, der nicht weiter von uns entfernt sein könnte: Der Marsianer – Rettet Mark ­Watney. Als die Rettungsaktion für Matt Damon anläuft, zieht sie das linke Bein ein und klappt die Augen zu. Ich streichle ihr über das seidenweiche Gefieder. Ihr ist das in diesem Moment egal, für mich ist es wichtig. Wir sitzen ganz still.

24. August

Wenn

Was

Ein

Am

25. August

Nikita

Man

Als

Dieses

6. September

Ich fasse mir ein Herz und rufe Claas Niehues an. Er lebt in der Nähe von Münster, fliegt seit 20 Jahren Harris Hawks und hat darüber das erste deutsche Fachbuch ver­öffentlicht: Harris Hawk – Faszination Wüstenbussard. Claas hört aufmerksam zu, fragt genau nach. Dann sagt er: »Also für mich klingt das so, als sei dein Vogel längst bereit für den ersten Freiflug.«

»Ja,

»Nicht

Ich

»Du

11. September

Nervosität

»Falknerei

Sie

Drei

Sie

Ende September

Das

Alle

Danach

Sie

Ich

Die

Rabenkrähen

Wenn

Es

Wir

Oktober

De arte venandi cum avibus (Über die Kunst, mit Vögeln zu jagen) heißt das erste Standardwerk der Falknerei. Friedrich II. hat es um 1245 geschrieben und mit mehr als 900 Bildern herzzerreißend schön illustrieren lassen. Wenn man das Faksimile heute durchblättert, hat sich innerhalb von fast 800 Jahren nicht viel verändert. Sicher, Falkner besitzen inzwischen GPS-Sender, nutzen Balgzugmaschinen und Drohnen als Trainingsgeräte. Aber was sie betreiben, ist heute genauso wie damals eine Kunst. Von der Unesco wird sie inzwischen als Immaterielles Kulturerbe der Menschheit anerkannt.

Unsere

1. November

12

Ich

In

9

Nikita

Hat

Auf

Es

Elisabeth

In

Ich