Was passiert, wenn man alle 23 Marvel-Filme nacheinander ansieht

Da er in diesen Zeiten sowieso recht viel zu Hause sitzt, tut unser Autor etwas, was vor ihm wohl niemand gewagt hat: Er verbringt 46 Stunden mit Superhelden. Es ist eine epische Erfahrung.

Wer eine solche Mission ernst nimmt, muss zwangsläufig ein gewisses Maß an Verlotterung in Kauf nehmen. Wer eine solche Mission ernst nimmt, erreicht allerdings auch Stufen der Verlotterung, die er sich nicht vorstellen konnte.

Als ich zu einer Uhrzeit, zu der man nun wirklich nicht den Fernseher einschaltet, den Fernseher einschalte, denke ich an meinen Vater. Film und Fernsehen waren für ihn Grundübel, die die Augen viereckig und die Schulnoten schlecht machten. Unseren Fernseher hatte er in einen Bauernschrank verfrachtet, den er abschloss, wann immer er dachte, es sei genug geglotzt worden. Meine halbe Jugend lang feilschte ich um diese Folge Simpsons oder jenen Police Academy-Film, nicht selten blieb der Schrank zu, oder ich musste den Schlüssel irgendwo aufstöbern, nachdem mein Vater eingeschlafen war. Ein unwürdiges Schauspiel, das mein Vater, hätte es in einem der von ihm verachteten Klamaukfilme statt­gefunden, mit einem bildungsbürgerlichen Naserümpfen quittiert hätte.

Wüsste mein Vater um die aktuellen Entwicklungen im Kino und wäre ich noch ein ­Jugendlicher, er hätte den Schrank samt Fernseher im nächstgelegenen See versenkt. Denn inzwischen gibt es ja nicht mehr nur Filme, es gibt ganze Filmuniversen, bestehend aus zig Filmen, die zusammen eine Art Supergeschichte ergeben. Deren bekanntestes und erfolgreichstes ist das Marvel Cinematic Universe. Es umfasst bis heute 23 Comicverfilmungen, je zirka zwei Stunden lang, was mit Pausen etwa dreieinhalb Tagen auf der Couch entspricht. Der erste dieser Filme kam 2008 ins Kino, der bislang jüngste im vergangenen Sommer. Die Premiere von Black Widow, des nächsten Teils der Saga, war vor Corona noch für den 30. April geplant, das ist verschoben, auf wann, wird man sehen. Insgesamt sind rund zehn weitere Folgen fertig, in Arbeit oder geplant. Das »MCU«, wie die Fans und Macher es nennen, ist die größte Geldmaschine der Kinogeschichte und Avengers: Endgame inzwischen der erfolgreichste Film überhaupt, vor Titanic, Avatar, König der Löwen und wie sie alle heißen.

Ich finde all das uneingeschränkt gut. Das pädagogische Heckmeck, das ich früher erdulden musste, hatte nämlich den entgegengesetzten Effekt: Ich kann ganze Nachmittage vor dem Fern­seher wegschlunzen, berieselt von Actionfilmen, nur ich, ein paar Knarren und ein Gehirn auf Autopilot. Und die Marvel-Filme sind genau das: feinstes Popcorn-Actionkino, Explosionen, Superhelden und Aliens, Disney-Dialoge, Gut und Böse, ein, ach was, 23 epische Finales Grandes, man kann eine Woche Urlaub in diesem Universum machen, wenn man will. Und oh ja, ich will.

