Das Beste aus meinem Leben

Auf Lesereise (III): Alfred Polgar hat über sich selbst geschrieben, er könne nie ein guter Vorleser eigener Texte sein, ja, er habe »unüberwindliche Hemmungen, gut zu lesen«. Es widerstrebe ihm, durch gutes Vorlesen gleichsam mit dem Finger auf die Qualität der eigenen Arbeit zu weisen, es sei ihm nicht möglich, »den Hörern Zeichen zu geben, wie heiter, rührend, stark ihm selbst das Selbstgeschriebene vorkomme, sie gleichsam auf Knien seiner Stimme zu beschwören, dass es ihnen auch so vorkommen möge«. Das kann man so sehen. Ist ehrenwerter als alles andere. Bloß: Wenn es einem nun mal Spaß macht…?Wenn ich sagen sollte, welches meine schönste Lesung gewesen ist, dann war es diese eine, bei der ich vom Lachen des Publikums so angesteckt wurde, dass ich selbst lachen musste, zuerst nur ein bisschen, dann sehr, dann so sehr, dass ich aufhören musste zu lesen. Ich saß auf der Bühne vor all den Leuten und lachte, versuchte immer wieder, mein Lachen nach unten zu stopfen wie man einen zu großen Karton in die Papiertonne tritt, aber es geht nicht, er biegt sich immer wieder hinaus, der Karton, und so war es mit dem Lachen auch.Dem Publikum bot sich die Show eines mit sich ringenden Autors und es lachte daraufhin nicht mehr über das, worüber es zunächst gelacht hatte, über den Text nämlich, sondern nun über dessen selbstver-gnügten Verfasser – was nun wiederum den Mann in eine desolate Lage brachte: Er rang vor allen Leuten mit seinem Lachen wie mit einem spielenden Hund, bekam ihn ab und zu in den Griff, bis der sich wieder entwand, nahm ihn erneut in den Schwitzkasten, konnte ihn aber nicht halten, so ging das minutenlang. Er, der Autor, trank etwas Wasser, versuchte, an etwas sehr Trauriges zu denken, rief sich seinen letzten Kontoauszug vor Augen, ging hinter den Vorhang, schimpfte mit sich selbst wie mit einem Kind, trat wieder nach vorn, bis er sich irgendwann so beruhigt hatte, dass es weitergehen konnte. Es war peinlich, absolut unpolgarmäßig, unwürdig, und es ist wirklich das Letzte, dass ich das hier auch noch erzähle. Aber, pssst: Es war super…Und glücklicherweise passte es ja. Etwas anderes wäre es gewesen, wenn es nicht gepasst hätte, und so wäre es auch einmal beinahe gekommen, als ich nämlich einmal einige eher melancholische Stücke zum Besten gab. Indes hatte ich vorher in der Garderobe in Künstlerpech! von Robin Robertson gelesen: Schriftsteller erzählen da von ihren größten Demütigungen, nur Michael Ondaatje erzählt nicht von seiner eigenen Demütigung, sondern von der einer namenlosen Kollegin, die eines Tages von ihrer früheren Highschool zu einer Lesung eingeladen wurde, ein Ereignis, auf das Schule und Autorin sich gleichermaßen mit großem Aufwand vorbereiteten. Die Aula war festlich geschmückt und voll besetzt, als die Dame sie betrat und auf dem Weg zur Bühne merkte, dass ihr vor Aufregung und Nervosität schlecht wurde, weshalb sie so unauffällig wie möglich noch einmal den Weg zur Toilette nahm – wo sie sich heftig übergeben musste. Nach einer Minute erschien jemand, um ihr zu sagen, dass ihr Ansteck-Mikrofon bereits angeschaltet war. Und an genau diese Geschichte dachte ich also, während ich einen sehr melancholischen Text vortrug, bei dem ich vielleicht hätte weinen können, weil er ja ein wirklich trauriger Text war, aber nein, in Wirklichkeit konnte ich doch nicht weinen. Du kannst vielleicht über deinen eigenen überaus witzigen Text auf der Bühne lachen, aber wenn du weinst, halten die Leute dich für jemanden, der »eine Stressphase durchlebt«, oder sie meinen, »dass deine eigene Eloquenz dich zu Tränen rührt, und was glaubst du wohl, wie das rüberkommt?« (Da wären wir wieder bei Polgar, was?) Das geht natürlich nicht und also weinst du nicht, um dich nicht unmöglich zu machen.Die Zitate eben stammen übrigens aus einem Aufsatz von Nicholson Baker mit dem Titel Laut vorlesen, der in seinem Buch U & I – Wie groß sind Gedanken? enthalten ist, einem Buch, das Sie unbedingt lesen sollten, ja, im Grunde sollten Sie es längst gelesen haben, es ist nämlich sehr gut, so gut, dass ich jetzt hier am liebsten endlos Bakers Erlebnis zitieren würde: wie er einmal die Beschreibung einer Frau vorlas, die einen Frühstücksmuffin in Bäckereipapier einschlug, und dabei beinahe geweint hätte, also Baker jetzt, nicht die Frau. (Und beim Vorlesen, nicht beim Einpacken des Muffin, meine ich.) Und wie er es dann noch schaffte, nicht zu weinen. Aber erstens kann man das nicht zitieren, man muss es im Zusammenhang lesen, und zweitens ist hier nicht genug Platz, es reicht gerade noch zu erklären, ob ich nun selbst bei meiner sehr melancholischen Geschichte gelacht habe, wie ich da wieder und wieder an diese quasi live sich erbrechende Schriftstellerin denken musste. Die Antwort ist: nein. Habe nicht gelacht. Manchmal kann ich mich beherrschen. Meistens. Es wäre auch wirklich überhaupt nicht komisch gewesen.

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