Das Ringen nach Luft

Auf einer Münchner Intensivstation liegt ein Patient mit Covid-19. Pflegekräfte, Ärztinnen und Ärzte kämpfen um sein Leben, acht Wochen lang. Ihr wichtigster Helfer: das Beatmungsgerät SN41418. Eine Chronik.

Auf dem Gang der ­Intensivstation M2b im Klinikum rechts der Isar stauen sich die Geräte, während sie auf ihren Einsatz warten. SN41418 steht ohne Abdeckung an zweiter Stelle von links. Dieses Foto entstand, wie alle auf diesen ­Seiten, nach der ersten und vor der zweiten Welle der Corona-­Pandemie.

Die Maschine erwachte an der Seite des Menschen, den sie retten sollte. Es war Abend. Das Zimmer lag in hellem Licht. Schritte. Stimmen. Kommandos. Ein Akutfall: Covid-19-Pneumonie, Patient schlecht, eine Blitzeinleitung stand bevor.

Die Maschine prüfte sich. Alle Schläuche konnektiert. Flowsensor eingesetzt, Filter betriebsbereit. Druckluft? Angeschlossen. Sauerstoff? Angeschlossen. Sie kalibrier­te ihre Sensoren und stieß einen hohen Pfeifton aus. Auch ihr Alarm war bereit.

Wenig später bekam die Maschine ihren Menschen eingeschrieben. Es war ein Mann. Er wog 80 Kilogramm. Mehr

Abgekämpft lag er im Bett. Er rang um Atem. Er fieberte. Das Verhalten war der Maschine vertraut.

Sie fächerten sich auf, doppelt und dreifach, wie eine Sinnestäuschung. Gleiche Schürzen. Gleiche Schutzbrillen. Gleiche Atemmasken.

Das Patientendatenmanagementsystem verzeich­nete den Start: Intubation, Patient 0966XXXXXX, Samstag, 28.03.2020, die Systemzeit zeigte 21:30 Uhr. Auch die

Bald konnte die Maschine den Herzschlag ihres Menschen orten. Die Ärztin hatte dem Monitor, der aus der

Nach dem Sauerstoff schickte Silja Kriescher das Schmerzmittel los. Die Spritzenpumpe drückte es durch die Leitung, es

Nun sandte Silja Kriescher auch ein Narkosemittel aus. Das Sedativum flutete durch die Blutbahn des Mannes, schlug

Bewegung fuhr durch die Gestalten am Bett. Sie reichten Silja Kriescher einen großen Spatel, der wie ein

Die Maschine war seit 2009 im Dienst, sie hatte diese Handgriffe viele Male verfolgt. Ein Arzt, der

Kriescher blieb stabil. Ihre Crew hatte erst wenige Covid-Pneumonien an der Hand gehabt, alles an dem Virus

Auf flüchtigen Blick ein Stück Schlauch, war ein Trachealtubus ein durchdachtes Werkzeug: Anschlüsse und Durchmesser waren genormt,

Kriescher setzte an, der Schlauch glitt in den Rachen, streifte die Zunge und strich an der Seite

»Blocken«, sagte Kriescher. Ein kurzer Handgriff, und tief im Inneren des Mannes blähte sich die Blockmanschette auf.

»Beatmen, bitte«, sagte Kriescher. Sie griffen der Maschine an die Gänsegurgel, den äußersten Fortsatz ihres Schlauchsystems, und

Mitternacht war lange verstrichen, als der Nachtdienst die Akte vervollständigte.
Patient 0966XXXXXX
Akutes Lungenversagen
Alter: 43 Jahre.
Aufnahmestatus: Kein Asthma, keine Herzschwäche, kein Diabetes. Keine Leber-, keine Niereninsuffizienz. Keine Immunschwäche. Kein Magengeschwür. Keine Tumor-, keine Gefäßerkrankungen.
Er war gesund gewesen, und wie viele Gesunde hatte er keine Gedanken darauf verschwendet, was ihn im Fall einer schweren Krankheit erwarten könnte.
Patientenverfügung: Nein
Liegt Patientenverfügung vor: Nein

