Druck-Betankung

Ein junger Mann wird an der Flugschule der Lufthansa Group zum Piloten ausgebildet. Auf dem Weg zu seinem Traumberuf erlebt er Rituale, die er als »grenzüberschreitend« und »diskrimi­nierend« beschreibt. Ein Bericht aus einer Welt, die mit dem Marken-Image der Lufthansa nicht zusammenpasst.

Wer es bei der Lufthansa zum Piloten schafft, ist ganz oben angekommen. Doch was geht zuvor an der Flugschule alles vor sich?

Da war diese Bühne im Innenhof. Ein Podest aus Holzbrettern, nicht mal einen Meter hoch. Es erhöhte einen gerade so weit, dass das Publikum eine gute Sicht hatte: Etwa 150 Menschen mit grinsenden Gesichtern standen da, einige waren angetrunken, sie grölten, so erinnert sich der junge Mann. Um ihn zu schützen, soll er in diesem Text Pascal heißen.

Er stand dort oben und musste Witze erzählen. Dreckig sollten sie sein, damit sich alle amüsierten. Wenn der Witz der Masse

Pascal und rund 20 andere mussten Bier auf Ex trinken und dann über den Sportplatz sprinten, sich bücken, um Kronkorken aufzusammeln,

Die Masse, die ihn da begutachtete, waren seine Mitschüler. Sind es immer noch. Künftige Kollegen. Das Podest steht im Innenhof der

Schon als Kind fuhr er am Wochenende mit seinem Vater zum Flughafen. Auf die Besucherterrasse, Flieger gucken. Er sagt, er habe

Die Flugschulen der Lufthansa Group bilden seit 1955 Piloten aus, seit 2017 unter dem Dach der European Flight Academy, die dem

Mit dem Slogan »Train together with the best and the brightest« werben sie um Nachwuchs. Die Besten und Klügsten. Pascal glaubte,

Das Initiationsritual läuft nach Aussage von Pascal im Grunde immer ähnlich ab: Auf der Flugschule starten die neuen Kurse alle paar

Es ist ein warmer Abend im August 2019. Ein hoher Maschendrahtzaun umgibt den abgelegenen Tartanplatz der Bremer Flugschule, drum herum ist

Es ist ein anderes Aufnahmeritual als das, von dem Pascal erzählt hat, und es geht sehr ähnlich zu. Etwa zwei Dutzend

»Habt ihr Spaß?«, schreit einer der Uniformierten. »Sir, ja, Sir!«, antworten die Neulinge. Sie müssen um die Wette Kronkorken einsammeln, die

Das alles ist deutlich von der Straße aus zu hören und zu beobachten. Auf die Frage: »Wer seid ihr?«, die immer wieder durchs Megafon tönt, antwortet die Menge: »Lastkraftwagenfahrer!« So als sollten etwaige Passanten davon abgelenkt werden, dass es sich hier um künftige Piloten handelt. Zweimal kommt jemand vorbei. Ein Mann im Anzug mit glänzenden Schuhen rattert mit seinem Rollkoffer am Zaun entlang und scheint das Treiben nicht wahrzunehmen. Dann fährt ein Junge vor, etwa zehn Jahre alt, auf einem BMX-Fahrrad. Offenbar vom Geschrei angelockt, nähert er sich dem Zaun und zückt sein Handy. Er filmt durch den Zaun hindurch, schüttelt halb irritiert, halb belustigt den Kopf. Nach wenigen Minuten zieht er weiter. Niemand scheint ihn entdeckt zu haben, so beschäftigt sind die Flugschülerinnen und Flugschüler. Sie bemerken auch mich nicht, die Autorin des SZ-Magazins, während ich anderthalb Stunden lang unbehelligt vor dem Zaun sitze und beobachte.

Auf der anderen Seite der Absperrung müssen die Tutu-Träger jetzt tanzen. »Benedict Schwanz gegen den Penisschwitzer!«, lautet der Befehl. Offenbar wurden Spitznamen vergeben. Dann schallt das Lied Pony des R’n’B-Sängers Ginuwine durch die Lautsprecher: »If you’re horny, let’s do it, ride it, my pony.« Sie bewegen sich, kreisen die Hüften. Jemand ruft: »Zieh dich aus!« Ein T-Shirt fliegt durch die Luft.

Beim nächsten Spiel geht es darum, einen Arm auf einem umgedrehten Eimer abzustützen, achtmal um den Eimer zu gehen und danach

Schließlich müssen die Neuen »das Marschlied« singen, und zwar so lange, bis die Menge zufrieden ist: »Kameraden, Kameraden, Kameraden singt ein

Auch diese Einführung endet auf dem Podest im Innenhof der Schule, der für Außenstehende nicht mehr einzusehen ist. Wenn alles abläuft

Pascal hat den Schwur gebrochen. In der Nacht nach seiner Einführung, sagt er, habe er lange wachgelegen. So viele wirre Gedanken.

