Wer’s glaubt

Warum gilt es als modern, Spiritualität beim Yoga zu finden oder Schweigeseminare zu besuchen – aber als albern, gläubig zu sein? Ein Plädoyer für die Freiheit, an Gott zu denken. 

Die Bilder von der Messe stammen aus einer Serie des italienischen Fotografen Louis De Belle. Die Serie heißt Besides Faith – neben dem Glauben.

Neulich kaufte ich eine Bibel. Eine Studienbibel, so schwer, dass ich sie nur bequem lesen kann, wenn sie vor mir auf dem Tisch liegt. Die Hälfte der gut 2500 hauchdünnen Seiten geht für Anhänge drauf. In denen sind Wörter aufgelistet, auf Hebräisch und Griechisch, und daneben steht, woher das Wort stammt und wie man es übersetzen könnte. Ich setzte mich also hin, mit Bleistift und Post-its, markierte Wörter, schlug sie nach, schrieb Bedeutungen an den Rand. Schließlich ist es ein

Als ich einem Freund davon erzählte, fragte er, ob ich jetzt noch frömmer würde. Ich musste laut lachen, mir war nicht klar, dass er mich überhaupt »fromm« findet – dafür halte ich mich selbst nämlich eher nicht. Fromm, das steht doch für Bibeltreue und Jesus-Verehrung. Er dachte wohl: Freiwilliges Bibelstudium? Also fromm. Diese gedankliche Abkürzung kenne ich. Sie wird auch oft genommen, wenn ich erzähle, dass ich noch Mitglied in der katholischen Kirche bin. Dann wird meistens drauflosassoziiert: Der komische

Kurze Standortbestimmung, ehe es weitergeht – damit klar ist, wer hier spricht: Ich bin katholisch, und seit Jahren immer wieder kurz davor auszutreten. Ich bin Tochter eines Pastoralreferenten, das ist so etwas Ähnliches wie ein Pfarrer. Ich finde Jesus interessant, aber tanzende Jesus-Jünger befremdlich. Ich verachte religiösen Fanatismus und bin ebenso agnostisch wie spirituell empfänglich, womit ich sagen will: Gott hat die Welt vermutlich nicht innerhalb von sieben Tagen erschaffen. Aber ich möchte nicht ausschließen, dass jemand die Evolution liebe­voll

Es ist also alles nicht so eindeutig. Trotzdem erlebe ich immer wieder, dass mein Glaube ungefragt kommentiert, belächelt, pauschalisiert oder als missionarisch weggewischt wird. Kürzlich kursierte die Nachricht, dass bis Ende April alle Kirchenaustrittstermine in Köln ausgebucht seien. Höhö, lachten einige Kollegen, selbst schuld. Ich fand das traurig. Eine Kollegin erzählte mir, wie schlimm es für sie war, als die Kirchen während des ersten Lockdowns vielerorts geschlossen waren. Sie hätte dort gern mal kurz Ruhe gefunden oder eine Kerze angezündet.

Seltsamerweise ist es vor allem in großstädtischen Akademikerkreisen total akzeptiert, zum Yoga zu gehen und dort im Dunkeln Oooooommm zu summen. Wer sich für ein Schweigeseminar anmeldet, ist ein tiefgründiger Typ, wer wie verrückt jedes Wochenende auf Berge rennt, ist in Kontakt mit der Natur. Aber ein Gebet zu sprechen, um sich zu erden? Wie seltsam. Warum ist das so?

Nicht falsch verstehen: Ich will weder den Papst verteidigen noch fühle ich mich öffentlich diskriminiert. Als christlich geprägter Mensch in

In dem Podcast Unter Pfarrerstöchtern spricht die Zeit-Journa­listin Sabine Rückert mit ihrer Schwester, einer Theologie-Professorin, über die Bibel. Diese wollen sie einmal komplett durcharbeiten. Gerade hat Mose die Zehn Gebote empfangen, es dauert also noch. Die beiden Frauen sind lustig und scharfsinnig. Null missionarisch. Trotzdem betonte Rückert bei den ersten Folgen jedes Mal zur Einleitung sehr nachdrücklich, dass sie »niemanden bekehren oder belehren« wollen. Eine defensive Vorab-Entschuldigung, eine Art Absicherung in alle Richtungen – genau wie ich im vorausgehenden Absatz einen »Nicht-falsch-verstehen«-Hinweis untergebracht habe, um mich bloß nicht irgendwelcher gefühligen und missionarischen Absichten verdächtig zu machen.

Mit dieser Ansage sind wir auf der sicheren Seite. Denn Gefühligkeit passt nicht zu unserer hyperaufgeklärten Gesellschaft. Umfragen er­geben immer

Ich denke, die Empfindlichkeit gegenüber dem Unbelegbaren wird aktuell sogar größer. Was daran liegt, dass wir an allen Ecken des Alltags emotionalisierte Debatten erleben. Menschen verabschieden sich oft mit Stolz von Fakten – zugunsten eines Gefühls. Corona­leugner und Verschwörungsideologen tun das, Trump-Anhänger, radikale Impfgegner ebenso. Eine schwierige Nachbarschaft für den religiösen Glauben. Das Emotionale, sagen die Aufgeklärten, gilt es zu überwinden, zugunsten der nüchternen Erkenntnis. Allerdings hat Kants kategorischer Imperativ durchaus Ähnlichkeit mit der Bergpredigt: »Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun sollen, das tut ihr ihnen auch.« Agnostik und Atheismus gelten als anzustrebende Geisteshaltungen. Der religi­öse Glaube wird als vorübergehender Zustand betrachtet. Als eine Art spirituelle Pubertät, ganz rührend vielleicht, auf die aber unbedingt das atheistische Erwachsenwerden folgen muss. Oder, etwas weltlicher ausgedrückt: Glauben wirkt auf viele wie Bravo Hits hören, während sie selbst schon den Free Jazz entdeckt haben. Irgendwann wird sie schon auf den Geschmack kommen, und dann gibt es kein Zurück mehr.

