»Bei Schmeicheleien muss man ganz vorsichtig sein«

Wie kann man sich dagegen wehren, von anderen Menschen manipuliert und ausgenutzt zu werden? Der Psychotherapeut Rainer Sachse rät, schon kleine Warnzeichen ernst zu nehmen.

Wenn der Chef außergewöhnlich stark lobt, sollte man sich fragen: Warum macht der das?

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SZ-Magazin: Woran merke ich, dass ich manipuliert werde?Rainer Sachse: Wenn Sie feststellen, dass Sie Dinge tun, die Sie eigentlich nicht tun wollten, wurden Sie höchstwahrscheinlich manipuliert. Das ist an sich aber noch gar nichts Schlimmes. Wir alle werden ständig manipuliert, im Gegenzug manipulieren wir andere. Das gehört zum normalen, alltäglichen Interaktionsverhalten. Es ist eine Kompetenz, die wir uns im Laufe unseres Lebens antrainieren und perfektionieren.

Was genau verstehen Sie denn unter Manipulation?
Es bedeutet, dass ein Interaktionspartner bestimmte Ziele intransparent verfolgt. Er nutzt Mittel, die nicht durchschaubar sind, und gibt Ziele vor, die er nicht hat.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Ein Paar hat vereinbart, dass er immer dienstags zur Pokerrunde mit Freunden darf. Nun ist wieder Dienstag, sie möchte aber gern, dass er zuhause bleibt. Sie weiß, dass sie kaum Erfolg bei ihm haben wird, wenn sie authentisch ist und ihn einfach bittet, dazubleiben. Denn dann wird er sich auf die Vereinbarung berufen. Also sagt sie, dass sie Kopfschmerzen habe. Damit verschleiert sie ihre eigentliche Absicht, nämlich dass sie an dem Abend nicht allein sein möchte. Das ist eine ganz klassische Form von Manipulation, eine sogenannte negative Strategie.

Warum negativ?
Weil sie dem Gegenüber ein Unbehagen bereitet. Diese Strategie ähnelt der emotionalen Erpressung, weil der Mann in unserem Beispiel ein schlechtes Gewissen bekäme, würde er Nein sagen. Negative Manipulationsstrategien zwingen den Interaktionspartner dazu, etwas zu tun, worauf er eigentlich keine Lust hat, zum Beispiel weil er sonst tatsächliche Konsequenzen oder zumindest ein schlechtes Gewissen fürchten müsste. Deshalb erkennt man in diesen Fällen deutlich leichter, dass man manipuliert wird. Bei positiven Strategien ist das schwieriger.

Wie sehen die aus?
Positive Manipulationsstrategien verführen. Ihr Interaktionspartner macht etwas, das Ihnen gefällt, zum Beispiel sagt er Ihnen, wie toll er Sie findet oder wie sehr er bewundert, was Sie alles können und schaffen. Und dafür bekommt er etwas, das Sie eigentlich nicht geben wollen. Es ist traurig, aber bei Schmeicheleien muss man ganz vorsichtig sein. Die werden selten einfach so verteilt, meistens steckt dahinter eine Absicht. Im Job sind sie ein gern genutztes Mittel, um der Kollegin oder dem Kollegen mehr Arbeit aufzuhalsen. Wenn Ihr Chef etwa Ihre Leistung hervorhebt mit Worten wie: »Das kann keiner so gut wie du!«, dann sollten Sie sich ganz genau fragen: Warum macht er das? Oder wenn Ihnen jemand ungefragt einen Gefallen tut, kann es gut sein, dass er im Gegenzug einen Gefallen von Ihnen erwartet. Von diesem Tauschhandel profitieren Sie dann zwar beide, trotzdem wurden Sie manipuliert.

Es kann also sein, dass ich auch etwas davon habe, wenn ich mich manipulieren lasse?
Ja, so funktioniert unser Zusammenleben, es ist ein ständiger Tauschhandel von Gefälligkeiten. Wir nennen diesen Ausgleich Reziprozitätsregel. Das bedeutet, jeder Interaktionspartner hat den Eindruck, dass er ungefähr gleich viel von der Beziehung profitiert und gleich viel für die Beziehung tut. Wenn Sie also mit Ihrem Interaktionspartner nach der Regel verfahren: Heute manipuliere ich dich, morgen manipulierst du mich, haben Sie kein Problem. Problematisch wird es dann, wenn das aus dem Gleichgewicht gerät. Wenn der oder die eine immer häufiger bekommt, was er will, ohne auch etwas zu geben. Das ist ein Hauptcharakteristikum von schädlicher Manipulation: Eine Person wird ausgebeutet.

