»Bei einer Trennung auf Probe kann man Luft holen«

Wenn eine Beziehung festgefahren ist, kann es eine Chance sein, eine Zeit lang auf Abstand zu gehen. Im Interview verrät die Mediatorin Ann Raffalt, welche Regeln es dabei zu beachten gilt – und was viele Paare falsch machen.

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SZ-Magazin: Ich kenne einige Paare, die sich auf Probe getrennt haben, aber keines, das daraufhin wieder zusammengekommen ist. Was haben sie falsch gemacht?
Ann Raffalt: Das kommt sehr auf das Paar und deren Schwierigkeiten an.

Was sind die häufigsten Schwierigkeiten?
Dass nicht beide Partner die Trennung auf Probe wollen, sondern nur einer, und der andere willigt gezwungenermaßen ein; oder einer der beiden hat nicht den Mut, klar auszusprechen, dass er die Trennung will, nennt das lieber Trennung auf Probe, hat aber in Wahrheit nur einen Gedanken: Wie komme ich ohne großen Ärger da raus?

Es mangelt also oft an Ehrlichkeit und Kommunikation, bevor einer oder beide so eine Entscheidung treffen?
Ja. Nicht nur vor diesem Schritt, sondern auch während der Trennung auf Probe. Das unterschätzen ja viele oder wollen es nicht wahrhaben: Man muss in der Zeit der Trennung ganz viel miteinander sprechen. Von allein löst sich sehr selten der Knoten, der dazu geführt hat, dass es überhaupt soweit gekommen ist.

Führt nicht oft gerade das Gefühl, nicht miteinander sprechen zu können, zu dem Wunsch, sich vorübergehend zu trennen? Die häufig über Jahre gewonnene Erkenntnis, der andere versteht mich nicht. Wie soll dann während der Trennung dieses Miteinander-Sprechen plötzlich funktionieren?
Es gibt keine Alternative dazu. Aber es gibt natürlich viele Menschen, die nicht über ihre Gefühle reden können, meistens, weil sie es nie gelernt haben.

Und da kommen Sie als Konfliktberaterin ins Spiel?
Sagen wir so: Meine Kollegen und ich sind unparteiisch und dazu ausgebildet, die Probleme jener Menschen, die zu uns kommen, herauszufinden und zu benennen. Durch Gespräche kann ein Paar, das eine Trennung auf Probe macht, eine Entscheidung finden, wie es seine Zukunft gestalten will. Aber eine Konfliktberatung oder Mediation ist keine Voraussetzung, dass eine Trennung auf Probe funktioniert. Kann ein Paar selbst aufrichtig über seine Probleme sprechen oder haben sie gute Freunde, die Konflikte moderieren können, kann das im besten Fall eine Mediation ersetzen.

Welche Gründe führen am häufigsten zu dem Entschluss, sich auf Probe zu trennen?
Wenn beide Partner noch an der Partnerschaft hängen, die Probleme aber so groß geworden sind, dass sie sich gegenseitig nicht mehr verstehen. Im Konflikt ist man in einer Verteidigungshaltung. Man bringt immer mehr Argumente vor, um die eigenen Standpunkte zu rechtfertigen, und kann dadurch die Probleme des anderen nicht mehr verstehen. Man fühlt sich nur missverstanden, angegriffen oder sogar bedroht. Häufig dann, wenn das Paar das gegenseitige Vertrauen verloren hat, beispielsweise, weil einer den anderen hintergangen hat. Ein anderer Grund kann darin liegen, dass die Bedürfnisse des Paares gegensätzlich sind und über die Jahre nicht mehr vereinbar waren – wenn einer etwa ein großes Freiheitsbedürfnis hat, der andere aber Sehnsucht nach Wärme und Geborgenheit. Beide haben das Gefühl, dass das eigene elementare Bedürfnis in dieser Beziehung nicht erfüllt wird. Und weil jeder nur darauf fokussiert ist, was er selbst in der Beziehung vermisst, ist er nicht mehr fähig, auf die Bedürfnisse des anderen einzugehen.

Was kann man tun, damit die Trennung auf Probe nicht zu einer endgültigen Trennung führt?
Es ist hilfreich, für diese Zeit genaue Verabredungen zu treffen: Wie oft sehen wir uns? Sind Beziehungen außerhalb unserer eigenen erlaubt? Sex auch? Es sollte möglichst ein Gleichgewicht herrschen, also in diesem Fall dürfen beide Sex außerhalb der Partnerschaft haben oder keiner. Dann sollten die Fragen beantwortet werden: Wollen wir in dieser Zeit Sex miteinander haben? Falls Kinder da sind: Wie regeln wir das? Zudem hilft es, Tagebuch zu führen. Durch das regelmäßige Schreiben zwingt man sich dazu, sich mit den Problemen wirklich auseinanderzusetzen. Man kann dem anderen auch schreiben, wenn man sich dazu in der Lage fühlt. Wichtig ist eine echte Auseinandersetzung.