Ich versuche es. Ich schaue, im Dienste eines noch zu gründenden Wissenschaftszweigs, alle 23 Marvel-Filme nacheinander, nur unterbrochen durch Schlaf- und/oder Toilettenpausen. Multipliziert sich auch der cineastische Genuss mal 23? Gibt es einen Erkenntnisgewinn, der an jenen vorübergeht, die die Filme im Abstand vieler Jahre im Kino sehen? Oder beginnt das Marvel-Universum um ein Schwarzes Loch der Gleichförmigkeit zu gravitieren? Diese Fragen beschäftigen mich, während ich eine ekelerregende Menge Popcorn, Nachos und anderen Kinomüll kaufe, als wäre ich der weltungesündeste

Zurück auf der Couch beginne ich, frohen Mutes und der inhaltlichen Chronologie der Filme folgend, mit Captain America von 2011, in dem es, grob gesagt, um den ultimativen Kampf zwischen einem Helden und einem Superschurken geht. Ein Muster, damit sei nicht zu viel verraten, das sich in den nächs­ten Tagen wiederholen wird. Die erste Explosion gibt es nach 4:03 Minuten, den ersten Toten nach 4:04. Immerhin gibt mir Cap, wie ich ihn kumpelig nenne, für die folgenden 22 Filme Erbauliches mit auf den Weg: »Wer einmal wegläuft, hört nie damit auf. Man steht auf und wehrt sich.« Aufstehen wird in den nächsten Tagen eher die Ausnahme werden, aber die Prämisse des Nichtaufgebens gefällt mir. Denn stehe nicht auch ich am Anfang einer Heldenreise? Einer Saga mit Höhen und Tiefen, einer großen Schlacht, gegen den guten Geschmack, gegen die geschätzt 60 000 Kalorien auf dem Wohnzimmertisch, nicht zuletzt: gegen mich selbst?

Nun, wahrscheinlich nicht. Aber immerhin spielt Captain Marvel, der zweite Film, im Jahr 1995, was ganz gut passt, da 1995 die Zeit war, in der mich, elfjährig, die Aussicht, beruflich 23 Actionfilme am Stück zu gucken und Junkfood zu futtern, in Jubelschreie hätte ausbrechen lassen. Captain Marvel kämpft gegen einen ultimativen Bösewicht, Dinge explodieren, es gibt Prügeleien und noch mehr Schießereien, dann folgt Iron Man von 2008, in dem das Gleiche passiert, nur etwas chauvinistischer. Nachdenklich kämme ich mir Chipskrümel aus dem Bart. Ich bin skeptisch, ob mich diese Filme überraschen werden.

Und so weht der erste Tag irgendwie vorüber. In Avengers, dem siebten Film, formieren die Superhelden aus den vorherigen Filmen ein All-Star-Team der Gewalt. Zu diesem Zeitpunkt halten mich die Algorithmen meiner Streamingdienste bereits für den Filmproll, zu dem ich zunehmend mutiere. Zahllose weitere Comicverfilmungen werden mir vorgeschlagen, X-Men, Batman, Superman, alles an Mans, was Rang und Namen hat, als gäbe es nichts anderes mehr.

Martin Scorsese, der mir optisch wie eine italoamerikanische Version meines Vaters vorkommt, nannte Comicverfilmungen unlängst »mehr Freizeitparks als Filme«. Da mag etwas dran sein, snobistisch ist es aber auch. Was ist falsch daran, wenn ein Film unterhält, und nichts weiter? Zumal die MCU-Filme das über alle Maßen erfolgreich tun. An den Kinokassen haben sie mehr als 22 Milliarden Dollar eingespielt, hinzu kommen gigantische Einnahmen durch Merchandising. Es gibt Serienableger, Spielzeug, Bücher, zudem Hunderte weitere Superhelden, die noch auf ihre filmische Verewigung warten. Marvel habe das Kino neu definiert, schrieb das US-Magazin The Verge: »Marvel hat bewiesen, dass es eine Konstante ist, die wir nun in unseren Leben haben«, in Zukunft werde diese Form des Films »noch dominanter, ihm zu entkommen noch schwieriger werden«. Kein Bauernschrank dieser Welt wird das wegsperren können.