Was bedeutet das für diese Person?
Sie fühlt sich in der Regel hintergangen, ausgenutzt oder geringgeschätzt, und dadurch leidet die Beziehung der beiden enorm. Niemand möchte wie eine Marionette behandelt werden.

Und wie kann man sich vor dieser Form der Manipulation schützen?
Am effektivsten natürlich, indem Sie frühzeitig erkennen, dass Sie manipuliert werden. Dafür ist wichtig, dass Sie genau wissen, was Sie wollen. Und zwar nur Sie, völlig unabhängig von irgendwelchen Einflüssen oder den Wünschen und Erwartungen anderer. Die zentrale Leitfrage, die Sie sich immer wieder stellen sollten, lautet: Will ich das wirklich?

Warum ist das wichtig?
Weil Sie dann in der Lage sind, Störgefühle wahrzunehmen. Denn wenn Sie dazu gebracht werden sollen, etwas zu tun, das Sie eigentlich nicht wollen, dann gibt es irgendwo in Ihnen diese Ahnung von: Da stimmt was nicht. Da läuft was nicht richtig. Ich sage meinen Klienten immer: Nimm das wahr und nimm das vor allem ernst. Und dann frag dich, was nicht stimmt. Viele Menschen ignorieren dieses Störgefühl und reden sich ein, dass alles in Ordnung ist. Das stimmt aber nicht, Störgefühle sind sehr aussagekräftig. Nur leider sind sie so verschlüsselt, dass man oft nicht versteht, was sie einem sagen. Deshalb muss man üben, genau hinzuhören.

Können Sie so ein Störgefühl genauer beschreiben?
Ein diffuses Gefühl von »Irgendwas stimmt nicht«. Oder: »Ich hab jetzt eigentlich keine Lust darauf«. Oder aber ein Gefühl von »Ich kann mich nicht wehren, denn wenn ich Nein sagen würde, bekäme ich Ärger«. Das ist auch ein guter Indikator für Manipulation.

Und was mache ich, wenn ich so ein Störgefühl identifiziert habe?
Nein sagen. Und im nächsten Schritt machen Sie die Manipulation transparent. In der Psychologie nennen wir Manipulation auch Interaktionsspiele, weil der Manipulateur mit einem anderen Menschen spielt. Die beste Möglichkeit, sich dagegen zu wehren, ist offen anzusprechen, dass man das Spiel durchschaut. Im Beispiel des Paares, bei dem sie Kopfschmerzen vorgibt, könnte er sagen: »Schatz, ich habe den Eindruck« – und es ist ganz wichtig in der Kommunikation, dass man nichts unterstellt – also: »Ich habe den Eindruck, dass du versuchst, mich zuhause zu behalten, weil du sagst, dass du Kopfschmerzen hast. Aber im Grunde willst du nicht allein sein.« Dann kann sie zwar sagen: »Stimmt nicht.« Sie kann das Spiel trotzdem in der Regel nicht weiterspielen. Wenn Sie durchschaut werden, ist Ihr Handeln ja nicht mehr intransparent, und dann funktionieren die meisten Spiele nicht mehr.

Ich stelle mir vor, dass die enttarnte Person ziemlich ungehalten reagieren könnte.
Schon, aber das ist dann Bluff. Wenn Sie manipulieren und durchschaut werden, dann sind Sie natürlich sauer. Nicht unbedingt auf Ihr Gegenüber, sondern vor allem auch auf sich selbst und die misslungene Aktion. Denn eigentlich wissen Sie ja, dass der Interaktionspartner Recht hat und Sie die schlechteren Karten haben. Man kann so eine Reaktion also gelassen an sich abprallen lassen.