In der Datenbank der Intensivstation war in jeder Akte die Silhouette eines Körpers hinterlegt, die vor Augen führte, wo der Patient mit Gerät verknüpft war. Die Maschine und ihr Mensch teilten sich nur eine der Schnittstellen. Auf seiner Brust klebten Elektroden, am Finger klemmte ein Infrarotsensor. An seiner linken Leiste steckte ein Schlauch in der Arterie, die sein Bein mit Blut versorgte. Auf der linken Seite seines Halses trat ein Katheter aus der inneren Drosselvene, der auf der Haut angenäht war. Durch sein linkes Nasenloch hatte Krieschers Crew eine Sonde die Speiseröhre hinab in den Magen geschoben. Auch in seinen Penis hatten die Pflegekräfte einen Schlauch eingeführt, die Harnröhre hinauf, bis in die Blase. Am After klebte ein Fäkalkollektor.
Vorsorgevollmacht: Ja
Liegt Vorsorgevollmacht vor: Ja

03:23 Uhr. Die Akte bekam eine Telefonnummer eingeschrieben, eine Adresse in München, einen Namen.
Maschine und Mensch atmeten. Da draußen wartete jemand, der sie liebte.
 

Als der Morgen dämmerte, waren gute zehntausend Atemzüge getan.

Auf der anderen Seite des Bettes stapelten sich die

Über allen Apparaten wachte der Monitor, der aus der

07:01 Uhr. Ein Schemen in Schutzkleidung blickte der Maschine

Anita. Das war Anita. In die Bedienung der Maschine

Auf der Intensivstation arbeitete eine spanische Pflegerin, die Africa

Anita tippte auf das Bedienfeld. Die Maschine bekam Befehl, ihre Parameter zu melden.
FiO2 65 %
P insp 24 mbar
PEEP 10 mbar

Atmen war ein Wunder, das die Maschine nur mechanisch

In den Lungenflügeln streicht die Luft die Lungenbläschen entlang,

Das Ausatmen ist dann eine ­Tätigkeit ohne Anstrengung. Die

Über diese Balance war das ­Virus hergefallen wie eine

An dieser Lunge zu arbeiten war eine Kraftanstrengung, auch für die Maschine. Sie ahmte den Ablauf der Atmung nach, allerdings ohne die Finesse eines Zwerchfells, ohne inneren Antrieb der Luftströme. Die Maschine arbeitete ausschließlich mit Druck von außen, wie ein Zuchtmeister. Diese Arbeitsweise war radikal anders: Atmete ihr Mensch allein ein, strömte die Luft von selbst in seine Lungen – ein Sog. Beatmete ihn die Maschine, presste sie die Luft in seine Lungen – ein Schub. Auch das Ausatmen steuerte sie über Druck, nur mit niedrigerem. Diese zwei Druckniveaus – als P insp und PEEP abgekürzt – bestimmten mit einem Dutzend anderer Parameter, wie stark die Maschine ihren Menschen be­atmete. Ein entscheidender Faktor war die inspiratorische Sauerstofffraktion FiO2 – sie zeigte, wie viel Sauerstoff die Maschine der Druckluft beimengte, die sie in ihren Menschen blies.
FiO2 65 %
P insp 24
PEEP 10
Das war wuchtig.

10:42 Uhr. Stationsvisite. Sie brachten sich bündig auf Stand, nur die Lage, nüchtern und klar.
Herr L., initial vorgestellt bei Dyspnoe, im Verlauf zunehmende Atemnot, steigender Sauerstoffbedarf, CT-Thorax zeigte typisches Bild einer fortgeschrittenen viralen Pneumonie, PCR auf SARS-CoV-2 positiv.
Die Maschine summte vor sich hin. So war es am Anfang oft. Ihr Mensch war noch kein Ganzes für sie. Einzig ein Wert, den es zu drücken, eine Wunde, die es zu versorgen, eine Dosis, die es aufzustocken galt.

