Dann ist alles still

Seit Kindertagen hat Reinhard Mey unzählige Friedhöfe besucht. Nun erklärt der Liedermacher, was er an diesen Orten liebt - und wie er selbst bestattet werden möchte.

Kurz innehalten: Mey vor einem Friedhof im Burgund.

Foto: Privat

Als es in meiner Heimatstadt den Flugplatz Tempelhof noch gab und man in westlicher Richtung landete und dazu noch das Glück hatte, dass dem Captain die Landebahn 27 Links zugeteilt wurde, schwebte man, die älteren Berlin-Reisenden werden sich erinnern, zwischen den Häuserschluchten ein, in Grußweite zu den Menschen auf ihren Balkons, so nah, dass man das Weiße in deren Augen sehen konnte - und befand sich in Baumwipfelhöhe über den Grabkreuzen des Sankt-Thomas-Kirchhofs. Ein Anblick, der empfindliche Seelen kurz vor

Für mich, der als kleiner Junge von einem Trümmerberg aus viele hundert Flugzeuge der Luftbrücke über jenen Pfad sicher landen sah, war dieser Moment der Höhepunkt jeder Reise. Für mich war das Dahingleiten über die Büsche, die buchsbaumgesäumten Wege und die blühenden Grabhügel verbunden mit dem Glücksgefühl des Heimkehrens und der Freude: »Diesmal bist du noch mal ungeschoren davongekommen, glücklich nach all deinen Abenteuern wieder zu Hause. Heute jedenfalls liegst du noch nicht da unten.« Aber der Gedanke, eines Tages

Der Tod ist allgegenwärtig, Freund Hein ist unser ständiger Begleiter, steht immer unsichtbar hinter uns, so wie der Schutzengel hinter den zwei Kindern am Abgrund auf dem alten Bild, nur mit umgekehrter Absicht. Wir wissen nicht, wann er vor uns steht und Ernst macht, nur dass er Ernst macht, ist gewiss. Auf einem auf den ersten Blick verstörenden Bild, L'Umana Fragilità des Malers Salvator Rosa (1615-1673), hält eine junge Mutter ihr Neugeborenes in den Armen, im dunklen Hintergrund steht der Todesengel und führt die Hand des Kindes, das mit einem Federkiel den Pakt mit dem Tod unterschreibt. Genauso schließen wir alle mit unserem ersten Atemzug diesen Vertrag, aber wir kennen weder Tag noch Stunde, wann wir ihn einlösen müssen, also dann memento mori, und bis dahin carpe diem!

Als ich mit 25 ein Lied mit dem Titel Mein Testament schrieb, fragten sie mich, ob das nicht ein bisschen voreilig sei, und ich dachte an meinen Freund Etienne, den mit 15 ein Motorrad tötete, und meinen Mitschüler Peter, der in den Berufsschulferien verunglückte. Mein Lied endete mit den Zeilen: »Dieses ist mein letzter Wille, doch ich hoffe sehr dabei / Dass der Wille, den ich schreibe, doch noch nicht mein letzter sei. / Wär ers doch, schreib auf den Grabstein, den ich mir noch ausbeding' / Hier liegt einer, der nicht gerne, aber der zufrieden ging!« So wollte ich mein Leben in dem Wissen, dass es endlich ist, leben.

Ich habe es schon immer geliebt, Friedhöfe zu erkunden, sie lehren uns »... bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden« (Psalm 90:12). Sie erzählen so viel von den Lebenden und den Toten, von unseren Eitelkeiten, von unserer Niedertracht, von geheuchelter Trauer und vom wahren, tiefen Schmerz. Mit den Jahren habe ich gelernt zu verstehen, was die Gräber sagen, und zwischen den Zeilen der Grabinschriften zu lesen. Friedhöfe sind so verschieden wie die Länder und Landschaften, in die

Ich mag die bescheiden unüberheblichen Friedhöfe in südlichen Ländern. Die von Pinien oder Zypressen umschlossenen kargen Steingärten, in denen kein Gras und keine Blume der sengenden Sonne lange widerstehen könnte, die Wege aus gestampften Lehm oder Schotter, die Asche der normalen Sterblichen eingemauert in kleinen Fächern in einer Wand, dicht an dicht eingeordnet wie in einem Regal, der Platz ist kostbar. Die marmornen Platten vor den winzigen Nischen sind Symbole eines dem Toten wie den Hinterbliebenen im wahren Leben versagten

