»Es ist doch auch eine Chance, nicht nur 08/15-Sex zu haben«

David hat Lisa in seinem Rollstuhl-Skate-Workshop kennengelernt, seit sieben Jahren sind die beiden ein Paar. Sie sprechen offen über ihre Liebe, Herausforderungen – und darüber, dass Menschen mit Behinderung auch ein Sexleben haben können.

David sagt über Lisa (beide 34): Wir haben uns gemeinsam entwickelt und zusammen Projekte wie »sit’n’skate« aufgebaut, unseren gemeinnützigen Verein. Diese gemeinsame Leidenschaft, für etwas kämpfen und zusammen Sachen abfeiern, das alles mag ich sehr an uns.«

Foto: privat

David:
Es war erst mein zweiter Rollstuhl-Skate-Workshop und eine Teilnehmerin, Lisa, hatte direkt meine Aufmerksamkeit. Sie schrieb mir auf Facebook schon vor dem Kurs, ob die Toiletten barrierefrei seien. Es war nicht diese Frage, die mich neugierig machte, sondern ihr Profilbild und die Fotos von Konzerten und Bands. Zu dem Freund, der den Kurs mit mir organisierte, habe ich gesagt: »Oh, da kommt ein Punkrockmädchen.«

Seit einem Unfall 2008 bin ich querschnittsgelähmt. Ich hatte zuerst total Angst, jetzt nur noch

Als ich dann vom Bett in den Rollstuhl wechseln konnte, war das für mich eine

Lisa:
Als ich mich für Davids Skate-Workshop anmeldete, hatte ich mich erst kurz vorher für einen Rollstuhl entschieden. Ich habe Spina bifida, das ist ein angeborener Querschnitt, wie wir es umgangssprachlich nennen. Bis zu einer missglückten OP mit 14 konnte ich laufen, danach nur noch mit Krücken. Das war für mich immer anstrengend, nie wirklich locker, und in jeder Bar war mein erster Gedanke: »Wo kann ich mich endlich hinsetzen?« Bis ich mich 2013 mit 26 dann für den Rollstuhl entschied. Ich dachte mir: Wenn schon Rollstuhl, dann richtig. So kam ich zu Davids Workshop.

David:
Natürlich habe ich den Workshop professionell durchgezogen und niemanden bevorzugt, obwohl ich Lisa interessant fand. Aber der Freund, der den Kurs mit mir machte, sagte mir danach direkt, dass er die Funken gespürt habe. Wir haben uns dann gleich am nächsten Tag verabredet – nur zum Skaten, kein Date. Ich hatte vorher immer nur sehr kurze Beziehungen und schlechte Erfahrungen gemacht. Außerdem hatte ich gerade einen neuen Job, einen neuen Wohnort und angefangen, die Skate-Workshops zu geben. Da noch eine Beziehung? Lieber nicht, dachte ich.

Lisa:
Wirklich angenähert haben wir uns erst, als wir in Hamburg gemeinsam bei Nitro Circus waren, das ist ein legendäres Action-Sport-Event. Dort hat David ermöglicht, dass ich Aaron Fotheringham treffen konnte, den berühmtesten Rollstuhl-Skater der Welt. Wir waren danach noch tanzen und spätestens da haben unsere Freunde gemerkt, dass zwischen mir und David etwas ist. Ein paar Tage später haben wir uns dann endlich bei David zu Hause geküsst und ein bisschen rumgemacht.

David:
Dass wir beide im Rollstuhl sitzen, hat mir geholfen, mich doch für die Beziehung zu öffnen. Vor Lisa hatte ich noch keine Freundin, die auch im Rollstuhl saß. Mit anderen Frauen habe ich meinen Rollstuhl zwar oft offensiv als Flirtinstrument genutzt. Aber so eine Behinderung bringt auch Probleme mit Blase und Darm mit sich, die man mit einer neuen Flamme nicht unbedingt teilen möchte.

Und wenn man selbst den Rollstuhl nicht braucht, kann es ziemlich frustrierend sein, sich ständig

Lisa:
In meiner ersten Beziehung war meine Behinderung für mich ein extremes Druckthema. Obwohl wir ein Jahr zusammen waren, wollte ich vor meinem damaligen Freund möglichst viel verstecken. Ich habe bis zum Schluss meine Katheter, die man mit Querschnitt braucht, nie in seinem Badmülleimer entsorgt, sondern alles mit nach Hause genommen, damit er nichts mitbekam.

Ich bin auch beim Sex mit David viel entspannter, als ich es mit anderen Partnern

David:
Als Rollstuhlfahrer wird man ständig gefragt: »Geht da unten überhaupt noch was?« Klar, es ist ein bisschen anders als vor meinem Querschnitt. Aber anders heißt ja nicht unbedingt schlechter. Es ist doch auch eine Chance, nicht nur 08/15-Sex zu haben. Menschen mit Behinderung können ein ganz normales Sexleben haben – also so normal, wie Sex eben sein kann. Lisa und mir ist es total wichtig, dieses Tabu zu brechen. Wir haben deshalb bei der RehaCare, einer großen Messe zu Inklusion und Pflege, und sogar im Fernsehen offen darüber gesprochen.

Lisa:
Von außen hören wir oft »Ach, schön, dass ihr beiden euch gefunden habt.« Wir sind aber nicht nur zusammen, weil wir beide im Rollstuhl sitzen. Es gäbe noch genug andere junge Rollstuhlfahrer, ich habe mir genau David ausgesucht. Es ist bestimmt oft ein Vorteil und einer der Gründe, dass wir uns gefunden haben, aber lange nicht der einzige Grund, warum wir jetzt schon sieben Jahre zusammen sind.

David:
Es war nicht so, dass wir wie zwei Legosteine waren, klack, und alles hat gepasst. Wir haben uns gemeinsam entwickelt und zusammen Projekte wie »sit’n’skate« aufgebaut, unser gemeinnütziges Projekt. Diese gemeinsame Leidenschaft, für etwas kämpfen und zusammen Sachen abfeiern, das alles mag ich sehr an uns. Wenn Corona nicht wäre, wären wir jetzt schon verheiratet. Auch wenn mein Heiratsantrag nicht sehr romantisch war. Es war ja nicht mal ein richtiger Antrag.

Lisa:
Wir waren nach der Deutschen Meisterschaft im Rollstuhl-Skaten mit Freunden noch was essen und haben angefangen, rumzualbern. David meinte, falls wir heiraten, dann nur in einem Skatepark in Las Vegas. Mit Elvis-Imitator. Der im Rollstuhl sitzen muss! Wir haben uns immer weiter hochgeschaukelt, bis ich ihn gefragt habe: »Ist das ein Antrag?« Er geantwortet hat: »Hm, ja.« Alle am Tisch haben gelacht. Und in meinem Kopf kreiste dann zwei Wochen die Frage: »Bin ich jetzt verlobt oder nicht?« Bis wir aufgehört haben, um das Thema herumzuschleichen und klar wurde, dass David es ernst gemeint hat.

David:
Ich hoffe, nächsten Sommer heiraten wir dann im Skatepark. Zwar nicht in Las Vegas, und wahrscheinlich ohne Elvis. Aber wieder mit vielen Umarmungen, wild durcheinander.

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