aus Heft 11/2010 Frauen Noch keine Kommentare

Die Frau meines Lebens - Tilda Swinton

Warum für Annika Reich die Schauspielerin Tilda Swinton für immer mit den Marmorkuchen ihrer Großmutter verbunden sein wird, lesen Sie hier.

Von Annika Reich  Foto: dpa; Christian Schneider




Schauspielerin Tilda Swinton, 49, im Februar 2010. Im Jahre 2008 gewann sie den Oscar als beste Nebendarstellerin in dem Film Michael Clayton
Meine Großmutter war eine kleine Frau mit einer schmalen Nase und schwarzen Locken, die erst spät grau wurden und dann so weiß, dass die Menschen sich auf der Straße nach ihr umdrehten. Sie war Bäckerin. Ihr Laden lief nicht besonders gut, weil sie sich neben der Backstube ein kleines Zimmer eingerichtet hatte, in dem sie las und Geschichten schrieb, und so waren die strohgeflochtenen Körbe morgens manchmal leer.

Das habe ich aber erst sehr viel später erfahren, erst als sie gestorben war, und meine Mutter den Laden entrümpelte. Meine Mutter hatte all die Zettel, die meine Großmutter mit ihrer sorgfältigen Handschrift vollgeschrieben hatte, in eine Umzugskiste verpackt und sie mit fünf Lagen rotem Klebeband zugeklebt – als ob daraus etwas entweichen könnte, etwas Unaufhaltsames.

Ich habe immer noch nicht gewagt, alle Zettel zu lesen; ich bin noch zu jung, um schon alle Geschichten meiner Großmutter gelesen zu haben. Auf dem ersten Zettel, den ich mit zittrigen Händen aus der Kiste herausfischte, stand: »Ich schreibe Dir entgegen.«

Ein anderer Mann?

Erst später begriff ich, um wen es ging. Kein anderer Mann. Mein Großvater war mein Großvater – auch wenn er auf keinem der Zettel vorkam oder vielleicht gerade deswegen.

Die Kiste ist nun mein Nachttisch, an einer Seite sinkt sie in sich zusammen. Ich habe das Klebeband restlos entfernt, aber es hat Spuren hinterlassen; den Pappgeruch, den sie verströmt, kann man nicht entlüften – aber mich stört das nicht. So viele Dinge, die mich früher immer wunderten, verstehe ich jetzt.
Die Namen ihrer Kuchen zum Beispiel.

Meine Großmutter verehrte Virginia Woolf. Wie eine Bäckerin aus einem bayerischen Dorf Virginia Woolf verehren konnte, bleibt mir ein Rätsel, aber die seltsamen Namen ergeben nun endlich einen Sinn: Der Marmorkuchen hieß Nacht und Tag, die Biskuitrolle Die Welle und die Erdbeersahneschnitte Leuchtturm. Sie hatte sie nach Romanen benannt.

»Kennst du eigentlich Virginia Woolf?«, hatte meine Großmutter mich gefragt, als ich auf dem Gymnasium war. Ich schüttelte den Kopf. »Was bringt man euch denn bei auf der höheren Schule?«, hatte sie gefragt und mir die Butter daumendick auf eine dampfende Brezel geschmiert. Orlando war ihr Lieblingsbuch, dafür war kein Kuchen gut genug.
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