Bleibende Werte

Wie wird Corona die Lebenswelt von morgen prägen? Ein Blick in die Geschichte zeigt: Technische Innovationen, aber auch Umbrüche durch Kriege und Seuchen haben seit jeher Spuren in der Gestaltung und Architektur hinterlassen.

Hülle in Fülle: Schon vor der Pandemie schweißte der Künstler Haruhiko Kawaguchi Liebespaare in Folie ein – heute sieht man seine Fotos mit anderen Augen.

Als die Rockband The Flaming Lips diesen ­Januar in Oklahoma City ein Konzert gab, bei dem das Publikum paarweise in durchsichtigen Plastikbällen steckte, sorgte das weltweit für Schlagzeilen. Warum eigentlich? Mit großen Bällen hatte diese Band in ihren Bühnenshows immer schon gern gespielt. In einem Video vom vergangenen Jahr konnte man Musiker wie Fans auch im Inneren von großen Ein-Mann-Seifenblasen ­herumhüpfen sehen. Das erinnerte wiederum an die bewohn- und umhertragbaren Blasen, die das Wiener Architekturkollektiv Haus-Rucker-Co der Menschheit vor fünfzig

Aber nie sahen Menschen in Aspik so anrührend aus wie eben auf diesem Konzert in Oklahoma: Die Menge lag der Band als wogende Noppenfolie zu Füßen. Vielleicht ­werden bei dem Anblick auch die gebeutelten Veranstalter von Klassikkonzerten an die Möglichkeit einer zielgruppengerechten Bestuhlung solcher Blasen gedacht haben – und die von Metalfestivals daran, dass das Geraufe im Moshpit vor der Bühne in Zukunft wie Badeschaum aus­sehen könnte, wenn das Beispiel Schule macht. Denn das Entscheidende an diesem Moment war: Corona-Pandemie

Manchmal fehlt einem Design eben nur die passende Krise. Gestritten werden darf aber darüber, ob das eine frohe oder doch eher bittere Botschaft ist.

Denn wandernde Plastikblasen, in denen sich selbst zu Hause in Quarantäne begeben kann, wer andere Menschen im Haushalt nicht gefährden will, hatte das Kopenhagener Architekturbüro David Garcia Studio schon vor elf Jahren projektiert. Die Erinnerung an die Epidemien, die damals die Welt bewegten, ist weitgehend verblasst über Corona.

Heute reden wir darüber, dass in Folge

Die heute halb vergessenen Seuchen von vor

Aber das, was umgesetzt wird, ist ja

Denn wo soll man da anfangen? Bei

Der Tod, der alte Dialektiker, hat die menschlichen Gestaltungskräfte schon immer in vielen Auftrittsformen angekitzelt, als Kälte und Hunger, Krankheit und Krieg. Es gibt viele, die während der vergangenen Monate verkündet haben, den Barock jetzt besser nachvollziehen zu können, diese überbordende Feier von Leben und Fleisch in Anbetracht von Enge und Kürze des Daseins. Auch die Pest war auf einmal wieder ein gängiges Thema, die im 14. Jahrhundert quer durch Europa wütete, dabei aber immerhin überall Darstellungen von ebenso makabren wie hinreißenden »Totentänzen« hinterlassen hat: Eigentlich wissen wir heute nur wegen der schunkelnden ­Gerippe, was auf den Dancefloors des Mittelalters einst unter den Lebenden los war. Begriff und Sachverhalt ­unserer Quarantäne sind damals entstanden. Von der ­erotischen Daseinsverdichtung, die Giovanni Boccaccio die Pest-Flüchtlinge in seiner Novellensammlung Il De­camerone erleben lässt, können die Paare, die heute zu den Klängen der Flaming Lips in ihrer Bubble schmusen, zwar nur träumen. Aber die Richtung ist immerhin dieselbe.

Von Katastrophen spricht man landläufig, wenn es

Die berühmtesten Beispiele dafür hat immer noch das Designerpaar Charles und Ray Eames geliefert. Während des Zweiten Weltkriegs hatten sie der amerikanischen Rüstungsindustrie zugearbeitet. Direkt danach nutzten sie die gleichen Materialien und Fertigungstechniken für die Produktion von Möbeln, die heute durchweg als ikonisch gelten: Beinschienen aus gebogenem Sperrholz verwandelten sich in Stühle, Kindermöbel, Weihnachtsdekorationen. Aus dem Aluminium der Bomber wurden die Rahmen von Bürostühlen, die seit der Ära von Don Draper und seinen Mad Men nie wieder aus der Mode kommen sollten. Auch die smarties-bunten Sitzschalen aus Fiberglas, die bis heute als ewigfrische Designklassiker gehandelt werden, tragen letztlich noch die DNS des Krieges in sich. Aber das betrifft am Ende vieles, was in den USA »Midcentury Modern« genannt wird und im Design als Referenzgröße ungefähr dem gleichkommt, was in der Kunst die Renaissance war. Und warum auch nicht? Die Amerikaner hatten diesen Krieg schließlich gewonnen und allen Anlass der Welt, es sich auf ein paar der Grundlagen dieses Sieges anschließend bequem zu machen – mit Betonung auf bequem. Europa, wo sie für diesen Sieg doppelt dankbar sein ­durften, aber den Hedo­nismus des amerikanischen ­Nachkriegs-»Consumerism« bis heute beargwöhnen, hatte sozusagen einst die archaische Antike dieses Mo­dernismus hervorgebracht, und zwar oft mit Betonung auf unbequem.

»Stahl ist kein Material, sondern eine Weltanschauung«,

Frank, aus Wien gebürtig und als Jude

Robert Musil, der in vielem ein Geistesverwandter von Frank war, ließ seinen »Mann ohne Eigen­schaften« darüber spotten, dass der Mensch in der Klinik geboren werde, in einer solchen auch sterbe und die Zeit dazwischen deswegen auch entsprechend wohnen solle. Damit sagte er dasselbe, nur kürzer, was heute die Historiker fest­halten: dass die Moderne wesentlich aus dem Geist der Klinik erwachsen sei, gleichzeitig mit dem Kampf gegen Tuberkulose und die Spanische Grippe, die jeweils für sich noch mehr Menschenleben dahin­gerafft haben als all die mörderischen Schlachten des Ersten Weltkriegs zusammen. Die Architekturhistorikerin Beatriz Colo­mina hatte pünktlich zum Ausbruch von Covid ein hochinformatives Buch darüber fertig: X Ray Architecture. Die hygienische Ausstrahlung geweißelter Wände und ver­nickelter Armaturen, die Orientierung auf Licht, Luft und Sonne durch Breitwandfenster, Balkone und Dachterrassen, die nicht zuletzt dem bettlägerigen Menschen angemessene Horizontalität von Räumen mit flachen Decken und seitlicher Beleuchtung, Glashäuser, die das Wohnen so transparent machten wie ein Röntgenbild den Menschen, sowie Chaiselongues, die selbst in avanciertesten Designervarianten noch das Erbe von Liegekur und brustöffnender Rückwärtslage in sich tragen: Das alles entstand in der Zeit zwischen der Entdeckung der fatalen Bakterien einerseits und andererseits der rettenden Antibiotika.

Nachdem die Pharmazeuten gezeigt hatten, dass sie

Auf National Public Radio – das ist

Dass man zum Beispiel Krankheiten regelrecht ein­atmen

So folgten die Paradigmenwechsel bislang relativ verlässlich

Die frohe, wenn auch gleichzeitig natürlich ziemlich