Sie wussten nicht, dass ihr Mensch einmal Lehrer werden

Für sie war ihr Mensch ein hoch katecholaminpflichtiger Intensivpatient

Die Maschine schreckte auf. Sie spürte eine Erschütterung im Luftstrom, der zu ihr zurückkehrte. Eine zweite. Ihre Sensoren maßen die Stärke. Der ­Maschine war befohlen, ihrem Menschen immer die Möglichkeit zu bieten, selbst zu atmen – wenn sie den Versuch ortete, ließ sie den Atemzug zu und ging danach wieder zur Druckbeatmung über. Doch das war anders. Sie prüfte, ob der Störreiz die Alarmgrenzen überstieg, die ihr der Spätdienst auferlegt hatte. Er tat es. Sie stieß eine schnelle Abfolge schriller Töne aus, wie Morsezeichen.
· · · − ·    Warnung !!!
· · · − ·    Warnung !!!

Kurz darauf trat die Pflegekraft Lena ans Bett. Erfahren, wie sie war, brauchte sie keine Messwerte, um die Situation zu erkennen. Ihr Mensch wehrte sich gegen den Fremdkörper, der in ihm steckte.
18:16 Uhr. FiO2 auf 60 % reduziert, presst wieder­holt gegen Tubus.

Nun kamen Tage, an denen sie kämpften, Tage, an

Maschinelle Beatmung dient der Medizin nur als Brücke, hin

Ihr Mensch stemmte sich gegen Maschine und Schlauch, das kostete ihn Kraft, und Kraft brachte sein Körper nur durch Sauerstoff auf, und Sauerstoff schöpften seine Lungen nur schwer. Das Virus hatte sich dort stark vermehrt, es überspülte die Lungenbläschen, störte den Gasaustausch. In diesen Momenten begann die gelbe Kurve auf dem Monitor zu zittern, die Sauerstoffsättigung fiel ab, und dann stimmte die Wand der Apparate in den Alarm ein.
· · · − ·   Warnung !!!
· · · − ·   Warnung !!!

Sie arbeiteten schwer. Sie hatten ein Ziel in dieser

Ihr Mensch war inzwischen ein Ganzes für sie, physisch.

Eine schwarze Katze. Die Sonne über Schwabing. Der Geruch

Die Entzündungswerte stiegen. Sein Körper war geschwächt, seine Lunge ein Schlachtfeld, Bakterien hatten die Chance genutzt. Aber die Maschine spürte, Ärzte und Pflegekräfte hatten Zuversicht, nach wie vor. Ihr Mensch war gesund gewesen. Ihr Mensch war jung. Sie waren sicher, der schafft es.
Dienstag, 07.04.2020, Nachtdienst.
02:32 Uhr. Beatmung eskaliert
Sie kämpften, Seite an Seite.
Nacht, Tag, Nacht, Tag.

Ein Hüne blickte auf ihren Menschen hinab, ein Hüne mit Schutzvisier. Seine Augen waren grau. Markus Heim, der kommissarische Bereichsoberarzt auf Station. Die Maschine reicherte die Luft, die sie in ihren Menschen presste, seit Tagen stark mit Sauerstoff an, sie arbeitete seit Stunden unter Hochdruck – aber sie schaffte es nicht, den Zweck allen Atmens zu stützen: den Gasaustausch.
Donnerstag, 09.04.2020
06:40 Uhr. Beatmung nicht zu deeskalieren

Heim hatte das angehenden Ärzten oft eingeschärft, auf seine hemdsärmelige Art. Beatmung, da dachte der Laie sofort an Sauerstoff – aber das Kohlendioxid war genauso wichtig. Gab die Lunge ihres Menschen nicht ausreichend Kohlendioxid ab, sammelte sich mehr und mehr davon im Blut und machte es sauer. Blut, das zu sauer war, bedrohte Kreislauf, Stoffwechsel, das Leben.
Donnerstag, 09.04.2020
08:52 Uhr. Therapie: Bauchlage

