Der Champagner-Krieg

Inmitten der Champagne liegt ein Dorf, das keinen Champagner anbauen darf. Ein Bauer ringt seit Jahrzehnten darum, endlich so wohl­habend werden zu können wie seine Nachbarn.

Überall Champagner: Schilder weisen Touristen die Wege zu Kellereien und Weinbergen.

Viele Straßen führen aus Champfleury heraus. Sie verbinden das Dorf mit seinen Nachbarn, mit Winzern und Hoteliers und Gastwirten in prächtigen Häusern mit goldenen Schriftzügen. Ein Kreisverkehr am Ortsausgang spült Reisende in Richtung der Weinhänge im Westen und der Champagnerkeller im Norden und der Nester im Süden und Osten, wo die Reben bis in die Vorgärten wachsen. Champfleury liegt nicht irgendwo abseits am Rand. Es liegt mitten in der Champagne, gleich an der Touristenroute, wo es aus jedem Mauervorsprung zu

Michel Boucton wurde in Champfleury geboren, und geht es nach ihm, wird er hier auch sterben. Aber das hat noch Zeit. Gerade fährt der Achtzigjährige seinen weißen Opel im Schritttempo über eine Buckelpiste, manchmal zeigt er nach links oder rechts, hier etwa könnten Reben wachsen, oder dort. Dann hält er an, steigt aus, schreitet auf ein struppiges Feld, kniet sich hin und greift in den Boden. Es ist seine Erde. Er wiegt eine Handvoll in seiner Linken und erklärt ihre

»Ich habe schon oft gedacht, bald ist es so weit – und dann ist es doch nie passiert«, sagt Boucton. »Aber jetzt ist es wirklich bald so weit.« Nach mehr als einem halben Jahrhundert Einsatz für sein Heimatdorf wähnt er sich fast am Ziel: Champagner aus Champfleury.

Boucton könnte auch Mitte sechzig sein, mit seinem geraden Rücken, dem vollen Haar und den rosigen Wangen eines Menschen, der in seinem Leben viel an der frischen Luft war, aber immer brav einen


Die Misere von Champfleury, dieses 530-Einwohner-Dorfes in der Champagne ohne Recht auf Champagner, begann im Jahr 1927. Damals setzte ein Gesetz fest: In echten Champagner soll nur noch Traubensaft aus einer klar definierten Zone fließen. Die sogenannte Appellation d’origine controlée, kurz AOC, benannte die Orte, an denen die Reben wachsen durften. Allen Dörfern, die nicht dazugehörten, wurde der Weinbau verboten. 34 000 Hektar umfassen die Weinberge innerhalb der Champagne heute – 281 000 auf den Meter genau abgesteckte Parzellen in 319 Gemeinden. Zum Beispiel in Trois-Puits, zwei Kilometer nordöstlich vom Haus Michel Bouctons. Oder in Villers-aux-Nœuds, zwei Kilometer südwestlich. Oder in Villers-Allerand, vier Kilometer südlich. In Champfleury scheint dieselbe Sonne auf die gleiche Erde, beschreibt die Landschaft die gleichen hügeligen Linien. Aber während sich direkt hinter der Gemeindegrenze Weinreben wie Perlenschnüre in die Unendlichkeit ziehen, picken in Champfleury Vögelschwärme auf kargen Feldern Korn.

Boucton sitzt an seinem Wohnzimmertisch und erzählt ohne nachzudenken. Die Geschichte von Champfleury kennt er auswendig, sie ist auch seine eigene. »Es war ein kleines Blatt Papier mit einer kurzen Erklärung darauf: Champfleury

Er wisse noch, erzählt Boucton, wie er Anfang der Fünfzigerjahre als Jugendlicher im Bistro »Chez Pauline« saß, wie immer nach der Sonntagsmesse. »Dort war ein Winzer aus einem Nachbardorf und erzählte, es gebe

Drei Bauern – Boucton und die Brüder Pierre und Jean Bougy – fragten sich: Warum nicht auch Wein anbauen? Sie erfuhren vom Verbot. Sie bekamen das besagte Papier im Rathaus zu sehen; der


Die drei Freunde fassten einen Plan: Sie wollten beweisen, dass Winzer auf den Feldern des Dorfes vor 1927 noch Reben hegten, dass Champfleury die gleichen Trauben liefern könnte wie ihre Nachbarn, wenn man sie nur ließe. Eine Weinbautradition war 1927 die einzige Voraussetzung für die Dörfer der Champagne, um sich der AOC anschließen zu können. Warum, fragten sich Boucton und seine Freunde, soll Champfleury weiter für die falsche Entscheidung eines längst verstorbenen Bürgermeisters büßen? Zumal die Winzer der Nachbardörfer ständig neue Äcker mit Reben bestocken durften, um auf den wachsenden Champagner­absatz zu reagieren. Morgens warteten Kühe und Schweine auf die drei Freunde, tagsüber Zuckerrüben und Kartoffeln, für ihre Recherchen blieb nur der Feierabend. Dann tranken sie Likörwein, spielten Karten und überlegten, in welchem Archiv sie als Nächstes graben sollten. Das Internet war noch nicht erfunden, alles musste abgefahren, erfragt, gefunden werden – und oft wussten die Freunde nicht einmal genau, was sie suchten. Sie bekamen Söhne und Töchter, über­nahmen die Höfe ihrer Eltern, pachteten und verpachteten Felder. Die Beweisermittlung zog sich hin, das Leben drängte sich dazwischen und auch der Tod. Jean starb mit kaum vierzig Jahren. »Erst Ende der Siebzigerjahre hatten wir alles zusammen«, sagt Boucton.