Welche Rolle spielt es, in welcher Beziehung ich zu der manipulierenden Person stehe, wenn ich ihr Spiel transparent machen möchte?
Das ist eine komplizierte Frage. In Freundschafts- und Paarbeziehungen können Sie das eigentlich immer thematisieren. Es ist aber wichtig, nicht vorwurfsvoll, sondern freundlich vorzugehen. Ich rate immer, dem Interaktionspartner eine Doppelbotschaft zu geben, ihm zu vermitteln: Der Versuch ist nicht strafbar, aber zwecklos. Das heißt, Sie sind nicht sauer deshalb, sagen dem Partner aber: Bis hierhin und nicht weiter, ich lasse mich nicht manipulieren. Das funktioniert meist ganz gut. Wann es nicht so gut funktioniert, ist, wenn ein Machtgefälle besteht.

Also wenn zum Beispiel mein Vorgesetzter mich manipuliert?
Genau. Wenn Sie von jemandem manipuliert werden, der mächtig ist, müssen Sie viel vorsichtiger sein. Sie können Ihrem Chef nicht einfach sagen: Chef, Sie manipulieren mich gerade, das finde ich scheiße. Dann haben Sie eher mehr als weniger Probleme. Ich empfehle deshalb, in so einer Situation ein passiv-aggressives Gegenspiel zu spielen. Sie könnten zum Beispiel sagen: »Ja, Chef, mache ich, selbstverständlich« – tun es aber nicht, zumindest nicht sofort. Immer wenn es aufgrund der Machtverhältnisse problematisch wäre, die Manipulation aufzudecken, muss man sich gut überlegen, ob es das wert ist.

Gibt es Menschen, die besonders anfällig für Manipulation sind?
Das hängt stark vom Persönlichkeitsstil ab. Narzissten und Egozentriker reagieren sehr empfindlich auf Manipulation. Sie merken das schnell und lassen sich kaum manipulieren. Auf der anderen Seite befinden sich die sogenannten Dependenten, die stark abhängig von anderen Menschen sind und Angst vor Verlust haben. Dependenten neigen dazu, extrem viel für ihre Interaktionspartner zu tun, und sind deshalb auch diejenigen, die sich am einfachsten manipulieren lassen. Oft merken sie das noch nicht einmal, weil sie sowieso nach dem Grundsatz leben, sich für andere Menschen aufzuopfern, um so ihre Beziehungen zu festigen. Oder sie reden sich die Manipulation schön, weil sie Angst vor Konflikten haben. In Beziehungen gibt es deshalb viele Kombinationen zwischen Narzissten und Dependenten. Die Narzissten möchten manipulieren, und die Dependenten sind bereit, sich manipulieren zu lassen. Narzissten machen sich sogar einen richtigen Sport daraus, herauszufinden, an welchen Stellen und mit welchen Mitteln ihr Gegenüber besonders gut manipulierbar ist. Insgesamt gilt: Je manipulativer eine Person ist, desto weniger lässt sie sich manipulieren – und umgekehrt.

Bei welchen Menschen sollte ich noch wachsam sein, wenn ich nicht manipuliert werden möchte?
Bei paranoiden, zwanghaften und passiv-aggressiven Personen. Letztere neigen dazu, Verantwortung abzugeben, weil sie gelernt haben, dass daraus negative Konsequenzen resultieren.

Die Person, die mich vermutlich am häufigsten zu manipulieren versucht, ist meine kleine Tochter. Wenn sie zum Beispiel keine Lust mehr auf Autofahren hat, klagt sie plötzlich über Bauchweh. Wann lernen Kinder, wie Manipulation funktioniert?
Schon Drei- oder Vierjährige können ihre Eltern komplett um den Finger wickeln. Eine der am häufigsten genutzten Kinderstrategien ist das sogenannte »abschaltbare Weinen«: Das Kind will ein Eis, Mama sagt Nein, das Kind fängt an zu weinen, Mama sagt »Okay«, und das Kind hört schlagartig auf zu weinen. Aber wenn Kinder wirklich traurig sind, können sie nicht schlagartig aufhören zu weinen. Viele der Manipulationsstrategien, die Sie als Erwachsene nutzen, haben Sie sich schon in Ihrer Kindheit zugelegt und immer weiter verbessert. Tiere können übrigens auch manipulieren!

Wie das?
Haben Sie schon mal versucht, einem Hund einen Leckerbissen auszuschlagen, wenn er vor Ihnen saß und mit schräg gelegtem Kopf bettelte? Sie glauben gar nicht, wie bedürftig so ein Tier aussehen kann, obwohl es gerade erst gefressen hat.