Was für ein Thehata

Über das Gendersternchen, den Glottisschlag und die Hähnchinnenfilets von Friedrich Merz.

Illustration: Dirk Schmidt

Neulich twitterte Friedrich Merz: »Grüne und Grüninnen? Frauofrau statt Mannomann? Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Mutterland? Hähnch*Innen-Filet? Spielplätze für Kinder und Kinderinnen? Wer gibt diesen #Gender-Leuten eigentlich das Recht, einseitig unsere Sprache zu verändern?«

Tja, da kann man wahrscheinlich nichts mehr machen. Der früh vergreiste Fernsehmoderator Thomas Gottschalk hat vor einer Weile mal im Fernsehen gesagt, wenn die Dinge so weitergingen, müsse er wohl bald im Restaurant sagen: »Gib mir bitte die Salzstreuerin rüber.« Dazu hat die

Tatsächlich kann man wohl von jedem Erwachsenen erwarten, dem Problem, um das es hier geht, und den Menschen, für die dieses Problem doch wohl ein solches ist, mit einem gewissen Respekt zu begegnen.

Was ist das Problem? Ich sage es mal so: Vor Jahren habe ich während einer Lesung so oft von den Lesern gesprochen, dass mir irgendwann aus der ersten Reihe des Publikums eine Frau zurief: Haben Sie auch Leserinnen? Da hätte ich nun mit einem Vortrag des Inhalts antworten können, das grammatische Geschlecht habe mit dem Sexus nichts zu tun, mit den Lesern seien immer auch die Leserinnen gemeint. Das hätte aber nichts genützt, weil sich die Dame im Publikum nun mal nicht gemeint fühlte. Also spreche ich seitdem immer von den Leserinnen und Lesern.

Nun schickt mir aber das Residenztheater in München regelmäßig einen Newsletter, der mit der Anrede Liebe*r Newsletterleser*in beginnt. Das ist kein großes Problem, können sie machen, wie sie wollen am Resi. Aber schön finde ich es nicht. Es stört mich, weil es nicht sprechbar, sondern bürokratisch ist. Und an einem Theater sollte man auf eine sprechbare Sprache achten.

In dieser Hinsicht wird ja nun viel experimentiert. Man könnte NewsletterleserInnen schreiben, Newsletterleser:innen, Newsletterleser_innen, Newsletterleser/-innen oder Newsletterleser/innen. Habe ich was vergessen? In den Nachrichten des ZDF sprechen sie die Gender-Pause seit einiger Zeit auch, das funktioniert. Fachleute nennen das einen Glottisschlag, was in der Phonetik praktisch eine Art stimmloser und demzufolge auch nicht hörbarer Konsonant ist. Sagen wir mal so: Wer Theater sprechen kann statt Thehata zu sagen, der schafft auch Newsletterleser*in. Bloß Liebe*r Newsletterleser*in, das geht echt nicht.

Ich ersetze heute oft das Maskulinum durchs Femininum, also: Ich sage dann bloß Leserinnen. Da sollen sich die Männer mal mitgemeint fühlen.

Die meisten Menschen sind ja konservativ, was ihre Sprache angeht. Sie hängen am Vertrauten. Geht mir auch so. Andererseits bin ich der Meinung, dass Sprache lebendig sein sollte, dass sie sich jeden Tag verändert, dass ihr Gebrauch auch das Bewusstsein für die Probleme der Welt schärft. Ist doch interessant. Die Zauberworte heißen Neugier und Ausprobieren. Sechzehnjährige reden heute manchmal so, dass jedes vierte Wort englisch ist. Vielleicht ist das in dreißig Jahren normal. The Times They Are a-Changin’.

Aber man lässt sich natürlich ungern was vorschreiben, das ist

Friedrich Merz möchte zum Beispiel nicht Hähnch*Innen-Filet sagen müssen. Dann wollen wir mal nicht so sein, was? So wichtig ist er eh nicht. Bundeskanzlerin wird er nicht mehr. Er ist bloß noch Direktkandidatin für das Hochsauerland.