Die Welt, von der niemand wissen soll

In der Region Xinjiang unterdrückt China die muslimische Minderheit. Dazu wurden geheime Umerziehungslager errichtet – und ein Hightech-Überwachungssystem, das zeigt, wie Diktaturen von morgen aussehen könnten. 

Überall in Xinjiang prägen Polizisten das Straßenbild. 90.000 neue Polizeistellen wurden in einem Jahr ausgeschrieben. Muslime müssen jeden Tag Sicherheitskontrollen durchlaufen.

Foto: Kevin Frayer / Getty Images

»Auf der Polizeiwache musste ich meine Hosentaschen leeren, den Gürtel und die Schnürsenkel abgeben. Dann setzten sie mich auf einen Eisenstuhl und stellten Fragen.«
– Kairat Samarkhan, Gemüsehändler aus dem Regierungsbezirk Altai, Region Xinjiang, China

Mit einem Wink deutet der chi­nesische Grenzpolizist auf das Förderband. Mit erhobenen Händen muss ich mich auf das schmale Band stellen, das mich langsam durch eine große, graue Maschine zieht. Ein Brummen ertönt, während die Elektronik mich von Kopf bis Fuß durchleuchtet. Gleich werden

Durch die Region Xinjiang im Westen Chinas zogen einst die Karawanen entlang der Seidenstraße, um Gold und Glas ins Reich der Mitte sowie Seide und Porzellan auf dem Rückweg zu transportieren. Über Jahrtausende hinweg verbanden die Oasenstädte hier den Osten mit dem Westen. Heute

»Sie verhörten mich tagelang, ohne Unterbrechung. Irgendwann schlief ich ein. Dann hörte ich Gebetsrufe. Ich stellte mich schlafend. Es ist ein Trick: Wenn man auf die Gebetsrufe reagiert, sagen sie, man sei ein religiöser Extremist.«
Kairat Samarkhan

Korgas am Rand des

»Neue Grenze« bedeutet Xinjiang

»Strebt nach dem Glück

Mit einem schwarzen Handscanner,

»Ich sei illoyal gegenüber dem Vaterland, sagten sie. Sie fesselten mich an Händen und Füßen und zogen mir ­einen schwarzen Sack über den Kopf. Dann brachten sie mich ins Lager.«
Kairat Samarkhan

Nach wenigen Kilometern stoppen

Chinas Regierung rechtfertigt die Praxis mit dem Schutz vor Terrorismus. Seit einigen Jahren häufen sich Unruhen und Anschläge, die die chinesische Bevölkerung verunsichern. 2014 stürmten mit Messern bewaffnete Angreifer einen Bahnhof in Kunming, Provinz Yunnan, und stachen 31 Menschen nieder. Ein Jahr zuvor hatten uigurische Selbstmordattentäter ein Auto in eine Menschenmenge auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking gesteuert. In Ürümqi, der Hauptstadt von Xinjiang, kam es 2009 zu Massenprotesten und gewaltsamen Aufständen, von Chinas Militär brutal niedergeschlagen. Fast 200 Menschen starben in diesen Tagen. Peking macht uigurische Terrorgruppen für die Anschläge verantwortlich und verweist darauf, Uiguren würden an der Seite des Islamischen Staates in Syrien kämpfen. »Es besteht kein Zweifel, dass die intensiven Kontrollen zum Frieden im heutigen Xinjiang beitragen«, schreibt die staatliche Zeitung Global Times: Man habe ein »chinesisches Syrien« in der Region verhindert.

Viele Beobachter sehen das

»Volkskrieg gegen Terrorismus« nennt

»Das Lager liegt im Gebiet Altai neben einem Gefängnis, ein großer Neubau für mehrere Tausend Insassen. Ich ­musste mich nackt ausziehen. Dann haben sie mich untersucht und meine Haare kurzrasiert. Ich kam in einen Raum mit 16 Leuten. Ein Loch im Boden war die Toilette. Als Neuankömmling musste ich neben der Toilette schlafen.«
Kairat Samarkhan

In Gulja im Norden

Alle paar Hundert Meter

»Der Tagesablauf war immer gleich. Um sechs Uhr auf­stehen, Frühstück, Betten machen. Dann Unterricht: Die Ergebnisse des Parteitags auswendig lernen. Die Nationalhymne und Parteilieder singen. Abends mussten wir Aufsätze darüber schreiben, was wir künftig besser machen wollen.«
Kairat Samarkhan

Es war Nacht, Dolkun

Dolkun Tursun ist eigentlich

Mehr als ein Dutzend

Der Kleiderhändler Erbolat Savut

Den Familien ist es

Jeder neunte Uigure und

Lange bestritt China die

Mittlerweile hat Peking seine PR-Strategie geändert. Dass es die Lager gibt, wird nicht mehr bestritten, es handelt sich laut der Regierung jedoch um »Berufsausbildungszentren«. Das staatliche Fernsehen zeigt Bilder, auf denen fröhlich singende Uiguren an Unterrichtsstunden teilnehmen und sich beruflich weiterbilden. Ein neues Gesetz soll den Einrichtungen den Anschein der Legalität geben. Ihr Ziel sei, »das Umfeld und den Nährboden loszuwerden, der Terrorismus und religiösen Extremismus ausbrütet, und gewaltsame terroristische Angriffe zu verhindern«, sagt der Gouverneur von Xinjiang, Shohrat Zakir. Bislang verweigert China Menschenrechtsorganisationen den Zugang zu den Haftanstalten. Auch die chinesische Bevölkerung soll von der Lage in Xinjiang nichts mitbekommen. Im chinesischen Internet löschen Zensoren systematisch Hinweise auf die Zwangslager. Der Sprecher des Außenministeriums in Peking sagt: »Die Gesamtsituation der Gesellschaft in Xinjiang ist stabil, die wirtschaftliche Entwicklung ist gut, und die ethnischen Gruppen leben in Harmonie.« Die staatliche Zeitung Xinjiang Ribao schreibt: »Viele Menschen sagen aus ihrem tiefsten Herzen: Die glücklichsten Muslime der Welt leben in Xinjiang.«