Sie marschierten an ihrem Menschen auf, einer links, zwei rechts. Kopflagerungskissen mit Spiegel? Check. Notfallmedikation? Check. Schaumstoff? Check. Sie klebten ihm die Lider seiner Augen zu. Dann sortierten sie die Schläuche. Sie sicherten ­jeden Katheter, jede Drainage, jede einzelne Schnittstelle. Sein Atemweg, der Tubus, erhielt ­einen eigenen Beschützer. Am Kopf immer der Arzt, immer Erfahrung. Endlich der Befehl: Die Maschine schaltete auf reinen Sauerstoff, die ­Spritzenpumpen fuhren an. Ein Blick in die Runde, und hoch,
· · · − ·    Warnung !!!
           auf die Seite, und hoch,
· · · − ·    Warnung !!!
           auf den Bauch.
Donnerstag, 09.04.2020
10:00 Uhr. Bauchlagerung

Die Anspannung war anders, auch im Maschinenpark. Der Tubus,

Maschine und Mensch atmeten einen Hauch leichter. Die Bauchlage

Freitag, 10.04.2020
02:00 Uhr. In Rückenlage verbracht

Sein Anblick verschreckte.

Dann stiegen die Parameter ihrer Anstrengung wieder, 14:12 Uhr,
P insp 24, PEEP 12, FiO2 75 %. Das kam nicht unerwartet. Eine Beatmungssituation besserte sich selten auf einen Schlag, sondern schrittweise. Deswegen empfahlen die Leitlinien nicht eine, sondern mehrere Bauchlagen, in Intervallen aufeinanderfolgend. Der Nachtdienst marschierte vor Mitternacht am Bett auf, klebte seine Augen ab, sicherte Atemweg und Schläuche.

Samstag, 11.04.2020
00:00 Uhr. Bauchlage

Auch diesmal glückte

Samstag, 11.04.2020
16:30 Uhr. In Rückenlage verbracht

Sein Gesicht. Seine

Samstag, 11.04.2020
23:00 Uhr. Bauchlage

Auch diesmal, geglückt. Das Aufatmen währte nicht lange. Der Gasaustausch. Die Lunge tat sich schwer, ausreichend Sauerstoff aufzunehmen. Sie schaffte es nicht, ausreichend Kohlendioxid abzugeben. So sehr sich die Maschine mühte, es nützte nichts: Sie mussten die Bauchlage beenden, vor­zeitig.

Sonntag, 12.04.2020
05:59 Uhr. Schlechte Oxygenierung, Decarboxylierung mangelhaft --> 3 Uhr Rechtsseitenlage (…) Infektparameteranstieg!

Seit 16 Tagen

Die Maschine nahm die Verstärkung regungslos hin. Dialysesysteme waren launische Diven. Sie waren in ihrer Arbeit auf peinlich genaue Waagen angewiesen, die sich leicht aus dem Gleichgewicht bringen ließen. Schon ein schneller Schritt an ihre Seite reichte, und sie brachen in gellenden Alarm aus. Sie verkörperten – wie die Maschine – ein hoch kritisches Medizinprodukt der Risikoklasse II b, aber sie führten sich auch so auf. Mit vereinten Kräften sollten das Dialysesystem und die Maschine dem kranken Körper beistehen. Ihr Mensch hatte die Hilfe nötig. Sein Immunsystem bekämpfte Virus und Bakterien zur selben Zeit. Seine Nieren waren dabei zu versagen, sein Kreislauf drohte zu kippen. Fieber flammte auf, immer wieder. Auch in der Atmung ging die Maschine an ihre Grenzen.
Sonntag, 12.04.2020
16:54 Uhr. Tageseintrag
FiO2 80 %
P insp 30
PEEP 15
Aber der Gasaustausch. Trotz allen Sauerstoffs. Trotz allen Drucks.

