aus Heft 19/2007 Frauen Noch keine Kommentare
Glanz und Elend
Überall fallen einem feucht geschminkte Lippen auf. Muss das sein? Es ist Zeit, dass mal jemand den Mund aufmacht. Von Kerstin Greiner (Text); Richard Burbridge (Foto)
Wir leben in Zeiten des Lipgloss, eines Zeugs, dessen Name schon sagt, wofür es erschaffen worden ist: um zu glänzen. Wo man hinsieht – triefende Münder, klebrige Lippen. Allein bei der Kosmetikfirma L’Oreal stieg der Absatz von Lipgloss in den letzten Jahren um das Fünffache, ein Viertel ihrer verkauften Lippenprodukte in Deutschland sind Gloss-Stifte. Ein Ende des Glänz-Trends ist nicht abzusehen. Was ist geschehen? Warum nur wollen alle Frauen plötzlich so aussehen, als hätten sie gerade in einen saftigen Schweinebraten gebissen?
Eigentlich hegt der Mensch doch ganz zu Recht einen Grundverdacht gegen Glanz und unterstellt ihm, verrucht zu sein, neureich zu wirken, laut zu prahlen. Wer käme denn auf die Idee, einen Lackrock zu tragen (außer Technokids) oder sich mit Glitzerschmuck zu behängen (außer Hip-Hoppern)? Wer kreuzt auf dem Kodak-Fotoumschlag schon »Hochglanz« an, wenn es um die Oberfläche der zu entwickelnden Farbfotos geht? Glanz, das scheint doch eher was für Leute, die sich für Vollmilchschokolade, nicht für Zartbitter entscheiden, grob gemahlenen Pfeffer ablehnen und so spitze Schuhe tragen, dass die Füße aussehen wie venezianische Gondeln. Warum nur malen sich trotzdem so viele Frauen die Lippen mit etwas an, was einem billigen Lolli mit zu vielen Geschmacksrichtungen ähnlich ist?
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Dabei hatte doch alles ganz gut angefangen mit dem Schminken, das neben seiner erotischen Aussage auch immer als Zeichen weiblicher Macht eingesetzt wurde – Kleopatra betonte ihre Augen, um den Göttern näher zu sein, Griechinnen und Römerinnen liebten Schminke, weil sie, unvorstellbar teuer, ihren Wohlstand unterstrich, auch im bleichgesichtigen Rokoko und Barock galt Schminke als Statussymbol. Mit einigen Ausnahmen wie in Zeiten des Biedermeier oder des Nationalsozialismus, in denen Frauen natürlich zu sein hatten, ging es beim Schminken immer darum, die eigene Wirkung nicht dem Zufall zu überlassen. Unvorstellbar eine Margaret Thatcher ohne ihren roten Lippenstift, die abgepuderte Haut, die Betonfrisur: Make-up für eine Frau, die nicht nur Kontrolle über ein Land, sondern auch über ihr Aussehen verlangte. Hätte man ihr einen »Stellar Gloss Jewel«- oder den neuesten »Juicy Tube«-Lipgloss schenken wollen, damit auch sie endlich mal ein bisschen süß und feuchtlippig rüberkommt? Sicher nicht. Mal abgesehen davon, dass man ihren strafenden Blick nicht überlebt hätte. - Seite 1: Glanz und Elend
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