»Wir mussten jeden Tag dem muslimischen Glauben ­abschwören und erklären, dass wir die Gesetze Chinas respektieren. Bei jedem Essen riefen wir im Chor: Lang lebe Xi Jinping!«
Kairat Samarkhan

Am Abend im Hotel

Das Internet wird in Xinjiang noch strenger zensiert als im restlichen China. Ausländische Mail- und Messenger-Anbieter sind blockiert, ebenso die wichtigsten globalen Webseiten. Erlaubt sind nur chinesische Apps wie der Kurznachrichtendienst WeChat oder die Navigations-App Baidu Maps, bei denen die Behörden in Echtzeit alles mitlesen und auswerten können. Die Daten laufen – zusammen mit den Daten aus Überwachungskameras, Kontobewegungen, Bewegungsprofilen, Informationen über das Einkaufsverhalten und den Gesundheitszustand – in die »Integrierte gemeinsame Operationsplattform«, berichtet die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. Künstliche Intelligenz und selbstlernende Algorithmen werten die Daten demnach systematisch aus und schicken, sobald sie verdächtige Aktivitäten – oder auch nur Abweichungen beim Einkaufs­verhalten – feststellen, automatisch eine Meldung an die zuständige Polizeistation. An manchen Orten müssen Uiguren zusätzlich die Überwachungs-App Jingwang (»Sauberes Web«) auf ihr Smartphone laden, die sämtliche Kommunikation kontrolliert. Unter dem Deckmantel kostenloser Arztuntersuchungen sammeln die Behörden Genmaterial und Stimmproben der muslimischen Bevölkerung ein, die ebenfalls in den Datenbanken landen.

»Xinjiang ist ein Testlabor

Anhand eines Fragebogens, den

»Jeden Morgen mussten wir unsere Bettdecke falten, wie beim Militär. Wenn der Aufseher nicht zufrieden ist, musst du wieder von vorne anfangen. Einmal schmiss ich meine Decke aus Wut weg. Zwei Wachmänner brachten mich in einen Raum, in dem an einer Wand Eisenscharniere befestigt waren. Dort schnallten sie mich fest und fesselten mich mit einer langen Eisenkette. Nach drei Stunden hatte ich so starke Schmerzen, dass ich nur noch schrie: Ich tue alles, was ihr wollt! Danach habe ich mich nie wieder getraut, aufzubegehren.«
– Kairat Samarkhan

Eine Fahrt in die Oasenstadt Kuqa. Auf dem Bildschirm im Bus laufen Musikvideos und Ringkämpfe. Wir stoppen an einer Tankstelle, die wie alle anderen in Xinjiang mit Stacheldraht und Metallsperren bewacht ist. Weil nur der Fahrer auf das Gelände der Tankstelle fahren darf, müssen sämtliche Passagiere aussteigen und in der Mittagshitze am Straßenrand warten. An einem Automaten registriert sich der Fahrer mit Personalausweis und Gesichtsscan, dann darf er tanken. So überwacht der Staat, wer wann wie viel Benzin tankt. Jemand könnte damit Brandbomben bauen. Zusätzlich sind Autos und Busse mit GPS-Sendern ausgestattet, mit deren Hilfe die Polizei die Fahrzeuge jederzeit orten kann. Als unsere Fahrt weitergeht, läuft auf dem Bildschirm eine Gesangs-Castingshow mit Uiguren und Chinesen, die sich am Ende innig umarmen. The Voice of the Silk Road heißt die Sendung.

Die Kuqa-Moschee, erbaut im

In der Altstadt von

Teams aus Parteikadern und

Viele der in Xinjiang

»Nachts mussten wir abwechselnd Wache halten, damit niemand versucht, sich umzubringen. Einer hat es probiert, er wollte sich mit seiner Unterwäsche aufhängen. Zur Strafe bekam er eine Woche Hand- und Fußfesseln.«
 Kairat Samarkhan

Kashgar war jahrhundertelang das

Die Umerziehungslager sind ein

»Irgendwann habe ich es nicht mehr ausgehalten. In einer Nacht, als ich Wache halten sollte, bin ich mit dem Kopf gegen die Wand gelaufen. Immer wieder. Ich wollte nicht mehr leben.«
Kairat Samarkhan

Eine hohe Mauer im

Aber auch ein digitales

»Ich wachte im Krankenhaus auf. Zwei Polizisten standen an meinem Bett. Erst dachte ich, dass ich wieder ins Lager muss, und weinte. Doch dann lösten sie meine Handschellen. Ich sei frei, sagten sie. Ich konnte es kaum glauben.«
Kairat Samarkhan

Shawn Zhang, 29 Jahre

»Sie legten mir mehrere Dokumente vor: Eine Erklärung, dass ich alles geheimhalten muss. Dass ich nichts mehr mit Religion zu tun haben würde. Dass ich keine Schadensersatzforderung stellen würde. Ich unterschrieb alles.«
Kairat Samarkhan

Nach drei Monaten und