»Käse lenkt von der Finsternis ab«

Der Engländer Alan Pender fragt Prominente nach ihrem Lieblingskäse. Das klingt abstrus, aber er hat schon hunderte interessante Antworten bekommen (von Pink und Elton John!) und weiß generell Erstaunliches über Käse: dass es in England mehr Sorten als in Frankreich gibt. Und dass der Komiker John Cleese eigentlich John Cheese heißt.

Was die Welt im Innersten zusammenhält, ist vielleicht nicht Käse. Aber ohne Käse wäre es auch keine schöne Welt, findet der Engländer Alan Pender.

Foto: Paul Taylor/Getty Images

SZ-Magazin: Auf Twitter läuft man Ihnen seit Monaten über den Weg, wo Sie unter den Namen Joe Bangles Prominente nach ihren liebsten Käsesorten fragen. Warum?
Alan Pender: Im ersten Lockdown im Frühjahr saß ich zuhause, hatte einen Whiskey zu viel getrunken, aß Käse und hatte mir aus Langeweile einen Twitteraccount angelegt, mit dem ich nichts anzufangen wusste. Ich war nie ein großer Social-Media-Fan und vor Twitter wurde ich von Freunden explizit gewarnt. Es würde dort nur gestritten und sei ein sehr ungemütlicher Ort. So kam es mir dann auch vor. Ich sah einen Tweet von Lord Alan Sugar, einem englischen Milliardär. Aus einer Laune heraus fragte ich ihn, was sein liebster Käse sei. Zwei Minuten später antwortete er: Extra gereifter Cheddar.

Eine absurde Frage. 
Ich bin selbst großer Käse-Liebhaber, mein Speiseplan besteht zu einem Großteil aus Käse, eine Zeit lang war ich sogar selbst Käseverkäufer. Ich esse im Jahr wahrscheinlich mehr Käse als ein ganzes Dorf. Und in diesem Moment war ich eben ein wenig beschwippst und aß ein Stück Käse. Eine sehr beliebige Frage, aber es hat mich interessiert. Und als seine Antwort so schnell kam, fragte ich mich: Welche Promis würden mir wohl noch antworten? Also fragte ich auf Twitter ein wenig herum – und innerhalb von 24 Stunden antworteten mir der Teilchenphysiker Professor Brian Cox, der bekannte Journalist Andew Neil und John Cleese von Monty Python. Da war mir der Sinn meines Twitteraccounts klar: Ich würde die Lieblingskäsesorten von Prominenten herausfinden.

Sie fragen nun seit einigen Monaten. Wie viele Lieblings-Käsesorten haben Sie zusammen? 
Über 600. Darunter echte A-Promis wie Elton John, Elon Musk oder die Sängerin Pink. Aktuell baggere ich an Donald Trump, dem Dalai Lama und dem Papst. Eine der berühmtesten Antworten kam übrigens von Mark Drakeford, dem Regierungschef von Wales. Während des ersten Lockdowns gab er eine seiner regelmäßigen Pandemie-Lagebesprechungen im Fernsehen. Man konnte dort via Twitter Fragen stellen. Und inmitten all der schlechten Nachrichten über das Virus, die Pandemie, den Lockdown sagte er plötzlich: Oh, hier eine Spaßfrage, welches meine Lieblingskäse ist. Das Video ging viral, seither bekommt er überall seinen Lieblingskäse Caerphilly geschenkt.

Warum das alles? 
Genau deswegen. Es macht den Leuten Spaß, es lenkt sie ab von all dem Untergang und der Finsternis da draußen, von den Todesraten, von der Pandemie. Im ersten Lockdown veranstaltete ich auf Twitter den World Cup of Cheddar, die Leute konnten in einem K.o.-System über ihren Lieblings-Cheddar abstimmen. Es machten Zehntausende mit. Und sie alle waren eine Weile mit den Gedanken woanders.

Kann Käse die Welt retten? 
Vielleicht zumindest Social Media. Es ist erstaunlich. Oft sehen Leute meine Frage unter dem Tweet eines Prominenten, finden sie blöd und attackieren mich dann aufs Allerübelste. Sie würden nicht glauben, was ich mir für Beschimpfungen anhören muss. Mein Motto ist dann: Kill them with kindness (in etwa »Lächeln ist die eleganteste Art, seinen Gegnern die Zähne zu zeigen«, Anm. d. Red.). Ich schreibe zurück und erkläre, was ich tue, und innerhalb weniger Nachrichten plaudere ich mit Leuten, die eben noch unglaublich aggressiv waren, über Käse. Andersherum ist es so, dass mir viele Menschen schreiben, wie sehr ihnen dieser Quatsch den Tag versüßt. Ich bekomme so viele nette Nachrichten, Menschen schicken mir Fotos von ihren Käseplatten, wollen mit mir über Käse fachsimpeln, und das eben in diesem ungemütlichen Social-Media-Umfeld. Also ja: Vielleicht kann Käse die Welt retten. Wenn man zu viel isst, kann Käse aber auch Gicht verursachen (lacht.).