Wenn Pascal seine Geschichte erzählt, stockt er immer wieder, denkt nach. Er fragt mehrmals: »Oder übertreibe ich? Sehe ich das zu

Tatsächlich ist das Verhalten seiner Mitschülerinnen und Mitschüler ein zutiefst menschliches. Forscher haben herausgefunden, dass selbst zweijährige Kinder ihr Verhalten an

»Menschen wollen sich in Gruppen zusammenschließen«, erklärt auch der Anthropologie-Professor Günther Schleevom Max-Planck-Institut für ethno­logische Forschung in Halle, Sachsen-Anhalt. »Das ist

»Im Grunde geht es bei solchen Aufnahmeritualen immer um das Überwinden von Schmerz«, sagt Günther Schlee. Auch psychische Erniedrigungen seien eine

Nur: Wenn jemand einer Burschenschaft beitreten will, macht er sich auf solche Aufnahmerituale gefasst. Aber bei einem potenziellen Arbeitgeber? »Damit hatte

Auch Pascal ist aufgefallen, dass bei den Einführungsritualen manche Frauen oft am eifrigsten mitmachen. Sie trinken das Bier schneller aus, sammeln

Auf ihrem Instagram-Kanal sammelt die European Flight Academy die Gruppenbilder der verschiedenen Kurse. Die Neuen zeigen sich dort herausgeputzt in Kostüm

Anna Müller hat sich vor wenigen Jahren an der Flugschule zur Pilotin ausbilden lassen. Auch sie fürchtet Probleme, wenn man sie

Ein ordentlicher Kratzer im Bild des hochangesehenen und integren Kapitäns über den Wolken, das der Konzern so gern zeichnet. Allein die

Wenn man an der Schule anruft, um sich nach den Begrüßungsritualen auf dem Sportplatz zu erkundigen, wird man fünfmal weitergeleitet, bis

Nachdem es im Juni 2019 offenbar an einem der Standorte der LAT »Vorfälle« gegeben habe, verordnete der Schulleiter in einem internen Schreiben, das dem SZ-Magazin vorliegt, der »Genuss von Alkohol« sei »nur noch auf den Barbereich und Graduierungsfeierlichkeiten beschränkt«. Weiter hieß es: »Diese Einschränkung trifft auch auf die Begrüßungsfeierlichkeiten für einen neuen Kurs außerhalb des Barbereichs zu!« Es stellt sich die Frage, welche Begrüßungsfeierlichkeiten die Schulleitung meint – und ob sie über das Treiben auf dem Schulsportplatz informiert sein müsste.

Wäre das der Fall, wäre es »grob fahrlässig«, sagt Martina Benecke, Professorin für Arbeitsrecht an der Universität Augsburg. Auch

Wie lange es diese Tradi­tion der Rituale bei der Flugschule der Lufthansa Group gibt, ist schwer herauszufinden. Es existieren keine Jahrbücher,

Drei, vier Wochen nach der Ankunft fliegen die Schüler in der Regel zum ersten Mal allein. Dem »Soloflug« komme eine besondere

Die Lufthansa-DNA. Sie ist es auch, die Pascal, den jungen Flugschüler, umtreibt: Jeder Pilot und jede Pilotin scheint bei solchen Spielchen

Pascal traut sich auch intern nicht, offen über die Begrüßungsrituale zu reden. Eine junge Frau, erzählt er, habe einmal die Einführung

Auf der einen Seite ist die Arbeitswelt in den vergangenen Jahrzehnten so sensibel für die Gefühle des Einzelnen geworden wie nie

Das erklärt vielleicht auch, warum sich diese Rituale nicht einfach abschaffen lassen. In Frankreich wurden die »Bizutages« Ende der Neunzigerjahre gesetzlich

»Wenn die Mehrzahl entscheidet, dass es diese Rituale braucht, dann kann jedes Dagegenhalten Konsequen­zen haben«, sagt der Anthropologe Schlee. »Mobbing, weniger

Pascal hat mehrmals überlegt, die Ausbildung abzubrechen. Immer wieder hat er den Gedanken verworfen. Es sei nicht nur persönlich, sondern auch

Denn laut Tarifvertrag stellt die Lufthansa im Regelfall nur Pilotinnen und Piloten ein, die an ihrer eigenen Schule ausgebildet wurden.