Tag zwei beginne ich mit wesentlich weniger Elan als Tag eins. Die schiere

Das ist vielleicht manchmal vorhersehbar, aber das macht die Filme noch lange nicht schlecht. Das Universum ist angenehm divers, die Gags sind solide, es gibt starke Frauen­figuren. Guardians of the Galaxy hat, auch wenn da möglicherweise vergorener Käsedip aus mir spricht, einen der besten

Soundtracks der Filmgeschichte, Black Panther wurde nicht zu Unrecht als »Feier afrikanischen Selbstbewusstseins« gepriesen. Und filmisch lohnt sich allein der Effekte halber ein Ausflug ins Marvel-Universum, so nah wie in Guardians of the Galaxy wird man einer Reise zu fremden Galaxien wohl nicht mehr kommen, auch in Sachen Choreo­grafie von Actionszenen sehe ich kaum noch Steigerungspotenzial.

Hier und da gibt es sogar die eine oder andere überraschende dramaturgische Wendung. Zudem ist das Zusammenspiel der Figuren disneylike perfekt gescriptet und wird von einem 19 Oscar-Preisträger und -Preis­trägerinnen umfassenden Wahnsinns­cast mit Leben gefüllt. Anthony Hopkins, Tilda Swinton, Natalie Portman, irgendwann läuft sogar Robert Redford durchs Bild, der Pferdeflüsterer. Er spielt einen Bösewicht in The Return of the First Avenger, was sich anfühlt, als würde man eine Doku über Rockerbandenkriminalität sehen und plötzlich seinen geliebten Großvater in Bandidos-Kutte erblicken. Dass Redford dabei arg unterfordert wirkt: geschenkt. Ihn spielen zu sehen ist toll.

Aber Jesses, dieses Nicht-enden-Wollende. Früher waren Filme Filme. Eine Geschichte, die um 20:15

Ich weiß es nicht, wie ich so viele Dinge nicht mehr sicher weiß.

Ich dämmere weg, wache auf, schleiche mich in die Küche und esse gierig einen Apfel. Das Königreich Asgard droht zu fallen, ich schwitze, friere, dann fällt das ganze Universum. Ist es Tag drei oder Tag vier? Ist das der unglaubliche Hulk oder der unglaubliche Postbote? Wo ende ich, und wo beginnt die Couch? Auf dem Pfad der Existenz treffen Geist und Materie aufeinander, sagt jemand in Dr. Strange, und ja, das ergibt schon irgendwie Sinn für einen wie mich, der sich fühlt, als würde er in den eigenen Augenringen leben. Ob wir zufällig irgendwo einen abschließbaren Bauernschrank hätten, frage ich meine Freundin, aber ich scheine diese Frage ins falsche der beiden Universen zu stellen, in denen ich mich aktuell befinde, denn sie antwortet nicht.

Dann stirbt, in Avengers: Infinity War, die Hälfte allen Lebens im Universum. Ich gehöre leider nicht dazu, fühle mich aber emotional abgeholt. Diese ewige Vergeblichkeit der Dinge, dies unbestechliche Fortschreiten der Zeit, das ja höchstens mit einem grünen

Infinity-Stein aufzuhalten ist, den nun aber ein Bösewicht namens Thanos erbeutet hat. Ich weine, vielleicht schwitzen aber auch nur meine Augen. Parallel ersteht die tote Hälfte allen Lebens in Avengers: Endgame wieder auf, grob gesagt mittels Zeitreisen, Explosionen und Schießereien, die ich nicht mehr überblicke. Am Ende gewinnen die Guten, auch wenn lange nicht mehr klar ist, wen das einschließt. Ich falle in einen tiefen Schlaf, aus dem ich vage hoffe, aufzuwachen.

Am nächsten Morgen um halb acht beende ich den Wahnsinn mit Spider Man – Far from Home, einer im Vergleich zu den vorigen Avengers-Filmen luftig-leichten Coming-of-Age-Story. Ein Baum vor meinem Fenster beginnt zu knospen. Auf Black Widow, der ja irgendwann anlaufen wird, bin ich doch ein bisschen neugierig.