Und dann, welch ein Kontrast, ein paar Breitengrade nördlich und vier Meridiane östlich! Aus der Raumstation sicher schon mit bloßem Auge zu erkennen, der Wiener Zentralfriedhof. Welch eine Totenstadt, welch ein Blick ins Jenseits und welch Einblick tief in die Seelen der Trauernden, der Verzweifelten, der lachenden Erben, der posthumen Rächer und heimlichen Liebenden. Schon von Weitem, lange vorm Erreichen der prunkvollen Eingangstore, kündigen zahllose Steinmetze, Friedhofsgärtnereien, Bildhauer und Blumenstände entlang der Simmeringer Hauptstraße wie Vorboten des außergewöhnlichen Erlebnisses die

Seit ich als Kind zum ersten Mal mit meinen Eltern hier war, zieht es mich bei wirklich jedem Wien-Aufenthalt an diesen Ort. Ich habe meine Lieblingsgräber, an die ich immer wieder zurückkehre, kenne längst deren Inschriften, getrüffelt mit Adelstiteln und den Orden der teuren Verblichenen, studiere immer aufs Neue fasziniert die Elogen, die von der Unersetzlichkeit der Verstorbenen und der Eitelkeit ihrer Nachkommen künden. Ich pilgere zum Grab des kühnen Fliegers Godwin von Brumowski, auf dessen Grabstein ein Adler die Flügel ausbreitet - "Er fand (natürlich, Anmerkung des Autors) den Fliegertod". Und zu diesem Stein, auf dem ein Engel die kummervollen, verzweifelten Worte "Hier liegt mein ganzes Glück" beweint. Und dann weiter zu Hans Moser, Franz Schubert und Johann Nestroy. Alles längst wohlvertraut, und doch entdecke ich bei jedem Besuch Neues, na klar, die Großen und Wichtigen hören ja nicht auf zu sterben. Als ich vor vielen Jahrzehnten hoffnungsvoll meine Karriere in Wien begann, war es mein erklärtes Ziel, eines Tages auf dem Zentralfriedhof beerdigt zu werden. Ich liebe Wien, und ich schließe mich den Worten des Kollegen Wolfgang Ambros an: "Es lebe der Zentralfriedhof!", aber, was meinen Platz für die Ewigkeit angeht, "hätten Sie's nicht 'ne Nummer kleiner?"

Dann doch lieber auf dem Weg von Santa Maria Riopetra nach Wien auf den winzigen Bergfriedhof in Kramsach in Tirol, wo auf den blumenumrankten Kreuzen die schlichte wahre Wahrheit über die Verstorbenen steht, von der Qualität "Hier liegt Martin Krug, der Kinder, Weib und Orgel schlug" oder "Hier schweigt Johanna Vogelsang, sie zwitscherte ihr Leben lang". Famose letzte Worte und Niedertracht und Verwünschungen wie aus den Klamotten des Komödienstadls. "Endlich über den Wolken" würden sie auf mein kleines Schild malen,

Je länger ich mich mit unserer Endlichkeit beschäftige, desto klarer werde ich mir darüber, dass ich nicht sterben möchte, also wenigstens nicht grade jetzt, aber wenn, dann bitte "wie ein Baum, den man fällt", und dann möchte ich da, wo mich der Sensenmann holt, auch begraben werden, kein Bestattungstourismus, keine Verschubung, nichts, was meine ohnehin kritische CO2-Bilanz noch schlimmer machen könnte.

Das bedeutet mit hoher Wahrscheinlichkeit Endstation Berlin. Einer dieser großen Friedhöfe mit den schnurgeraden, von Thujahecken gesäumten Wegen - ist es nicht ein bedeutsamer kleiner Zufall, dass Thuja, deren unverwechselbarer Duft auf allen Friedhöfen den Atem der Vergänglichkeit haucht, mit zweitem Namen Lebensbaum heißt? Die Grabstätten in Reih und Glied, angelegt wie Schrebergärten, wie kleine Versailles, wie die Herrenhäuser Gärten, die die Hinterbliebenen hingebungsvoll pflegen, mit kleinen Gießkannen, kleinen Harken und kleinen Bänken davor, auf denen sie sich von der Gartenarbeit oder vom beschwerlichen Anmarsch erschöpft ausruhen. Zwischen schlichten Holzkreuzen, Granit, Schiefer oder Marmor und den wohlvertrauten Inschriften. Ich mag besonders die der Ehepaare, deren eine Hälfte ihre dem eigenen Tod vorauseilende Ergebenheit erweist, indem sie auch ihren Namen schon in den Stein gravieren lässt, nur das Datum bleibt noch offen, an dem sie sich dazugesellen wird. Neben vergessenen, verwilderten Gräbern, die keiner mehr besucht, weil deren Besucher selbst längst irgendwo begraben sind, unter Hügeln, auf denen die Brennnesseln die Margeriten und Veilchen verdrängt haben und das Gras die Worte "Ewig unvergessen" überwuchert.

Aber Reih und Glied sind eher nicht meine Sache, und meine Wege sind auch nicht immer schnurgerade gewesen. Eher