Das große Zittern

Fachleute sind sich einig: In Südeuropa stehen gewaltige Erdbeben und Vulkanausbrüche bevor. Millionen von Menschen etwa in Neapel, Lissabon und Istanbul sind in Gefahr. Doch die Warnungen werden nicht ernst genug genommen.

Neapel, Istanbul, Lissabon: drei Metropolen, die zerbrech­licher sind, als ihre Bewohner wahrhaben wollen.

Foto: Rafael Krötz; Fotoassistenz: Bastian Lembeck; Mitarbeit/Produkte: Semhar Tekeste (Lissabon), Domenico Lettera (Neapel), Onur Erbay (Istanbul)

Der Erzbischof von Neapel steht vor der ungeduldi­gen Menschenmenge und dreht eine gläserne Ampulle in seinen Händen. Das heilige Blut muss flüssig werden, sonst beginnt das Inferno.

Am Strand von Lissabon baut ein Mann Figuren aus Sand. Wenn eine Welle kommt, werden sie sich in einzelne Körner auflösen. Wenn die große Welle kommt, wird die Stadt es ihnen gleichtun.

Nahe Istanbul proben die Rettungsmannschaften den Ernstfall am Modell eines zusammengesackten Hauses. »Es ist wie damals«, raunt einer. »Nur der süßliche

Die drei europäischen Metropolen Neapel, Lissabon und Istanbul eint das gleiche Schicksal: Sie werden ihre Bewohner zu Tausenden unter sich begraben

Warum die Erde nicht so unverrückbar ist, wie wir es gern hätten, darüber wird seit Jahrtausenden spekuliert. Immanuel Kant verdächtigte, wie

Die Oberfläche, auf der wir alle gerade sitzen, zittert deswegen ständig, nur meistens so sanft, dass wir es nicht merken. Erst

Auch fern der Plattengrenzen können alte Risse die Erde erschüttern. Der Rhein­graben in Deutschland ist eine dieser Verwerfungen. Er zittert ständig

Dreimal im Jahr starren die Neapo­litaner auf eine Ampulle voll ge­ronnenem Blut und beten. In

Die Wahrscheinlichkeit für Katastrophen ist in Neapel groß. Einen der Schuldigen dafür bezeichnete Goethe einst als

Den Vesuv gibt es, weil sich unter ihm die afrikanische Platte unter die eurasische Platte schiebt,

Der Ruf eines Falkenkükens hallt im Kessel nach. Manchmal begegnet Bocchino den Kaninchen, Hasen, Eidechsen und

Allen ist klar: Der Friede hier ist nicht von Dauer, eines Tages werden heißer Dampf und

»Wenn der Vulkan morgen ausbräche, gäbe es keine Strategie, um die Menschen zu retten«, sagt Giuseppe

Mit Wahrscheinlichkeiten lässt sich nur schwer vor Gefahren warnen. Jahrzehntelang hatten Seismologen gehofft, allgemeingültige Vorläuferphänomene für

Vor rund 4.000 Jahren erschüttert ein donnernder Überschallknall den Golf von Neapel. Asche, zu Steinen erstarrte

1.900 Jahre später bricht der Vesuv erneut aus und zerstört Pompeji. Hunderte Menschen suchen in den

Heute leben mehr als drei Millionen Menschen rund um den Vulkan – nicht trotz, sondern wegen

Für Angelo Pesce war das kein Grund fortzu­gehen. Zwischen Vulkan und Meer bewohnt der heute 88-Jährige

Die Regierung der Region Kampanien, in der Neapelliegt, bot den Bewohnern der Gefahrenzone zu Anfang des

Bis 1995 hatte es nicht einmal einen Notfallplan gegeben, erst 2001 zog der Zivilschutz eine rote

Das ist aber längst nicht das

Und all das ist immer noch

Wenn Giuseppe Mas­trolorenzo sein Fenster öffnet,

Das Inferno ist Teil ihrer Vergangenheit,

Giuseppe Mastrolorenzo wirft den Behörden einen typisch neapolitanischen Umgang mit dem Risiko vor: Facite ammuina, Verwirrung stiften. Die Redewendung geht auf ein angebliches Schiffskommando im 19. Jahrhundert zurück, wonach alle Matrosen die Position wechseln sollten, wenn Vorgesetzte an Bord kamen, um Geschäftigkeit vorzutäuschen, ohne dass tatsächlich etwas passiert. Und es ist vielleicht auch typisch neapolitanisch, dass diese Entstehungsgeschichte erfunden ist.

»Kampanien ist die Nummer eins«, sagt

Sie erklärt gelassen, dass im Falle

Gegenüber vom Ausgang hängt das Bild

Naturkatastrophen zerstören

Europas Geschichte

1. November

Die katholische

Und doch

Zwar hat

»Wir kennen

Das Erdbeben

Doch als

Hat Duarte

Die Entdeckung

Die Lissabonner

Auf dem

Nicht weit

Das Ohr

Drei herrenlose

An einem

Wissenschaftler warnen

Die Bruchzone

Für die

Im Umgang

Dabei braucht

Eigentlich ist

Für den

»Das Beben

In Izmit,

In Izmit

»Ich habe

Nach dem

Im Ernstfall

Celal Şengör

Der 64-jährige Geologe kann auch so offen sprechen, weil er weltweit anerkannt und bestens vernetzt ist: Neben seiner Professur an der Technischen Universität in Istanbul ist er Mitglied unzähliger hochrangiger wissenschaftlicher Vereinigungen. In seinem Arbeitszimmer hängen in Metall gefasste Lavabomben aus Ostanatolien von der Decke, darunter türmen sich Bücher auf Türkisch, Englisch, Deutsch, Französisch, seine Privatbibliothek zum Thema Geologie und Erdgeschichte umfasst nach seinen Angaben mehr als 30 000 Bände. Die Faszination für den Boden unter seinen Füßen ergriff Şengör, als er als Kind Jules Vernes Reise zum Mittelpunkt der Erde las. Heute wirkt er selbst wie jener eigensinnige Forscher, in dessen Figur er sich damals verliebte – ein Wissensbrunnen, in dessen Adern mineralogisches Blut fließt, wie es bei Verne heißt.

Wie sicher

Natürlich gab

Vielleicht ist

Menschen sind

Um das

Bei menschengemachten