Am nächsten Tag

Am Bett aber

Freitag, 17.04.2020
06:41 Uhr. Pulmo: Trotz 90°-Seitenlage erneute CO2-Retention. FiO2 erhöht auf 90 %.
Procedere: ECMO?

Ein Ploppen, dann gab der Tubus die Gänsegurgel frei. Die Maschine beobachtete, wie der Frühdienst ihren Menschen an eine Oxylog 3000 anstöpselte. Dann schoben sie ihn aus der Station, um seine Lunge zu scannen. 21 Tage. 21 Nächte. So lange war die Maschine mit ­ihrem Menschen gekoppelt gewesen. Sie wartete.
Freitag, 17.04.2020
11:22 Uhr. CT Thorax/Abdomen/Becken

Er kehrte kurz

Sie mengte nichts

Maschine und Mensch

Als sie fort

Sie fädelten die

Wie die Bahn

Zwei Ärztinnen begutachteten

Sie stachen in

Die Maschine und

Die Maschine atmete aus, als sich der Kreislauf schloss. Der Anblick war angsteinflößend und doch ein Wunder, jedes Mal wieder. Sie hatten den Gasaustausch zum Großteil aus dem Körper ihres Menschen ausgelagert.
Freitag, 17.04.2020
16:20 Uhr. Start ECMO Verfahren veno-venös

Der Effekt war enorm. Als die Blutgase analysiert ­waren, bekam die Maschine Befehl, locker zu lassen. Ihre Parameter sanken, erstmals seit Tagen.
FiO2: 50 % P insp: 19 PEEP: 12

In der Datenbank der Intensiv sah die Silhouette seines Leibes nun aus wie eine Voodoopuppe. Linke Leiste, rechte Leiste, links am Hals, rechts am Hals, Brust, Mund, Nase, Penis, überall Schnittstellen für Gerät.
Maschine und Mensch atmeten. 22 Mal in der ­Minute, auch das: besser. Aber noch lange nicht gut genug.

Am nächsten Tag marschierten sie wieder am Bett auf und klebten seine Augen ab.
Maschine – reiner Sauerstoff.
Spritzenpumpen – senkt ihn tiefer in Schlaf.
Kurzes Vergewissern. Dieses Manöver, während ­laufender ECMO, das war Königsklasse, auch auf ­Intensiv. Jeder wusste, was er zu tun hatte. Jeder ­kannte seine Rolle.

Sie stemmten ihren Menschen inmitten seiner Schläuche, Katheter, Sonden, Kanülen und Sensoren empor, in die er mit Leib und Seele, mit Körper und Geist eingesponnen war, kippten ihn auf die Seite und lagerten ihn bäuchlings.
Samstag, 18.04.2020
12:30 Uhr. BL

Am Morgen drehten

Sonntag, 19.04.2020
15:00 Uhr. Bauchlage
Montag, 20.04.2020
01:51 Uhr. Deutlich gebesserte Oxygenierung ECMO läuft ruhig.
Montag, 20.04.2020
06:59 Uhr. Zurück auf dem Rücken

Dienstag, 21.04.2020
11:00 Uhr. Bauchlage
Mittwoch, 22.04.2020
00:48 Uhr. Unter Bauchlage lässt sich FiO2 auf 40 % reduzieren
Mittwoch, 22.04.2020
07:11 Uhr. Rückenlage

Donnerstag, 23.04.2020
13:30 Uhr. Bauchlage
Freitag, 24.04.2020
09:00 Uhr. Rückenlage

Sein Kinn sah

Sie hatten ein

Sonntag, 26.04.2020
16:39 Uhr. Macht Augen auf. Keine Fixation

Mittwoch, 29.04.2020
18:23 Uhr. Pat macht Augen auf, blinzelt. Keine ­Fixation

Mensch und Maschine

Für die Maschine

Die Lüftungsschlitze des Serverkastens – Landkarten.
Das geometrische Muster des Abluftgitters – Türen.

