Beziehungskunst

Liana Finck zeichnet Cartoons über das Leben und die Liebe. Ihre Arbeit bildet Gedanken und Gefühle ab, die die meisten Menschen nicht offenbaren würden – kein Wunder, dass Finck damit auch oft aneckt.

Cartoon: Liana Finck

Wer die Zeichnungen der US-Illustratorin Liana Finck sieht, ohne sich ertappt zu fühlen, ist vermutlich kein echter Mensch. Jene, für die Unsicherheiten im Leben Alltag sind und erste Dates nicht bloß noch verschwommene Erinnerungen, dürften regelmäßig vor sich hin nicken. Wenn Finck die Gedankenabfolge des Kennenlernens aufschreibt – »Teil 1: Mag ich dich? Teil 2: Magst du mich? Teil 3: Wirklich?«. Oder wenn sie einen Mann und eine Frau an einem Tisch zeichnet, in einer Blase über dem Kopf der

Und wer stand nicht schon neben jenem schwarzen Loch, das Finck aufs Papier bringt, betitelt als »Abgrund der Verzweiflung«, daneben eine Figur, die fragt: »Schon wieder?« Liana Finck, 34 Jahre alt, veröffentlicht regelmäßig im Magazin New Yorker, bekannt geworden ist sie auch über Instagram, wo sie mehr als eine halbe Million Follower hat. Finck lebt im New Yorker Stadtteil Brooklyn. Ein Anruf.

SZ-Magazin: Viele Ihrer Zeichnungen entlarven Un­sicherheiten, die die meisten Menschen kennen, aber auch verbergen wollen. Wie kam es dazu?
Liana Finck: Ich war sehr schüchtern, als ich jünger war, ich wusste nicht: Was kann ich sagen und was nicht? Was ist normal und was nicht? Was muss ich verstecken? Die Zeichnungen sind mein Weg, die Dinge einfach zu zeigen, ohne viel darüber nachzudenken, was okay ist. Für mich ist es gut, dass ich die Dinge heute herauslassen kann.

Die Zeichnung zum Beispiel, in der eine Frau versucht, sich in einen zu kleinen Karton zu quetschen, und dabei ruft: »Ich passe in dein Leben!« Kennen Sie dieses Gefühl, dazugehören zu wollen, passend sein zu wollen?
Natürlich. In der Schule zum Beispiel. In der Zeichnung geht es aber speziell ums Dating, um die vielen Erwartungen, die es dabei gibt, und wie sehr man versucht, ihnen zu entsprechen – selbst wenn man sich dadurch freiwillig kleiner macht.

Waren Sie anfangs unsicher, Ihre Arbeiten zu zeigen?
Ich hatte früher viele Blockaden und war sehr ängstlich, auch was meine Arbeit angeht. Als ich auf Instagram anfing, haben die Menschen mich in einem Maße akzeptiert, das ich gar nicht kannte.

Bekommen Sie auch negative Reaktionen? Eine Zeichnung von Ihnen zeigt ein Handy, der Satz beginnt mit: »Ich weiß nicht, ob du diese Nachricht überhaupt liest, aber …« Dann kommen drei Möglichkeiten, wie es weitergeht, den meisten Frauen gut bekannt: Ich mag deine Arbeit sehr. Du solltest in der Hölle schmoren. Und: Hier ist mein Penis.
Ich selbst habe bisher noch kein Penis-Bild bekommen, zum Glück! Wütende Nachrichten be­komme ich aber. Ich glaube, manchmal denken Menschen, eine Zeichnung richte sich gegen sie persönlich, und dann werden sie sauer und schreiben mir, dass ich eine furchtbare Person sei.

Sie beobachten sehr genau. Wo arbeiten Sie? Vermutlich dort, wo viele Menschen sind?
Ja, im Café, im Park. Ich liebe es, Zug zu fahren, mindestens einmal in der Woche arbeite ich dort. Jetzt bin ich aber zu Hause, gerade sehe ich also kaum Menschen.

Zeichnen Sie über die Pandemie?
Nein, weil wir alle so isoliert voneinander sind. Es wäre nur meine Erfahrung, und ich habe es gerade so einfach, dass ich mich sogar irgendwie schuldig fühle. Ich kann weiter arbeiten, ich habe keine kleinen Kinder, um die ich mich kümmern muss, und allein bin ich auch nicht, ich habe meinen Freund. Ich kann nicht wissen, was all die anderen Menschen gerade fühlen. Deshalb zeichne ich nicht über die Pandemie.

An was arbeiten Sie zurzeit?
An einer Graphic Novel. Es geht um Gott, der hat die Hauptrolle. Beziehungsweise: sie. Es ist ein weiblicher Gott.