Die Liebe zur Lüge

Was die Unwahrheit für viele Menschen attraktiver macht als die Wahrheit – und was am Ende dabei herauskommt.

Illustration: Dirk Schmidt

Bisweilen steht man geradezu atemlos staunend vor all den aberwitzigen Lügengebäuden, die in der Welt errichtet werden. Man würde gern verstehen, warum so viele Leute kein Problem damit haben, hanebüchensten Unsinn für wahr zu halten, ob es um frei erfundene Wahlfälschungen in den USA geht, die Erschaffung des Covid-19-Virus durch Bill Gates oder gar solchen Dreck wie das Märchen von satanistischen Eliten, die aus Kinderblut Verjüngungsmittel gewinnen. In all diesen Fällen liegt die Wahrheit auf der Hand. Und doch gibt

Wie ist das nur möglich?

Halten wir zunächst fest: Gelogen wird immer, das ist menschlich. Die kleine Lüge hilft einem bisweilen aus einer Alltagspatsche, mit der großen, geschickt inszenierten Lüge kann man einen Krieg beginnen, an dessen Ende ein Diktator in einem Erdloch steckt und eine Weltregion in Flammen steht. Allerdings kann man sagen, dass es Zeiten gibt, in denen das Lügenwesen sozusagen im Normalbetrieb läuft, andere wiederum, in denen es Hochkonjunktur hat.

In einer solchen Zeit leben wir. In

»Lügen erscheinen dem Verstand häufig viel einleuchtender und anziehender als die Wirklichkeit, weil der Lügner den großen Vorteil hat, im voraus zu wissen, was das Publikum zu hören wünscht«, hat Hannah Arendt in Die Lüge in der Politik geschrieben. Wer sich vom Leben betrogen fühlt, wird nicht ungern erfahren, dass es dafür Schuldige gibt. Er wird dem lauschen, der diese Schuldigen benennt. Er wird ihm glauben, weil er ihm glauben will, weil dieser Glaube ihm Sicherheit gibt und ein Ziel für seine Wut.

So kann die Lüge die Welt verändern, sie schafft erst mit Hilfe der Erfindung neue Tatsachen. Genau das wissen große Lügner. Arendt schrieb an anderer Stelle, »dass Tat­sachen nur von dem abhängen, der die Macht hatte, sie zu etablieren«. Wer diese Macht will, der braucht ein großes, in sich schlüssiges Lügengebäude, eine richtige Riesenlüge, aus der es am Ende kein Entkommen gibt, weil sie vorgeblich alles erklärt, was nach Erklärung schreit. All die kleinen Lügen vorher – sie pflastern den Weg dorthin, zersetzen die Wirklichkeit, erzeugen ein Gefühl von Man kann sowieso nichts mehr glauben – bis sich die Tore zur erlösenden Großlüge öffnen. The Big Lie nennt man das im Amerikanischen oft, ausgehend von einer Stelle in Mein Kampf, an der es heißt, dass die breite Masse »bei der primitiven Einfalt ihres Gemütes einer großen Lüge leichter zum Opfer fällt als einer kleinen«.

In ihrer Studie Despoten dichten haben Konstantin Kaminskij und Albrecht Koschorke vor zehn Jahren darauf hingewiesen, dass am Anfang des Weges politischer Verbrecher fast immer ein Buch steht: Hitler, Gaddafi, Mao, Stalin, Mussolini, Saddam, Kim Il-sung, alle haben geschrieben. (Ließ nicht auch Donald Trump ein Buch verfassen, The Art of the Deal? Ist nicht der ganze Mann immer eine Lüge gewesen, sein Leben als Erfolgsmensch nur Behauptung?) Und alle haben dann erfolgreich versucht, aus ihrer Dichtung oder ihren Wahnvorstellungen Wahrheit zu machen.

Erfolgreich?

Das Problem mit allen Lügen dieser