Er blickt auf eine Figur, die ihm gegenüber auf einer ­Vitrine steht, ein Versprechen aus gebranntem Ton: Es ist Dom Pérignon, ein Benediktinermönch in braun-weißer ­Kutte, in der rechten Hand ein Krug, in der linken eine dunkelgrüne Flasche, Schaum quillt aus ihrer Öffnung. Pérignon experimentierte um 1700 in den Katakomben der Abtei Hautvillers mit Wein und entwickelte etwa die Assemblage, den Verschnitt verschiedener Rebsorten, wie sie die Kellermeister der Champagne noch heute nutzen. »Dort war ich auch«, sagt Boucton, »in seiner Abtei.« In den kalten Räumen der Kapelle fand er Ende der Sechzigerjahre, was er suchte: ein dickes Buch, in denen die Kellermeister des Ordens ihre Notizen festhielten, etwa darüber, welche Rebsorten in ihren Flaschen lagern. Et voilà, es gärten hier auch Trauben aus Champfleury.

Auch heute pilgern Champagnerbegeisterte in die Kirche von Hautvillers. Im Mittelschiff weisen Pfeile zur Grabplatte von Dom Pérignon, am Seiteneingang flattern blaue Fahnen der französischen Luxusmarken-Holding Moët Hennessy Louis Vuitton. Ihr gehört nicht

Boucton trägt blaue Hosenträger mit weißen Punkten, sie halten seine Jeans ein gutes Stück über der Hüfte, in den ­Ledersandalen trägt er Socken. »Reichtum war nie mein ­Antrieb«, sagt er. Weinbau, das sei

Boucton räuspert sich, die Kehle kratzt vom vielen Er­zählen, und ja, da sind doch Zeichen des Alters, die Beine tun weh vom langen Sitzen. Er verschwindet in der Küche und kehrt mit einer

Seit seiner Kindheit steht Boucton morgens um sechs auf. Er mag Routine, noch immer fährt er die meisten Vor­mittage auf die Felder und schaut, was sein Sohn und die Rüben treiben. Und so

Nachdem sie in den Sechzigerjahren die Notizen in Hautvillers gefunden hatten, dazu Belege von Traubenlieferungen aus Champfleury sowie Heiratsurkunden, auf denen die Berufe der Vermählten erfasst waren, blieb kein Zweifel: Im Champfleury des

Ende der Siebzigerjahre fuhren Boucton und Bougy zu den großen Champagnerproduzenten, die sich – wie die großen Theater – »Häuser« nennen. Sie hörten ihnen zu, nickten freundlich, gute Idee, aber leider, man könne

Welche Parzellen innerhalb der AOC bepflanzt, wie viele Tonnen Trauben pro Hektar geerntet, welche Reserven für verhagelte Jahrgänge vorgehalten werden dürfen – für alles findet sich eine Vorschrift. Das soll die zwei wichtigsten


In einem kleinen Reihenhaus, ein paar Querstraßen entfernt von Bouctons Grundstück, wohnt Gérard Poix, Bürgermeister a. D., zwischen Stapeln von Papier. Poix, ein schmaler Herr mit weißem Haarkranz, saß mehr als dreißig Jahre lang im Gemeinderat von Champfleury, davon 25 als erster Mann im Dorfe. »Die Früchte unserer Arbeit werden andere ernten«, sagt er. »Gewonnen haben wir trotzdem.« Zum ersten Mal seit 1927 läuft ein Erweiterungsverfahren der AOC, und Champfleury steht auf der Liste von 45 Gemeinden, die aufgenommen werden wollen. »Michels Einsatz dafür war unersetzlich«, sagt Poix und fügt hinzu: »Es hat aber auch geholfen, dass wir einen kompetenten Bürgermeister hatten.« Er, Poix, habe auf der Grundlage von Bouctons Recherchen ein Dossier erstellt mit Bodenanalysen und historischen Plänen des Dorfs, in denen die Weinhänge verzeichnet waren. Mit diesem Dossier führte Poix viele Verhandlungen hinter verschlossenen Türen. 2008 schließlich erschien Champfleury auf der offiziellen Liste der staatlichen Behörde INAO: Institut national de l’origine et de la qualité, Institut für Herkunft und Qualität. Die Behörde kümmert sich um alle geschützten Herkunftsbezeichnungen wie Champagner, Bordeaux oder Roquefort, davon gibt es Hunderte in Frankreich, vom Geflügel bis zur Zwiebel, vor allem aber für Wein.

Poix kramt in einer roten Aktentasche, die hinter ihm auf dem Fußboden liegt. Da ist es: Dossier de Candidature, Januar 1999, steht auf dem Deckblatt. 25 Seiten DIN A4, mit Karten zum Ausklappen,

Die ersten Gerüchte über eine Erweiterung der AOC las Boucton schon vor rund dreißig Jahren in seiner Lokalzeitung. Es war die Zeit, in der Mauern fielen und die Welt sich öffnete, auch dem

Sechs Inspektoren durchkämmen seit 2008 inkognito die Champagne. Bodenkundler und Geobotaniker, Geologe, Geograf und Agronom, die in 45 Kommunen nach Äckern mit geeigneter Hanglage, kalkhaltigem Mutterboden und guter Wasserversorgung fahnden. Sie lassen unter

»Ich glaube nicht, dass ich noch Champagner aus Champfleury trinken werde«, sagt Michel Boucton draußen auf dem Feld. Er sieht dabei nicht unglücklich aus. Erst ­müsse das mit der AOC klappen. Dann das

Boucton blickt in Richtung Süden. Zuckerrüben türmen sich zu meterhohen Haufen am Wegesrand, ein einsamer Traktor wühlt über einen Acker. Sein Sohn. Luc Boucton steigt aus dem Führerstand, er trägt Cargo-Shorts und ein