aus Heft 19/2010 Kunst 1 Kommentar
"Hoffnung ist für mich ein dubioser Begriff"
Josephine Meckseper glaubt nicht an Heilserwartungen, sondern nur an einen Fortschritt im Denken. Deshalb will sie mit ihrer Kunst aufklären.
Von Julia Decker und Lars Reichardt (Interview) Foto: Gunter Kloetzer / Laif
SZ-Magazin: Frau Meckseper, das Tolle am Künstlerdasein ist, dass man auch sinnlose Dinge tun darf, haben Sie einmal gesagt. Erklärt das auch Ihre Kunst?
Josephine Meckseper: Nein, meine Kunst ist eher theoretisch.
Meine Arbeit ist verschlüsselt, und es gibt auch unterschiedliche Zugänge, allerdings keine Formel, mit der jeder sie enträtseln könnte.
Dabei gelten Sie als Konzeptkünstlerin.
Das heißt vor allem, dass eine Idee im Vordergrund steht, ob sie nun politisch, philosophisch oder literarisch ist.
Verstehen Sie Ihre eigenen Ideen immer?
Die Ideen sind meist sehr klar, da sie auf realen Geschehnissen und Beobachtungen beruhen. Das sich aus ihnen erschließende Konzept entwickelt jedoch oft eine Eigendynamik, die von der ursprünglichen Idee abweichen kann.
Das heißt, Intuition spielt bei Ihren Collagen und Installationen auch eine große Rolle?
Gespür ist wichtig, so wie Humor, aber mir geht es vor allem um das Experimentelle. Wenn ich genau wüsste, was ich da mache, würde mich die Arbeit viel zu sehr langweilen. Das Ergebnis darf nicht absehbar sein, ich versuche stets, mich selbst zu überraschen.
Sie wollen nicht in erster Linie das Publikum überraschen?
Nein, ich interessiere mich zwar durchaus dafür, wie meine Arbeiten wahr- und aufgenommen werden, aber ich spekuliere nicht darauf. Die Reaktion des Publikums kann ich schlecht einschätzen.
Kritik oder Unverständnis verunsichert Sie gar nicht?
Doch, natürlich. Aber es gibt immer positive und negative Stimmen, auch völliges Unverständnis. Es gibt einfach keine Kunst, die immer richtig verstanden werden kann. Wer verstanden werden will, sollte in die Werbung oder Politik gehen, aber nicht Künstler werden.
Reden Künstler deswegen so ungern über ihre Arbeit?
Das ist wohl bei jedem anders. Für das Verständnis von manchen Kunstwerken kann ein einzelner Gedanke, eine Botschaft des Künstlers sehr wichtig sein. Andere Künstler arbeiten rein intuitiv und können gar nicht darüber reden. Amerikaner reden gern und viel über ihre Arbeit, die können stundenlange Monologe halten, ohne Punkt und Komma. Deutsche Männer, die Künstler sind, wiederum geben selten Interviews, denn in Deutschland gilt es als eher uncool, seine eigenen Arbeiten zu beschreiben. Das kommt leicht so rüber, als wolle man sich in Szene setzen. Und darüber hinaus gehen Künstler oft davon aus, dass jedes Kunstwerk für sich stehen sollte und man es niemals totreden darf, weil bei jeder Übersetzung vom Visuellen in Sprache ja etwas verloren gehen könnte. Man versucht also, einen Mittelweg zu finden.
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Sie gehören doch auch eher zu denen, die sich nicht leicht damit tun, über ihre Kunst zu reden. Warum tun Sie es dennoch gelegentlich?Weil es zu einfach erscheint, sich hinter seiner Arbeit zu verstecken.
Dürfen wir jetzt einmal raten, was Ihr Werk bedeuten könnte?
Gern.
Ihre Collage zeigt ein modernes Triptychon.
Richtig.
Sie gelten als kapitalismus- und konsumkritisch – zeigt Ihr Triptychon die Götzen der Moderne: Sex, Kapitalismus, Krieg?
So in etwa. Ich beschäftige mich schon eine Zeit lang mit der Rhetorik der US-Medien in den Achtzigerjahren, ich arbeite gerade auch an einer Filmcollage, in der ich verschiedene Fernsehserien aus dieser Zeit behandle.
Deswegen die Streifen auf der Frau? Eine Anspielung auf den Vorspann der amerikanischen Fernsehserie Denver Clan?
Ja. Das Bild der Frau stammt von einem Werbeplakat, das hier in Chelsea eine Weile überall herumhing, die Streifen habe ich darübergelegt.
Die abgebildete Frau symbolisiert die Hoffnung?
Ich setze meine Hoffnung auf die Menschen im Allgemeinen. In Krisenzeiten rücken alle Menschen zusammen. So wie ich das auch am 11. September erlebt habe. Vom Menschen erhoffe ich mir auf jeden Fall mehr als von der Religion.
Das Foto rechts auf Ihrer Collage, das Hochhaus – stammt die Aufnahme auch aus Denver Clan?
Nein, aber so ein ähnliches taucht wohl darin auf – ich habe die Serie selbst nie gesehen. Das Haus auf der Collage habe ich irgendwann einmal in New York fotografiert.
Ein Bankgebäude?
Vielleicht. Aber ich kann mich nicht mehr erinnern, wo es genau steht und welche Büros sich darin befinden.
Den Düsenjäger haben Sie nicht selbst fotografiert?
Nein, den habe ich gefunden. Im Internet. Die Berge darunter sind wahrscheinlich die Rocky Mountains.
(Was Künstlerin Josephine Meckseper während ihrer Kindheit in Worpswede erlebte und warum das Leben in New York gar nicht so sehr anders ist, erzählt sie auf der nächsten Seite.)
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