Manche, die schon beim Free Jazz angekommen sind, verraten mir allerdings, sie wären auch gern gläubig, könnten es aber leider nicht. In einem Kapitel ihres Buches Alle sind so ernst geworden unterhalten sich Martin Suter und Benjamin von Stuckrad-Barre darüber. Suter sagt, dass er Gläubige beneide. »Das ist doch toll, wenn man so einfach, pflatsch!, an was glauben kann.« Dieses »pflatsch!«, hört sich an, als sei Glaube ein sehr gemütlicher Liegestuhl, auf den sich manche fallen lassen, während er selbst unerlöst daneben stehen muss. Stuckrad-Barre, selbst evangelischer Pfarrerssohn, kontert: »Das ist ein vermeintlich eleganter Standpunkt«, aber »damit stilisiert man sich als der Gequälte, der mehr weiß und in Abgründe geschaut hat, die den anderen nicht zugänglich sind.« Ich finde, Stuckrad-Barre hat einen Punkt. Es klingt so, als sei die Voraussetzung für Glauben eine Naivität, ein bequemes Nichtsehenwollen, das ihm, Suter, leider, nicht ge­geben sei. Dabei bedeutet »glauben können« doch nichts anderes als die grundsätzliche Bereitschaft, sich berühren zu lassen.

Früher war es einfach. Beten, singen, Ostern feiern, an Weihnachten malte ich Bilder für das Jesuskindlein in unserer Krippe und

Seitdem ist es immer komplizierter geworden. Ich versuche seit Jahren, aufzudröseln, was an meinen Gefühlen Nostalgie ist, was Fami­lientradition und

Andere sind da weniger zimperlich. Die Autorin Margarete Stokowski schimpfte 2018 in einer Kolumne bitterböse über den Papst, sie nennt

Ich dachte auch lang, als Frau kann man es dort doch in keinem offiziellen Amt aushalten. So fragte ich eine

Spätestens wenn die Menschen Kirchensteuer zahlen müssen, ergreifen sie offiziell die Flucht. 2019 traten in Deutschland mehr als eine halbe

Kurze Abschweifung: Angenommen, es gäbe einen Ort, an dem sich Menschen begegnen, um ihre Freude über das Leben zu teilen,

»Jesus würde sich im Grab umdrehen, wenn er nicht auf­erstanden wäre«, sagt mein Vater zum aktuellen Zustand der Kirche. Er

Ich verstehe auch seine ganz persönliche Enttäuschung. Und es macht mich wütend, dass die Kirche auch ihn all die Jahre

Er aber hielt diese Ungerechtigkeit aus, oft mit pragmatischem Humor. Einmal, gestand er mir augenzwinkernd, hat er ungeweihte Hostien mit

Wenn ich ihn frage, ob er nicht lieber Priester hätte werden wollen, streitet er das netterweise immer ab. Er wollte

In den Gottesdienst geht er kaum noch. Er sagt, er sei froh, nicht mehr abhängig von der Kirche zu sein.

Es stimmt nicht, dass Wissenschaft den Glauben aushebelt. »Je besser man das Wirken des Universums versteht, umso näher kommt man

Heino Falcke ist auch einer von ihnen. Er erforscht schwarze Löcher und hat sogar eins fotografiert. Nebenher ist er noch Laienpfarrer. In einem Interview mit dem SZ-Magazin im vergangenen Herbst wurde er gefragt, warum er zwischen Glauben und Naturwissenschaften keinen Gegensatz sehe. Er sagte: »Weil ich ja weiß, dass es auch in der Wissenschaft Grautöne gibt. Auch in der Wissenschaft ist nicht alles Wissen, auch im Glauben gibt es Experimente und Dinge, die sich beweisen.« Dann geht er noch weiter: »Wir wissen über das Innere eines schwarzen Lochs streng genommen nichts. Aber Gott umfasst alles, was ist und was darüber hinaus ist. Insofern ist ein schwarzes Loch lächerlich klein.« Ich finde, das ist eine Überlegung wert. Schließlich erfordert es die viel größere intellektuelle Leistung, Glauben und Wissenschaft für sich in Einklang zu bringen. An eine Evolution zu glauben – und an eine Schöpfung.

Menschen, die behaupten, Gott könne es nicht geben, sind mir suspekt. Für wie allwissend muss man sich halten, das ver­künden

Im September 2019 war ich in Jerusalem, einer ungeheuer anstrengenden Stadt, in der die Religion auf die schönste und die

Ob es also eine komplizierte Großfamilie ist, die vom Olymp aus regiert, ob es Gottheiten sind, für die Azteken ­Pyramiden

Wie groß diese Sehnsucht ist, kann man in der Bibel lesen. Es ist rührend, welche Verrenkungen die Evangelisten Matthäus und

Mein Vater sagt es so: »In der Geburt, in der Liebe, im Tod, da steckt doch überall ein riesiges Geheimnis

Es ist alles nicht so eindeutig. Wer eine Bibel hat, glaubt nicht automatisch, dass alles darin stimmt. Und nur weil