Was war die überraschendste Käse-Antwort? 
Pink antwortete mit Mimolette. Das ist ein Hartkäse aus Frankreich, bei dessen Herstellung Milben in der Rinde ansiedeln und so zum Reifungsprozess beitragen. Man dürfe eben nicht über die Milben nachdenken, schrieb sie dazu. Interessant war auch die Wahl des US-Fernsehstars Richard Ray Rawlins, der mit Pule antwortete. Pule wird aus der Milch des Balkanesels gewonnen, die sind fast ausgestorben, ein paar wenige hundert gibt es noch in einem Naturreservat in Serbien. Das macht ihn so selten und mit knapp 1000 Euro pro Kilo zum teuersten Käse der Welt. Er soll ein wenig wie Manchego schmecken. Der Tennisspieler Novak Đoković hat mal den gesamten Jahresvorrat aufgekauft, um ihn exklusiv in seiner Restaurantkette anbieten zu können. Rawlins schrieb, Pule sei aus der Milch, in der Kleopatra gebadet hätte. Er selbst verwendete den Käse aber für Cheeseburger. Die Antwort von John Cleese war auch sehr witzig. Er listete den »Venezolanischen Biberkäse« auf, eine Referenz auf einen bekannten Monty-Python-Sketch, der in einem Käseladen spielt. Wussten Sie, dass John Cleese eigentlich John Cheese heißen würde? Sein Vater hieß ursprünglich so, änderte aber seinen Namen.

Ist es ein Klischee oder haben die Engländer ein besonderes Verhältnis zu Käse? 
Ich denke, das haben wir. In England wird seit über tausend Jahren Käse hergestellt, das Land ist unterteilt in unglaublich viele kleine Regionen, die jeweils ihren eigenen Käse herstellen. In der Hinsicht herrscht ein großer Lokalpatriotismus. Wir stellen mittlerweile über 850 verschiedene Käsesorten her, das sind mehr als Frankreich. Alleine an Cheddar produzieren wir jährlich 340 Millionen Tonnen. Viele Sorten dürfen nur in bestimmten Regionen hergestellt werden, Stilton etwa nur in sechs Molkereien in Leicestershire, Derbyshire und Nottinghamshire. Wir sind ein käseverrücktes Land. In Gloucestershire gibt es seit über 200 Jahren ein Käserennen. Jedes Jahr rennen die Teilnehmer einem Käselaib hinterher, der einen steilen Berg hinunterrollt. Die Leute brechen sich die Knöchel dabei, aber der Sieger bekommt den Käselaib. Dieses Jahr konnte das Rennen wegen der Pandemie nicht stattfinden, um die Tradition zu wahren, haben sie ersatzweise einen kleinen, einsamen Babybel den Hügel hinuntergerollt.

Probieren Sie die Promi-Käsesorten aus? Und können Sie welche empfehlen? 
Ich würde sagen, ich kenne etwa 60 Prozent der Käsesorten. Und die, die ich nicht kenne, versuche ich auszuprobieren. Die britische Moderatorin Davina McCall schrieb mir letztens eine Privatnachricht, ob sie ihre Wahl noch einmal ändern könne. Sie habe da diesen unglaublichen Käse namens Lancashire Bomb gegessen. Den habe ich mir dann auch gekauft. Er sieht wirklich aus wie eine Bombe, ein halbfester, kugelförmiger Käse, der in einer schwarzen Wachshülle kommt. Er hat eine sehr cremige Textur und ein intensives, kräftiges Aroma mit leichter Süße. Perfekt mit salzigen Crackern und einem süßen Zwiebel-Chutney.

Welchen Käse können Sie noch empfehlen? 
Die Autorin Jack Monroe nannte Blacksticks Blue als ihren liebsten Käse. Ein Blauschimmelkäse, den ich als Einsteigermodell für Leute bezeichnen würde, die keinen Blauschimmelkäse mögen. Manche Menschen stören sich ja am Schimmel oder am oft sehr strengen Aroma eines Blauschimmelkäses. Der Blacksticks Blue ist auch aromatisch, aber nicht so unmittelbar und direkt, eher sahniger und milder. Ich esse ihn gern mit Honig. Wobei ich an dieser Stelle sagen sollte, dass Honig sowieso der unterschätzteste Begleiter von Käse überhaupt ist. Honig passt perfekt zu 90 Prozent aller Käsesorten und ist mir oft lieber als irgendwelche ausgefallenen Chutneys.

Was ist denn ihr liebster Käse? 
Ich liebe Cornish Yarg, ein halbfester Kuhmilchkäse, der nur in Cornwall produziert wird. Während der Reifung wird er in Brennnesseln eingewickelt, die grüne Rinde macht ihn wunderschön. Ich weiß nicht, ob es das in Deutschland gibt, aber wenn ein Hochzeitspaar in England keine Lust auf eine Hochzeitstorte hat, gibt es oft eine Käsetorte, also wie eine Torte angerichtete aufeinandergestapelte Käselaibe. Da ist der Cornish Yarg wegen seiner Optik oft dabei. Er ist fast so weich wie ein Brie, hat aber ein kräftiges Aroma, das beinahe in Richtung Ziegenkäse geht. Dazu passt hervorragend eine gute, leicht säuerliche Erdbeer- oder Himbeermarmelade. Ich liebe diesen Käse aber auch wegen seiner Geschichte. Ein Paar namens Alan und Jenny Gray kaufte in den Achtzigern ein Haus in Cornwall, auf dem Dachboden fanden sie ein 400 Jahre altes Käserezept, das sie dann an eine Bauernfamilie verkauften, die seitdem diesen Käse herstellen. Der Käse ist nach den Grays benannt. Yarg hat keine Bedeutung, es ist Gray rückwärts gelesen.