Montag, 27.04.2020
17:48 Uhr. Während Sedierungspause sehr gestresst

Dienstag, 28.04.2020
15:31 Uhr. Patient stresst sich

Er träumte. Er

Dienstag, 05.05.2020
17:49 Uhr. Spontanes Augenöffnen, phasenweise gestresst

Er musste weg,

Freitag, 08.05.2020
23:28 Uhr. Anhaltende Agitation/Angst am Abend

Er sagt, es

Die Maschine atmete

Sonntag, 10.05.2020
06:35 Uhr. Weiterhin ausgeprägte Agitationsphasen/Panikattacken

Bangen. Hoffen. Tage.

Einmal, vor dem Virus, war Silja Kriescher eines Abends aus der Station getreten. Vor der Sicherheitstür saß eine Frau. Sie grüßte Kriescher, aber die Ärztin wusste das Gesicht nicht gleich einzuordnen. Dann fiel es ihr ein. Der Mann der Frau hatte vor Wochen auf der Intensiv um sein Leben gekämpft, sie hatte Tag für Tag hier gewartet, vor dieser Tür aus Milchglas. Er überlebte.
Kann ich Ihnen helfen?, fragte Kriescher.
Nein, sagte die Frau, ich wollte einfach ein Mal vor dieser Tür sitzen und keine Angst haben müssen.

Die Maschine machte alle Rückschläge mit. Ihr Mensch verausgabte sich, er kämpfte über seine Kräfte, die Sauerstoffsättigung fiel,
· · · − ·    Warnung !!!
· · · − ·    Warnung !!!
Dann mussten die Spritzenpumpen sein Bewusstsein wieder flachlegen, die Maschine wieder druckbeatmen, FiO2 40 %, P insp 18.

Kaum war er wieder wacher, begann es von vorn,
· · · − ·
         · · · − ·    die Maschine war hilflos.
»Herr L., bitte beruhigen Sie sich.«
»Beruhigung, bitte, Beruhigung!«
»Alles gut, alles gut.«

Am besten half eine Hand, auf die Brust gelegt, eine Stimme, ruhig und fest, ein Augenpaar. Auch, wenn die Hand in zwei Handschuhen steckte. Die Stimme durch eine FFP2-Maske drang. Die Augen hinter Schutzvisieren lächelten.
Mittwoch, 13.05.2020
18:47 Uhr. Tageseintrag. Mobilisiert an Bettkante, nach wie vor stresst sich der Patient, scheint aber zu verstehen und nickt auf Fragen

Er sagt, ohne

Die Maschine beobachtete,

Dienstag, 19.05.2020
19:13 Uhr. Tageseintrag. ECMO am Mittag abgebaut

Alle verbliebenen Covid-Lungen lagen nun in ­ihrem Zimmer, alle beatmeten Maschinen ihres Modells: Gegenüber kämpfte SN41414 um das Leben eines Mörders, der seine Strafe fast abgebüßt hatte, als ihn das Virus infizierte. An der Wand beatmete SN42729 einen Mann aus Syrien, der in Deutschland Schutz gefunden hatte. Ihr Mensch atmete weitgehend aus eigenem Antrieb, die Maschine musste ihm nur noch selten beispringen. Einmal erklärte ein Praxisanleiter einem neuen Pfleger am Beispiel ihres Menschen die Teile einer Trachealkanüle. Die Innenkanüle, die ihr einliegt, trägt einen ausgefallenen Namen. Sie heißt Seele.
»Die Seele«, sagte der Praxisanleiter, »ist ein Einwegprodukt.«
Auch nach so langer Zeit ohne Alarm reagierte die Maschine sofort. Druckspitzen, Störreiz,
· · · − ·    Warnung !!!
· · · − ·    Warnung !!!
Ihr Mensch lachte.

Sie entkoppelten Mensch

Donnerstag, 28.05.2020
06:12 Uhr. Procedere: heute Verlegung Normal­station

Als der Patiententransport

Sie erwachte elf

Dieser starb.