Spielt Geld eine große Rolle? Ein Mediator kostet Geld, eine zweite Wohnung auch. Hat das Paar Kinder, die auch den getrennt lebenden Partner besuchen, braucht man eine größere, also teurere Wohnung. Wer kann sich das leisten?
Die Frage ist absolut berechtigt. Ich habe jedoch noch nicht erlebt, dass das Thema vorrangig war. Ich kenne ein Paar, da sind beide vorübergehend in eine WG gezogen. Das war erstmal günstiger. Ein anderes Paar, das zwei Kinder hat, hat sich ein Zimmer zusätzlich gemietet. Sie haben dann abwechselnd ein paar Tage in der Wohnung bei den Kindern gewohnt und dann wieder in diesem Zimmer. Als es ihnen finanziell besser ging, nahm sich jeder eine eigene Wohnung.

Aber sie sind nach der Trennung auf Probe kein Paar mehr geworden?
Es gab schwierige Zeiten, aber nun sind sie Freunde und haben gemeinsam mit ihren Kindern Urlaub in einer Ferienwohnung gemacht.

Wie bringt man Kindern bei, dass sich ihre Eltern auf Probe trennen wollen?
Kleinere Kinder würde ich nicht einbeziehen. Wenn man ihnen sagt: Die Mama oder der Papa wohnt jetzt mal eine Zeitlang woanders, dann müssen sie das ja noch nicht als Trennung auf Probe erleben. Sind die Kinder größer, kann man ihnen aber die Umstände durchaus erklären. Wichtig dabei ist, die absolut notwenige Kommunikation über die Probleme der Beziehung nicht durch organisatorische Gespräche zu ersetzen, wie: Wer hat wann die Kinder? Und macht jedes Kind auch die Hausaufgaben auf die richtige Art?

Gibt es eine Faustregel, wie lange ein Paar sich mindestens oder höchstens trennen sollte?
Mache ich meine Erfahrung zur Faustregel, rate ich: mindestens drei, nicht länger als sechs Monate. Doch es gibt kein Patentrezept.

Wie oft haben Sie erlebt, dass ein Paar nach einer Trennung wieder zusammengekommen ist?
Nur einmal. Doch da lagen zehn Jahre und eine Beziehung dazwischen, die die Frau mit einem anderen hatte. Und der Mann hatte verschiedene Beziehungen.

Was hat das Paar nach so vielen Jahren wieder zusammengebracht?
Die beiden haben in all den Jahren nie aufgehört, miteinander zu kommunizieren. Sie haben sich auf eine Therapie eingelassen, sie haben einander geschrieben, die ganzen Jahre hindurch viel miteinander gesprochen, und sie haben Tagebuch geschrieben. Das haben sie mir in Einzelgesprächen erzählt. Irgendwann haben sie sich gefragt, welche Bedürfnisse habe ich, die nur der andere erfüllen kann? Und auf welche kann ich zur Not verzichten? Sie haben also nicht mehr den Fehler gemacht, die Partnerschaft so unglaublich hoch zu hängen und zu erwarten, dass eine Person alles erfüllen kann: Freundschaft, Sex, Geborgenheit, Kultur- und Naturinteresse, Sport, Erfolg im Beruf, Aufblühen in der Elternschaft, Engagement im Haushalt und Interesse an aufregenden Reisen, und wenn diese eine Person das nicht alles leistet, muss sie weg und eine andere her. Das hat das Paar begriffen.

Das sind keine ermutigenden Aussichten.
Nimmt man Trennung auf Probe wörtlich, bedeutet das: Wir probieren, ob wir uns trennen können. Wir probieren, ob eine Trennung für uns gut ist. Es heißt eben nicht Trennung auf Zeit, oder: Zeit, um unsere Beziehungsprobleme zu lösen.

Wann ist eine Trennung auf Probe dann überhaupt ratsam?
Wenn beide Partner zu einer konstruktiven Kommunikation bereit sind, kann eine Trennung auf Probe eine große Chance sein. Auch was Partnerschaften angeht, leben wir in einer Wegwerfgesellschaft, in der es um schnelle Bedürfnisbefriedigung geht und jeder glaubt, dass es noch etwas Besseres geben muss. Reparieren wollen die wenigsten. Bei einer Trennung auf Probe kann man mal wieder Luft holen und macht nicht durch Streit und gegenseitige Vorwürfe die Konflikte immer größer. Manchmal ist es leichter, wieder neu aufeinander zuzugehen, wenn man getrennt lebt. Man kann unkomplizierter ausprobieren, wie man miteinander umgeht, wenn man nicht parallel den Alltag miteinander zu bewältigen hat. Es geht nicht darum, dass alles in eine gemeinsame Zukunft führt. Es geht darum, dass Verabredungen getroffen werden müssen, die anders sind als die der Vergangenheit. Egal, ob man sich trennt oder wieder zusammenkommt.